Unsere aus­führ­liche Titel­ge­schichte zum Thema Gewalt gegen Ama­teur­schieds­richter lest ihr in 11FREUNDE #247. Unsere aktu­elle Aus­gabe bekommt ihr am Kiosk eures Ver­trauens oder direkt hier bei uns im Shop.

Nathalie Buse, der Ber­liner Ama­teur­fuß­ball gilt als hartes Pflaster für Refe­rees. Sie pfeifen bis zur Männer-Bezirks­liga. Werden Sie regel­mäßig mit Anfein­dungen kon­fron­tiert?
Phy­si­sche Gewalt habe ich glück­li­cher­weise noch nicht erlebt. Was die ver­bale Gewalt – kurz: blöde Sprüche – anbe­trifft, habe ich von Natur aus eine gewisse Robust­heit und lasse vieles an mir abprallen, was in die Rich­tung geht: Frauen haben auf dem Platz nichts ver­loren.“

Das hören Sie regel­mäßig?
Schon. Erst vor­letztes Wochen­ende kam der Spruch nach Abpfiff von der unter­le­genen Mann­schaft: Scheiße, genau des­wegen haben Frauen nichts im Män­ner­fuß­ball ver­loren“.

Und da schalten Sie auf Durchzug?
Bis zu einem bestimmten Punkt, ja. Ich bin selbst­be­wusst genug zu wissen, dass es Gründe hat, warum wir beide in der­selben Liga aktiv sind. Aber natür­lich hat alles Grenzen.

Das heißt?
Ich bin 19 Jahre alt und knapp 1,60 Meter groß. Wenn sich vor mir ein erwach­sener Mann von 1,90 Meter Größe auf­baut und mich anbrüllt, es also ein Stück­weit bedroh­lich oder gar sexis­tisch wird, greife ich durch und sage: Sie haben hier nichts ver­loren, schauen Sie bitte von draußen zu.“ Aber dabei ver­suche immer zu dif­fe­ren­zieren, dass die kein Pro­blem mit mir per­sön­lich haben, son­dern mit der Funk­tion des Schieds­rich­ters.

Auch Sexismus ist an der Tages­ord­nung?
In einem Kreis­liga-Pokal­spiel brüllte mich der Kapitän einer Mann­schaft an: Was willst du hier? Hast Du zu Hause nichts zu sagen? Pass auf, wenn wir uns nach dem Spiel sehen.“ Wenn einer so kon­kret for­mu­liert, ich soll nach Hause an den Herd, ist das kein Frust, kein Affekt, dann geht es kon­kret gegen mich als Frau. Und der muss dann vom Platz.

Warum werden wir von einem Mäd­chen gepfiffen?“

Geht das noch weiter? Was meint der damit, dass er Sie später noch sieht?
Ich kann mir schon vor­stellen, dass manche auch noch extremer werden, mir ist das aber noch nicht pas­siert. Im Jugend­be­reich hat mal ein Trainer zu mir gesagt: Warum werden wir von einem Mäd­chen gepfiffen? Das kann doch nichts werden“. Solche Vor­fälle notiere ich natür­lich im digi­talen Spiel­be­richt, weil es fehl am Platze ist. Aber das beschäf­tigt mich nicht weiter.

Aber ein Stück­weit fahren Sie an jedem Wochen­ende in die Unge­wiss­heit, ob nicht doch irgend­einer über­griffig wird, oder?
Solche Gedanken mache ich mir nicht. Aber ich kenne Schieds­richter, die sich sehr genau mit Fair­ness­ta­bellen aus­ein­an­der­setzen, um zu kal­ku­lieren, ob es bei einem Spiel ruppig werden könnte. Ich höre auch von anderen Schiris, wo es Spieler gibt, die schnell mal ent­gleisen. Aber davon ver­suche ich, mich frei zu machen. Es würde doch ans Selbst­zer­stö­re­ri­sche grenzen, ständig mit einer nega­tiven Erwar­tungs­hal­tung zum Spiel zu fahren. Ich will ja Spaß auf dem Platz haben.

An jedem verdammten Sonntag! Gewalt gegen Schiedsrichter

Woche für Woche werden Ama­teur­schieds­richter kör­per­lich und verbal atta­ckiert. Gleich­zeitig ver­lieren immer mehr aktive Refe­rees die Lust am Pfeifen. Wie finden Ver­bände und Klubs zu einem neuen Mit­ein­ander zwi­schen Spie­lern und Schiris?

Wie geht es Ihren Kol­le­ginnen?
Gänz­lich auf­ge­hört hat noch keine, aber eine Freundin von mir brauchte mal ein paar Wochen Pause, weil sie von den stän­digen Gegen­reden und Pöbe­leien ent­nervt war.

Sie sind seit vier Jahren aktive Schieds­rich­terin. Hat sich der Umgang auf dem Rasen in den letzten Jahren ver­schärft?
Mir kommt es schon so vor, als hätte sich bei einigen Leuten – viel­leicht durch Corona – etwas auf­ge­staut. Aber es hat nichts mit Schieds­rich­tern zu tun, dass einige mehr Dampf ablassen und wir erheb­lich mehr Fouls ver­zeichnen.

Wie kamen Sie eigent­lich zur Schieds­rich­terei?
Ich spiele seit Jahren aktiv, aktuell für Borussia Pankow in der Ver­bands­liga. Mit 15 fiel mir auf, dass ich dazu neige, mich oft über Schiris auf­zu­regen. Also dachte ich: Wer meckert, muss es erstmal besser machen.

Auf Ber­liner Plätzen herrscht schon ker­niger Umgangston“

Und Sie ließen sich aus­bilden?
Beim Anwär­ter­lehr­gang merkte ich, dass ich Spaß an dem Per­spek­tiv­wechsel habe. Daran, auf dem Feld zu kom­mu­ni­zieren und Ent­schei­dungen zu treffen.

In wel­chen Klassen pfeifen Sie?
Mit 16 kam ich in den Leis­tungs­kader und pfiff Junioren-Ver­bands­liga. Seit einem Jahr bin ich nun im Her­ren­be­reich aktiv – bis hoch zur Bezirks­liga.

Sie stu­dieren im 3. Semester auf Lehramt. Würden Sie sagen, dass Ihr Faible für Päd­agogik auch ein Grund für Ihren Spaß am Schieds­rich­tern ist?
(Lacht.) Schon mög­lich. Mein Ziel ist es, nach dem Stu­dium in Berlin an Brenn­punkt­schulen zu arbeiten und sozial benach­tei­ligten Men­schen zu helfen. Ich glaube, wer sowas vorhat, muss robust sein. Zumin­dest kommt es mir als Schieds­rich­terin zugute, mir auch im Stu­dium Gedanken über schwie­rige Cha­rak­tere zu machen.

Das heißt?
Ich denke, auf Ber­liner Plätzen herrscht schon ker­niger Umgangston. Da hilft mir meine Schlag­fer­tig­keit. Kurz: Ich kann auch kon­tern, wenn mich einer blöd von der Seite anquatscht.