E‑Mails können ein Leben ver­än­dern. Am Morgen des 15. Oktober war Harez Habib nur ein flei­ßiger Poli­tik­stu­dent an der Uni Göt­tingen. Als er an diesem Tag jedoch seine Mails checkte, traute er seinen Augen nicht: Im Anhang an eine freund­liche Nach­richt des Natio­nal­trai­ners fand er dort in Eng­lisch die offi­zi­elle Ein­la­dung des afgha­ni­schen Fuß­ball­ver­bandes als Spieler zum WM-Qua­li­fi­ka­ti­ons­spiel gegen Syrien zu kommen. Der 25-jäh­rige Mit­tel­feld­re­gis­seur des wenig erfolg­rei­chen Kas­seler Ober­li­gisten FSC Loh­felden war soeben zum Michael Bal­lack eines Landes mit fast viermal soviel Ein­woh­nern wie EM-Gast­geber Öster­reich beför­dert worden, fast zweimal so groß wie Deutsch­land.

Nur ein paar Kilo­meter ent­fernt in seiner Kas­seler Bude starrte auch Yusuf Barak etwas ungläubig auf den Bild­schirm seines Rech­ners. Der 22-jäh­rige Loh­felden-Ver­tei­diger wurde eben­falls per Mail zum afgha­ni­schen Natio­nal­spieler hoch gelobt – und zum Län­der­spiel elf Tage später in Tadschi­ki­stans Haupt­stadt Duschanbe gebeten. Seit er als Sechs­jäh­riger mit seiner Familie aus dem afgha­ni­schen Kriegs­ge­biet flüch­tete, war er nicht mehr in der Heimat gewesen. Nun sollte der Volks­wagen-Azubi als Natio­nal­spieler dorthin zurück­kehren.

Was war pas­siert? Kurt Felix, der seine Späße jetzt in zyni­sche Spam-Mails ver­packt? Ein aggres­siver Killer-Virus? Im Gegen­teil. Die Ein­la­dung war ein Hil­feruf von Klaus Stärk, dem vom DFB ent­sandten Natio­nal­coach im afgha­ni­schen Kri­sen­ge­biet. Der Deut­sche war mit seinem Kader bereits im Trai­nings­lager in Tadschi­ki­stan ein­ge­troffen, doch jede sinn­volle Ver­stär­kung war ihm recht. Schließ­lich war mit einem hohen Rück­spiel­sieg im K.O.-Match gegen Syrien die Teil­nahme an der WM-Vor­runde in der Asien-Gruppe mög­lich.

Bei der 3:0‑Hinspiel-Niederlage in Syrien hatte Stärk auch Ata Yam­rali vom ASV Ber­ge­dorf berufen. Dem Exil-Afghanen aus dem Ham­burger Vorort wie­derum waren Habib und Barak beim Ariana-Cup“ auf­ge­fallen, einem Frei­zeit­tur­nier in der Han­se­stadt, zu dem 15 Städ­te­teams bestehend aus Exil-Afghanen aus dem gesamten Bun­des­ge­biet anreisten. In ihren Mann­schaften – Barak trat für Pader­born an, Habib für die Kas­seler Aus­wahl – ent­puppten sich beide als Füh­rungs­spieler. Yam­rali fragte, ob er den Kon­takt zum Natio­nal­coach Stärk her­stellen solle. Die beiden Ober­liga-Kicker aus Hessen wil­ligten erfreut ein. Es folgten ein paar kurze Tele­fo­nate mit Stärk, der durch seine Tätig­keit als Ent­wick­lungs­helfer in Sachen Fuß­ball das Impro­vi­sieren gelernt hat. Bevor er im Sep­tember 2003 in Afgha­ni­stan anfing, arbei­tete er im Libanon, in der Mon­golei und in Kasach­stan.

