Eigent­lich wollte ich nicht nach Zypern. Ich stand damals, 2002, bei Hansa Ros­tock unter Ver­trag. Es lief aller­dings nicht gut für mich. Ich hatte Pro­bleme mit Armin Veh, dem dama­ligen Hansa-Trainer, und machte in sechs Monaten nur zwei Spiele. Zudem wohnte meine Frau mit unserem Sohn noch in Mün­chen – ich hatte ja zuvor in Unter­ha­ching gespielt. Nun hatte ich Gewiss­heit, dass mein Ver­trag in Ros­tock nicht ver­län­gert werden würde. Es war eine unbe­frie­di­gende Situa­tion.



Eines Tages rief mich mein Berater an und erzählte mir etwas von einem Angebot aus Zypern. Klar, ich wusste wo Zypern lag, im Mit­tel­meer, ganz schön weit weg, in der Nähe vom Libanon. Doch ernst­haft hatte mich vorher nie mit diesem Land aus­ein­an­der­ge­setzt. Und ganz ehr­lich: Ich war alles andere als eupho­risch, als schließ­lich das Angebot von Omonia Nikosia vor mir lag, die Idee nach Zypern zu gehen, fand ich ein­fach absurd. Doch der Manager von Omonia ließ nicht locker, die wollten mich unbe­dingt haben. Ich blockte zunächst, sagte den Ver­ant­wort­li­chen, dass ich etwas Bedenk­zeit benö­tigte, ich wollte erstmal ein paar Infor­ma­tionen sam­meln – und ins­ge­heim hoffte ich, dass sich noch was anderes ergibt.

Es gab dann sogar die eine oder andere Option in Deutsch­land, doch das war alles zu unsi­cher. Also doch Zypern? Ich nahm dann Kon­takt zu Rainer Rauffmann auf, der ja zu dem Zeit­punkt schon seit vielen Jahren auf Zypern spielte. Rainer hat mich dann etwas ein­ge­stimmt auf die Kultur, auf den Fuß­ball, auf das Leben. Nun, skep­tisch waren wir immer noch. Wir sind dann erstmal runter geflogen.

Vor Ort haben sich alle Zweifel im Nu ver­flüch­tigt. Ich war total beein­druckt von dem Land. Kur­zer­hand haben wir uns dann ent­schieden, das Risiko ein­zu­gehen, wir wollten das »Aben­teuer Zypern« wagen. Ich setzte die Unter­schrift unter den Ver­trag, und es ging wieder nach Deutsch­land.

Zurück in Mün­chen standen wir plötz­lich vor einem Haufen Arbeit. Wir hatten wenig Zeit den Umzug zu planen, mussten viel ein­la­gern, und ich hatte kaum eine freie Minute, mir mal in Ruhe Gedanken zu machen, mich mal zu fragen: War das über­haupt richtig? Doch viel­leicht war das ganz gut so. Wir wussten ja eh nicht, was auf uns zukommt. Bleiben wir ein Jahr? Zwei Jahre? Dass es letzt­end­lich fünf Jahre wurden, damit hatten wir vorher nicht gerechnet.

Ich bin dann zunächst alleine nach Zypern geflogen und habe uns ein Haus in einem Vorort der Haupt­stadt Nikosia gesucht. Dort blieben wir bis zuletzt. Als ich zum zweiten Mal auf Zypern ankam, war plötz­lich alles anders. Es war heiß, brutal heiß. Aber es war immer noch beein­dru­ckend, die Land­schaft, die Leute, das ganze Leben. Dabei hatte ich es mir vorher ganz anders vor­ge­stellt. Chao­ti­scher irgendwie. Mir gefiel gleich vom ersten Moment die Offen­her­zig­keit der Men­schen, mir gefiel es, dass sich das Leben fast nur draußen abspielt, nie­mand hockt in der Woh­nung, alles drängt auf die Straßen. In Deutsch­land hat ja jeder eine Art Nest, in das er sich zurück­zieht, in Deutsch­land lebt man viel anonymer. Auf Zypern hin­gegen strahlen alle Men­schen Lebens­freude aus. Für unser Fami­li­en­leben war all das ideal: Das Wetter, das Meer, unser Sohn kam auf eine eng­li­sche Schule. Wir konnten immer etwas unter­nehmen.

Mehr Frei­zeit als in Deutsch­land hatte ich aller­dings nicht, man soll nicht glauben, dass Fuß­ball auf Zypern nichts als ein Frei­zeit­kick ist. Trai­ning war jeden Tag, eine län­gere Vor­be­rei­tung ist ebenso Usus. Wäh­rend wir früher mit Kai­sers­lau­tern oder Unter­ha­ching immer in den Süden geflogen sind, sind wir mit dem Team von Omonia stets vor der Hitze geflohen. Ab in den Norden.

