Auch große Kar­rieren ver­puffen manchmal im Nichts. Viel­leicht liegt es daran, dass man sie klar umreißen und in schnöden Para­me­tern wie Jahren oder Erfolgen messen kann. Sie kommen aller­dings ohne Fuß­noten aus, sie weisen keine Links, keine Refe­renzen auf, und sie laufen so dahin, von Meis­ter­schaft zu Meis­ter­schaft, bis sie eines ein­fach Tages vorbei sind. 
 
Bei Iker Cas­illas ist das anders, und das liegt nicht nur an den zahl­rei­chen Titeln, die der Tor­wart gewonnen hat. Cas­illas Lauf­bahn weist so viele Kno­ten­punkte auf, dass man von ihm aus­ge­hend die rie­sige und kom­plexe Geschichte des modernen Fuß­balls erzählen könnte.

Von Cas­illas zu Ill­gner und den Eisen-Dieters
 
Iker Cas­illas war Teil der Galak­ti­schen, als zu Beginn des tur­bo­ka­pi­ta­lis­ti­schen und wahn­wit­zigen Fuß­ball­zeit­al­ters bei Real Madrid Luis Figo, David Beckham, Ronaldo oder Zine­dine Zidane neben­ein­ander auf­liefen. Cas­illas hat mit der spa­ni­schen Fuß­ball­na­tio­nal­mann­schaft einen Fuß­ball neu erfunden, bei dem der Gegner sich über einige Jahre fragte, wie er über­haupt noch mal an den Ball kommen sollte.
 
Doch Cas­illas ist auch einer, der die direkte Ver­bin­dung zur Genera­tion der Ober­lip­pen­bärte und Vokuhilas bildet. 1999 löste er Bodo Ill­gner bei Real Madrid. Bodo Ill­gner! Der Tor­hüter, mit dem Deutsch­land 1990 Welt­meister wurde. 1990! Als es kein Internet gab, in einigen Haus­halten noch schwarz-weiße TV-Bilder durchs Wohn­zimmer flim­merten und Ver­tei­diger mit Spitz­namen wie Eisen-Dieter“ oder Die Axt“ das Feld umpflügten.
 
Cas­illas hat Bernd Schuster als Trainer erlebt. Und sogar den jäh­zor­nigen Waliser John Toshack, einen Coach, der heute wie aus einer anderen Epoche erscheint. Er hat Raul in seinen gol­denen Jahren erlebt und das Kar­rie­re­ende von Manolo San­chís, der Ende der sieb­ziger Jahre bei Real Madrid ange­heuert hatte.
 
Und er hat die wirk­lich dunklen Seiten von José Mour­inho erlebt. Im Früh­jahr boo­tete der Trainer ihn aus, weil er angeb­lich der Maul­wurf im Team sei, der stets Interna an die Presse wei­tergab. Iker Cas­illas ging es sehr schlecht in jenen Tagen. Manchmal, erzählte seine Ver­lobte Sara Car­bonero einmal, sei er abends nach Hause gekommen und habe geweint und immer wieder gefragt, was denn nur los sei. Das war im Früh­jahr 2013. Wenige Monate zuvor, im Spiel gegen den FC Valencia, hatte sich Cas­illas die Hand gebro­chen, doch eigent­lich hätte nie jemand daran gezwei­felt, dass er nach seiner Gene­sung wieder ins Tor zurück­kehren würde.

Die Erfolge des Cas­illas
 
Iker Cas­illas ist spa­ni­scher Rekord-Natio­nal­spieler und der Tor­wart mit den meisten Cham­pions-League-Ein­sätzen. Er hat zweimal die Cham­pions-League gewonnen, zweimal die Euro­pa­meis­ter­schaft und einmal die Welt­meis­ter­schaft. Sie nennen ihn in Madrid San Iker“, den Hei­ligen Iker, denn er kann Schüsse parieren, bei denen andere Tor­hüter sich erst bewegen, wenn der Stürmer den Ball aus dem Tor zum Anstoß­kreis trägt. Er kann sich stre­cken und reflex­artig bewegen wie eine Katze. Gegen Arjen Robben im WM-End­spiel 2010 tat er das zum Bei­spiel. Gegen Irland in WM-Ach­tel­fi­nale 2002. Gegen Bayer Lever­kusen im Cham­pions-League-Finale 2002, als er für César Sán­chez ein­ge­wech­selt wurde. In seinem Geburtsort Mós­toles ist eine Straße nach ihm benannt.
 
