Seite 6: „Riesen-Zoff bei Hertha!“

Tor­wart­fragen

Stamm­keeper Maikel Aerts ent­puppt sich als uner­müd­li­cher Antreiber. Er besitzt alle Eigen­schaften, die der Manager von einem Profi erwartet. Die Sym­pa­thie beruht auf Gegen­sei­tig­keit. Der Keeper hat schon beim ersten Gespräch gemerkt, dass es eine gemein­same Wel­len­länge gibt. Über Preetz sagt er: Für Men­schen wie ihn gibt es in Hol­land ein Sprich­wort: Ein großer Baum fängt viel Wind.“

Der Mann aus Eind­hoven ist ein geläu­terter Profi. 2002 wurde er wegen Koka­in­miss­brauchs für ein Jahr gesperrt. Seine Kar­riere schien zu Ende. Doch er kämpfte sich zurück – und lebt seither wie ein Mus­ter­profi. Aerts weiß, dass er kein Welt­tor­hüter ist, aber einer, der den Erfolg erzwingen kann. Daran hat er vom ersten Tag seiner Ver­pflich­tung an keinen Zweifel gelassen. Bei den Ver­trags­ge­sprä­chen sprach er noch Eng­lisch. Kaum war die Tinte unter dem Kon­trakt tro­cken, paukte er Deutsch im Kom­pakt­kurs, zehn Tage lang von neun bis 21 Uhr. Er legte sich ein Album mit Panini-Bil­dern von seinen zukünf­tigen Mit­spie­lern an, ver­sehen mit per­sön­li­chen Notizen zu den Eigen­schaften jedes ein­zelnen.

Beim Trai­ning schimpft Aerts ständig wie ein Rohr­spatz, selbst wenn seine Vor­der­leute gar keinen Fehler machen. Preetz sagt: Typen wie ihn, die vor­an­gehen, braucht man im Kampf um den Auf­stieg.“ Wenn doch mal ein Ball ins Tor geht, brüllt Aerts mar­kerschüt­ternd laut Fucking hell“ über den Rasen. Und wenn Kol­legen von der Bou­le­vard­presse noch der Auf­hänger für die täg­liche Hertha-Story fehlt, schreiben sie Sachen wie Riesen-Zoff bei Hertha!“, weil der Nie­der­länder mal wieder irgend­einen Mit­spieler zusam­men­ge­faltet hat, denn das pas­siert eigent­lich andau­ernd.

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Riesen-Zoff bei Hertha!“

Schlagzeile über den Verein

Doch so willig der Geist des 34-Jäh­rigen, so schwach ist sein Fleisch. Im November hat er sich einen Riss des vor­deren Kreuz­bandes zuge­zogen. Er pen­delt zwi­schen Berlin und Rot­terdam, wo er wegen einer ähn­li­chen Ver­let­zung schon zwei Jahre zuvor behan­delt worden ist. Ob und wann er zurück­kehrt, ist frag­lich.

Anfang Dezember sitzen Michael Preetz und Markus Babbel des­halb im Hin­ter­zimmer eines ita­lie­ni­schen Restau­rants in Berlin und unter­halten sich mit dem arbeits­losen Michael Ren­sing, der einst als legi­timer Nach­folger von Oliver Kahn im Tor des FC Bayern galt. Kellner bringen Getränke und ziehen sich wieder zurück. Die Vor­hänge sind zuge­zogen, man will unge­stört sein. Ein Anbah­nungs­ge­spräch“, sagt Preetz. Der Manager will wissen, was in Mün­chen für Ren­sing schief­ge­laufen ist. Der Keeper ant­wortet ehr­lich und offen, erzählt von den Pro­blemen mit Jürgen Klins­mann, den über­ir­di­schen Erwar­tungen an ihn. Von der ver­meint­li­chen Arro­ganz, die ihm zu Bayern-Zeiten nach­ge­sagt wurde, ist nichts zu spüren. Preetz hat einen guten Ein­druck: Der Junge hat Demut gelernt.“ Ren­sing spielt nicht mit ver­deckten Karten, erzählt von der Offerte, die ihm der 1. FC Köln gemacht hat.