Schon in der Vor­be­rei­tung wurde ich von der Mann­schaft sehr gut auf­ge­nommen, es war alles sehr herz­lich. Auch in der Stadt wussten die Leute, wer ich bin, die waren alle gespannt. Es gab ja vorher viele Infor­ma­tionen über die Presse. Und ich hatte bis zuletzt stets ein gutes Ver­hältnis zu den Fans und zu den Ein­hei­mi­schen. Ich glaube, ich war schon sehr beliebt. Es lief aber auch ein­fach super, gleich von Anfang an. Wir wurden in der ersten Saison Meister, ich spielte gut. Auf der sport­li­chen Ebene konnte ich nicht klagen.

Doch im Pri­vaten war es zunächst etwas schwie­riger. Ich habe anfangs den Kon­takt zu den deut­schen Spie­lern gesucht. Stefan Brasas spielte sei­ner­zeit auch bei Omonia Nikosia, er half mir schon bei der Haus­suche. Wir unter­nahmen viel zu viert – Stefan mit seiner Freundin und ich mit meiner Frau. Wir waren fast ständig zusammen. Und dann wurden wir noch gemeinsam Meister. Wir hatten eine ver­dammt gute Zeit. Leider ging Stefan nach einer Saison wieder zurück nach Deutsch­land. Doch die Begeg­nung mit ihm war für mich die wohl wich­tigste wäh­rend meiner Zeit auf Zypern. Wir haben auch heute noch Kon­takt. Er ist ein rich­tiger Freund geworden.

Holger Grei­lich, der auch bei Omonia spielte, ging eben­falls schon nach kurzer Zeit wieder nach Deutsch­land. Ihm gefiel es auf Zypern nicht so sehr. Auch Rainer Rauffmann been­dete wenige Monate, nachdem ich bei Omonia ange­fangen hatte, seine Kar­riere. Es war aber nicht so, dass wir Außen­seiter waren oder fremd. Vor allem nachdem Stefan und seine Freundin zurück nach Deutsch­land sind, inten­si­vierte sich unser Kon­takt mit den Nach­barn, mit den Zyprioten. Heute haben wir auch viele Freunde auf Zypern, die rein gar nichts mit Fuß­ball zu tun haben.

Doch eigent­lich gibt es solche Leute recht selten – auf Zypern liebt jeder Fuß­ball. Die Leute sind total fana­tisch, wie so oft auf Inseln – ich hatte das ja bereits auf Gran Canaria bei Las Palmas kennen gelernt. Jeder, egal ob Klein­kind oder alter Mann, hat seinen Club. Man wird in seinen Verein hin­ein­ge­boren – zumeist in Omonia. Jeder zweite Zypriot ist Omonia-Anhänger. Der Verein hat die größte Tra­di­tion und die meisten Erfolge. Danach kommt der große Stadt­ri­vale Apoel.

Beide Ver­eine teilen sich ein Sta­dion, das unge­fähr 23.000 Zuschauer fasst. In dem Jahr, als wir Meister wurden, hatten wir einen Schnitt von 12.000 Besu­chern, wenn man ganz Zypern betrachtet, liegt der Schnitt aber wohl unter 5.000. Die Derbys gegen Apoel sind aber fast immer aus­ver­kauft. Ich kannte das aus Kai­sers­lau­tern, da ist die Hütte ja auch immer voll, doch ich muss zugeben, dass ich vor dem ersten Nikosia-Derby richtig nervös war. Die eine Hälfte des Sta­dions ist kom­plett grün gefärbt – die Farbe von Omonia –, die andere Hälfte in orange. Und dann diese süd­län­di­sche Atmo­sphäre. Da krib­belt es natür­lich schon.

Ich wech­selte im dritten Jahr zu Anor­thosis Fama­gusta. Da sind wir im ersten Jahr wieder Meister geworden. Zuletzt war ich dann bei Nea Salamis Fama­gusta, einem sehr kleinen Verein. Das war ein Kata­stro­phen­jahr, ein ver­lo­renes Jahr. Schon bei den großen Ver­einen läuft ja vieles sehr ama­teur­haft ab, aber ich habe mich mit der Zeit damit arran­giert. Bei Nea Salamis waren gewisse Struk­turen und Abläufe aber nicht mehr zu ertragen. Das war mit­unter schlimmer als in einem Kreis­klas­sen­verein.

