Man muss den neu­tralen Fan manchmal daran erin­nern: Ja, die Hertha gibt es auch noch! Die Ber­liner fliegen in dieser Saison kon­se­quent unter dem Radar der breiten Öffent­lich­keit. Kein Wunder: Ver­gan­gene Woche über­zeugte Hertha noch beim 2:0‑Triumph in Lever­kusen. Doch auf jeden guten Ber­liner Auf­tritt folgt in dieser Saison stets die Ernüch­te­rung. Das war das schlech­teste Heim­spiel, seitdem ich hier Trainer bin!“, sagte Trainer Pal Dardai nach der 0:2‑Niederlage gegen den FSV Mainz 05.

Euphorie lässt sich mit derart schwan­kenden Leis­tungen nicht schüren. Hertha hängt fest im Nir­gendwo der Tabelle. Doch warum tritt die Hertha in diesem Jahr derart inkon­stant auf? Vier Thesen.

1. Pres­sing und Kon­ter­spiel funk­tio­nieren

Seit Dardai die Hertha über­nommen hat, defi­niert sich das Team in erster Linie über ihr Spiel gegen den Ball. Dardai setzt auf ein 4 – 2‑3 – 1‑System, bei dem beson­ders die zen­tralen Mit­tel­feld­spieler aggressiv den Gegner stören. Hertha ver­schiebt sauber im Raum, über­lässt den geg­ne­ri­schen Innen­ver­tei­di­gern den Spiel­aufbau und stört dann aggressiv die geg­ne­ri­schen Sechser und Außen­ver­tei­diger.

Im Spiel gegen den Ball ist Hertha in dieser Saison noch einmal ein Stück fle­xi­bler geworden. Hertha hat nun auch Vari­anten im Gepäck, bei denen sie den Gegner in einer 4 – 3‑3-artigen For­ma­tion weit in dessen Hälfte stören.

Eine wei­tere Ver­bes­se­rung: Hertha ver­fügt über wesent­lich mehr Geschwin­dig­keit im Konter. Dank des höheren Pres­sings gewinnt Hertha den Ball näher vor dem geg­ne­ri­schen Tor, zugleich wird direkter der Weg hinter die Abwehr gesucht als in der Ver­gan­gen­heit. Vor allem Davie Selke und der ewig junge Salomon Kalou bril­lieren diese Saison im Kon­ter­spiel. Hertha kann dank Pres­sing und Kon­ter­spiel jeden Gegner schlagen, der das Spiel selbst gestalten möchte.

2. Das Ball­be­sitz­spiel gehört zum Schlech­testen in der Bun­des­liga

66,9% Ball­be­sitz sam­melte Hertha BSC gegen Mainz. Das Ergebnis: Bis in die Schluss­phase hinein konnten sich die Ber­liner keine Chance aus dem Spiel erar­beiten. Her­thas Auf­bau­spiel gegen eine kom­pakte Defen­sive ist, gelinde gesagt, stark aus­bau­fähig. Sechsmal hatte die Hertha in dieser Saison mehr Ball­be­sitz als der Gegner. Nur eins dieser Spiele konnte sie gewinnen – am ersten Spieltag gegen den VfB Stutt­gart.

Her­thas Auf­bau­spiel krankt vor allem an der feh­lenden Ver­ti­ka­lität. Her­thas Vie­rer­kette lässt den Ball ver­hält­nis­mäßig lange laufen. Hertha möchte keinen Ball­ver­lust durch einen ris­kanten Pass ins geg­ne­ri­sche Mit­tel­feld zu ris­kieren. Oft wird aus dem Auf­bau­spiel somit Sicher­heits­fuß­ball, bei dem Hertha keine Raum­ge­winne erzielen kann. So auch gegen Mainz, die mit ihrem 5−3−2 Her­thas Pass­wege nach vorne kom­plett ver­sperrten.

3. Die Pro­bleme liegen im Mit­tel­feld-Zen­trum

Ein Grund für das lah­mende Ball­be­sitz­spiel liegt in der Beset­zung der Mit­tel­feld­zen­trale. Dardai bevor­zugt hier Spie­ler­typen, die aggressiv im Spiel gegen den Ball agieren. Es fehlt jedoch ein Sechser, der das Spiel aus der Tiefe gestaltet. Auch den Innen­ver­tei­di­gern fehlt hierfür die Klasse. Die Sechser lassen sich zwar abwech­selnd fallen, bringen damit Beweg­lich­keit und Fle­xi­bi­lität ins Spiel.

Doch die meisten Gegner wissen mitt­ler­weile: Sie können Ber­lins Mit­tel­feld­spieler ruhig zurück­fallen lassen; geniale Ideen im Spiel nach vorne sind von ihnen nicht zu erwarten. So beschränkte sich auch Mainz ganz auf das kom­pakte Schließen des Mit­tel­feld­zen­trums statt die zurück­fal­lenden Mit­tel­feld­spieler zu pressen.

Hoff­nung machte zuletzt ein Jung­spund: Arne Maier über­zeugte als Ver­bin­dungs­spieler auf der Acht und als Ideen­geber aus der Tiefe. Gegen Mainz fehlte Maier auf­grund eines Infekts – und prompt lahmte das Hertha-Auf­bau­spiel. Vla­dimir Darida, der prä­sen­teste Mit­tel­feld­spieler der ver­gan­genen Jahre, hat wie­derum mit Ver­let­zungen und Form­schwan­kungen zu kämpfen.

4. Hertha ist eine Wun­der­tüte vor dem Tor

Kom­paktes Spiel gegen den Ball, Sicher­heits­fuß­ball bei Ball­be­sitz: Par­tien mit Hertha-Betei­li­gung spielen sich häufig im Mit­tel­feld ab. Mit dieser Stra­tegie mini­miert Hertha Straf­raum­szenen auf beiden Seiten. Hertha ist das Team in der Liga, das die wenigsten Schüsse vor­zu­weisen hat (204 Ver­suche, 30 weniger als der Vor­letzte dieser Sta­tistik, der VfL Wolfs­burg).

Dafür ist Hertha effi­zient vor dem Tor. Jeder sechste Schuss landet im Kasten – Liga-Best­wert. Das hat aber auch eine gewisse Wan­kel­mü­tig­keit zur Folge: Hertha ist auf­grund weniger Tor­schüsse abhängig davon, dass die Stürmer vor dem Kasten effi­zient arbeiten. Wenn dies nicht der Fall ist, ver­lieren sie eher ein Spiel als eine Mann­schaft, die sich mehr Chancen erar­beitet. Auch des­halb schwanken die Leis­tungen der Her­thaner in dieser Saison.