Seite 3: „Nicht rumeiern“

Schlüs­sel­per­so­nalie

Wer Michael Preetz ken­nen­lernt, dem wird sein Hän­de­druck auf­fallen. Abtei­lung: sanfter Schraub­stock. Men­schen mit festem Hän­de­druck sagt man Durch­set­zungs­kraft nach. Es passt zu einem seiner Leit­sätze bei der Arbeit: Nicht rumeiern.“ Nach diesem Prinzip ent­schied er vor der Som­mer­pause die Schlüs­sel­per­so­nalie. Als Abstiegs­trainer Fried­helm Funkel dem Anhang als Mann für den Neu­aufbau nicht mehr ver­mit­telbar war, sorgte der Manager für klare Ver­hält­nisse, obwohl er sich per­sön­lich durchaus eine Fort­set­zung der Zusam­men­ar­beit hätte vor­stellen können.

Nun knüpft er sein beruf­li­ches Fort­kommen an Markus Babbel, der ihm schon zur aktiven Zeit als grund­ehr­liche Arbeits­biene auf dem Platz ent­ge­gen­trat. Die Gespräche bei der Ver­trags­an­bah­nung bestä­tigten diesen Ein­druck. Preetz wählte Babbel aber auch des­halb als Partner, weil er als Spieler bei großen Ver­einen stets mit dem Druck zurechtkam, gewinnen zu müssen. Lucien Favre, ein Vor­gänger Bab­bels, ließ den Manager im Jahr zuvor noch wie einen Dienst­boten nach Paris anreisen, um mit ihm die Sai­son­pla­nung zu bespre­chen. Der Schweizer sah es nicht ein, seine freie Zeit zu opfern. Urlaub war Urlaub.

Die Hier­ar­chie zwi­schen Preetz und Babbel sieht anders aus. Vor der Saison hat sich das Duo zehn Tage in der Geschäfts­stelle ver­bar­ri­ka­diert. Von mor­gens neun Uhr bis nachts um eins wägen sie Trans­fers und Per­so­na­lien ab, ent­wi­ckeln Pläne für die Abläufe inner­halb des Klub, dis­ku­tieren und streiten. Ein festes Ritual der beiden wird schon bald das gemein­same Joggen auf dem Ver­eins­ge­lände, bei dem sie den Stand der Dinge bespre­chen. Erfreut stellt Preetz fest, dass es bei der Per­so­nal­pla­nung eine bei­nahe hun­dert­pro­zen­tige Über­ein­stim­mung“ zwi­schen ihnen gibt. Ein Vor­teil, denn der Manager lässt keinen Zweifel daran, dass er aus dem Blick­winkel des Fuß­bal­lers agiert und das Geschehen um die Mann­schaft sehr eng ver­folgen will.

Hertha startet stan­des­gemäß mit drei Siegen in die Serie, doch beim Aus­wärts­spiel in Düs­sel­dorf hagelt es schlechte Kri­tiken. Nach dem Spiel bekommt der Manager eine Gar­di­nen­pre­digt von seiner Mutter. Sie ist fuss­ball­ver­rückt und ver­folgt im Fern­sehen alles über Hertha. Doch was sie bei TV-Inter­views mit dem Sohn sieht, gefällt ihr nicht: Michael, du musst mehr essen, du bist so dürr!“ Der Stress des Jobs bleibt ihm offenbar nicht in der Jacke hängen.

Kon­zen­tra­ti­ons­schwä­chen

Langsam steigt der Druck. Das Stadt­derby bei Union Berlin ver­läuft ent­täu­schend. Abge­sehen von dem frühen 1:0 durch Peter Nie­meyer spielt Hertha BSC keine nen­nens­werte Tor­chance heraus. Das nervt den Ex-Stürmer Preetz. Eine Drei­vier­tel­stunde nach dem Spiel steht er abseits des Pres­se­con­tai­ners, umringt von einem halben Dut­zend Jour­na­listen, und bellt in die Mikro­fone: Wer sich von 18 000 Zuschauern in der Wuhl­heide beein­dru­cken lässt, ist bei uns fehl am Platz!“ Dann macht er sich auf den Weg zum Mann­schaftsbus – und muss auf­passen, dass seine blitz­blanken Leder­schuhe nicht in einer der zahl­rei­chen Pfützen ver­sinken. Zweit­li­gaalltag.

