Ewald Lienen, ich bin 2001 nicht zuletzt Ihret­wegen vom Zweit­li­gisten Waldhof Mann­heim zum 1. FC Köln in die Bun­des­liga gewech­selt. Sie hatten sich näm­lich nicht nur mit dem Spieler, son­dern auch dem Men­schen Hanno Balitsch sehr genau beschäf­tigt. Ich war unge­heuer beein­druckt, dass Sie sich nach meiner Familie, meinen Vor­stel­lungen vom Leben in Köln, pri­vaten Inter­essen, Hobbys sehr aus­führ­lich erkun­digt haben. Das ist in der Form danach nie mehr pas­siert. Haben Sie das bei jedem Spieler gemacht?
Glaubst du, das habe ich bei den anderen nicht gemacht?

Ich kann mir kaum vor­stellen, dass man das immer in der Form leisten kann.
Ich habe das immer so gehalten, wenn ich bei Ver­hand­lungen per­sön­lich dabei war. Im Fuß­ball geht es nicht nur um die spie­le­ri­schen Fähig­keiten. Ich muss als Trainer auch darauf achten, mit was für einem Men­schen ich es zu tun habe. Kann ich einen Draht zu ihm ent­wi­ckeln? Ist er coachbar? Kann er sich in eine Mann­schaft ein­fügen? Gehört er zu den Spie­lern, die Ver­ant­wor­tung über­nehmen wollen? Denn die braucht jede Mann­schaft. Bei einem Spieler in deinem Alter, du warst damals gerade 20 Jahre alt, stellte sich zudem die Frage, ob du schon bereit warst für den Schritt weg von zu Hause in eine andere Stadt.

Wie wichtig sind solche Gespräche für Sie bei der Ver­pflich­tung eines Spie­lers? 
Wenn ich jemanden dazu ein­ge­laden habe, ist vorher schon eine Menge pas­siert. Der Spieler ist mehr­fach gesichtet und seine sport­liche Qua­lität dabei positiv bewertet worden. Außerdem kann man in der Spiel­be­ob­ach­tung auch die Per­sön­lich­keit eines Spie­lers ganz gut erkennen. Wie seine Kör­per­sprache ist, sein Ver­halten gegen­über Kol­legen oder dem Schieds­richter. Wie reagiert er auf ver­än­derte Spiel­si­tua­tionen, auf Gegen­tore etwa. Wenn wir dann zusam­men­sitzen, habe ich mich über­dies bei alten Trai­nern des Spie­lers oder ehe­ma­ligen Mit­spie­lern von ihm erkun­digt. Also habe ich selten mit jemandem zusam­men­ge­sessen, bei dem ich schon vorher das Gefühl hatte: Da stimmt was nicht.

Ist trotzdem mal einer im Gespräch durch­ge­fallen?
Wir waren im Jahr 2000 beim 1. FC Köln an dem Bul­garen Christo Jowow inter­es­siert, der mal bei 1860 Mün­chen gespielt hatte. Das war ein super Fuß­baller, aber beim Treffen mit ihm haben wir viele Dinge erlebt, nach denen wir hätten sagen müssen: Lass die Finger davon! Wir sind nach Sofia geflogen, wo uns sein Vater und Bruder abge­holt und 150 Kilo­meter in ihr Hei­mat­dorf gefahren haben. Dort hat uns der Spieler erst einmal warten lassen, kam dann im Schlaf­anzug die Treppe runter und pflaumte seine Leute wie ein Pascha an. Das war unter­ir­disch, aber wir standen unter Zeit­druck und haben ihn trotzdem ver­pflichtet. In der Sai­son­vor­be­rei­tung hat er groß­artig gespielt, es stellte sich aber raus, dass er den Ver­trag noch gar nicht unter­schrieben hatte. Einen Tag vor der offi­zi­ellen Mann­schafts­vor­stel­lung kam er zu mir ins Büro und for­derte 40 Pro­zent mehr Gehalt. Da habe ich ihm den Auto­schlüssel für den Wagen abge­nommen, den er vom Klub bekommen hat und ihn zum Manager geschickt. Dort wurde sein Ver­trag zer­rissen. Dadurch habe ich als damals noch junger Trainer schon gelernt, dass es eben nicht nur auf die spie­le­ri­sche Qua­lität ankommt.

Muss sich ein Trainer für jeden Typus Spieler eine indi­vi­du­elle Ansprache zurecht­legen oder sogar für jeden Ein­zelnen?
Das hat sich bei mir im Laufe der Jahre deut­lich ver­än­dert, weil ich viel dazu­ge­lernt habe. Ich habe es als Spieler selber nie gebraucht, nach einer guten Leis­tung gelobt zu werden. Des­halb habe ich mich als Trainer anfangs falsch ver­halten, weil ich darauf ver­zichtet habe. Denn es gibt Spieler, die gelobt werden müssen, wenn sie gut gespielt haben. Des­halb arbeite ich inzwi­schen mit psy­cho­lo­gi­schen Pro­filen, welche beson­dere Antriebe und Anfor­de­rungen unter­schied­liche Spieler haben.

