Seite 5: „Der hat sich gefreut wie ein Kullerkeks“

Auf der Kanzel

Am Morgen des 30. November 2010 steht Preetz in einem Karo­hemd – in Räu­ber­zivil“, wie er es nennt – in der Umklei­de­ka­bine gegen­über des Frie­sen­hauses 2 und hält einen 30-minü­tigen Monolog. Eigent­lich spricht er, wenn er mit der Mann­schaft reden möchte, nur mit einer kleinen Gruppe Füh­rungs­spieler. Aber nun ist es an der Zeit. Es ist der Tag der Mit­glie­der­ver­samm­lung.

Beim Jog­ging hat Markus Babbel den Manager unter­stützt, dass er ein Macht­wort spre­chen soll. Es ist ein Appell an die Ehre der Profis, ein Memo­randum an das gemein­same Ziel, an den Glauben an die eigene Stärke. Preetz weiß, dass er dieses Mittel nur streng dosiert ein­setzen darf, wenn es Wir­kung ent­falten soll. Doch der Moment scheint der rich­tige zu sein. Auch wenn längst nicht alle im Team per­fekt Deutsch spre­chen, ist der Manager hin­terher sicher: Den Gesamt­kon­text haben alle ver­standen.“ Als er geendet hat, stehen die Spieler wortlos auf und laufen auf den Platz. Die Ansprache ist bei ihnen nicht als Wut­aus­bruch ange­kommen. Sie hin­ter­lässt das ambi­va­lente Gefühl, dass Preetz Leis­tung erwartet, ihnen aber nach wie vor hun­dert­pro­zentig Ver­trauen schenkt und keinen Zweifel daran lässt, dass er ihnen den Auf­stieg zutraut. Kapitän Andre Mija­tovic bedankt sich hin­terher und sagt, dass er so ein Zei­chen aus der Chef­etage schon früher erwartet habe: Michael, du darfst den Kon­takt zur Mann­schaft nicht ver­lieren.“

Feu­rige Reden ent­spre­chen nicht dem Natu­rell von Michael Preetz. Sein Vor­gänger Dieter Hoeneß ver­suchte bei Mit­glie­der­ver­samm­lungen die Zuhörer immer wieder mit der alten Anek­dote aus den Sitzen zu reißen, es habe bei seinem Amts­an­tritt auf der Hertha-Geschäfts­stelle nur einen ein­zigen Wert­ge­gen­stand gegeben: eine Schreib­ma­schine. Preetz weiß, dass solche Räu­ber­pis­tolen aus seinem Mund irgendwie unecht klingen. Er ist kein Anpeit­scher, kein Laut­spre­cher, kein sen­ti­men­taler Gefühls­mensch, son­dern ein sach­li­cher Ana­ly­tiker. Werner Gegen­bauer stellt erfreut fest, dass sein Manager als Redner bei offi­zi­ellen Anlässen gewachsen ist. Am Anfang habe er eher den Vor­leser gegeben, der staksig mit Brecht-Zitaten die Mit­glieder auf seine Seite zu ziehen ver­suchte. Nun kul­ti­viert er die freie Rede – und han­tiert nahezu popu­lis­tisch mit Schlüs­sel­be­griffen wie Auf­bruch, Zusam­men­halt und Auf­stieg.

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Cur­ry­wurst-Trio: Prä­si­dent Werner Gegen­bauer, Michael Preetz und Finanz­chef Ingo Schiller kon­ter­ka­rieren das ver­snobte Klub-Image.

Pamela Spitz

Seine Vor­be­rei­tung ist akri­bisch. Gemeinsam mit Medi­en­chef Bohm­bach dis­ku­tiert er vorher die Inhalte, for­mu­liert selbst ein Gerüst der Rede, das er dann von dem Kol­legen Klub­spre­cher ver­fei­nern lässt. Anschlie­ßend hält er die Ansprache vorab kalt in seinem Büro, und die beiden stimmen sich abschlie­ßend über den Duktus ab.

Am Abend der Mit­glie­der­ver­samm­lung spricht Preetz dann vor über 950 Mit­glie­dern über die Dinge, die – so abge­dro­schen sie auch klingen mögen – der Situa­tion ange­messen sind. Davon, dass Hertha erlebbar werden muss. Dass er von allen Mit­ar­bei­tern ver­langt, dass sie von nun an 166 Tage lang mor­gens, mit­tags und abends nur auf ein Ziel hin­ar­beiten: den Wie­der­auf­stieg. Das ist unser Auf­trag.“ Natür­lich müsste er einiges ins Phra­sen­schwein abdrü­cken – das weiß er selbst. Aber der Anlass ver­langt es. Die Nie­der­la­gen­serie liegt wie ein schlechtes Gewissen über der Ver­samm­lung. Hertha BSC ist bedrückt.

Lösungs­an­sätze

Anfang Dezember treffen sich Mann­schaftsrat und Trai­ner­team im Büro des Mana­gers zur Aus­sprache. Babbel und Preetz mode­rieren einen ange­regten Dialog. Andre Mija­tovic, Chris­tian Lell, Levan Kobia­sh­vili, Patrick Ebert, Pál Dárdai, Raf­fael, Fabian Lus­ten­berger und Peter Nie­meyer dis­ku­tieren mit offenem Visier. Alles wird auf den Tisch gebracht. Die Namen der Profis, die im Ver­dacht stehen, nicht mit dem nötigen Ehr­geiz bei der Sache zu sein. Einige sind kurz vor Spiel­tagen noch deut­lich nach Mit­ter­nacht um die Häuser gezogen. Das Bier soll in Strömen geflossen sein.

Der gute Team­geist, der dafür sorgt, dass Teile der Mann­schaft auch in der Frei­zeit viele Aktionen gemeinsam starten, zeigt hier seine Schat­ten­seiten. Peter Nie­meyer bringt auf den Punkt, was an diesem Tag Kon­sens ist: Ich habe keine Lust, am Ende zu den Deppen zu gehören, die es mit dem Auf­stieg nicht geschaff haben. Des­wegen muss jeder mit­ziehen.“ Trainer Babbel ver­hängt mit Bil­li­gung des Mann­schafts­rates eine Aus­gangs­sperre für alle, die fortan ab mitt­wochs, 23 Uhr, bis zum Spieltag gilt.

Ein wei­terer Tages­ord­nungs­punkt ist der schwä­chelnde Regis­seur Raf­fael. Ihm ist offenbar der Glaube an die eigene Stärke abhanden gekommen. Die Kol­legen ver­si­chern dem Bra­si­lianer, dass sie ihn für den besten Spieler der zweiten Liga halten und über­zeugt sind, nur mit seiner Hilfe auf­steigen zu können. Preetz erkennt die wohl­tu­ende Wir­kung dieses Votums: Der hat sich gefreut wie ein Kuller­keks.“