Syrien bat, das Spiel wegen nicht in Afgha­ni­stan aus­zu­tragen

Nun aber war schnelles Han­deln gefragt. Die beiden Exil-Afghanen mussten sich die Flüge nach Duschanbe selbst buchen. 24 Stunden vor dem Anpfiff setzte die Maschine mit den Kickern aus Hessen, Ata Yam­rali und einem wei­teren Ama­teur­spieler, Obai­dullah Karimi von Ein­tracht Nor­der­stedt, auf dem Flug­hafen der tadschi­ki­schen Haupt­stadt auf. Das syri­sche Team hatte auf­grund der unsi­cheren Situa­tion und der stän­digen Gefahr von Anschlägen darum gebeten, das Spiel nicht in Afgha­ni­stan aus­zu­tragen. Da die Flut­licht­an­lage im Natio­nal­sta­dion in Duschanbe nicht den FIFA-Auf­lagen ent­sprach, hatte der Welt­ver­band zudem ent­schieden, den Anpfiff von 20 Uhr auf 13 Uhr vor­zu­ver­legen.

Es blieb also exakt eine Trai­nings­ein­heit mit dem Kader, um sich für einen Ein­satz zu emp­fehlen. Habib, der 1985 als Drei­jäh­riger nach Deutsch­land kam, machte sich wenig Hoff­nungen: Es war schon genug der Ehre, über­haupt dabei sein zu dürfen.“ Doch das tak­ti­sche Ver­ständnis, das die beiden Ober­liga-Spieler aus Deutsch­land offen­barten, über­zeugte den Natio­nal­trainer und seinen Assis­tenten Ali Askar Lali, der lange in Pader­born gelebt hat. Stärk beor­derte Habib und Barak in die Startelf. Mur­rend nahmen dafür zwei Profis vom afgha­ni­schen Meister FC Kabul Bank auf der Ersatz­bank Platz.

Am 26. Oktober 2007 standen Harez Habib und Yusuf Barak also in der Mit­tags­sonne von Duschanbe auf dem aus­geb­li­chenen Rasen des Zen­tral­sta­dions und lauschten den Klängen der Natio­nal­hymne Soroud-e-Melli“. Der afgha­ni­sche Kanal Ariana TV“ über­trug das Spiel live in 41 Länder, rund zehn Mil­lionen Afghanen fie­berten vor den Bild­schirmen mit. Wäh­rend die Spit­zen­spiele in Loh­felden im Höchst­fall 500 Zuschauer mobi­li­sieren, waren nun 2000 im Sta­dion. Yusuf Barak war von seinem Ortho­päden in Deutsch­land kurz vor der Abreise unter­richtet worden, dass er zwei Leis­ten­brüche habe. Noch in der Umkleide plagten ihn so schlimme Bauch­schmerzen, dass er fürch­tete, nicht auf­laufen zu können. Nun schossen ihm bei der Hymne die Tränen in die Augen und das Adre­nalin betäubte das unan­ge­nehme Ziehen im Unter­leib. Erst in diesem Moment begriff ich, was für eine unglaub­liche Geschichte mir wider­fuhr.“

Einen Pass von Habib voll­streckte Karimi

Stärk hatte eine Mixtur aus sieben Leis­tungs­trä­gern vom Meister FC Kabul Bank und vier deut­schen Exi­lanten auf­ge­boten. Schon nach wenigen Minuten folgte das Team den Kom­mandos von Habib im zen­tralen Mit­tel­feld. Mit Erfolg. Eine deutsch-deut­sche Co-Pro­duk­tion brachte die Not-Truppe nach 15. Minuten in Füh­rung. Einen Pass von Habib voll­streckte Karimi aus Nor­der­stedt zum 1:0. Ein geschichts­träch­tiger Moment, von dem auf dem Platz noch nie­mand etwas ahnte: Es war das erste Pflicht­spieltor einer afgha­ni­schen Natio­nalelf seit dem Ein­marsch der sowje­ti­schen Truppen 1979. Im Krieg hatte es keinen orga­ni­sierten Fuß­ball gegeben. Wäh­rend des Taliban-Regimes drohte jedem Afghanen, der den Sport aus­übte, eine Gefäng­nis­strafe. Erst mit der Demo­kra­ti­sie­rung 2003 kehrte das Spiel nach Afgha­ni­stan zurück.

