Seite 3: Die Zukunft vom FC Bayern entscheidet sich auch in Duisburg

Denn das Antriebs­modul des Fuß­ball­sys­tems ist ja nicht die Gegen­wart, son­dern die Zukunft. Sämt­liche Inves­ti­tionen, die in dieser Branche getä­tigt werden, zahlen auf sie ein. Das gilt für die euro­päi­sche Spitze, wo der Staat Katar Unsummen in Paris Saint-Ger­main pumpt, bloß um end­lich mal die ver­dammte Cham­pions League zu gewinnen, das gilt für Borussia Dort­mund, das mit oder ohne Lucien Favre end­lich wieder an den Bayern vorbei will, das gilt aber auch genauso für die Dritte Liga und den 1. FC Kai­sers­lau­tern, der gerade erst klein­laut Insol­venz ange­meldet hat, dann aber einen Investor vor­stellt, der gar nicht anders kann, als sofort wieder zwang­haft von der Bun­des­liga zu reden. Dar­über mag man lachen und als FCK-Fan viel­leicht auch den Kopf schüt­teln, am Ende sind es diese und viele andere Hoff­nungen, die die Branche antreiben.

Genau diese Hoff­nungen sterben gerade jedoch, ganz massiv und überall in Europa. Schon vor der großen Krise waren die Unter­schiede zwi­schen den Klubs in den natio­nalen Ligen auf so unap­pe­tit­liche Weise gewachsen, dass die Seri­en­meister aus Turin, Mün­chen oder Salz­burg streng­ge­nommen schon vor der Saison ihre Tro­phäen hätten über­reicht bekommen sollen. Wer in Ita­lien hat eigent­lich noch Hoff­nung, irgend­wann mal an Juventus vor­bei­zu­ziehen? Nach dem Aus­nah­me­zu­stand wird diese Kluft jedoch noch einmal auf gro­teske Weise gewachsen sein. Denn ganz egal, wie schnell wieder Zuschauer in die Sta­dien gelassen werden, wird die Corona-Krise unzäh­lige hoch­ver­schul­dete Ver­eine zurück­lassen. Und die auf­ge­nom­menen Kre­dite, ob staat­lich oder privat, werden den Klubs auf viele Jahre den Spaß am Fuß­ball nehmen und ihre Hand­lungs­fä­hig­keit so sehr ein­engen, dass das System, das von stän­digem Aus­tausch, von Ver­net­zung und Koope­ra­tion lebt, im schlimmsten Falle kol­la­bieren wird. Durch Pleiten, durch die Über­nahme vieler Ver­eine durch Inves­toren, durch einen dann voll­ends ver­ödeten, sport­li­chen Wett­be­werb. 

Eine dys­to­pi­sche Pro­gnose, die zunächst einmal für die euro­päi­schen Pro­fi­ligen gilt, die flä­chen­de­ckend ver­kraften müssen, dass nicht nur die Zuschau­er­ein­nahmen auf abseh­bare Zeit weg­fallen, son­dern im nächsten Jahr auch viele Mil­lionen Euro weniger TV-Ein­nahmen über­wiesen werden. Das gilt aber noch viel mehr für die unteren Spiel­klassen, in Deutsch­land vor allem für die ohnehin absurd unter­fi­nan­zierte Dritte Liga und die Regio­nal­ligen.

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Um das mal kon­kret an einem eher unspek­ta­ku­lären Kan­di­daten aus Deutsch­land, dem MSV Duis­burg, zu erzählen: Im Ide­al­fall wäre der Tra­di­ti­ons­verein seit langer Zeit ein leben­diger und wirt­schaft­lich sta­biler Fuß­ball­klub der Mit­tel­klasse, der in der zweiten Liga kickt, Talente aus der Region för­dert und die Men­schen in Duis­burg für den Fuß­ball begeis­tert. In der Rea­lität pen­delt der MSV seit Jahren unstet zwi­schen zweiter und dritter Liga und hat vor sieben Jahren schon mal eine exis­tenz­be­dro­hende Krise inklu­sive Lizenz­entzug durch­ge­macht. Dass damals 12 Mil­lionen Euro Schulden erlassen wurden, hat in der Corona-Krise auch nur bedingt geholfen. Prä­si­dent Ingo Wald ver­kün­dete im Früh­jahr, die Lage sei viel­leicht sogar noch ernster als 2013“!

Soli­da­ri­sches Han­deln? Nun ja…

Nun hat der MSV in den ver­gan­genen Jahren sicher viele Fehler gemacht, wirt­schaft­liche wie sport­liche. Und in dieser Saison trotz kom­for­ta­blem Punk­te­polster und langer Tabel­len­füh­rung nicht in die zweite Liga auf­ge­stiegen zu sein, ist noch mal eine spe­zi­elle Duis­burger Doof­heit. Und trotzdem ist es keine Alter­na­tive für den Spit­zen­fuß­ball, Klubs wie den MSV oder Ein­tracht Braun­schweig oder auch Hansa Ros­tock ach­sel­zu­ckend bei der Bewäl­ti­gung der Corona-Krise sich selbst zu über­lassen. Diese Ver­eine sind sys­te­misch wichtig für die Funk­ti­ons­fä­hig­keit des Fuß­balls hier­zu­lande, und es wird aller­höchste Zeit, dass die großen Ver­eine das erkennen und danach han­deln. Bisher gibt es nicht einmal Anzei­chen dafür, dass sich in der Bun­des­liga die Vor­züge soli­da­ri­schen Han­delns her­um­ge­spro­chen hätten. Nicht einmal bei der Frage, wie Zuschauer wieder zurück in die Sta­dien kommen können, konnte man sich auf ein gemein­sames Vor­gehen einigen. Es mag den Dort­mun­dern, Lever­ku­se­nern, Glad­ba­chern, Münch­nern wider­sinnig erscheinen, sich für dar­bende Dritt- und Viert­li­gisten ein­zu­setzen. Dabei ist dieses Enga­ge­ment eines, das ihnen mit­tel­fristig selbst zugu­te­kommen wird.

Das gilt natür­lich auch für die anderen euro­päi­schen Ligen. PSG und Olym­pique Mar­seille tun gut daran, sich für unter­klas­sige Klubs wie Auxerre und Gre­noble ein­zu­setzen. Juventus und Inter müssen sich für Zweit­li­gisten wie Chievo Verona und den FC Empoli ver­wenden. Und die Zukunft des FC Bayern ent­scheidet sich nicht nur in Mün­chen, son­dern auch in Duis­burg und Braun­schweig.