Was braucht man für eine rich­tige Aus­wärts­fahrt? Einen Wagen, fünf Insassen und etwas Weg­ver­zehr. Unter den fünf Insassen, die das Auto tie­fer­legen, befindet sich meis­tens einer, der fährt oder zumin­dest fahr­tüchtig ist (im Ide­al­fall), einer, der schon an der ersten Rast­stätte über­legt, von Bier auf Schnaps umzu­steigen, und einer, der im Stile eines Enter­tai­ners die bun­testen Geschichten seines Lebens zum Besten gibt. Diese Rolle fiel bei unserer Aus­wärts­tour im Jahr 2009 dem Bei­fahrer anheim, der sich an diesem Wochen­ende den Spitz­namen König der A3“ wahr­haftig ver­diente.

Es fing damit an, dass er von seinem aben­teu­er­li­chen Leben als Mari­ne­tau­cher erzählte. Dabei wussten zumin­dest zwei andere im Auto, mich ein­ge­schlossen, dass er in Wirk­lich­keit gerade eben so sein Fach-Abi und den Zivil­dienst hinter sich gebracht hatte und nun – wie man so schön sagt – zwi­schen zwei Pro­jekten stand, kurzum: er stu­dierte, aber nur das Fern­seh­pro­gramm. Den anderen beiden, die ihn bis dato nicht kannten und damit ganz gut durchs Leben gekommen waren, konnte er diesen Bären aber auf­binden. Spä­tes­tens aber als der König der A3“ davon anfing, wie er mit der Har­pune auf die Jagd gegangen war, füllte die Skepsis auch ihre Blicke. 

Der König der A3 und sein Werk

Zwei Stunden und eine Palette Dosen­bier später war dann vier Fünftel der Auto­in­sassen bewusst, dass dieser Mann unter gar keinen Umständen Mari­ne­tau­cher sein konnte – der Ein­zige, der weiter daran zu glauben schien, war er selbst. Zumin­dest ließ er nicht locker, erzählte von einer eigenen Fre­gatte und begrüßte ein als Pirat ver­klei­detes Kind in der Schlange eines Imbiss mit den Worten: Arbeite an dir, dann wirst du mein erster Offi­zier!“

Ver­dient um die Optik der Rast­stätte machte sich der König der A3“ dann noch, als er einem Mann, der auf einem rie­sigen Rasen­mäher die Wiese abfuhr, Instruk­tionen geben wollte. Was dieser mit einer effen­ber­gesken Geste gou­tierte. Doch es war­teten neue Her­aus­for­de­rungen, denn spät am Abend kamen wir an unserem Zielort an, einen Tag vor dem Spiel, die Nacht lag wehrlos vor uns.

Joint an, Fenster auf kipp

Das Schöne an Aus­wärts­fahrten ist, dass man sich wie ein Rock­star benehmen kann. Das Schlechte, dass man nicht wie ein Rock­star behan­delt wird und meis­tens die Zeche selbst zahlen muss. Im Hostel ange­kommen, öff­neten wir eigen­mächtig das Ein­gangstor zur Tief­ga­rage, um das in Mit­lei­den­schaft gezo­gene Gefährt abzu­stellen. Plötz­lich stürmte eine auf­ge­brachte Dame heran und fragte, wer uns das denn erlaubt hätte. Die Dame am Emp­fang“, log der Fahrer unver­froren. Das kann nicht sein, denn das bin ich“, gab die Frau zum Besten. Der Punkt ging an sie.

Im Hostel trafen wir dann auf Bekannte aus anderen Land­stri­chen der Repu­blik, die mit ihrer ganz eigenen Defi­ni­tion des Rau­chen verboten“-Zeichens im Hostel­zimmer auf­war­teten. Auf dem Schild sah man schließ­lich nur eine durch­ge­stri­chene Ziga­rette – Micha* jedoch saugte an einem rie­sigen Joint. Immerhin: Er ver­wies darauf, dass die Fenster ja auf kipp ständen. Wir blieben bei Alkohol. Hin­terher sollte sich her­aus­stellen, dass wir uns von der Gleich­gül­tig­keit etwas hätten abschauen sollen. Es hätte uns Ärger erspart.

Als wir näm­lich in einer Kneipe mit sehr vielen anderen laut­stark Hymnen auf unseren Verein vor­trugen und die Fahnen schwenkten, machte sich ein Anhänger des Heim­ver­eins bemerkbar. Non­cha­lant for­derte einen von uns, näm­lich Enno, zum Tänz­chen heraus. Danach musste er sich die Frage gefallen lassen, wie es um seine mathe­ma­ti­schen Fähig­keiten steht. Du bist allein, wir sind zu 30, beruhig dich oder geh nach Hause“, hieß es. Der Typ ging, doch vor einer Knei­pen­gasse am anderen Ende der Stadt trafen wir ihn wieder. Ihn und seine 25 Kol­legen. Kommt doch her, die ersten drei nehm ich volley“, tönte Tomek aus unseren Reihen. Doch nun musste er sich die Frage nach seinen mathe­ma­ti­schen Fähig­keiten gefallen lassen, wir waren nur noch zu zehnt.