Doch das war in jenen Wochen im Früh­jahr 2013 egal, denn José Mour­inho beschied, dass Iker Cas­illas nicht mehr für Real Madrid spielen sollte. Und mehr noch: Der Trainer wollte den Tor­hüter demon­tieren. Zunächst ver­pflich­tete er Sevillas Ersatz­tor­wart Diego López und ließ ihn dann in Liga, Cham­pions League und Pokal durch­spielen. Der hei­lige Iker, der nie laut auf­muckt hatte, der nach dem WM-Sieg 2010 vor lau­fenden Kameras seine Ver­lobte, eine TV-Repor­terin, geküsst und den pro­fes­sio­nellen Fuß­ball für einen Sekun­den­bruch­teil von Geld- und Medi­en­ma­schinen gelöst hatte – dieser Cas­illas saß nun erst einmal still auf der Bank, wäh­rend sein Coach in Mikro­fone auf und neben dem Platz eine Kultur des Bel­lens zu eta­blieren ver­suchte.

Natür­lich, López machte seine Sache nicht schlecht. Doch allein die Sta­tistik ver­riet, dass Cas­illas eigent­lich der bes­sere Tor­wart ist. In 28 Spielen hatte dieser nur 29 Tore kas­siert, wäh­rend Lopez in den 25 fol­genden Par­tien 33 Mal ins Netz greifen musste. Es war eine Sache zum Ver­rückt­werden – oder zum Warten.
 
Denn Cas­illas kannte das Tages­ge­schäft Fuß­ball zu gut, all die neuen Abzwei­gungen und uner­hofften Chancen, das eigene Glück und das Pech des anderen. Den Start seiner Kar­riere ver­dankte er ja auch den Ver­let­zungen der älteren Kon­kur­renten. In der spa­ni­schen Natio­nal­mann­schaft schnitt sich San­tiago Cañi­zares kur vor der WM 2002 an einer After-Shave-Fla­sche den Fuß auf, so dass er aus­fiel. Nutz­nießer war Cas­illas. So war es auch 1999 gelaufen, als eine Schul­ter­ver­let­zung Bodo Ill­gner zu schaffen machte. Cas­illas war zur Stelle – und been­dete im Vor­bei­gehen die Kar­riere des Deut­schen Welt­meis­ters von 1990.
 
Später sagte Cas­illas oft, dass er in dieser Zeit viel für seine Kar­riere gelernt habe. Auch von Bodo Ill­gner. Trotz der Aus­boo­tung äußerte sich der Deut­sche jeden­falls nie negativ über Cas­illas. Er bewun­derte seinen Nach­folger sogar ein wenig – und tut das bis heute. Erst kürz­lich rief der Deut­sche via Twitter dazu auf, Cas­illas wieder ins Tor zu stellen.

Der Schlichter Cas­illas
 
Auch wenn Cas­illas in jüngster Zeit López manchmal die kalte Schulter zeigt, galt er in Madrid oft als Schlichter. Auch das mochte Mour­inho nicht an ihm, denn der Trainer wollte eine dau­er­haft ver­gif­tete Kriegs­at­mo­sphäre, gerade vor den Clá­sicos. Und er wollte einen Macht­ap­parat, in dem nur er das Sagen hatte. Da passte einer wie Cas­illas, der zu Ruhe und Frieden mahnte und sich so ganz nebenbei über die Auto­rität des Por­tu­giesen hin­weg­setzte, ein­fach nicht rein.
 
Mour­inho bellte also noch ein biss­chen mehr, und er tobte vor Flo­ren­tino Pérez, dem er steckte, dass Cas­illas ein Revo­lu­tionär sei und der Ver­eins­prä­si­dent gut daran täte, ihn los­zu­werden, wenn er mit Real Madrid wieder Erfolg haben wolle. Viel­leicht hat Perez dies auch Carol Ance­lotti an die Hand gegeben, denn der neue Trainer hält wei­terhin an Diego López fest, Cas­illas darf nur bei Pokal- oder Cham­pions-League-Spielen ran.
 
Cas­illas hat einmal gesagt, dass er bei Real Madrid spielen will, bis er 40 ist. Das wären noch sieben Jahre. Und eigent­lich war seine Kar­riere genau darauf aus­ge­richtet – ein One-Club-Man, der bei Real Madrid spielt seit er acht Jahre alt ist. Wenn er sein Tor­wart­trikot ein letztes Mal im Ber­nabeu aus­ziehen würde, schrieben wir das Jahr 2021. Es wäre wenige Monate vor der WM in Katar. Noch so ein Kno­ten­punkt. Es wäre ein guter Zeit­punkt, dem Fuß­ball den Rücken zu kehren.

Das Ende des Mär­chens?
 
Viel­leicht aber wird das heu­tige Spiel das letzte im Trikot von Real Madrid sein. Denn vor wenigen Wochen hat der Tor­hüter noch einmal gesagt, dass er wech­seln würde, wenn er bis Ende der Saison seinen Stamm­platz nicht zurück­er­obern würde.
 
Andern­falls könnte es in diesem tra­gi­schen Fuß­ball­mär­chen auch ein Happy End geben. Mit einem Sieg im End­spiel gegen den FC Chelsea. Mit einem gehal­tenen Elf­meter in der 90. Minute. Mit einem bel­lenden José Mour­inho an der Sei­ten­linie und Iker Cas­illas, der den Hen­kel­pott in den Himmel von Lis­sabon streckt.