Seite 2: Werder bereitet sich auf den „Worst Case“ vor

Wie prekär die Lage auch hier­zu­lande ist, kam bisher in der breiten Öffent­lich­keit nicht an. Weil bis­lang noch kein Klub pleite gegangen ist, wirkt die Krise inzwi­schen leid­lich beherrschbar. Doch das ist sie nicht. Ein kleiner Verein wie Arminia Bie­le­feld, der gerade erst in einem enormen Kraftakt fast zwanzig Mil­lionen Euro Schulden abge­schüt­telt und solide gewirt­schaftet hat, wäre ohne den Auf­stieg in die Bun­des­liga bereits wieder hoch ver­schuldet. Der FC Schalke 04, eine Größe im deut­schen Fuß­ball, hätte ohne die Bürg­schaft des Landes Nord­rhein-West­falen nir­gendwo mehr Kredit bekommen. Bei Werder Bremen schließ­lich müssen die Spieler auch in der eben anlau­fenden Saison kol­lektiv auf zwanzig Pro­zent ihres Gehalts ver­zichten, damit das ohnehin klaf­fende Loch in zwei­stel­liger Mil­lio­nen­höhe nicht noch größer wird. 

An der Weser war es schon im Früh­jahr beson­ders eng gewesen, was Geschäfts­führer Klaus Filbry damals mit einem hin­rei­ßenden Dementi zurück­ge­wiesen hatte: Dass wir hier morgen die Lichter aus­knipsen, würde ich so nicht sehen“, hatte er ver­kündet. Es würden nun Ideen ent­wi­ckelt, um auf den Worst Case vor­be­reitet zu sein“. Eine dieser Ideen war weder neu noch ori­gi­nell, sie lau­tete schlicht: neue Schulden in hor­render Höhe auf­nehmen. Nun gilt Werder trotz der finan­zi­ellen Schief­lage noch als ver­gleichs­weise seriös. Für zahl­reiche Klubs in der zweiten und dritten Liga stellt sich die Lage noch viel dra­ma­ti­scher dar. Je nied­riger die Spiel­klasse, desto größer die Abhän­gig­keit von Zuschau­er­ein­nahmen, desto näher die Insol­venz und desto geringer die Bereit­schaft seriöser Kre­dit­in­sti­tute, aber­mals fri­sches Geld zur Ver­fü­gung zu stellen. Es ist kein Zufall, dass die strengen Lizen­zie­rungs­re­geln der Bun­des­ligen der­zeit weit­ge­hend außer Kraft gesetzt sind. Beim Blick in die Bücher vieler deut­scher Zweit­li­gisten müsste jeder Prüfer hek­tisch zum Riech­salz greifen, so aben­teu­er­lich sind bis­weilen die Finan­zie­rungs­kon­strukte, bis hin zur Belei­hung weit in der Zukunft lie­gender TV-Zah­lungen, von denen nie­mand weiß, ob sie tat­säch­lich in dieser Höhe aus­ge­zahlt werden. Und es wird die deut­schen Ver­eine nicht trösten, dass die Situa­tion euro­pa­weit ähn­lich prekär ist.

130 Mil­lionen für den FC Bayern – allein aus der Cham­pions League

Eigent­lich müsste es ja ein mani­festes Inter­esse aller Klubs und aller Funk­tio­näre geben, das über viele Jahr­zehnte so ertrag­reiche System gemeinsam durch diese Krise zu bringen, durch finan­zi­elle Hilfen, durch Soli­da­rität, durch Unter­stüt­zung. Es steht außer Zweifel, dass der Fuß­ball sowohl auf natio­naler als auch auf euro­päi­scher Ebene viel errei­chen könnte, würde er gemeinsam an Lösungen arbeiten. Ein Soli­dar­fonds könnte ent­stehen, eine tem­porär andere Ver­tei­lung der TV-Gelder, vor allem aber eine Dis­kus­sion dar­über, wie die Fuß­ball­in­dus­trie nach der Krise wei­ter­ma­chen will. 