Und die Zahlen stimmen, nor­ma­ler­weise ver­hält es sich mit Schil­de­rungen von jenen kri­ti­schen Situa­tionen bei Aus­wärts­fahrten immer so wie die Angabe von Män­nern über die Anzahl ihrer Sexu­al­partner – es wird hem­mungslos über­trieben. Wir zu zweit gegen fünf­zehn“ oder Ich gegen zehn“, diese Sätze hat man alle schon einmal gehört. Wir waren fried­lich und nicht auf Kie­fer­brüche aus, vor allem nicht auf welche, die wir selbst erlitten, und danach sah es aus. Auf der Gegen­seite zog man sich mit betö­rendem Gestus Hand­schuhe an und legte den Mund­schutz ein. Uns war klar: Der Typ hatte seine Kol­legen nicht für eine harm­lose Schub­serei zusam­men­ge­trom­melt.

Exzess bis zum Wett­büro

Wir machten also das, was echte Männer nun einmal tun müssen, egal, was pas­siert: Wir türmten durchs Gebüsch. Ganz im Stil von Stan Libuda, links antäu­schen, rechts vorbei, schlugen wir Haken. Bis auf einen Schlag an den Rücken blieb ich ver­schont, doch Enno war nicht auf­zu­treiben. Schnell machte die Besorgnis die Runde, er wäre in den Fängen des Feindes. Ich suchte ihn überall, doch er war nicht auf­zu­finden. Als er end­lich an sein Handy ging, ver­stand ich ihn kaum. Lag er mit Kabel­bin­dern gefes­selt in einem Kel­ler­ver­lies? 

Nein, er stand am Tresen der gegen­über­lie­genden Bar. Als ich her­einkam, sagte er nur: Hast du gedacht, dass du drum herum kommst, ein paar Runden zu schmeißen? Alles Gute zum Geburtstag.“ Mitt­ler­weile war es 24 Uhr durch und mir wurde klar, dass der erste Glück­wunsch, den ich erhalten hatte, jener Schlag auf den Rücken gewesen war. Nach und nach tru­delten die anderen ein, wir konnten unser Glück, so glimpf­lich aus der Nummer heraus gekommen zu sein, kaum fassen. Was blieb uns anderes übrig, als uns in die Besin­nungs­lo­sig­keit zu trinken?!

Wie heftig der Exzess war, zeigte sich am nächsten Morgen, als wir immer noch stark alko­ho­li­siert und mit zwei Stunden Schlaf in den Kno­chen in einem Wett­büro standen. Ich kann nicht glauben, dass wir das wirk­lich machen“, sagte Sascha. Damals konnte man beim Wett­an­bieter noch auf ein­zelne Spiele setzen, wir setzten 50 Euro auf unser Team, bei einer Quote von 4,0. Tomek wirkte wie Hilmi Sözer in Bang Boom Bang“ („Alles auf Horst“), als er der Kas­sie­rerin das Geld über­reichte.

Es war ein son­niger Tag und wir gingen auf den Rum­mel­platz in der Stadt. Mit Fahnen und Gesängen stürmten wir das Geis­ter­haus, die Was­ser­bahn und den Auto­scooter. Aus­wärts sind wir alle Kinder. Der Typ vom Auto­scooter zeigte sich sehr angetan von unserer Per­for­mance und stellte bei einem Sieg unserer Elf meh­rere Freirunden in Aus­sicht. Man merkte: Keiner rech­nete damit, dass wir an diesem Tag irgend­etwas holen würden. 

Drei Stunden später sah man ver­schwitzte und dehy­drie­rende Typen mit freiem Ober­körper auf den Rängen wippen, oben türmte Tomek, den wir hoch­stemmten und der den Wett­schein wie einen Pokal in die Höhe hielt. Drei Punkte, 200 Euro, Auto­scooter-Frei­fahrten, Son­nen­schein – war das hier das gelobte Land? Müßig zu erwähnen, dass Tomek den Wett­schein noch kurz­zeitig verlor und wir ihn in großem Tohu­wa­bohu wie­der­finden mussten. Auch wenn wir das Geld fak­tisch noch gar nicht hatten, hauten wir es schon an diesem Abend auf den Kopf.

Das Zitat des Jahres 

Zu nächt­li­cher Stunde traf ich den König der A3“ vor der Tür einer Kneipe, der sich im Übrigen mitt­ler­weile mit diesem Namen auch bei den Frauen vor­stellte. Er hatte noch einen Rest eines Döners in der Hand. Als er fertig war, sagte er den einen Satz zu mir, der mir bis heute im Gedächtnis geblieben ist und den ich wohl auch so schnell nicht ver­gessen werde:

Der Döner hat so scheiße geschmeckt, den wollte ich ihm erst aufs Dach pfef­fern. Aber dann habe ich mich doch zu sozialer Ein­stel­lung hin­reißen lassen.“

Ich habe noch nie gehört, dass jemand sich zu sozialer Ein­stel­lung hat HIN­REISSEN“ lassen. Manche Storys und Zitate können ein­fach nur auf Aus­wärts­fahrten pas­sieren. Und man erlebt 30 schlimme Abende und Spiele, um dann diesen einen per­fekten richtig aus­kosten zu können. Damals war es so weit. Wir kamen ziem­lich k.o. nach Hause, wo schon einige anderen war­teten – es galt, meinen Geburtstag nach­zu­feiern. 

Nach­trag: An dem Abend fragte mich jemand: Warum fahrt ihr denn so weit dahin, das Spiel lief doch auch im Fern­sehen.“ Manche werden es eben nie ver­stehen.