Die Stadt Fama­gusta liegt übri­gens im nörd­li­chen Teil von Zypern, der von tür­ki­schen Truppen besetzt ist. Daher sie­delte der Verein nach Larnaka um. Die Geschichte des Landes hat mich schon inter­es­siert. Richtig tief ein­ge­stiegen bin ich aber nicht, auch wenn ich mir gerne Geschichten um den Zypern-Kon­flikt von Freunden und Bekannten erklären ließ. Im täg­li­chen Leben bekommt man davon aber weniger mit. Ich habe zwar in der Haupt­stadt gelebt, die ja auch zwei­ge­teilt ist – man sieht die Grenze, gele­gent­lich auch UN-Blau­helme – doch es ist nicht so, dass die gesamte Stadt durch diesen Kon­flikt geprägt ist.

Im Nach­hinein ärgert es mich etwas, dass ich kein Grie­chisch gelernt habe. Eigent­lich ist das ja unfassbar, ich habe fünf Jahre dort gelebt. Viel­leicht war ich etwas zu gemüt­lich, mit Eng­lisch kommt man fast überall weiter. Aber ich hatte ja auch nicht son­der­lich viel Zeit, nach dem Trai­ning oder den Spielen wollte ich Zeit mit meiner Familie ver­bringen und nicht noch Sprach­un­ter­richt nehmen.

Trotz der kleinen Sprach­bar­riere habe ich viel von der Kultur und dem Land mit­ge­nommen. Vieles habe ich regel­recht auf­ge­saugt. Und es gibt auch einiges, was ich in Deutsch­land ver­misse. Mit der Zeit habe ich auch fest­ge­stellt, dass man in Län­dern wie Zypern nur glück­lich werden kann, wenn man sich mit bestimmten Gewohn­heiten arran­giert. Es gibt vieles, was man in Deutsch­land nicht kennt und was der gemeine West­eu­ro­päer auf Dauer nicht akzep­tieren will. Vor allem Dinge, die die Arbeits­moral betreffen. Da ist vieles Laissez-Faire, oft heißt es: »Avrio, avrio!« Morgen, Morgen! Und Morgen ist dann manchmal erst nächste Woche. Das kann man natür­lich dis­zi­plinlos nennen, doch es ist ein­fach so. Man wird es nicht ändern. Doch viel­leicht ändert sich nun auch einiges: Zypern ist ja seit 2004 Mit­glied in der EU. Außerdem merkt man den eng­li­schen Ein­fluss, die Ver­kehrs­sprache ist Eng­lisch, und es gibt viele eng­lisch­spra­chige Schulen.

Gerade auf­grund dieser beson­deren Men­ta­lität schre­cken wahr­schein­lich viele Spieler vor einem Enga­ge­ment auf Zypern zurück. Sicher­lich bekommen viele Spieler Ange­bote oder Anfragen aus Zypern. Doch viel­leicht fehlt ihnen der Mut. Viele wollen es ein­fach nicht akzep­tieren, dass die Uhren auf Zypern anders ticken, dass da Gehälter mal ver­spätet gezahlt werden, dass 12 Uhr schnell mal zu 15 Uhr wird, dass vieles auf den nächsten Tag ver­schoben wird. Natür­lich soll man nicht alles hin­nehmen, doch man kann sich mit vielen Dingen arran­gieren. Und man muss, wenn man sein Leben lang in Deutsch­land gespielt hat, ein­fach ein paar Abstriche in Kauf nehmen, zugleich bekommt man aber auch viel zurück.

Nach dem Jahr bei Nea Salamis Fama­gusta war ich mir nicht sicher, ob ich auf Zypern bleiben wollte. Das Jahr brachte ein­fach zu viele Ent­täu­schungen mit sich. Daher hoffte ich auf ein eini­ger­maßen lukra­tives Angebot aus Deutsch­land. Ich war da aber ganz Rea­list, die Bun­des­li­ga­zeit war für mich vorbei: Denn wel­cher Erst- oder Zweit­li­ga­verein holt sich einen Spieler, der fünf Jahre auf Zypern spielte – somit von der Fuß­ball­land­karte kom­plett gelöscht war – und mit 35 Jahren zurück nach Deutsch­land kommt? So freute ich mich, dass ich ein Angebot vom FSV Oggers­heim bekam, einem Regio­nal­li­ga­verein.

Und danach? Ich habe meinen B‑Trainerschein gemacht, die Aus­bil­dung zum A‑Schein folgt. Ich würde mir auch zutrauen, noch mal als Trainer zurück nach Zypern zu gehen, zumin­dest wenn ich ein ver­trautes Trai­ner­team dabei­hätte.

Heute habe ich übri­gens mit einem Freund aus Nikosia tele­fo­niert. Da sind immer noch 30 Grad, und die Leute suchen sich ein ange­nehmes Schat­ten­plätz­chen in der Alt­stadt von Nikosia. Und ich stehe gerade in meinem Wohn­zimmer vor dem Fenster und schaue nach draußen. Es ist grau in grau.