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Außerdem prä­sen­tieren wir euch an dieser Stelle in den kom­menden Wochen wei­tere spek­ta­ku­läre Repor­tagen, Inter­views und Bil­der­se­rien. Heute: Ein Jahr zweite Liga mit Michael Preetz und Hertha BSC.

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Als das Ziel erreicht ist, schmeckt der Erfolg fass­frisch und herb. Michael Preetz sitzt in einer dun­kel­grünen Leder­gar­nitur mit eng­li­scher Knopf­pols­te­rung und lässt sich noch ein Pils ser­vieren. Ziga­ret­ten­rauch umhüllt den Manager von Hertha BSC wie ein hauch­feiner Vor­hang. Die Leucht­re­klame an den holz­ge­tä­felten Schrägen der Bar fleht: Bitte ein Bit“. Neben ihm ruft Markus Babbel dem Wirt noch eine Bestel­lung zu. Aus den Boxen dröhnt Som­mer­sprossen“, der größte Hit von UKW, einer Gruppe der Neuen Deut­schen Welle aus West­berlin. Dem West­berlin, das viele Jahre auch der Fuß­ball­verein Hertha BSC reprä­sen­tierte. Der Klub, für den Michael Preetz seit 15 Jahren arbeitet, dessen Rekord­tor­schütze und Geschäfts­führer Sport er ist.

Fuß­ball ist ein Geschäft, das nie­mals still­steht. Im Augen­blick des Tri­umphs bleibt selten Zeit, sich einen geeig­neten Ort zum Glück­lich­sein zu suchen. Das gute Gefühl, es geschafft zu haben, ist ein­fach da. Manchmal sogar in einer pati­naschweren Pils-Bar wie Schottes Kneipe“ an einer Orts­aus­gangs­straße von Ober­hausen. Eine Gast­stube, die aus­sieht wie der ver­rauchte Par­ty­keller-Traum eines alternden Play­boys.

An der Wand hängt ein Auto­gramm­foto von David Cop­per­field, dem Magier. Auch Rex Gildo und Uli Stie­like haben hier in der Hotelbar schon gefeiert, wie gerahmte Schnapp­schüsse beweisen. Der Hertha-Manager blickt auf das Dis­play seines Mobil­te­le­fons: 88 SMS, die Glück­wunsch­te­le­gramme der Post­mo­derne. Andreas Rettig, der Manager des FC Augs­burg, schreibt: Es fällt mir zwar schwer, es zuzu­geben, aber ihr seid die Besten.“

Wir haben nur eine Patrone“

Es ist die Nacht nach Oster­montag 2011. Hertha BSC hat mit einem 1:0‑Auswärtssieg beim MSV Duis­burg den Wie­der­auf­stieg in die Bun­des­liga geschafft. Ein Ziel, zu dessen Errei­chen es von Anfang an keine Alter­na­tive gab. Der Wie­der­auf­stieg war ein Ver­spre­chen des Ver­eins – an seine Mit­glieder, an Fans, Spon­soren, das Umfeld. An Berlin. Wir haben nur eine Patrone“, hieß die offi­zi­elle Sprach­re­ge­lung der Männer von der Hertha-Geschäfts­stelle, und die muss sitzen. Drei Spiel­tage vor Ende der Spiel­zeit hat der Klub das Ver­spre­chen nun ein­ge­löst und damit nicht nur sein Über­leben in den wirt­schaft­li­chen und sport­li­chen Dimen­sionen eines Bun­des­li­gisten gesi­chert, son­dern auch seine Inte­grität bewiesen. Um drei Uhr mor­gens in der Leder­gar­nitur von Schottes Kneipe“ wird es auch Michael Preetz zur Gewiss­heit.

Die Anspan­nung fällt ab, wenn auch nur für Stunden, denn das nächste Spiel ist schon am Freitag.

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Das gute Gefühl des Erfolgs: Hertha-Manager Michael Preetz als Tre­sen­fliege in »Schottes Kneipe« mit seinem Coach Markus Babbel.

Pamela Spitz

Die Jubel­bilder wirkten nach dem Abpfiff im MSV-Sta­dion fast etwas ein­stu­diert. Als hätte die Her­thaner nach Wochen des Abwie­gelns der Marsch­be­fehl zur guten Laune fast ein wenig über­rascht. Trainer Babbel und Manager Preetz werden vor dem Block der Gäs­te­fans auf Händen getragen – und Letz­terer dabei am Ende so abrupt zu Boden gelassen, dass er sich fast das Steiß­bein prellt. Prä­si­dent Werner Gegen­bauer gerät in der Kabine in eine Sekt­du­sche und ber­li­nert fröh­lich, nie­mand solle sich beschweren, wenn er bis zur Rück­kunft in Berlin ein wenig müf­fele, schließ­lich habe er nur eine Gar­nitur dabei.

Doch davon bekommt keiner mehr etwas mit, denn in einer Ecke von Schottes Kneipe“ hat sich der freund­liche Hertha-Patri­arch nun eine Cohiba ange­steckt. Markus Babbel, dem daheim in Mün­chen die Gattin das Rau­chen unter­sagt hat, tut sich an den Benson & Hedges von Ver­eins­spre­cher Peter Bohm­bach güt­lich. Ein Kellner trägt Tabletts mit Pils und Weiß­bier heran.

Hinter der Geschichte

Am Ende der Saison 2009/10 stieg Hertha BSC über­ra­schend aus der ersten Liga ab. Manager Michael Preetz hatte sein Amt erst kurz zuvor von Dieter Hoeneß über­nommen. Nun stand er vor der größten Her­aus­for­de­rung seiner noch jungen Lauf­bahn: Es galt, den Stamm der Erst­li­ga­mann­schaft für Spiele gegen Greu­ther Fürth und den SC Pader­born zu begeis­tern, die Spon­soren zu halten und nebenbei noch das gefrus­tete Ber­liner Publikum mit der Hertha zu ver­söhnen. Sollte Preetz schei­tern, das war klar, würde es ver­hee­rende Folgen für den Klub haben. Für 11FREUNDE schien es höchst reiz­voll, in dieses Span­nungs­feld ein­zu­tau­chen. Wir wollten hautnah mit­er­leben, wie Preetz mit dieser Auf­gabe und dem damit ver­bun­denen Druck umgehen würde. Also beglei­teten Foto­grafin Pamela Spitz und Autor Tim Jür­gens den Hertha-Manager durch eine denk­wür­dige Spiel­zeit. Sie erlebten, wie Per wäh­rend einer Mini­krise im Spät­herbst 2010 an die Ehre der Hertha-Profis appel­lierte, saßen mit ihm auf der Son­n­en­ter­asse im Trai­nings­la­ger­hotel an der Algarve und klatschten mit ihm am Mann­schaftsbus ab, als Hertha nach einem Sieg beim VfL Bochum den direkten Wie­der­auf­stieg fast per­fekt gemacht hatte. Ein Jahr lang hef­teten sie sich an seine Fersen – und sie waren auch dabei als der Manager und Trainer Markus Babbel die letzten Gäste bei der inof­fi­zi­ellen Meis­ter­feier in einer düs­teren Ober­hau­sener Hotelbar waren, wo Preetz in den Mor­gen­stunden bei einem letzten Pils mit einem iro­ni­schen Lächeln preis­gab:​„Ganz ehr­lich: Ich habe von Auf­stiegen so was von die Nase voll.“

Manager Preetz schlen­dert die Tische seiner Spieler ent­lang wie ein Land­mann über seinen blü­henden Acker. Pierre-Michel Lasogga, der 19-jäh­rige Stür­mer­star, den sie in der Füh­rungs­etage wegen seiner Unwi­der­steh­lich­keit beim Tor­schuss fast zärt­lich den Wahn­sin­nigen“ nennen, sitzt neben seiner Mutter und schaut sich im Fern­seher die Bilder der Kabi­nen­feier an. Peter Nie­meyer, bei Werder Bremen für zu sen­sibel befunden, trinkt Fanta am Tresen und tippt eine SMS nach der anderen. Gegen­über dis­ku­tieren Tor­wart Maikel Aerts und Kapitän Andre Mija­tovic, ob die Mann­schaft am Sai­son­ende auf dem Balkon des Roten Rat­hauses offi­ziell mit den Fans feiern solle. Die beiden fragen sich, ob ein Auf­stieg dafür Anlass sei. Im Vor­bei­gehen klopft Preetz den beiden Spie­lern onkel­haft auf die Schul­tern und beendet die Debatte: Da wird gerade reno­viert.“ Der Zwang zum Erfolg hat die Bande im Team eng werden lassen, die Profis aus 13 Nationen zu einer Schick­sals­ge­mein­schaft ver­schmolzen.

Stunde Null

In der Nacht in Ober­hausen schließt sich der Kreis. Acht Monate zuvor hat das Zweit­liga-Inter­mezzo für die Hertha mit dem Spiel gegen Rot-Weiß Ober­hausen im Ber­liner Olym­pia­sta­dion begonnen. Doch am Tag des Sai­son­auf­takts ist Hertha BSC eine Bau­stelle. Rund um das Frie­sen­haus 2 an der Hanns-Braun-Straße, in dem die Geschäfts­stelle des Klubs liegt, klaffen tiefe Löcher. Es sieht aus, als würde um das Haus ein Burg­gaben ent­stehen, als wolle sich die Ver­eins­füh­rung gegen unge­be­tene Gäste und freche Medien abschotten. Doch der Senat lässt ledig­lich auf dem Gelände die Keller tro­cken­legen. Auch sonst steht Hertha das Wasser bis zum Hals. Der Verein startet mit 39 Mil­lionen Euro Schulden in die Zweit­li­ga­saison. Über dem Schreib­tisch von Klub­spre­cher Bohm­bach hängt die mit Bunt­stiften geschrie­bene Bot­schaft des 9‑jährigen Sohns: Nie­mals auf­geben, wir schaffen das.“