Statt­dessen hat sich vor allem der inter­na­tio­nale Spit­zen­fuß­ball auf die bequeme wie sozi­al­dar­wi­nis­ti­sche Posi­tion zurück­ge­zogen, dass ihn die Krise nicht betrifft, dass ihn die Pro­bleme der kleinen und mitt­leren Ver­eine schlicht nichts angehen. Und auf den ersten Blick stimmt das sogar. Der FC Bayern, der FC Liver­pool, Juventus Turin oder Man­chester City, sie alle haben zwar auch Mil­lionen ver­loren, weh­getan haben den Großen die Ver­luste aber aus ver­schie­denen Gründen nicht. Teil­weise, weil ihre Eigner unge­rührt Kapital nach­schießen, vor allem aber, weil die ver­läss­lich ein­tref­fenden Geld­flüsse aus der Cham­pions League die meisten Aus­fälle kom­pen­sieren. Allen voran natür­lich beim FC Bayern, der allein aus der letzten Cham­pions-League-Saison über 130 Mil­lionen Euro über­wiesen bekommen wird.

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Dieser uner­schüt­ter­liche Glaube, mit den Ver­wer­fungen der Corona-Krise nicht viel mehr zu tun zu haben, als auch ein paar Wochen lang keine Fans ins Sta­dion lassen zu dürfen, treibt nun seit Wochen und Monaten schon die son­der­barsten Blüten. Sei es der abge­ho­bene Rosen­krieg zwi­schen Leo Messi und dem FC Bar­ce­lona, sei es die stän­dige pan­to­mi­misch dar­ge­bo­tene Unlust eines Gareth Bale bei Real Madrid oder sei es der dahin­ge­plap­perte Satz von Karl-Heinz Rum­me­nigge nach dem Cham­pions-League-Sieg, das sei nun aber wirk­lich das größte Spek­takel, das ich jemals erleben durfte“. Es waren alles über­deut­liche Zei­chen, ein­fach heiter weiter machen zu wollen wie bisher. Und das gilt bei­leibe nicht nur für die Funk­tio­näre, son­dern leider auch für viele Spieler, die sich voll­kommen von der gesell­schaft­li­chen Rea­lität abge­kop­pelt haben, beför­dert von Bera­tern und Ein­flüs­te­rern, denen schon der Gedanke auf kurz­zei­tigen Ver­zicht den Angst­schweiß auf die Stirn treibt. Doch diese Denk­weise ist kurz­sichtig, unter­schätzt sträf­lich die Kom­ple­xität des Fuß­ball­ge­schäfts und wird den großen Klubs mit immenser Wucht auf die Füße fallen.

Denn auch wenn die mäch­tigen CEOs von Kalle Rum­me­nigge über Bar­ce­lonas Oscar Grau bis hin zu Andrea Agnelli von Juventus es nicht wahr­haben wollen, funk­tio­niert das Fuß­ball­ge­schäft wie ein kom­plexes Öko­system, in dem alle Ver­eine viel­fäl­tige, bis­weilen spek­ta­ku­läre und bis­weilen ganz unschein­bare Auf­gaben haben. Wer glaubt, an der Spitze ein aut­arkes Sub­system errichten zu können, wird schei­tern. Um im Bild zu bleiben: Ein Baum kann nicht über­leben, wenn die Wur­zeln kein Wasser nach oben leiten. So wichtig also für dieses System Giganten wie der FC Bayern, der FC Liver­pool oder Real Madrid sind, deren Stars in den großen Arenen und vor den Fern­seh­ge­räten die Massen begeis­tern, so ele­mentar sind auch die Klubs mit regio­naler Strahl­kraft wie Ein­tracht Frank­furt, Sam­pdoria Genua oder OGC Nizza, so uner­setz­lich sind aber auch die Teil­nehmer aus der Dritten Liga, die Zulie­ferer von Talenten aus den Regio­nal­ligen und anderen Ama­teur­klassen. Und dabei geht es nicht um fuß­ball­kul­tu­relle Aspekte, son­dern um die wirt­schaft­liche Funk­ti­ons­fä­hig­keit der ganzen Branche.