Sport­lich war es ein gelun­gener Frei­tag­abend für Han­nover 96. Die Nie­der­sachsen besiegten aus­wärts den 1. FC Mag­de­burg mit 4:0, fei­erten den zweiten Sieg in Folge und konnten sich so auf Platz neun der Tabelle in der 2. Bun­des­liga vor­ar­beiten. Doch nach Spiel­schluss mussten die Ver­ant­wort­li­chen der Han­no­ve­raner auch unschöne Szenen zur Kenntnis nehmen. Wäh­rend die 96-Fans wäh­rend des Spiels noch im eigenen Block zün­delten, soll nach Ende der Partie eine Leucht­ra­kete in den benach­barten Block der Heim­fans geflogen sein. Gewalt­be­reite Mag­de­burger Anhänger suchten im Innen­raum des Heinz-Krügel-Sta­dions, vor dem Aus­wärts­block dar­aufhin die Kon­fron­ta­tion. Es kam zu Schlä­ge­reien zwi­schen beiden Fan­la­gern und Ord­nungs­kräften. Erst als die Polizei dazu kam, löste sich der tät­liche Kon­flikt all­mäh­lich auf. Han­nover 96 ist derlei Ver­halten der eigenen Anhänger satt – und möchte nun durch­greifen.

In einem State­ment ver­kün­dete der Verein, die zu erwar­tende Geld­strafe des DFB für das Benehmen der Fans in Mag­de­burg nicht berappen zu wollen. Bereits in den ver­gan­genen vier Monaten ist es zu Vor­fällen gekommen. Für den Ein­satz von Pyro­technik bei den Spielen gegen den Karls­ruher SC und beim Ham­burger SV am Ende der Vor­saison sind Strafen in Höhe von rund 120.000 Euro fällig geworden“, teilte der Verein auf der eigenen Home­page mit. Han­nover 96 ist nicht mehr bereit, für diese aus­ufernden, unnö­tigen Kosten auf­zu­kommen, und behält sich vor, geeig­nete Maß­nahmen zu defi­nieren, um darauf zu reagieren“, fügte der Klub an. Mehr noch: 96 stellt das aktu­elle Stra­fen­kon­zept des Ver­bandes grund­sätz­lich in Frage: Diese Vor­ge­hens­weise ist nicht länger zu ver­treten. Han­nover 96 wird hierbei aktiv den Aus­tausch mit anderen Klubs suchen. Erste Gespräche wurden bereits initi­iert.“ Bahnt sich etwa eine Stra­fen­re­vo­lu­tion im deut­schen Pro­fi­fuß­ball an, ange­zet­telt von Han­nover 96?

Einmal Pyro kostet 1.000 Euro

Rück­blick: Seit 2018 ver­hängt der DFB Strafen nach dem aktu­ellen Muster für Fehl­ver­halten von Anhän­gern auf den Rängen: Jeder abge­brannte pyro­tech­ni­sche Gegen­stand etwa kostet seitdem 1.000 Euro in der Bun­des­liga, 600 in der 2. Bun­des­liga. Naja, eigent­lich han­dele es sich bei den Beträgen, die die Ver­eine zahlen sollen, gar nicht um Strafen, son­dern um prä­ven­tive Maß­nahmen – damit Fuß­ball­spiele künftig ord­nungs­gemäß durch­ge­führt werden könnten. So argu­men­tierte zumin­dest der Bun­des­ge­richtshof im November des ver­gan­genen Jahres, als Regio­nal­li­gist Carl Zeiss Jena gegen die Recht­spre­chung des DFB klagte, weil die Thü­ringer 25.000 Euro zahlen sollten. Jena wollte so die Geld­strafe wegen Ver­feh­lungen des eigenen Anhangs in ins­ge­samt drei Spielen abwenden. Die Sank­tion sei nicht gegen Jena ver­hängt worden, weil Sicher­heits­maß­nahmen nicht ein­ge­halten worden seien. Viel­mehr hätten die Vor­keh­rungen nicht aus­ge­reicht, so die Richter.