Michael Preetz blickt aus dem Fenster seines Büros im zweiten Stock des Back­stein­baus hin­über auf den son­nigen Trai­nings­platz. Der Manager trägt eine schwarze Anzug­hose, spitze Leder­schuhe und ein dun­kel­blaues Hemd mit gestickten Initialen am Revers: M.P.“ Stünde da nicht auf der Schrank­wand seines Büros die Tor­jä­ger­ka­none als Relikt der glor­rei­chen Saison 1998/99, in der er 23 Treffer für die Hertha erzielte und in die Cham­pions League einzog, könnte er als viriler Jung­ma­nager eines Start-up-Unter­neh­mens durch­gehen. Dafür spricht auch der kleine Kühl­schrank hinter seinem Schreib­tisch, in dem ein halbes Dut­zend Cham­pa­gner­fla­schen schlum­mern. Doch viele Gründe, die Korken knallen zu lassen, gab es in den letzten Monaten nicht. Preetz‘ Büro ist funk­tional. Hier wird gear­beitet, das sieht man. So viel, dass Preetz sogar ver­gessen hat, die Spuren der Ver­gan­gen­heit zu ver­wi­schen. Auf einer Anrichte steht ein Wer­be­auf­steller, auf dem Arne Fried­rich mit empor­ge­recktem Daumen für den Erwerb von Dau­er­karten der Vor­saison wirbt. Preetz wirft die Pappe mit dem nach Wolfs­burg abge­wan­derten Natio­nal­spieler in den Papier­korb: Stimmt, den können wir dann mal ent­sorgen.“

Hinter dem Manager liegen die auf­rei­bendsten Monate seines Berufs­le­bens. Der Sai­son­auf­takt gegen RWO mar­kiert das Ende einer emo­tio­nalen Ach­ter­bahn­fahrt. Gut ein Jahr zuvor, am 8. Juni 2009, war er über Nacht zum neuen starken Mann bei Hertha geworden. Es war zwar klar, dass er Dieter Hoeneß eines Tages beerben würde, aber nicht so plötz­lich. Hoeneß wollte das Pro­ze­dere des Macht­wech­sels selbst bestimmen. Nach Guts­her­renart, mit der der Ulmer Klei­der­schrank über 13 Jahre auf der Hertha-Geschäfts­stelle geherrscht hatte, wollte er bis zum offi­zi­ellen Abschied am 30. Juni 2010 durch­re­gieren. Nie­mand sollte an seinem Ruhm par­ti­zi­pieren und Ent­schei­dungen fällen, ehe er den Thron ver­lassen hatte. Auch sein Nach­folger nicht, mit dem der ver­drän­gungs­starke Ober­schwabe ohnehin nie so recht warm geworden war.

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Beim Show­trai­ning der Hertha in Lich­ten­berg braucht er einen langen Atem.

Pamela Spitz

Doch Sai­son­pla­nungen beginnen lange vor dem letzten Sai­son­spiel, Fuß­ball­ma­nage­ment funk­tio­niert nicht über Stich­tage. Prä­si­dent Werner Gegen­bauer, lange ein Freund von Hoeneß, wun­derte sich zuneh­mend über dessen Füh­rungs­stil. Der Ber­liner Unter­nehmer, der mit seinem Rei­ni­gungs­ser­vice drei­stel­lige Mil­lio­nen­um­sätze erwirt­schaftet, sagt: Gebäu­de­rei­ni­gung ist ein hartes Geschäft. Doch auch Leute, die putzen, müssen Spaß an der Arbeit haben. Aber was in dieser Zeit bei Hertha abge­laufen ist, habe ich in meiner Branche so noch nicht erlebt.“ Anfang 2009 eska­lierte die Situa­tion. Auf der Geschäfts­stelle regte sich Wider­stand gegen die Hoeneß-Auto­kratie. Schließ­lich schmiss der bul­lige Manager belei­digt die Bro­cken hin. Sollten sie doch ohne ihn klar­kommen.

Die Hoeneß-Ära mit ihren sport­li­chen Erfolgen und mensch­li­chen Tra­gö­dien lag wie ein unsicht­barer Schleier über dem Verein, als Michael Preetz den Job antrat. Es fiel ihm auf, wie schwer sich viele Mit­ar­beiter taten, sich aus der Läh­mung zu befreien, selbst­be­wusst und kreativ ihre Arbeit zu ver­richten. Über Jahre hatten sie erlebt, dass Hoeneß sich selbst in Neben­säch­lich­keiten noch ein­mischte und Ent­schei­dungs­ge­walt für sich ver­an­schlagte. Nun war er weg. Die ver­korkste Situa­tion spie­gelte sich auch auf dem Rasen wieder. Nach Hoeneß‘ Abgang war die Klub­kasse leer und der Trans­fer­markt abge­grast. Hertha schlit­terte in die Krise – und stieg schließ­lich ab.

Der beste Weg neue Freunde zu finden, ist Erfolg“

Michael Preetz

Das moderne Berlin speist einen gewich­tigen Teil seines Selbst­be­wusst­seins aus seinem Mut zur per­ma­nenten Ver­än­de­rung. In diesem Milieu wirkte Hertha BSC lange wie ein West­ber­liner Fossil. Eines, bei dem in man­chen Sze­ne­kneipen im Prenz­lauer Berg Applaus auf­bran­dete, wenn in der TV-Kon­fe­renz ein Tor gegen den Haupt­stadt­klub ver­meldet wurde.

Nun, da der Verein fast in Trüm­mern liegt, beginnt der Manager im Sommer 2010 mit dem Wie­der­aufbau. Michael Preetz kennt das unge­schrie­bene Mar­ke­ting­ge­setz, dass Fuß­ball­klubs den größten Zulauf zu ver­zeichnen haben, wenn sie a) Titel gewinnen oder b) die Tal­sohle des sport­li­chen Erfolgs durch­schreiten. Hertha BSC ist es als Cham­pions-League-Teil­nehmer nicht gelungen, der große Kon­sens­klub für ganz Berlin zu werden. Ergeben sich stei­gende Sym­pa­thie­werte nun aus der Misere des Abstiegs? Der beste Weg“, sagt Preetz, neue Freunde zu finden, ist Erfolg.“

Eine Alter­na­tive gibt es sowieso nicht: Wenn Hertha den Auf­stieg ver­passt, werden alle Leis­tungs­träger gehen, Spon­soren ihr Enga­ge­ment über­denken und letzt­lich Mit­ar­beiter ihren Job ver­lieren. Auf­stieg oder Nie­der­gang. Denn auch wenn Hertha mit einem Etat von 33 Mil­lionen Euro in der zweiten Liga den Spit­zen­platz ein­nimmt, sind die fetten Hoeneß-Jahre vorbei. Preetz, der auch diplo­mierter Sport­ma­nager ist, sagt: Im Klub gibt es eine große Sehn­sucht nach wirt­schaft­li­cher Ver­nunft.“ Anders als sein Vor­gänger setzt er auf Trans­pa­renz und führt Trans­fer­ge­spräche grund­sätz­lich nur im Bei­sein von Finanz­chef Ingo Schiller und Tom Her­rich, einem Mit­glied der Geschäfts­lei­tung. Mit der Ver­nunft haben die drei bei sich ange­fangen und auf bis zu 40 Pro­zent ihres Gehalts ver­zichtet. Mit Aus­nahme des Kolum­bia­ners Adrián Ramos haben sich alle Spieler des Kaders bereit erklärt, für die zweite Liga neue Ver­träge zu unter­schreiben und zu gerin­geren Bezügen auf­zu­laufen. Erfah­rene Bun­des­li­ga­profis wie Chris­tian Lell oder Peter Nie­meyer sind nach Berlin gekommen, um end­lich zu beweisen, dass sie das Format von Füh­rungs­spie­lern besitzen. Mann­schafts­ka­pitän Andre Mija­tovic und den nie­der­län­di­schen Keeper Maikel Aerts ködert Preetz mit der Per­spek­tive, als Köpfe eines refor­mierten Hertha-Teams im Herbst ihrer Lauf­bahn noch einmal in die Bun­des­liga auf­zu­steigen. Und alle eint die Aus­sicht auf eine satte Auf­stiegs­prämie.

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Busi­ness as usual: Michael Preetz holt in seinem Büro mal kurz Luft.

Pamela Spitz

Doch daran möchte Michael Preetz am ersten Tag der Saison nicht denken. Es wird jetzt Zeit, dass es los­geht.“ Die Sonne scheint ver­söhn­lich über dem Mara­thontor. Der Manager weiß aus seiner eigenen Pro­fi­zeit, wie schwer es für gestan­dene Bun­des­li­ga­spieler ist, sich nach einem Abstieg zu moti­vieren. Dort in den Nie­de­rungen des Fuß­ball­ge­schäfts, wo viel härter am Mann gestanden wird und spie­le­ri­sche Finessen rus­tikal nie­der­ge­kämpft werden. Das Auf­takt­spiel gegen RWO bringt die Hertha-Profis also gleich auf Betriebs­tem­pe­ratur. Kaum ein Verein sym­bo­li­siert nach­hal­tiger den grauen Alltag in der zweiten Liga als der Malo­cherklub. Doch Hertha dreht das Match durch zwei Tore des 17-jäh­rigen Marco Dju­ricin und gewinnt mit 3:2. Über den Youngster hatte Preetz noch im Mai in der depres­siven Atmo­sphäre der Mit­glie­der­ver­samm­lung gesagt, er sei mit das größte Talent, über das Hertha BSC ver­füge.

Ein wei­terer Licht­blick ist die Zuschau­er­zahl. Als der Sta­di­on­spre­cher sich bei 48 385 Besu­chern bedankt, springt die gesamte Hertha-Bank auf, als wäre ein Tor gefallen. Die Männer aus dem Funk­ti­ons­team ballen die Fäuste. Ein erster Erwe­ckungs­mo­ment nach der Tris­tesse des Abstiegs.

Schlüs­sel­per­so­nalie

Wer Michael Preetz ken­nen­lernt, dem wird sein Hän­de­druck auf­fallen. Abtei­lung: sanfter Schraub­stock. Men­schen mit festem Hän­de­druck sagt man Durch­set­zungs­kraft nach. Es passt zu einem seiner Leit­sätze bei der Arbeit: Nicht rumeiern.“ Nach diesem Prinzip ent­schied er vor der Som­mer­pause die Schlüs­sel­per­so­nalie. Als Abstiegs­trainer Fried­helm Funkel dem Anhang als Mann für den Neu­aufbau nicht mehr ver­mit­telbar war, sorgte der Manager für klare Ver­hält­nisse, obwohl er sich per­sön­lich durchaus eine Fort­set­zung der Zusam­men­ar­beit hätte vor­stellen können.