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Preetz teilt ihm mit, in Berlin würde er nicht mit einer Stamm­platz­ga­rantie anfangen. Das kon­spi­ra­tive Treffen endet mit dem Ver­spre­chen, sich gegen­seitig auf dem Lau­fenden zu halten. Im Pro­fi­ge­schäft kei­nes­wegs eine Frage der Selbst­ver­ständ­lich­keit. Doch Ren­sing hält sich an die Abma­chung, in den dar­auf­fol­genden Tagen ruft er immer wieder an, erzählt von den Gesprä­chen in Köln, von seinem Bauch­ge­fühl, und letzt­lich teilt er weit vor der offi­zi­ellen Ver­kün­dung mit, dass er einen Ver­trag beim FC unter­schreiben wolle. Die Hertha hat Glück im Unglück. Maikel Aerts kann zur Rück­runde wieder spielen, aller­dings nur unter Schmerz­mit­teln. Der Nie­der­länder beißt auf die Zähne. Preetz sieht es mit Sorge: Nur er selbst weiß, was das Knie macht, wie sehr ihn die Ver­let­zung noch belastet.“

Die Tor­wart­po­si­tion bleibt fast in der gesamten Saison ein neur­al­gi­scher Punkt. Als dem kahl­köp­figen Para­dies­vogel mit dem losen Mund­werk zu Beginn der Rück­serie einige spie­le­ri­sche Stil­blüten unter­laufen, fällt die Kritik der Medien ent­spre­chend unbarm­herzig aus. Offenbar geht Aerts doch nicht so locker mit der wach­senden Kulisse im Olym­pia­sta­dion um, wie ange­nommen.

In der Rück­serie lässt sich Trainer Babbel von Jour­na­listen auch noch aufs Glatteis führen. Nach dem Spiel gegen den FSV Frank­furt sagt er auf die Frage, ob er seinem Keeper noch ver­traue: Ich muss mir das Spiel noch einmal genau anschauen und sehen, was für die Mann­schaft das Beste ist.“ Michael Preetz kneift sich vor Schreck in den Ober­schenkel. Die Tages­zei­tungen schlachten Bab­bels Äuße­rungen nach allen Regeln der Kunst aus. Und doch hält Babbel nach einigem Hin und Her am Nie­der­länder fest.

Rei­se­be­schrän­kungen

Ver­loren in Pader­born, in Osna­brück, gegen Duis­burg und in Mün­chen. Kein Grund für den Trainer, der in Berlin noch im Hotel wohnt, den Sonntag nach dem Spiel bei 1860 nicht bei der Familie im neuen Haus in Mün­chen zu ver­bringen. Er will am Montag die erste Maschine nehmen und dann pünkt­lich um zehn Uhr zum Trai­ning auf dem Platz stehen. In Berlin herrscht tiefster Winter. Immer wieder fallen Flüge in Tegel aus. Als Michael Preetz mit der Mann­schaft am Münchner Franz-Josef-Strauß-Flug­hafen am Check-in steht, klin­gelt sein Handy. Prä­si­dent Werner Gegen­bauer ist dran: Wollnse den Trainer nich ma fragen, ob er lieber mit der letzten Maschine am Sonntag fliegen möchte? Was ist denn, wenn er am Montag ein­ge­schneit ist?“

Der Prä­si­dent hält sich für gewöhn­lich aus den sport­li­chen Belangen heraus, doch nach der neu­er­li­chen Nie­der­lage ist die Hertha auf Platz fünf der Tabelle abge­stürzt. Was macht es in so einer Situa­tion für einen Ein­druck, wenn beim Mon­tags­trai­ning der Coach fehlt? Die Hei­mat­ver­bun­den­heit des Trai­ners ist in diesen stür­mi­schen Tagen auch schon von Gegen­bauers Prä­si­di­ums­kol­legen kri­tisch ange­merkt worden. Die Damen und Herren machen sich die Kritik zu eigen, die aktuell in den Medien zu lesen ist. Preetz stimmt mit seinem Präses überein und infor­miert den Coach, er möge doch bitte den Flug vor­ver­legen. Babbel folgt der Anwei­sung seines Dienst­herren.

Die Ver­ant­wort­li­chen haben zudem ver­ein­bart, dass beim Heim­spiel gegen Erz­ge­birge Aue ein Sieg her­muss – sonst gibt es ein Kri­sen­ge­spräch in Anwe­sen­heit von Gegen­bauer. Doch mit einem Heim­erfolg gegen den aktu­ellen Tabel­len­führer kann Hertha die Ver­feh­lungen der ver­gan­genen Spiele auf einen Schlag kor­ri­gieren – bei einer Nie­der­lage ist der Klub end­gültig im Mit­telmaß der zweiten Liga ange­kommen. In der Woche vor dem Match sagt Michael Preetz: Ich wäre doch mit dem Klam­mer­beutel gepu­dert, wenn ich nicht für alle Even­tua­li­täten einen Plan B in der Schub­lade hätte. Jedes Sze­nario ist im Moment denkbar.“ Heißt im Klar­text: Der Trainer ist zu Weih­nachten weg – oder auch nicht.