Seite 4: „Bei ihm weiß man, der redet keinen Quatsch“

Ter­min­druck

Die Meta­mor­phose des Mana­gers vor jedem Spieltag bezeichnen die Kol­legen auf der Geschäfts­stelle mit dem Euphe­mismus Tun­nel­blick“. Sie ist gekenn­zeichnet von stei­gender Reiz­bar­keit und sin­kender Fokus­sie­rung auf die Dinge außer­halb des Spiel­felds. Ein Auto­ma­tismus aus der Pro­fi­zeit, wenn der Aktive alle Kräfte für die 90 Minuten bün­delt.

Doch Preetz steht nicht mehr auf dem Rasen, er muss sich auch ver­meint­lich pro­fa­neren Dingen widmen. Etwa einem unschönen Tele­fonat mit dem Liga­ver­band DFL über die Spiel­an­set­zungen. Anlass für den Ärger: Am 15. November, einem Montag, muss Hertha gegen den VfL Bochum antreten, vier Tage später steht die Aus­wärts­partie in Osna­brück an, dazwi­schen liegt ein Län­der­spiel­termin. Kein anderer Klub in der zweiten Liga hat mehr Natio­nal­spieler im Kader als die Haupt­stadtelf. Preetz erreicht DFL-Spiel­an­setzer Götz Bender und wird zornig: Was habt ihr euch dabei gedacht? Wie soll ich Thomas Helmer beim Mon­tags­spiel im Fern­seh­in­ter­view erklären, warum wir nur mit einer B‑Elf spielen. Das grenzt an Wett­be­werbs­ver­zer­rung.“ Bender kann die Pro­bleme nach­voll­ziehen, kon­tert aber: Jeder hat bei den Anset­zungen mal Pech – diesmal seid ihr es. Seid froh: Dann habt ihr es hinter euch.“

Preetz bleibt nichts anderes übrig, als bei den Natio­nal­ver­bänden anzu­fragen, ob sie auf einige ihrer Akteure bei den anste­henden Freund­schafts­spielen ver­zichten. Er hat Glück: Roman Hubník und Nikita Ruka­vytsya dürfen in Berlin bleiben.

Family Man

Am 1. Oktober 2010 ist Preetz‘ Sohn Emil zur Welt gekommen. Ein knall­rotes Feu­er­wehr­auto steht vor dem Schreib­tisch des Mana­gers. Ein Geschenk der Kol­legen von der Geschäfts­stelle zur Geburt, das dem Manager auch beweist, wie intakt die Hertha-Familie ist. Seine Fähig­keit, Ver­ant­wor­tung zu dele­gieren, Mit­ar­bei­tern zu ver­trauen, und seine ver­bind­liche Art haben das Betriebs­klima ver­bes­sert. Der Fan­be­auf­tragte Donato Melillo sagt: Er hat Cha­risma, ohne den Chef zu spielen, auch wenn er kein Kum­peltyp ist. Bei ihm weiß man, der redet keinen Quatsch.“

Ein biss­chen Kumpel ist er aber doch. Preetz ist noch ein wenig blass um die Nase: Ges­tern früh um fünf Uhr hat er mit einigen Unent­wegten als Letzter die Taverna Pikilia“, einen Grie­chen in der Spa­ni­schen Allee, ver­lassen. Gemeinsam mit zwölf Freunden wurde dort die Geburt des Sohnes begossen. Auch Markus Babbel war dabei, hat aber wegen des Vor­mit­tags­trai­nings nicht bis zum finalen Absa­cker aus­ge­harrt. Im Raus­gehen sagte der Wirt zum Manager: So wie ihr gefeiert habt, muss aus dem Jungen was Ver­nünf­tiges werden.“

MG 5342

Die sport­liche Füh­rung ist im Mee­ting: Manager und Chef­coach beim mit­täg­li­chen Jog­ging auf dem Gelände des Olym­pia­sta­dions.

Pamela Spitz

Wet­ter­um­schwung

Als die Pro­bleme anfangen, reagiert Prä­si­dent Werner Gegen­bauer zunächst noch mit Gal­gen­humor. Zu seinem Manager sagt er: Nächstes Jahr schreiben wir als Plan­ziel ein­fach mal Halb­fi­nale in die Lizenz­pla­nungen. Viel­leicht hilft das ja.“ Denn Hertha hat sich zum vierten Mal in Folge vor­zeitig aus dem DFB-Pokal ver­ab­schiedet. Die bei der DFL ein­ge­reichten Lizen­zie­rungs­pa­piere sahen die zweite Runde als Mini­mal­ziel vor. Folgsam hat die Mann­schaft mit einem Sieg gegen den SC Pful­len­dorf exakt dieses Ziel erreicht – und ist mit einer 1:2‑Niederlage gegen den Dritt­li­gisten TuS Koblenz aus dem Wett­be­werb aus­ge­schieden. Die Nie­der­lage ist wie ein Fanal zu der Sinn­krise, die die Hertha in dieser Phase befällt.

Auch eine Woche später gegen den SC Pader­born erwischt die Mann­schaft einen raben­schwarzen Tag. Michael Preetz hat jedoch einen Schul­digen für die 0:1‑Niederlage aus­ge­macht: Schieds­richter Chris­tian Lei­cher aus Weih­michl. Preetz steht wild ges­ti­ku­lie­rend am Spiel­feld­rand. Aus der Ent­fer­nung wirkt er wie ein Wie­der­gänger von Clark Kent, der kurz davor ist, sich den Maß­anzug vom Leib zu zerren, das DB-Logo des Hertha-Jer­seys frei­zu­legen und sich zur Ret­tung seiner über­for­derten Eleven auf dem Rasen selbst ein­zu­wech­seln.

Wie sagte schon Andreas Brehme: Haste Scheiße am Fuß, haste Scheiße am Fuß.“ Und die Hertha scheint in diesen Wochen in einen richtig großen Haufen getreten zu sein. Nie­der­lagen gegen durch­schnitt­liche Zweit­li­ga­teams wie den VfL Osna­brück, den MSV Duis­burg und den TSV 1860 Mün­chen rüt­teln am Selbst­be­wusst­sein. Die anfäng­liche Euphorie ver­zieht sich wie ein unge­be­tener Gast durch die Hin­tertür.