Nun knüpft er sein beruf­li­ches Fort­kommen an Markus Babbel, der ihm schon zur aktiven Zeit als grund­ehr­liche Arbeits­biene auf dem Platz ent­ge­gen­trat. Die Gespräche bei der Ver­trags­an­bah­nung bestä­tigten diesen Ein­druck. Preetz wählte Babbel aber auch des­halb als Partner, weil er als Spieler bei großen Ver­einen stets mit dem Druck zurechtkam, gewinnen zu müssen. Lucien Favre, ein Vor­gänger Bab­bels, ließ den Manager im Jahr zuvor noch wie einen Dienst­boten nach Paris anreisen, um mit ihm die Sai­son­pla­nung zu bespre­chen. Der Schweizer sah es nicht ein, seine freie Zeit zu opfern. Urlaub war Urlaub.

Die Hier­ar­chie zwi­schen Preetz und Babbel sieht anders aus. Vor der Saison hat sich das Duo zehn Tage in der Geschäfts­stelle ver­bar­ri­ka­diert. Von mor­gens neun Uhr bis nachts um eins wägen sie Trans­fers und Per­so­na­lien ab, ent­wi­ckeln Pläne für die Abläufe inner­halb des Klub, dis­ku­tieren und streiten. Ein festes Ritual der beiden wird schon bald das gemein­same Joggen auf dem Ver­eins­ge­lände, bei dem sie den Stand der Dinge bespre­chen. Erfreut stellt Preetz fest, dass es bei der Per­so­nal­pla­nung eine bei­nahe hun­dert­pro­zen­tige Über­ein­stim­mung“ zwi­schen ihnen gibt. Ein Vor­teil, denn der Manager lässt keinen Zweifel daran, dass er aus dem Blick­winkel des Fuß­bal­lers agiert und das Geschehen um die Mann­schaft sehr eng ver­folgen will.

Hertha startet stan­des­gemäß mit drei Siegen in die Serie, doch beim Aus­wärts­spiel in Düs­sel­dorf hagelt es schlechte Kri­tiken. Nach dem Spiel bekommt der Manager eine Gar­di­nen­pre­digt von seiner Mutter. Sie ist fuss­ball­ver­rückt und ver­folgt im Fern­sehen alles über Hertha. Doch was sie bei TV-Inter­views mit dem Sohn sieht, gefällt ihr nicht: Michael, du musst mehr essen, du bist so dürr!“ Der Stress des Jobs bleibt ihm offenbar nicht in der Jacke hängen.

Kon­zen­tra­ti­ons­schwä­chen

Langsam steigt der Druck. Das Stadt­derby bei Union Berlin ver­läuft ent­täu­schend. Abge­sehen von dem frühen 1:0 durch Peter Nie­meyer spielt Hertha BSC keine nen­nens­werte Tor­chance heraus. Das nervt den Ex-Stürmer Preetz. Eine Drei­vier­tel­stunde nach dem Spiel steht er abseits des Pres­se­con­tai­ners, umringt von einem halben Dut­zend Jour­na­listen, und bellt in die Mikro­fone: Wer sich von 18 000 Zuschauern in der Wuhl­heide beein­dru­cken lässt, ist bei uns fehl am Platz!“ Dann macht er sich auf den Weg zum Mann­schaftsbus – und muss auf­passen, dass seine blitz­blanken Leder­schuhe nicht in einer der zahl­rei­chen Pfützen ver­sinken. Zweit­li­gaalltag.

Der Schlen­drian lässt auch nach dem 4:0‑Sieg über den Karls­ruher SC und 13 Punkten aus den ersten fünf Spielen nicht nach. Der Klub muss eine erste Dis­zi­pli­nar­strafe aus­spre­chen. Der aus­tra­li­sche Natio­nal­spieler Nikita Ruka­vytsya erscheint 46 Minuten zu spät zum Trai­ning. Seine Ent­schul­di­gung: Sorry, habe nicht auf den Trai­nings­plan geguckt und dachte, heute wäre frei.“ Ruka­vyt­syas Lapsus ist für Markus Babbel eine gute Gele­gen­heit, um zu demons­trieren, was nicht geht. Ein Spiel Sperre gegen Energie Cottbus – auch wenn es die Mann­schaft schwächt. Ein Profi sollte in der Lage sein, sich zumin­dest einen Termin pro Tag zu merken“, sagt Preetz.

Beim Abschluss­trai­ning vor dem Spiel beim FSV Frank­furt eska­liert die Situa­tion weiter. Die Übungs­ein­heit ist auch für den Manager, der wie so oft am Mit­tel­kreis steht, kaum zu ertragen. Lustlos reißen die Spieler ihr Pro­gramm her­unter. Beim Trai­nings­spiel ledern die Ersatz­leute die erste Gar­nitur mit sechs Toren Unter­schied ab. Und die wollen auf­steigen?

Die Ansprache von Babbel dauert nur drei­ein­halb Minuten und schließt mit den Worten: Und wenn ihr meint, das hier weiter so durch­ziehen zu wollen, garan­tiere ich euch, dass wir ver­lieren!“ Drei­ein­halb Minuten, die es in sich haben. Kein Wort über den nächsten Gegner, keine dezi­dierte tak­ti­sche Ein­stel­lung – nur der kühle Blick auf die eigenen Schwä­chen. Mit hän­genden Köpfen sitzen die Spieler in der Kabine. Der Rap­port zeigt Wir­kung. Am Born­heimer Hang gewinnt die Hertha mit 1:0.

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Hertha-Kapitän Andre Mija­tovic ver­sucht, bei der Mit­glie­der­ver­samm­lung Opti­mismus zu ver­breiten.

Pamela Spitz

Unter­wegs

Zum Hertha-Neu­start gehört auch ein umfas­sendes Pro­gramm zur Fan-Rekru­tie­rung. Getreu dem etwas dick auf­ge­tra­genen Slogan Unser Fan­block hat 16 Stadt­teile“ rückt das Team in regel­mä­ßigen Abständen zum Show­trai­ning aus. Und die Besu­cher­zahl steigt über die Saison kon­ti­nu­ier­lich.

Opti­male Bedin­gungen in Lich­ten­berg, Michael Preetz sagt zum Prä­si­denten des SV Sparta: Hier könnte ich mir sogar vor­stellen, für die Senio­ren­mann­schaft auf­zu­laufen.“ Dabei ist dies doch der ferne Osten, zumin­dest vom tief im Ber­liner Westen gele­genen Olym­pia­sta­dion aus betrachtet, und Kern­ge­biet des Lokal­ri­valen Union. Kein Wunder, dass dessen Pres­se­spre­cher Chris­tian Arbeit sich per­sön­lich anschaut, was aus dem Show­trai­ning kurz vor der pol­ni­schen Grenze wird. Etwa 500 Neu­gie­rige sind gekommen, um den Hertha-Spie­lern bei der Arbeit zuzu­schauen. Es gibt Bier, Brat­wurst und Inter­views am Spiel­feld­rand. Ver­trauen und Nähe. Eine lange Men­schen­schlange steht an, um den Mann­schaftsbus zu besich­tigen. Wür­fel­för­mige Mäd­chen mit weiß­blond gefärbten Strähnen im Haar lassen sich Arm in Arm mit dem Hertha-Mas­kott­chen Her­thinho foto­gra­fieren.

Lange hat sich Hertha BSC um die Ber­liner Ost­ge­biete einen feuchten Keh­richt geküm­mert, der Blick ging nach Europa. Das soll sich jetzt ändern: Nicht dass man etwas gegen Europa hätte, doch die Basis liegt in Berlin. Ganz Berlin, wenn es nach den Ver­ant­wort­li­chen geht. Das Trai­ning in Lich­ten­berg ist nur der Anfang einer ganzen Reihe von ver­trau­ens­bil­denden Maß­nahmen, ein Aufbau Ost, der zu frü­heren Zeiten kon­se­quent ver­nach­läs­sigt wurde.

Als der Manager mit seinem Auto auf dem Gelände ein­trifft, ist das Trai­ning bereits im Gange. Kaum hat er seinen Audi-Gelän­de­wagen ver­lassen, ist er von einer großen Gruppe Auto­gramm­jäger umringt. Schließ­lich ist er immer noch, wenn nicht der größte, dann doch der bestän­digste Star, den Hertha in den ver­gan­genen 20 Jahren her­vor­ge­bracht hat. Es ist kühl und fängt an zu nie­seln, aber trotzdem: Preetz hat schon unan­ge­neh­mere Arbeits­tage erlebt.

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Pamela Spitz

Ter­min­druck

Die Meta­mor­phose des Mana­gers vor jedem Spieltag bezeichnen die Kol­legen auf der Geschäfts­stelle mit dem Euphe­mismus Tun­nel­blick“. Sie ist gekenn­zeichnet von stei­gender Reiz­bar­keit und sin­kender Fokus­sie­rung auf die Dinge außer­halb des Spiel­felds. Ein Auto­ma­tismus aus der Pro­fi­zeit, wenn der Aktive alle Kräfte für die 90 Minuten bün­delt.

Doch Preetz steht nicht mehr auf dem Rasen, er muss sich auch ver­meint­lich pro­fa­neren Dingen widmen. Etwa einem unschönen Tele­fonat mit dem Liga­ver­band DFL über die Spiel­an­set­zungen. Anlass für den Ärger: Am 15. November, einem Montag, muss Hertha gegen den VfL Bochum antreten, vier Tage später steht die Aus­wärts­partie in Osna­brück an, dazwi­schen liegt ein Län­der­spiel­termin. Kein anderer Klub in der zweiten Liga hat mehr Natio­nal­spieler im Kader als die Haupt­stadtelf. Preetz erreicht DFL-Spiel­an­setzer Götz Bender und wird zornig: Was habt ihr euch dabei gedacht? Wie soll ich Thomas Helmer beim Mon­tags­spiel im Fern­seh­in­ter­view erklären, warum wir nur mit einer B‑Elf spielen. Das grenzt an Wett­be­werbs­ver­zer­rung.“ Bender kann die Pro­bleme nach­voll­ziehen, kon­tert aber: Jeder hat bei den Anset­zungen mal Pech – diesmal seid ihr es. Seid froh: Dann habt ihr es hinter euch.“

Preetz bleibt nichts anderes übrig, als bei den Natio­nal­ver­bänden anzu­fragen, ob sie auf einige ihrer Akteure bei den anste­henden Freund­schafts­spielen ver­zichten. Er hat Glück: Roman Hubník und Nikita Ruka­vytsya dürfen in Berlin bleiben.

