Als das Licht im Innen­raum des Emi­rates Sta­diums längst erlo­schen war, saß die Füh­rungs­spitze des FC Arsenal noch bei­sammen und schwärmte von dieser unglaub­li­chen Leis­tung. Die Gun­ners“ hatten soeben das Ach­tel­fi­nale der Europa League erreicht — doch es war es nicht das eigene Team, das die Lon­doner Bosse begeis­tert hatte.

Viel­mehr war es der schwe­di­sche Liliput-Klub Öster­sunds FK (Sai­son­etat: knapp sechs Mil­lionen Euro), der an diesem Abend die Glanz­lichter gesetzt hatte. Schon nach 23 Minuten führte das Sen­sa­tions-Team der lau­fenden Euro­pacup-Saison mit 2:0 und war drauf und dran, die 0:3‑Heimpleite aus dem Hin­spiel wett­zu­ma­chen. Nicht einmal der Treffer des Ex-Schal­kers Sead Kolasinac (47.) zum 1:2‑Endstand brachte Ruhe ins Spiel von Arsenal.

Magi­sche Kräfte

Nach dem Schluss­pfiff tat sich Bemer­kens­wertes. Statt, wie üblich, Arse­nals Trainer-Ikone Arsene Wenger nach mög­li­chen Rück­tritts­plänen zu fragen, stürzten sich die eng­li­schen Reporter auf Öster­sund-Coach Graham Potter, den sie prompt in Harry“ Potter umtauften. Der 42-jäh­rige Eng­länder scheint tat­säch­lich magi­sche Kräfte zu haben.

Seit seinem Amts­an­tritt im Jahr 2011 machte Potter aus einem gott­ver­ges­senen Ama­teur­klub in der schwe­di­schen Pampa eine der hei­ßesten Aktien im skan­di­na­vi­schen Klub­fuß­ball. In nur vier Jahren führte er Öster­sunds FK aus der vierten in die erste schwe­di­sche Liga. Im ver­gan­genen Jahr fei­erte er mit dem Klub den natio­nalen Pokal­sieg — und zog dadurch sen­sa­tio­nell in den euro­päi­schen Wett­be­werb ein. 

Unter­halb der Wahr­neh­mungs­grenze

Was folgte, war ganz großes Fuß­ball-Kino: In der Europa-League-Quali räumte Öster­sunds FK zunächst Gala­ta­saray Istanbul, später PAOK Salo­niki aus dem Weg. Nach der Gruppen-Aus­lo­sung im UEFA-Haupt­quar­tier in Nyon tönte Ver­eins­boss Daniel Kind­berg: Wir werden auch im Früh­jahr noch in der Europa League ver­treten sein.“ Damals lachten alle — alle, außer Graham Potter. Der Zau­ber­trainer tüf­telte ein­fach in Ruhe weiter. Anschlie­ßend sicherte sich der Fuß­ball­zwerg aus Mit­tel­schweden in der Grup­pen­phase mal eben Platz 1 — vor Ath­letic Bilbao und Hertha BSC.

Jetzt wurde man auch in Pot­ters Heimat auf den eins­tigen Trainer-Nobody auf­merksam. Angeb­lich sollen aktuell min­des­tens vier Pre­mier-League-Klubs an dem Mann aus den Bri­tish Mid­lands inter­es­siert sein. End­lich, möchte man meinen. Zuvor hatte Graham Potter sich im Fuß­ball­ge­schäft meist unter­halb der Wahr­neh­mungs­grenze bewegt.

Eigent­lich ganz ein­fach

Als Profi kickte der Defensiv-All­rounder 13 Jahre lang für elf ver­schie­dene, meist unter­klas­sige Klubs. Als Potter 2005 seine Schuhe an den Nagel hängte, wollte er mit Haut und Haaren Trainer werden. Doch nie­mand auf der Insel inter­es­sierte sich für den Mann, der so gern mit unkon­ven­tio­nellen Gedanken über den Fuß­ball hau­sieren ging. Heute zeigt sich, wie richtig er damit lag.

Öster­sunds FK spielt zwar auf den ersten Blick typisch bri­tisch, in einer klas­si­schen 4 – 4‑2-Grund­for­ma­tion. Doch Pot­ters Team ist jeder­zeit in der Lage, situativ zu reagieren und auf 4−3−3 oder 4−5−1 umzu­schalten. Die zen­trale For­de­rung des Coa­ches an seine Spieler klingt ein­fach, erfor­dert jedoch 1.000-prozentige Kon­zen­tra­tion und unab­läs­sige Kom­mu­ni­ka­tion.

Wie auto­ma­ti­siert

Wir müssen ver­schieben wie ein Schwarm Fische“, pre­digt Stra­tege Potter, nur dann funk­tio­niert unser Spiel – in beide Rich­tungen.“ Soll heißen: Unab­hängig vom System müssen die Räume in Ball­nähe stets zen­ti­me­ter­genau nach den Vor­gaben des Trai­ners besetzt sein, was Öster­sund zu einem defensiv ekligen und offensiv brand­ge­fähr­li­chen Gegner macht. Vor allem im letzten Spiel­feld­drittel laufen die Kom­bi­na­tionen der Schweden mit­unter wie auto­ma­ti­siert — dank Potter und dessen beses­sener Detail­ar­beit.