Von den ver­hängten 25.000 Euro sollten rund 8.000 Euro in sicher­heits­tech­ni­sche, infra­struk­tu­relle und gewalt­prä­ven­tive Maß­nahmen gesteckt werden. Wir werden für etwas bestraft, wofür wir nichts können“, sagte Jenas Geschäfts­führer Chris Förster damals. Die Prä­ven­tion, die damit ein­her­gehen soll, hat sich über die Jahre auch nicht ein­ge­stellt. Somit kann man den prä­ven­tiven Cha­rakter durchaus mal in Frage stellen. Das ist nicht von der Praxis gedeckt“, ergänzte Förster. Am Ende bekam der DFB Recht, die Bun­des­ar­beits­ge­mein­schaft der Fan­pro­jekte (BAG) konnte die Argu­men­ta­tion der Richter nicht nach­voll­ziehen. Ver­eine und Anhänger würden die auf­er­legten Geld­be­träge sehr wohl als Strafen emp­finden. Diese Art und Weise des Ver­bands­rechts führt in der Rea­lität nicht dazu, dass dadurch mehr kon­struk­tive Kom­mu­ni­ka­tion und Aus­tausch zwi­schen Fans und Ver­einen statt­findet. Viel mehr werden hier Schul­dige‘ gesucht und Ver­ant­wor­tung über­tragen“, sagte Sophia Gerschel, Spre­cherin der BAG, zu dem Urteil.

Wir­kung der DFB-Strafen? Nicht erkennbar

In diesem Punkt sind sich Han­nover 96 und die fan­freund­li­chen Jugend- und Sozi­al­ar­beiter der Fan­pro­jekte einig: Die aktu­elle Stra­fen­po­litik des DFB ergibt in der aktu­ellen Umset­zung wenig Sinn. Der lang­fris­tige Effekt durch die Geld­strafen? Gleich null, nicht zu erkennen. Und Han­nover steht mit dieser Ein­schät­zung nicht allein unter den Ver­einen da. Auch der 1. FC Köln hat keine Lust mehr auf die Strafen des DFB: Nach dem Platz­sturm gegen Wolfs­burg im Mai durch Effzeh-Fans sollte der Klub über 200.000 Euro Strafe zahlen. Die Geiß­böcke akzep­tierten die Strafe Anfang Juli nicht – weil das Strafmaß zu hoch und die Maß­nahmen nicht effi­zient seien. Ein­spruch erhoben zuletzt auch Schalke und Bremen gegen Urteile des DFB-Sport­ge­richts.

Ob die drei Ver­eine auch zu Han­no­vers Gesprächs­part­nern zählen? Neben der Mit­tei­lung auf der Home­page möchten sich die 96er nicht näher zu der The­matik äußern, zunächst sollen die Gespräche abge­wartet werden. Unklar ist, was der Han­no­ve­raner Vor­stoß für die Zukunft zu bedeuten hat. Schon heute ver­folgt der DFB mit seiner Stra­fen­po­litik den Gedanken der täter­ori­en­tierten Sank­tio­nie­rung“. Heißt: Die Ermitt­lung der ver­ant­wort­li­chen Täter durch den Heim- und den Gast­verein und deren Sank­tio­nie­rung bzw. Inre­gress­nahme (…) sind das pri­märe Ziel des sport­straf­recht­li­chen Han­delns der DFB- Rechts­or­gane“, heißt es in den Ver­band­sta­tuten. Sollte ein Täter ermit­telt sein, kann sich dem­nach die Strafe um 25 Pro­zent redu­zieren. Bei mehr als der Hälfte der ermit­telten Täter können dem betref­fenden Verein sogar 75 Pro­zent der Strafe erlassen werden. Möchten sich die Ver­eine künftig selbst kom­plett von der Schuld frei­spre­chen und jeg­liche Strafen nur noch an die Anhänger wei­ter­geben? Unklar. Sollte Han­nover tat­säch­lich die Patent­lö­sung für eine wirk­same Prä­ven­tion für Vor­fälle wie in Mag­de­burg finden, wäre das nicht weniger als Frie­dens­no­bel­preis-ver­dächtig. Rea­lis­ti­scher aber scheint, dass sich die bereits ange­spannte Bezie­hung zwi­schen Fans, Ver­einen und DFB weiter ver­schärfen könnte.