Family Man

Am 1. Oktober 2010 ist Preetz‘ Sohn Emil zur Welt gekommen. Ein knall­rotes Feu­er­wehr­auto steht vor dem Schreib­tisch des Mana­gers. Ein Geschenk der Kol­legen von der Geschäfts­stelle zur Geburt, das dem Manager auch beweist, wie intakt die Hertha-Familie ist. Seine Fähig­keit, Ver­ant­wor­tung zu dele­gieren, Mit­ar­bei­tern zu ver­trauen, und seine ver­bind­liche Art haben das Betriebs­klima ver­bes­sert. Der Fan­be­auf­tragte Donato Melillo sagt: Er hat Cha­risma, ohne den Chef zu spielen, auch wenn er kein Kum­peltyp ist. Bei ihm weiß man, der redet keinen Quatsch.“

Ein biss­chen Kumpel ist er aber doch. Preetz ist noch ein wenig blass um die Nase: Ges­tern früh um fünf Uhr hat er mit einigen Unent­wegten als Letzter die Taverna Pikilia“, einen Grie­chen in der Spa­ni­schen Allee, ver­lassen. Gemeinsam mit zwölf Freunden wurde dort die Geburt des Sohnes begossen. Auch Markus Babbel war dabei, hat aber wegen des Vor­mit­tags­trai­nings nicht bis zum finalen Absa­cker aus­ge­harrt. Im Raus­gehen sagte der Wirt zum Manager: So wie ihr gefeiert habt, muss aus dem Jungen was Ver­nünf­tiges werden.“

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Die sport­liche Füh­rung ist im Mee­ting: Manager und Chef­coach beim mit­täg­li­chen Jog­ging auf dem Gelände des Olym­pia­sta­dions.

Pamela Spitz

Wet­ter­um­schwung

Als die Pro­bleme anfangen, reagiert Prä­si­dent Werner Gegen­bauer zunächst noch mit Gal­gen­humor. Zu seinem Manager sagt er: Nächstes Jahr schreiben wir als Plan­ziel ein­fach mal Halb­fi­nale in die Lizenz­pla­nungen. Viel­leicht hilft das ja.“ Denn Hertha hat sich zum vierten Mal in Folge vor­zeitig aus dem DFB-Pokal ver­ab­schiedet. Die bei der DFL ein­ge­reichten Lizen­zie­rungs­pa­piere sahen die zweite Runde als Mini­mal­ziel vor. Folgsam hat die Mann­schaft mit einem Sieg gegen den SC Pful­len­dorf exakt dieses Ziel erreicht – und ist mit einer 1:2‑Niederlage gegen den Dritt­li­gisten TuS Koblenz aus dem Wett­be­werb aus­ge­schieden. Die Nie­der­lage ist wie ein Fanal zu der Sinn­krise, die die Hertha in dieser Phase befällt.

Auch eine Woche später gegen den SC Pader­born erwischt die Mann­schaft einen raben­schwarzen Tag. Michael Preetz hat jedoch einen Schul­digen für die 0:1‑Niederlage aus­ge­macht: Schieds­richter Chris­tian Lei­cher aus Weih­michl. Preetz steht wild ges­ti­ku­lie­rend am Spiel­feld­rand. Aus der Ent­fer­nung wirkt er wie ein Wie­der­gänger von Clark Kent, der kurz davor ist, sich den Maß­anzug vom Leib zu zerren, das DB-Logo des Hertha-Jer­seys frei­zu­legen und sich zur Ret­tung seiner über­for­derten Eleven auf dem Rasen selbst ein­zu­wech­seln.

Wie sagte schon Andreas Brehme: Haste Scheiße am Fuß, haste Scheiße am Fuß.“ Und die Hertha scheint in diesen Wochen in einen richtig großen Haufen getreten zu sein. Nie­der­lagen gegen durch­schnitt­liche Zweit­li­ga­teams wie den VfL Osna­brück, den MSV Duis­burg und den TSV 1860 Mün­chen rüt­teln am Selbst­be­wusst­sein. Die anfäng­liche Euphorie ver­zieht sich wie ein unge­be­tener Gast durch die Hin­tertür.

Auf der Kanzel

Am Morgen des 30. November 2010 steht Preetz in einem Karo­hemd – in Räu­ber­zivil“, wie er es nennt – in der Umklei­de­ka­bine gegen­über des Frie­sen­hauses 2 und hält einen 30-minü­tigen Monolog. Eigent­lich spricht er, wenn er mit der Mann­schaft reden möchte, nur mit einer kleinen Gruppe Füh­rungs­spieler. Aber nun ist es an der Zeit. Es ist der Tag der Mit­glie­der­ver­samm­lung.

Beim Jog­ging hat Markus Babbel den Manager unter­stützt, dass er ein Macht­wort spre­chen soll. Es ist ein Appell an die Ehre der Profis, ein Memo­randum an das gemein­same Ziel, an den Glauben an die eigene Stärke. Preetz weiß, dass er dieses Mittel nur streng dosiert ein­setzen darf, wenn es Wir­kung ent­falten soll. Doch der Moment scheint der rich­tige zu sein. Auch wenn längst nicht alle im Team per­fekt Deutsch spre­chen, ist der Manager hin­terher sicher: Den Gesamt­kon­text haben alle ver­standen.“ Als er geendet hat, stehen die Spieler wortlos auf und laufen auf den Platz. Die Ansprache ist bei ihnen nicht als Wut­aus­bruch ange­kommen. Sie hin­ter­lässt das ambi­va­lente Gefühl, dass Preetz Leis­tung erwartet, ihnen aber nach wie vor hun­dert­pro­zentig Ver­trauen schenkt und keinen Zweifel daran lässt, dass er ihnen den Auf­stieg zutraut. Kapitän Andre Mija­tovic bedankt sich hin­terher und sagt, dass er so ein Zei­chen aus der Chef­etage schon früher erwartet habe: Michael, du darfst den Kon­takt zur Mann­schaft nicht ver­lieren.“

Feu­rige Reden ent­spre­chen nicht dem Natu­rell von Michael Preetz. Sein Vor­gänger Dieter Hoeneß ver­suchte bei Mit­glie­der­ver­samm­lungen die Zuhörer immer wieder mit der alten Anek­dote aus den Sitzen zu reißen, es habe bei seinem Amts­an­tritt auf der Hertha-Geschäfts­stelle nur einen ein­zigen Wert­ge­gen­stand gegeben: eine Schreib­ma­schine. Preetz weiß, dass solche Räu­ber­pis­tolen aus seinem Mund irgendwie unecht klingen. Er ist kein Anpeit­scher, kein Laut­spre­cher, kein sen­ti­men­taler Gefühls­mensch, son­dern ein sach­li­cher Ana­ly­tiker. Werner Gegen­bauer stellt erfreut fest, dass sein Manager als Redner bei offi­zi­ellen Anlässen gewachsen ist. Am Anfang habe er eher den Vor­leser gegeben, der staksig mit Brecht-Zitaten die Mit­glieder auf seine Seite zu ziehen ver­suchte. Nun kul­ti­viert er die freie Rede – und han­tiert nahezu popu­lis­tisch mit Schlüs­sel­be­griffen wie Auf­bruch, Zusam­men­halt und Auf­stieg.

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Cur­ry­wurst-Trio: Prä­si­dent Werner Gegen­bauer, Michael Preetz und Finanz­chef Ingo Schiller kon­ter­ka­rieren das ver­snobte Klub-Image.

Pamela Spitz

Seine Vor­be­rei­tung ist akri­bisch. Gemeinsam mit Medi­en­chef Bohm­bach dis­ku­tiert er vorher die Inhalte, for­mu­liert selbst ein Gerüst der Rede, das er dann von dem Kol­legen Klub­spre­cher ver­fei­nern lässt. Anschlie­ßend hält er die Ansprache vorab kalt in seinem Büro, und die beiden stimmen sich abschlie­ßend über den Duktus ab.

Am Abend der Mit­glie­der­ver­samm­lung spricht Preetz dann vor über 950 Mit­glie­dern über die Dinge, die – so abge­dro­schen sie auch klingen mögen – der Situa­tion ange­messen sind. Davon, dass Hertha erlebbar werden muss. Dass er von allen Mit­ar­bei­tern ver­langt, dass sie von nun an 166 Tage lang mor­gens, mit­tags und abends nur auf ein Ziel hin­ar­beiten: den Wie­der­auf­stieg. Das ist unser Auf­trag.“ Natür­lich müsste er einiges ins Phra­sen­schwein abdrü­cken – das weiß er selbst. Aber der Anlass ver­langt es. Die Nie­der­la­gen­serie liegt wie ein schlechtes Gewissen über der Ver­samm­lung. Hertha BSC ist bedrückt.

Lösungs­an­sätze

Anfang Dezember treffen sich Mann­schaftsrat und Trai­ner­team im Büro des Mana­gers zur Aus­sprache. Babbel und Preetz mode­rieren einen ange­regten Dialog. Andre Mija­tovic, Chris­tian Lell, Levan Kobia­sh­vili, Patrick Ebert, Pál Dárdai, Raf­fael, Fabian Lus­ten­berger und Peter Nie­meyer dis­ku­tieren mit offenem Visier. Alles wird auf den Tisch gebracht. Die Namen der Profis, die im Ver­dacht stehen, nicht mit dem nötigen Ehr­geiz bei der Sache zu sein. Einige sind kurz vor Spiel­tagen noch deut­lich nach Mit­ter­nacht um die Häuser gezogen. Das Bier soll in Strömen geflossen sein.

Der gute Team­geist, der dafür sorgt, dass Teile der Mann­schaft auch in der Frei­zeit viele Aktionen gemeinsam starten, zeigt hier seine Schat­ten­seiten. Peter Nie­meyer bringt auf den Punkt, was an diesem Tag Kon­sens ist: Ich habe keine Lust, am Ende zu den Deppen zu gehören, die es mit dem Auf­stieg nicht geschaff haben. Des­wegen muss jeder mit­ziehen.“ Trainer Babbel ver­hängt mit Bil­li­gung des Mann­schafts­rates eine Aus­gangs­sperre für alle, die fortan ab mitt­wochs, 23 Uhr, bis zum Spieltag gilt.