Habib und Barak wurden ohne ihr Wissen zu Geburts­hel­fern einer neuen Fuß­ball-Euphorie in ihrer Heimat. Einer Heimat, die sie fast nur noch aus den Erzäh­lungen der Eltern und den Fern­seh­be­richten kannten. In ganz Afgha­ni­stan gibt es nur ein Sta­dion, das über einen Rasen­platz ver­fügt
– das 60 000 Zuschauer fas­sende Olym­pia­sta­dion in Kabul. Und auch das ist ein bes­serer Acker, weil fast alle Liga­spiele dort aus­ge­tragen werden. In dem Wissen, dass es den Team-Kol­legen am Nötigsten man­gelt, brachten die beiden Kicker aus Hessen 20 Auf­wärm­tri­kots als Geschenk für die Mann­schaft mit.

Am Ende siegte Syrien mit 2:1. Doch Afgha­ni­stan fei­erte, als gäbe es kein Morgen. Mäd­chen kamen mit ihren Müt­tern von der Tri­büne und umringten mit Tränen der Rüh­rung in den Augen die Spieler. Habib und Barak mussten Auto­gramme schreiben und in die Mikro­phone von wild ges­ti­ku­lie­renden Repor­tern spre­chen. Die Ersatz­spieler fielen den beiden Hessen um den Hals und ver­si­cherten nun: Für euch setzen wir uns gerne auf die Bank.“ Bei den Eltern in Kassel stand das Telefon nicht mehr still. Bekannte aus Afgha­ni­stan riefen an, um sich zu bedanken und zu gra­tu­lieren. Habib erklärt: Die haben sich gefreut, dass wir aus Deutsch­land unsere Ärsche dahin bewegt haben, um mit­zu­helfen.“ Für den ange­henden Poli­to­logen und Sozi­al­psy­cho­logen war die Reise nach Tadschi­ki­stan auch die Chance, Ver­ant­wor­tung zu zeigen. Unsere Flucht nach Deutsch­land war ein großes Glück für mich und meine Familie – es wird Zeit, dass wir etwas davon zurück­geben.“

Das Wochen­ende ver­brachten die Ober­liga-Spieler mit einem Groß­teil des Kaders in Duschanbe. Immer wieder fiel den Exi­lanten auf, dass ihnen doch die eine oder andere Dari-Vokabel fehlte. Aber der Fuß­ball als bin­dendes Ele­ment half über die kleinen Sprach­hin­der­nisse hinweg.

Gemeinsam bum­melte das Team durch die Innen­stadt, in der die Armut an jeder Stra­ßen­ecke sichtbar war. Beim Essen kam ein bet­telnder Junge an den Tisch der Mann­schaft. Statt dem Kind Geld zu geben, luden ihn die Spieler ein. Habibs schlichte Bilanz seiner emo­tio­nalen Reise: Die drei schönsten Momente: Die Hymne, die Tränen nach dem Spiel – und schließ­lich die Freude dieses Kindes über einen Happen Essen.“ Der Stoff, aus dem die Helden sind.

Diens­tags drauf stand Yusuf Barak wieder brav an der Werk­bank bei VW. Harez Habib besuchte pünkt­lich sein Seminar an der Uni. Doch etwas in ihrem Leben hatte sich ver­än­dert. Lokal­re­porter gaben sich plötz­lich bei ihnen die Klinke in die Hand. In der Nach­bar­schaft fingen die Leute an zu winken, wenn die Kicker auf der Straße vorbei gingen. Bei einer Rede des Werks­lei­ters vor 800 Azubis wurde Barak lobend erwähnt. Doch endete mit dem Aus in der WM-Quali auch der Fuß­ball-Traum der beiden Ama­teure aus der Ober­liga? Nein. Afgha­ni­stan will im Früh­jahr bei den Süd­ost­asien-Meis­ter­schaften antreten. Und irgend­wann wollen Habib und Barak – der sagt: Ich trau’ mich nicht allein zurück, es ist dort immer noch sehr gefähr­lich“ – mit der Mann­schaft dann in Kabul im Olympia-sta­dion auf­laufen. Und end­lich heim­kehren. Bis es soweit ist, che­cken sie regel­mäßig ihren Mail-Account.