Rich­tige Ernäh­rung war Ihnen immer sehr wichtig. In Köln haben Sie mir noch einen Vor­trag dar­über gehalten, als Sie eine McDonald’s‑Tüte in meinem Auto gesehen haben. Drei Jahre später in Han­nover habe ich Sie in der Frage schon lockerer erlebt. Hatten Sie Ihre Hal­tung geän­dert?
Ich war in meiner Sturm-und-Drang-Zeit zuge­ge­be­ner­maßen etwas dog­ma­tisch und habe Dinge, die ich per­sön­lich für richtig gehalten habe, jedem mit­zu­teilen ver­sucht. Damals habe ich auch kaum eine andere Mei­nung zuge­lassen, weil ich tau­send­pro­zentig von meiner über­zeugt war. Heut­zu­tage würde ich in einem sol­chen Fall eher sagen: Kauf dir Aktien von McDonald’s, aber fressen soll­test du das Zeug bes­ten­falls einmal in der Woche.“ Aber man darf nicht ver­gessen: Damals gab es in jeder Mann­schaft eine Hand­voll Spieler, die schlicht und ein­fach über­ge­wichtig waren, die einige Kilo­gramm oder einige Pro­zent Fett zu viel hatten. So etwas kann man bis zu einem gewissen Grad übers Laufen aus­glei­chen, aber letzt­lich geht es nur über die Ernäh­rung. Und es gab Spieler, die haben jeden Tag einen Liter Cola getrunken – da will ich jetzt nie­manden angu­cken.

Wegen Ihres harten Trai­nings habe ich den ganzen Zucker in der Cola kom­plett ver­brannt.
Daran habe ich keinen Zweifel. Ich hatte in Duis­burg einen Spieler, bei dem fuß­bal­le­risch alles stimmte, der aber nach einer Stunde Spiel­zeit immer ein­ge­bro­chen ist. Irgend­wann habe ich zu ihm gesagt: Du qualmst doch.“ Da hat er gesagt: Stimmt Trainer, aber keine zwei Schach­teln am Tag.“ Schön, dass es nur andert­halb waren. Aber diese Zeiten sind sowieso vorbei, weil die meisten Spieler heute nicht mehr rau­chen und sich ver­nünftig ernähren. Früher haben alle gesoffen, geraucht, Mist gegessen und falsch trai­niert. Und weil es alle gemacht haben, hat das auch keinen Unter­schied gemacht.

Wir haben in Köln leider nur ein gutes halbes Jahr zusam­men­ge­ar­beitet, und ich fand das Ende damals sehr häss­lich. Einige Spieler hatten über eine Bou­le­vard­zei­tung lan­ciert, dass es eine Abstim­mung gegen Sie gebe, obwohl das nicht stimmte. Da haben die Medien ihre Macht aus­ge­spielt. Ich selbst denke, dass ich mich in meiner Kar­riere in einigen Situa­tionen eher damit hätte arran­gieren müssen. Sie auch?
Das kann ich so unter­schreiben. Ich war anfangs als Trainer sehr rigoros in meiner Hal­tung gegen­über Bou­le­vard­jour­na­listen und habe mich zu wenig kon­struktiv und sozi­al­ver­träg­lich gezeigt. Ich hatte da ein gewisses Feind­bild auf­ge­baut und nicht bedacht, dass diese Leute mit ganz anderen Mit­teln zurück­schlagen können. Außerdem muss ich zugeben, dass ich letzt­lich so viele böse Reporter gar nicht erlebt habe, die Geschichten erfinden oder ein­fach die Unwahr­heit schreiben. Das gab es zwar, aber die meisten Jour­na­listen füllen ihren Job letzt­lich ver­nünftig und ehren­voll aus. Im Laufe der Jahre bin ich immer ent­spannter damit umge­gangen. Zumal ich ver­standen habe, dass der Fuß­ball ohne die Medien nicht über­leben kann.

Ich habe in der letzten Saison in Nürn­berg Head­lines über mich lesen müssen, dass ich ein Stink­stiefel“ oder ein Mie­se­peter“ sei. Das stimmt genauso wenig wie das öffent­liche Bild von Ihnen als ver­bis­senem Trainer. Ich habe Sie näm­lich immer als beson­ders humor­voll erlebt. Haben solche fal­schen Kate­go­ri­sie­rungen dazu bei­getragen, dass Sie in Deutsch­land schon länger keinen Job mehr bekommen haben?
Das ist durchaus mög­lich. Von vielen Leuten, die in der Öffent­lich­keit stehen, werden sowieso völlig ver­quere und ober­fläch­liche Bilder gezeichnet. Und im Internet-Zeit­alter über­leben sie auch noch ewig. Aller­dings sehe ich ein grö­ßeres Pro­blem darin, dass viele Ver­eins­ver­ant­wort­liche, die letzt­lich die Ent­schei­dungen treffen, dafür gar nicht die nötige Kom­pe­tenz haben. Da sitzen dann Ver­treter von Spon­soren im Auf­sichtsrat und ent­scheiden über einen Trainer, das passt oft nicht.