Ein wei­terer Tages­ord­nungs­punkt ist der schwä­chelnde Regis­seur Raf­fael. Ihm ist offenbar der Glaube an die eigene Stärke abhanden gekommen. Die Kol­legen ver­si­chern dem Bra­si­lianer, dass sie ihn für den besten Spieler der zweiten Liga halten und über­zeugt sind, nur mit seiner Hilfe auf­steigen zu können. Preetz erkennt die wohl­tu­ende Wir­kung dieses Votums: Der hat sich gefreut wie ein Kuller­keks.“

Tor­wart­fragen

Stamm­keeper Maikel Aerts ent­puppt sich als uner­müd­li­cher Antreiber. Er besitzt alle Eigen­schaften, die der Manager von einem Profi erwartet. Die Sym­pa­thie beruht auf Gegen­sei­tig­keit. Der Keeper hat schon beim ersten Gespräch gemerkt, dass es eine gemein­same Wel­len­länge gibt. Über Preetz sagt er: Für Men­schen wie ihn gibt es in Hol­land ein Sprich­wort: Ein großer Baum fängt viel Wind.“

Der Mann aus Eind­hoven ist ein geläu­terter Profi. 2002 wurde er wegen Koka­in­miss­brauchs für ein Jahr gesperrt. Seine Kar­riere schien zu Ende. Doch er kämpfte sich zurück – und lebt seither wie ein Mus­ter­profi. Aerts weiß, dass er kein Welt­tor­hüter ist, aber einer, der den Erfolg erzwingen kann. Daran hat er vom ersten Tag seiner Ver­pflich­tung an keinen Zweifel gelassen. Bei den Ver­trags­ge­sprä­chen sprach er noch Eng­lisch. Kaum war die Tinte unter dem Kon­trakt tro­cken, paukte er Deutsch im Kom­pakt­kurs, zehn Tage lang von neun bis 21 Uhr. Er legte sich ein Album mit Panini-Bil­dern von seinen zukünf­tigen Mit­spie­lern an, ver­sehen mit per­sön­li­chen Notizen zu den Eigen­schaften jedes ein­zelnen.

Beim Trai­ning schimpft Aerts ständig wie ein Rohr­spatz, selbst wenn seine Vor­der­leute gar keinen Fehler machen. Preetz sagt: Typen wie ihn, die vor­an­gehen, braucht man im Kampf um den Auf­stieg.“ Wenn doch mal ein Ball ins Tor geht, brüllt Aerts mar­kerschüt­ternd laut Fucking hell“ über den Rasen. Und wenn Kol­legen von der Bou­le­vard­presse noch der Auf­hänger für die täg­liche Hertha-Story fehlt, schreiben sie Sachen wie Riesen-Zoff bei Hertha!“, weil der Nie­der­länder mal wieder irgend­einen Mit­spieler zusam­men­ge­faltet hat, denn das pas­siert eigent­lich andau­ernd.

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Pamela Spitz

Riesen-Zoff bei Hertha!“

Schlagzeile über den Verein

Doch so willig der Geist des 34-Jäh­rigen, so schwach ist sein Fleisch. Im November hat er sich einen Riss des vor­deren Kreuz­bandes zuge­zogen. Er pen­delt zwi­schen Berlin und Rot­terdam, wo er wegen einer ähn­li­chen Ver­let­zung schon zwei Jahre zuvor behan­delt worden ist. Ob und wann er zurück­kehrt, ist frag­lich.

Anfang Dezember sitzen Michael Preetz und Markus Babbel des­halb im Hin­ter­zimmer eines ita­lie­ni­schen Restau­rants in Berlin und unter­halten sich mit dem arbeits­losen Michael Ren­sing, der einst als legi­timer Nach­folger von Oliver Kahn im Tor des FC Bayern galt. Kellner bringen Getränke und ziehen sich wieder zurück. Die Vor­hänge sind zuge­zogen, man will unge­stört sein. Ein Anbah­nungs­ge­spräch“, sagt Preetz. Der Manager will wissen, was in Mün­chen für Ren­sing schief­ge­laufen ist. Der Keeper ant­wortet ehr­lich und offen, erzählt von den Pro­blemen mit Jürgen Klins­mann, den über­ir­di­schen Erwar­tungen an ihn. Von der ver­meint­li­chen Arro­ganz, die ihm zu Bayern-Zeiten nach­ge­sagt wurde, ist nichts zu spüren. Preetz hat einen guten Ein­druck: Der Junge hat Demut gelernt.“ Ren­sing spielt nicht mit ver­deckten Karten, erzählt von der Offerte, die ihm der 1. FC Köln gemacht hat.

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Preetz teilt ihm mit, in Berlin würde er nicht mit einer Stamm­platz­ga­rantie anfangen. Das kon­spi­ra­tive Treffen endet mit dem Ver­spre­chen, sich gegen­seitig auf dem Lau­fenden zu halten. Im Pro­fi­ge­schäft kei­nes­wegs eine Frage der Selbst­ver­ständ­lich­keit. Doch Ren­sing hält sich an die Abma­chung, in den dar­auf­fol­genden Tagen ruft er immer wieder an, erzählt von den Gesprä­chen in Köln, von seinem Bauch­ge­fühl, und letzt­lich teilt er weit vor der offi­zi­ellen Ver­kün­dung mit, dass er einen Ver­trag beim FC unter­schreiben wolle. Die Hertha hat Glück im Unglück. Maikel Aerts kann zur Rück­runde wieder spielen, aller­dings nur unter Schmerz­mit­teln. Der Nie­der­länder beißt auf die Zähne. Preetz sieht es mit Sorge: Nur er selbst weiß, was das Knie macht, wie sehr ihn die Ver­let­zung noch belastet.“

Die Tor­wart­po­si­tion bleibt fast in der gesamten Saison ein neur­al­gi­scher Punkt. Als dem kahl­köp­figen Para­dies­vogel mit dem losen Mund­werk zu Beginn der Rück­serie einige spie­le­ri­sche Stil­blüten unter­laufen, fällt die Kritik der Medien ent­spre­chend unbarm­herzig aus. Offenbar geht Aerts doch nicht so locker mit der wach­senden Kulisse im Olym­pia­sta­dion um, wie ange­nommen.

In der Rück­serie lässt sich Trainer Babbel von Jour­na­listen auch noch aufs Glatteis führen. Nach dem Spiel gegen den FSV Frank­furt sagt er auf die Frage, ob er seinem Keeper noch ver­traue: Ich muss mir das Spiel noch einmal genau anschauen und sehen, was für die Mann­schaft das Beste ist.“ Michael Preetz kneift sich vor Schreck in den Ober­schenkel. Die Tages­zei­tungen schlachten Bab­bels Äuße­rungen nach allen Regeln der Kunst aus. Und doch hält Babbel nach einigem Hin und Her am Nie­der­länder fest.

Rei­se­be­schrän­kungen

Ver­loren in Pader­born, in Osna­brück, gegen Duis­burg und in Mün­chen. Kein Grund für den Trainer, der in Berlin noch im Hotel wohnt, den Sonntag nach dem Spiel bei 1860 nicht bei der Familie im neuen Haus in Mün­chen zu ver­bringen. Er will am Montag die erste Maschine nehmen und dann pünkt­lich um zehn Uhr zum Trai­ning auf dem Platz stehen. In Berlin herrscht tiefster Winter. Immer wieder fallen Flüge in Tegel aus. Als Michael Preetz mit der Mann­schaft am Münchner Franz-Josef-Strauß-Flug­hafen am Check-in steht, klin­gelt sein Handy. Prä­si­dent Werner Gegen­bauer ist dran: Wollnse den Trainer nich ma fragen, ob er lieber mit der letzten Maschine am Sonntag fliegen möchte? Was ist denn, wenn er am Montag ein­ge­schneit ist?“

Der Prä­si­dent hält sich für gewöhn­lich aus den sport­li­chen Belangen heraus, doch nach der neu­er­li­chen Nie­der­lage ist die Hertha auf Platz fünf der Tabelle abge­stürzt. Was macht es in so einer Situa­tion für einen Ein­druck, wenn beim Mon­tags­trai­ning der Coach fehlt? Die Hei­mat­ver­bun­den­heit des Trai­ners ist in diesen stür­mi­schen Tagen auch schon von Gegen­bauers Prä­si­di­ums­kol­legen kri­tisch ange­merkt worden. Die Damen und Herren machen sich die Kritik zu eigen, die aktuell in den Medien zu lesen ist. Preetz stimmt mit seinem Präses überein und infor­miert den Coach, er möge doch bitte den Flug vor­ver­legen. Babbel folgt der Anwei­sung seines Dienst­herren.

Die Ver­ant­wort­li­chen haben zudem ver­ein­bart, dass beim Heim­spiel gegen Erz­ge­birge Aue ein Sieg her­muss – sonst gibt es ein Kri­sen­ge­spräch in Anwe­sen­heit von Gegen­bauer. Doch mit einem Heim­erfolg gegen den aktu­ellen Tabel­len­führer kann Hertha die Ver­feh­lungen der ver­gan­genen Spiele auf einen Schlag kor­ri­gieren – bei einer Nie­der­lage ist der Klub end­gültig im Mit­telmaß der zweiten Liga ange­kommen. In der Woche vor dem Match sagt Michael Preetz: Ich wäre doch mit dem Klam­mer­beutel gepu­dert, wenn ich nicht für alle Even­tua­li­täten einen Plan B in der Schub­lade hätte. Jedes Sze­nario ist im Moment denkbar.“ Heißt im Klar­text: Der Trainer ist zu Weih­nachten weg – oder auch nicht.