Der Schlen­drian lässt auch nach dem 4:0‑Sieg über den Karls­ruher SC und 13 Punkten aus den ersten fünf Spielen nicht nach. Der Klub muss eine erste Dis­zi­pli­nar­strafe aus­spre­chen. Der aus­tra­li­sche Natio­nal­spieler Nikita Ruka­vytsya erscheint 46 Minuten zu spät zum Trai­ning. Seine Ent­schul­di­gung: Sorry, habe nicht auf den Trai­nings­plan geguckt und dachte, heute wäre frei.“ Ruka­vyt­syas Lapsus ist für Markus Babbel eine gute Gele­gen­heit, um zu demons­trieren, was nicht geht. Ein Spiel Sperre gegen Energie Cottbus – auch wenn es die Mann­schaft schwächt. Ein Profi sollte in der Lage sein, sich zumin­dest einen Termin pro Tag zu merken“, sagt Preetz.

Beim Abschluss­trai­ning vor dem Spiel beim FSV Frank­furt eska­liert die Situa­tion weiter. Die Übungs­ein­heit ist auch für den Manager, der wie so oft am Mit­tel­kreis steht, kaum zu ertragen. Lustlos reißen die Spieler ihr Pro­gramm her­unter. Beim Trai­nings­spiel ledern die Ersatz­leute die erste Gar­nitur mit sechs Toren Unter­schied ab. Und die wollen auf­steigen?

Die Ansprache von Babbel dauert nur drei­ein­halb Minuten und schließt mit den Worten: Und wenn ihr meint, das hier weiter so durch­ziehen zu wollen, garan­tiere ich euch, dass wir ver­lieren!“ Drei­ein­halb Minuten, die es in sich haben. Kein Wort über den nächsten Gegner, keine dezi­dierte tak­ti­sche Ein­stel­lung – nur der kühle Blick auf die eigenen Schwä­chen. Mit hän­genden Köpfen sitzen die Spieler in der Kabine. Der Rap­port zeigt Wir­kung. Am Born­heimer Hang gewinnt die Hertha mit 1:0.

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Hertha-Kapitän Andre Mija­tovic ver­sucht, bei der Mit­glie­der­ver­samm­lung Opti­mismus zu ver­breiten.

Pamela Spitz

Unter­wegs

Zum Hertha-Neu­start gehört auch ein umfas­sendes Pro­gramm zur Fan-Rekru­tie­rung. Getreu dem etwas dick auf­ge­tra­genen Slogan Unser Fan­block hat 16 Stadt­teile“ rückt das Team in regel­mä­ßigen Abständen zum Show­trai­ning aus. Und die Besu­cher­zahl steigt über die Saison kon­ti­nu­ier­lich.

Opti­male Bedin­gungen in Lich­ten­berg, Michael Preetz sagt zum Prä­si­denten des SV Sparta: Hier könnte ich mir sogar vor­stellen, für die Senio­ren­mann­schaft auf­zu­laufen.“ Dabei ist dies doch der ferne Osten, zumin­dest vom tief im Ber­liner Westen gele­genen Olym­pia­sta­dion aus betrachtet, und Kern­ge­biet des Lokal­ri­valen Union. Kein Wunder, dass dessen Pres­se­spre­cher Chris­tian Arbeit sich per­sön­lich anschaut, was aus dem Show­trai­ning kurz vor der pol­ni­schen Grenze wird. Etwa 500 Neu­gie­rige sind gekommen, um den Hertha-Spie­lern bei der Arbeit zuzu­schauen. Es gibt Bier, Brat­wurst und Inter­views am Spiel­feld­rand. Ver­trauen und Nähe. Eine lange Men­schen­schlange steht an, um den Mann­schaftsbus zu besich­tigen. Wür­fel­för­mige Mäd­chen mit weiß­blond gefärbten Strähnen im Haar lassen sich Arm in Arm mit dem Hertha-Mas­kott­chen Her­thinho foto­gra­fieren.

Lange hat sich Hertha BSC um die Ber­liner Ost­ge­biete einen feuchten Keh­richt geküm­mert, der Blick ging nach Europa. Das soll sich jetzt ändern: Nicht dass man etwas gegen Europa hätte, doch die Basis liegt in Berlin. Ganz Berlin, wenn es nach den Ver­ant­wort­li­chen geht. Das Trai­ning in Lich­ten­berg ist nur der Anfang einer ganzen Reihe von ver­trau­ens­bil­denden Maß­nahmen, ein Aufbau Ost, der zu frü­heren Zeiten kon­se­quent ver­nach­läs­sigt wurde.

Als der Manager mit seinem Auto auf dem Gelände ein­trifft, ist das Trai­ning bereits im Gange. Kaum hat er seinen Audi-Gelän­de­wagen ver­lassen, ist er von einer großen Gruppe Auto­gramm­jäger umringt. Schließ­lich ist er immer noch, wenn nicht der größte, dann doch der bestän­digste Star, den Hertha in den ver­gan­genen 20 Jahren her­vor­ge­bracht hat. Es ist kühl und fängt an zu nie­seln, aber trotzdem: Preetz hat schon unan­ge­neh­mere Arbeits­tage erlebt.

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Pamela Spitz