Sturm & Drang

Nach dem Sieg gegen Aue fällt den Spie­lern ein mit­tel­schwerer Find­ling vom Herzen. Als es in der Kabine zu Jubel­szenen kommt, steht Michael Preetz im Tür­rahmen und kann nicht los­lassen. Wie zu sich selbst sagt der Manager: Jetzt muss nur noch Rob wieder in die Spur kommen.“

Rob Friend war im Sommer ein Wunsch­transfer von ihm und Babbel. Der Trainer wollte den Kana­dier bereits zum VfB Stutt­gart holen, als er dort noch arbei­tete. Doch der 30-Jäh­rige tut sich schwer in Berlin, er setzt sich offenbar zu stark unter Druck. Rob ist total blo­ckiert“, sagt Preetz, der hat dicke Beine und ein Brett vorm Kopf. Ich kenne solche Momente, wenn über­haupt nichts funk­tio­niert.“

Nach dem fünften Spieltag wird der Kana­dier zuneh­mend zum Ergän­zungs­spieler. An seine Stelle tritt Pierre-Michel Lasogga. Vor der Saison hat der Hertha-Manager den 18-Jäh­rigen von den Junioren Bayer Lever­ku­sens geholt. Doch vier Tage vor Beginn der Spiel­zeit ver­letzt sich der Youngster in einem Freund­schafts­spiel. Als er wieder fit ist, wirft er sich mit einer sagen­haften Unbe­küm­mert­heit in das Angriffs­spiel der Her­thaner. Gegen den VfL Bochum darf er das erste Mal von Anfang an spielen und trifft gleich zweimal.

Michael Preetz fühlt sich in seinem Urteil über den jungen Mann bestä­tigt. Die Berichte der Scouts waren ein­drucks­voll. Die Spiel­be­ob­ach­tung, die Preetz selbst vor­nahm, über­zeugte ihn. Der Wechsel kam für ein über­schau­bares Salär zustande, obwohl Ale­mannia Aachen ein gewich­tiger Kon­kur­rent in diesem Buhlen war. Dort hätte Lasogga prak­tisch eine Auf­lauf­ga­rantie bekommen. Nach Berlin wech­selte er in dem Bewusst­sein, dass es nur eine Alter­na­tive im Angriffs­zen­trum von Hertha gibt: Rob Friend oder ihn. Doch vor dieser Her­aus­for­de­rung war dem Jungen offenbar nicht bange. Auch die großen Kulissen scheinen den Glad­be­cker eher zu beflü­geln als ein­zu­schüch­tern. Lasogga erlaubt sich keine Schwäche und trifft bis zum Sai­son­ende mehr als ein Dut­zend Mal.

Trai­nings­lager

Port­imao. Algarve. Hertha BSC hat das Fünf-Sterne-Hotel Le Méri­dien“ bezogen. Eine laue Brise weht vom Atlantik her­über. 17 Grad, wäh­rend in Berlin kurz nach dem Jah­res­wechsel tiefster Winter herrscht. Der Trai­nings­platz in dem Golf­re­sort ist nur einen Stein­wurf von der mon­dänen Emp­fangs­halle ent­fernt. Mor­gens um zehn Uhr und nach­mit­tags um halb vier finden ein­ein­halb­stün­dige Trai­nings­ein­heiten statt.

Michael Preetz sitzt mit dem Prä­si­denten auf der Son­nen­ter­rasse und trinkt Tee. Der Kaffee ist seines Erach­tens unge­nießbar. Hertha über­win­tert auf einem Rele­ga­ti­ons­platz. Die Stim­mung ist trotz des Kom­forts und früh­lings­haften Wet­ters ange­spannt. Werner Gegen­bauer steckt den Stress besser weg als der Manager. Der Unter­nehmer kennt den Umgang mit Sieg und Nie­der­lage aus seinem Geschäft. Mal gewinnt man selbst die Aus­schrei­bung, mal ein anderer“, sagt er. Preetz beneidet ihn um die Fähig­keit, nach Nie­der­lagen schnell wieder auf Nor­ma­lität umzu­schalten.

Eine Bou­le­vard­zei­tung meldet in Berlin an diesem Tag, dass Patrick Ebert sich seinen Kumpel Marko Pan­telic zurück zum BSC wün­sche – den Serben, der vier Jahre lang im Sturm der Hertha zwi­schen Genie und Wahn­sinn schwankte. Ebert hat die erste Sai­son­hälfte ver­let­zungs­be­dingt fast voll­ständig in der Reha ver­bracht. Nun schwa­dro­niert er im Inter­view, dass er bereit wäre, einen Teil seines Gehalts für seinen Kumpel zu opfern. Gegen­bauer liest mit einem Schmun­zeln über die Schlag­zeile: Wat denn? Erst Been kaputt, jetz Kopp kaputt?“

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Leader of the pack: Der Manager im Zen­trum der Hertha-Füh­rungs­crew auf dem Trai­nings­platz in Port­imao.

Pamela Spitz

An den Abenden in Port­imao trifft sich die Klub­füh­rung in der Hotelbar: Gegen­bauer dampft eine Cohiba Siglo No. 4. Es gibt Bier. Ein kleines Quiz beginnt: Wer kann anhand des Namens Sportler ihrer Dis­zi­plin zuordnen? Preetz und Gegen­bauer tun sich bei dem Wett­be­werb aus der Kate­gorie unnützes Wissen“ beson­ders hervor und ordnen Heide Rosen­dahl oder Eric Heiden ihren Sport­arten zu. Beim Namen Jochen Rindt sind alle im Bilde, nur Markus Babbel steht auf dem Schlauch: Ein Segler?!“, rät der Trainer. Grinsen in der Runde. Der Coach über­legt weiter: Ein Ski­läufer!?“ Schließ­lich platzt Preetz mit der Ant­wort heraus: Mensch Markus, der ein­zige Formel-1-Fahrer, der posthum den WM-Titel gewann …“

Kurz vor der Abreise zum Test­spiel gegen Stan­dard Lüt­tich laden Preetz, Babbel und Gegen­bauer die Stützen des Teams zur Unter­re­dung. Was denen anfäng­lich wie ein Kri­sen­ge­spräch vor­kommt, soll ein Aus­tausch sein. In lockerer Atmo­sphäre geht es noch einmal darum, die besten Vor­aus­set­zungen für den Auf­stieg zu schaffen. Lell, Nie­meyer, Mija­tovic und Aerts wün­schen sich, dass Phy­sio­the­ra­peut Rein­hard Mörz, der bis­lang nur auf Abruf von seiner Praxis aus für Hertha arbeitet, den Profis in der Rück­runde rund um die Uhr zur Ver­fü­gung steht. Ein Wunsch, der umge­hend erfüllt wird. Das Gespräch knüpft die Bande zwi­schen dem Füh­rungs­spieler-Quar­tett und den Bossen noch mal enger. Später werden die Profis häu­figer erwähnen, dass in dieser Stunde end­gültig der Pakt für die Rück­kehr in die Bun­des­liga geschlossen wurde.

Inves­to­ren­geld

Der ein­ge­tra­gene Verein Hertha BSC ist ein orga­ni­sches Gefüge. Zwar wird der Spiel­be­trieb der Profis seit 2002 von der Hertha BSC Kom­man­dit­ge­sell­schaft auf Aktien durch­ge­führt, doch einzig haf­tender Aktionär ist der e.V. Diese Gemenge­lage hat zur Folge, dass Werner Gegen­bauer einem unru­higen Prä­si­dium vor­steht, das des Öfteren ein Mit­spra­che­recht bei den Profis ein­for­dert. Unter Hoeneß hat es das zwar nie gegeben, umso größer sind die Begehr­lich­keiten jetzt. Gegen­bauer ist daran gelegen, dass alle mit­ge­nommen werden – die sport­liche Lei­tung soll den­noch unbe­hel­ligt von poli­ti­schen Schar­müt­zeln ihr Wie­der­auf­stiegs­pro­jekt durch­ziehen. Ein schwie­riger Spagat, obwohl grund­sätz­lich alle den Kurs mit­tragen. Trotzdem for­dert im Laufe der Nie­der­la­gen­serie in der Hin­runde ein Prä­si­di­ums­mit­glied, Trainer Babbel solle vor dem Gre­mium doch mal zum Rap­port erscheinen. Ein Wunsch, dem Michael Preetz allen­falls mit hoch­ge­zo­gener Augen­braue begegnet. Gegen­bauer hin­gegen muss sich dazwi­schen­werfen und abwie­geln. Doch einige Prä­si­di­ums­mit­glieder mögen es nicht, im Freun­des­kreis keine Ant­worten auf Fragen zu Hertha BSC geben zu können. Sie wollen mit­reden. Einer aus dem Vor­stand ist mit Spie­ler­be­ra­tern befreundet. Er will seinen Ein­fluss gel­tend machen und stattet sogar dem Leiter des Nach­wuchs­leis­tungs­zen­trums einen Besuch ab.

Mit Beginn der Rück­serie muss sich die Geschäfts­füh­rung drin­gend um die Lizen­zie­rung bei der DFL küm­mern. Eine Inves­to­ren­gruppe, die anonym bleiben will, ist bereit, acht Mil­lionen Euro in die hoch ver­schul­dete Hertha zu ste­cken. Der Haken an der Sache: Nur Preetz, Gegen­bauer und Schiller wissen, wer sich hinter dem geheim­nis­vollen Geld­geber ver­birgt. Nachdem das Trio glaub­haft ver­si­chert hat, dass es sich um kein dubioses Geld han­delt, stimmt das Prä­si­dium dem Deal mit neun zu null Stimmen zu. Als Gegen­wert erhält der Finan­zier eine Betei­li­gung an Trans­fer­erlösen. Preetz garan­tiert: Ohne jeg­liche Ein­fluss­nahme.“ Da das Geld voll­ständig in die Schul­den­til­gung fließen soll, ist die Lizenz für die Bun­des­liga damit gesi­chert.

Aber das mys­te­riöse Invest­ment weckt die Neu­gierde einiger Kol­legen von Werner Gegen­bauer. Einer recher­chiert sogar im Han­dels­re­gister, um die Hin­ter­gründe zu erfahren. Ständig droht von irgend­woher ein Stör­feuer. Gegen­bauer lässt es sich nicht nehmen, Prä­si­di­ums­sit­zungen mit einem sar­kas­ti­schen Und nun viel Spaß bei der Nach­prä­si­di­ums­sit­zung!“ zu beschließen.

Der­by­fieber

Markus Babbel hat in der Win­ter­pause umge­stellt: Adrián Ramos gibt kon­stant die hän­gende Spitze, hinter dem immer mehr auf­trump­fenden Lasogga. Fabian Lus­ten­berger spielt derart beständig, dass er zeit­weise sogar den Aus­nah­me­könner Raf­fael auf die Bank ver­bannt. Nach drei Siegen in Folge hat das Team aus der Haupt­stadt die Tabel­len­füh­rung zurück­er­obert.

Das Olym­pia­sta­dion ist beim Derby gegen Union Berlin das erste Mal in dieser Saison aus­ver­kauft. Eine Situa­tion wie gemalt für die Hertha. Doch obwohl die Blau-Weißen schon zur Halb­zeit mit vier Toren Vor­sprung führen müssten, geht das Spiel mit 1:2 ver­loren. Union macht das Opti­male aus seinen wenigen Chancen. Beim Abpfiff ist Michael Preetz wie in Trance. Er weiß, wie schwer so eine Nie­der­lage wiegt. In Derbys wird Geschichte geschrieben. Iden­ti­täts­stif­tende Par­tien. Hertha hätte an diesem Tag Wie­der­gut­ma­chung für den Abstieg leisten können. So ein Gefühl kann man nicht repa­rieren“, sagt Preetz. Er schwänzt die anschlie­ßende Pres­se­kon­fe­renz, fährt direkt nach Hause. Seine Ana­lyse ist gna­denlos: Union war sehr schlecht, wurde dann schlechter – und hat am Ende gewonnen.“ Geschla­gene zehn Tage lang hängt auf der Geschäfts­stelle anschlie­ßend der Haus­segen schief. Der Manager ist hoch­gradig gereizt. Er blökt ent­gegen seiner sonst eher umgäng­li­chen Art jeden an, der ihm in die Quere kommt.

Selbst­zweifel

Preetz‘ innere Zer­ris­sen­heit bricht sich aber erst eine Woche später Bahn – in einem ver­meint­lich unent­deckten Augen­blick. Es ist Sonntag, der 13. Februar 2011. Beim Aus­wärts­spiel gegen den Karls­ruher SC ist Hertha vier Minuten vor dem Halb­zeit­pfiff mit 0:1 in Rück­stand geraten. Wäh­rend Markus Babbel in der Kabine in ruhigem Ton zu den Spie­lern spricht, ver­drückt sich der Manager einige Minuten in den Dusch­trakt, um allein zu sein und sich zu sam­meln. Peter Nie­meyer und Andre Mija­tovic sehen durch den Tür­spalt, wie Preetz nebenan fahrig wie ein Raub­tier vor der Füt­te­rung durch den geka­chelten Raum geht. Anders als ihnen fehlt dem Manager das Ventil, Frust­mo­mente auf dem Platz abzu­bauen. Preetz muss nach­denken – und sich beherr­schen. Die erste Halb­zeit war unter­ir­disch.

Kann es wirk­lich sein, dass seine Hoff­nungen und Über­zeu­gungen falsch waren? Schei­tert in diesem Augen­blick sein Plan von der Hertha-Reform? Der Traum von einer neuen Ära, von dem sym­pa­thi­schen Haupt­stadt­klub? Er will nicht in die­selben Ver­hal­tens­muster ver­fallen, die sein Vor­gänger Dieter Hoeneß oft an den Tag legte, wenn er bei schlechten Spielen den Trainer zum Sta­tisten stem­pelte und selbst zur Wut­rede ansetzte. Aber ist dies nicht der Moment, in dem es wichtig wäre, ein Zei­chen zu setzen? Ein­fach mal drauf­zu­hauen?

Michael Preetz hat in seiner Kar­riere viele Momente des Zwei­fels erlebt. Es war oft schwierig – und am Ende hat es doch geklappt“, so beschreibt er das Muster, dem seine Pro­fi­lauf­bahn folgte. Er stammt aus bür­ger­li­chen Fami­li­en­ver­hält­nissen, sein ver­stor­bener Vater war Koch, die Mutter kauf­män­ni­sche Ange­stellte. Die Eltern wün­schen sich eigent­lich vier Kinder, aber der kleine Michael schreit so aus­giebig, dass es sich das Ehe­paar anders über­legt und er ohne Geschwister auf­wächst. Als Klein­kind leidet er unter einer Augen­mus­kel­schwäche, die von den Ärzten zu spät erkannt wird. Er wird dreimal ope­riert. Die Eltern zahlen die Behand­lungen aus eigener Tasche, weil die Kran­ken­kasse keine Hei­lungs­chance mehr sieht. Doch für eine voll­stän­dige Gene­sung ist es zu spät. Auf dem linken Auge liegt die Seh­kraft nur noch bei 50 Pro­zent. Bis heute muss sich der Manager voll und ganz auf das rechte als Füh­rungs­auge ver­lassen. Das linke Auge macht mit­unter, was es will. Er sagt: Da kommt es zwangs­läufig zu Situa­tionen, die fies sind.“ Auf seine fuß­bal­le­ri­schen Qua­li­täten hat das kei­nerlei Ein­fluss.

Da kommt es zwangs­läufig zu Situa­tionen, die fies sind“

Als er im Früh­ling 1986 die Schule abschließt, befindet er sich bereits in Ver­hand­lungen mit For­tuna Düs­sel­dorf. Mit der A‑Jugend spielt er um die Meis­ter­schaft, aber die Profis melden sich nicht. Da macht der Ham­burger SV dem Jung­ta­lent ein Angebot, und die Rhein­länder geraten unter Zug­zwang. Schon damals zeichnet ihn eine Eigen­schaft beson­ders aus: Ver­nunft. Mut­proben meidet er. Er ist clever genug, Fehler zu umgehen. Mit ratio­naler Über­le­gung han­delt er seinen ersten Lizenz­spie­ler­ver­trag aus, obwohl die For­tunen ihn nur als Ver­trags­ama­teur ver­pflichten wollen. So einen Kon­trakt will er aber nicht, weil er befürchtet, mit­tel­fristig in der zweiten Mann­schaft zu ver­sa­cken. Er setzt sich durch – und schafft gegen alle Wider­stände den Sprung zum Stamm­spieler.

Auch in der Folge wird er eher unter- als über­schätzt. Ihm eilt der Ruf eines sehr guten Zweit­li­ga­spie­lers voraus, der nicht gut genug für die erste ist. Den­noch spielt er mit For­tuna Düs­sel­dorf und dem MSV Duis­burg in der Bun­des­liga und erar­beitet sich Tor um Tor. Er bewun­dert Spieler wie Andreas Möller, denen das Talent fast jede Tür öffnet, wäh­rend er sich in allen Belangen durch­beißen muss.

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Bye-bye Zweit­liga-Tris­tesse, hello Bun­des­liga: Die Spieler feiern mit den Fans in der Ost­kurve, nur Trainer Markus Babbel mag noch nicht so recht.

Pamela Spitz

Als ihn 1996 der ambi­tio­nierte Zweit­li­gist Hertha BSC haben will, liegt ihm ein Angebot des FC Gütersloh vor. Er ist Ende 20, die Ost­west­falen ködern ihn mit der Per­spek­tive auf einen Job bei Ber­tels­mann im Anschluss an die Kar­riere. Doch die Ber­liner wollen sein Know-how als erfah­rener Auf- und Abstiegs­kämpfer. Was nach dem Errei­chen der Bun­des­liga aus ihm werden soll, sagt ihm das Manage­ment nicht. Preetz ris­kiert es. Ich wollte wissen, ob ich mich durch­setzen kann.“ Wieder wird sein Mut belohnt. Am Ende seiner Lauf­bahn, 2003, führt er die ewige Tor­schüt­zen­liste des Ber­liner Klubs an und hat ein paar Län­der­spiele auf dem Buckel. Er hat einen Anschluss­ver­trag für einen Job im Manage­ment aus­ge­han­delt, weil Hoeneß sich im Jahr 1999 nicht die Blöße geben will, dass Preetz als Bun­des­liga-Tor­schüt­zen­könig auf das Angebot von Tot­tenham Hot­spur ein­geht. Bereits zur aktiven Zeit arbeitet er für die Zeit nach der Kar­riere, büf­felt für den Stu­di­en­gang Sport­ma­nage­ment an der Fach­hoch­schule Göt­tingen. Er will auf alle Even­tua­li­täten vor­be­reitet sein, denn seine Pro­fi­lauf­bahn hat ihn gelehrt, dass er gegen Natur­ta­lente nur dann eine Chance hat, wenn er ehr­gei­ziger und flei­ßiger ist. Das macht ihn zum Getrie­benen.

Er weiß, wie man Happy Ends plant – und dass man dazu auch ein Quent­chen For­tune braucht. Nun wan­dert er im Maß­anzug durch die Wasch­räume des Wild­parks und fragt sich, ob ihn womög­lich sein Glück ver­lassen hat, ob sich das Schicksal in diesem Augen­blick dreht. Hat er am Ende etwas Wich­tiges über­sehen in seinen Pla­nungen? Hat ihn seine Men­schen­kenntnis getrügt?

Er muss nicht mehr über­legen, ob er zur Brand­rede ansetzen soll. Markus Babbel hat mit seiner sach­li­chen Ansprache alles richtig gemacht. Fuß­ball ist Psy­cho­logie. Der Schieds­richter bittet zurück auf den Platz, Preetz hat sich wieder ein­ge­kriegt. Zwei Minuten nach Wie­der­an­pfiff gleicht Raf­fael aus. Auf die grot­ten­schlechte erste Hälfte folgt in der zweiten eine ein­drucks­volle Demons­tra­tion der Domi­nanz. Die Hertha gewinnt das Spiel in Karls­ruhe mit 6:2.

Druck­aus­gleich

Ein Hauch von Auf­stiegs­eu­phorie liegt über den nächsten Wochen. Plötz­lich scheint es, als sei auch den Spie­lern auf­ge­fallen, dass sie mit ihren indi­vi­du­ellen Fähig­keiten weit über dem Liga­durch­schnitt liegen. Beim 5:0‑Auswärtserfolg in Aachen spielt die Babbel-Elf den Gegner eis­kalt an die Wand. Nach dem 2:0‑Sieg in Fürth hat die Hertha nicht nur einen direkten Kon­kur­renten um den Auf­stieg in die Schranken gewiesen, son­dern auch den eigenen Abstand zum Rele­ga­ti­ons­platz auf sechs Punkte aus­ge­baut. Hertha mar­schiert von Erfolg zu Erfolg.

Michael Preetz kommt in diesen tur­bu­lenten Tagen fast sein ana­ly­ti­scher Blick abhanden. Mit Aber­glauben hat er nie viel am Hut gehabt, doch als ihm beim Kurz­ur­laub im öster­rei­chi­schen Hin­ter­glemm der befreun­dete Hotel­chef ein soge­nanntes Power-Arm­band mit den Worten umlegt: Nicht mehr abma­chen – damit kannst du gar nicht anders als auf­steigen“, leistet er wider­spruchslos Folge und läuft fortan mit einem Plas­tik­bänd­chen am Hand­ge­lenk herum.

Das große Finale beginnt mit einem Heim­sieg gegen den SC Pader­born. André Schu­bert, der Trainer der Ost­west­falen, wird hin­terher sagen: Das Spiel hat zwei Erkennt­nisse gebracht: Hertha gehört in die Bun­des­liga und der SC Pader­born defi­nitiv in den bezahlten Fuß­ball. Eine Mann­schaft, die beim Aus­wärts­spiel 70 000 Men­schen ins Sta­dion lockt …“ 70 620 Besu­cher haben am ersten som­mer­li­chen Tag des Jahres den Weg ins Olym­pia­sta­dion gefunden. Gut, Hertha hat durch ein paar Preis­ak­tionen den Ticket­ver­kauf ange­heizt, aber die Kulisse ist ein ein­drucks­voller Nach­weis, dass in der Stadt ein neues Gefühl für den Klub aus dem Ber­liner Westend ent­standen ist. Selbst auf der Pres­se­tri­büne sieht man jubelnde Hertha-Anhänger. Ab der 70. Minute schwappt eine Welle der Euphorie durchs Sta­dion, das Geschehen auf dem Rasen spielt da schon fast keine Rolle mehr.

Hey, was für‘n Lauf, die Hertha steigt wieder auf“

Nach Spie­lende laufen die Spieler geschlossen in die Ost­kurve. In diesen Wochen wird kein Tages­zei­tungs­in­ter­view mit einem Hertha-Prot­ago­nisten erscheinen, in dem nicht auf den wich­tigen Anteil der Anhänger am Erfolg der Mann­schaft hin­ge­wiesen wird. Die Spieler haben nach dem Schluss­pfiff ein T‑Shirt über­ge­streift. Auf­schrift: Hey, was für‘n Lauf, die Hertha steigt wieder auf.“ Die T‑S­hirt-Aktion ist keine kon­zer­tierte PR-Aktion des Klubs, son­dern die Initia­tive einer Ultra-Grup­pie­rung, die den Profis nach dem Abpfiff ein­fach eine Plas­tik­tüte voller Hemden über­geben hat. Spre­cher Bohm­bach kann nur schmun­zeln: Die Jungs ziehen alles an, was man ihnen in sol­chen Momenten in die Hand drückt.“

Das Spiel in Bochum bringt die Vor­ent­schei­dung. Der VfL hat seit 15 Spielen nicht mehr ver­loren. Hertha kann seinen Vor­sprung auf den Rele­ga­ti­ons­platz mit einem Sieg auf sieben Punkte aus­bauen. Michael Preetz steigt um 19.38 Uhr aus den Kata­komben des Ruhr­sta­dions. Wie ein Feld­herr steht er an der Bande der Nord­tri­büne. Schwarzer Ein­reiher. Ein skep­ti­scher Blick gen Tri­büne, wäh­rend sich die Mann­schaft warm macht. Geschäfts­lei­tungs­kol­lege Tom Her­rich steht bei ihm wie einst Robert Duvall als Con­si­gliere in Der Pate“ und ver­wi­ckelt ihn in eine leise Unter­re­dung. Als Fried­helm Funkel vor­bei­schlen­dert, gibt es eine ent­spannte Umar­mung. Für einen Moment brö­ckelt bei Preetz der Tun­nel­blick. Für einen kurzen.

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Party-Pyra­mide: Preetz stützt sich auf Physio Rein­hard Mörz und die Spieler Chris­toph Janker und Fanol Per­dedaj.

Pamela Spitz

Als in der 87. Minute der Bra­si­lianer Raf­fael mit einem herr­lich her­aus­ge­spielten Tor den 2:0‑Endstand mar­kiert, löst er jedoch als Aller­erster auf der Hertha-Bank die Hand­bremse. Markus Babbel, die Ersatz­spieler, keiner kann Preetz noch folgen, als der Ball im Netz ein­schlägt. Mit weit aus­ge­brei­teten Armen, so wie heute kaum noch ein Stürmer jubelt, geht er durch. Auf der Tri­büne steht ein sicht­lich gerührter Werner Gegen­bauer und sagt leise: Det hamse richtig jut jemacht.“ Ein magi­scher Moment in dieser Hertha-Serie. Der Auf­stieg?

Fast. Die Phrasen der Spieler in der Mixed Zone spie­geln kokettes Under­state­ment wider: Serie gebro­chen.“ Big Point.“ Ein großer Schritt, aber wir haben noch nichts erreicht …“ Doch kein Wort, keine Geste, bringt das see­li­sche Hoch­ge­fühl, in dem sich der gesamte Klub an diesem Mon­tag­abend in Bochum befindet, mehr auf den Punkt als der mar­kerschüt­ternde Schlag, den Michael Preetz im Vor­bei­gehen Andre Mija­tovic auf die Schulter gibt, der gerade beim Inter­view steht. Dass der Kroate nicht post­wen­dend mit einem Schleu­der­trauma in die Klinik gebracht werden muss, kann nur auf den hohen Endor­phin-Aus­stoß zurück­ge­führt werden.

Am nächsten Morgen klin­gelt das Handy des Mana­gers: Reiner Cal­mund ist dran. Er schreibt die Kolumne in einer Bou­le­vard­zei­tung und will plau­dern. Er fragt: Junge, soll ich deinem Prä­si­dium ein biss­chen Druck machen? Soll ich schreiben, dass du nach dem Auf­stieg min­des­tens acht neue Spieler brauchst?“ Preetz sagt, was er seit Beginn der Saison sagt. Dass er gedenke, mit allen aktu­ellen Leis­tungs­trä­gern auch in der Bun­des­liga zu spielen. Dass kein zen­traler Spieler abge­geben werde. Nichts für ungut, einen Ver­such sei es wert gewesen. Bess dem­nächs, Jung.“ Calli legt auf.

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Ein Mann tut seine Pflicht: Michael Preetz löst die Hand­bremse nach dem ent­schei­denden 2:0 durch Raf­fael beim Rück­spiel­sieg in Bochum.

Pamela Spitz

Ziel­flagge

Die rück­wärts­lau­fende Uhr auf der Home­page von Hertha BSC steht bei 25 Tagen, 16 Stunden, 59 Minuten und 18 Sekunden, als Hertha BSC wieder erst­klassig ist. Ein unprä­ten­tiöser 1:0‑Sieg beim MSV Duis­burg im Wedau­s­ta­dion reicht. Die Kon­kur­renz hat am Wochen­ende gepatzt. Hertha hätte sogar ein Unent­schieden gereicht.

Als der Klub vor 14 Jahren in die Bun­des­liga auf­stieg, fei­erten nach dem letzten Sai­son­spiel 22 000 Fans auf dem Ber­liner Mai­feld den Auf­stieg. Damals hatte der Klub unge­fähr 2000 Mit­glieder. Seit Anfang dieser Saison hat Hertha BSC fast 5000 neue Mit­glieder hin­zu­ge­wonnen, die neu­este Zahl liegt nun bei ins­ge­samt 23 070. Der Verein hat 344 offi­zi­elle Fan­klubs, einen sogar in Anda­lu­sien. Der Sai­son­zu­schau­er­schnitt liegt bei 46 131 Zuschauern – Welt­re­kord für einen Zweit­li­gisten. Die Hoeneß-Ära ist end­gültig Geschichte. Der Auf­stieg ist das Ende der Uner­träg­lich­keit“, sagt einer aus dem zweiten Stock der Hertha-Geschäfts­stelle. Wächst nun also zusammen, was zusam­men­ge­hören sollte – ein Verein und seine Stadt?

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Pamela Spitz

Glück ist …

Michael Preetz bekommt ein letztes Pils. Es ist inzwi­schen fast vier Uhr mor­gens in der Ober­hau­sener Hotelbar Schottes Kneipe“. Der Morgen nach Oster­montag. Die blaue Stunde. Whitney Houston schmachtet One Moment In Time“, als habe sich der betrun­kene Han­dels­rei­sende vorn am Tresen den Song extra für die Hertha-Offi­zi­ellen gewünscht. Wenn es nicht so furchtbar schmalzig wäre, könnte man fast sen­ti­mental werden.

Die Spieler liegen längst in ihren Betten. Preetz, sein alter Team­kol­lege aus Duis­burger Zeiten, Torsten Woh­lert, und Markus Babbel sind die Über­bleibsel der Auf­stiegs­nacht. Der Trainer spricht von den Beschwer­lich­keiten des Zweit­li­ga­fuß­balls. Er redet sich den Stress der Monate von der Seele. Den Stress, zum Auf­stieg ver­dammt zu sein.Babbel hat in seiner aktiven Kar­riere nie zweit­klassig gespielt. Preetz hin­gegen war stets ein Grenz­gänger zwi­schen den Ligen. 257 Spiele hat er in der Bun­des­liga absol­viert, genau eins mehr als in der zweiten Liga. Er lächelt ein iro­ni­sches Lächeln und sagt: Ganz ehr­lich: Ich habe von Auf­stiegen so was von die Nase voll.“ Heute ist er das fünfte Mal in seiner Lauf­bahn auf­ge­stiegen, als Manager das erste Mal.

Der Tag bricht an. Zeit für Anek­doten. Markus Babbel erzählt nun von Otto Reh­ha­gels rus­ti­kalen Kabi­nen­an­spra­chen in dessen Bayern-Ära und davon, wie sich die Profis über den Alt­meister lustig machten. Preetz setzt einen drauf und erin­nert an die poli­tisch frag­wür­digen Zoten seines Coachs Klaus Schlappner beim 1. FC Saar­brü­cken. Es geht vom Äst­chen aufs Stöck­chen.

Babbel drückt seine Ziga­rette in den über­quel­lenden Aschen­be­cher und gibt seinem Kol­legen einen freund­schaft­li­chen Klaps auf die Schulter.

Jetzt ham­mers packt.“

Ein kurzes Schweigen. Stille. Woh­lige Zufrie­den­heit. Glück ist, wenn das Chaos Pause macht.