Vier Minuten, zehn Sekunden. Vier Minuten und zehn Sekunden lagen am Samstag zwi­schen dem ver­meint­li­chen Foul von Her­thas Tor­hüter Chris­tensen an Frank­furts Stürmer Rafael Borré und der rechts­gül­tigen Ent­schei­dung von Schieds­richter Frank Wil­len­borg, Chris­ten­sens Ein­griff nicht mit einem Elf­meter zu ahnden.

Ein Viel­fa­ches dieser uner­träg­lich langen Zeit­spanne wird seitdem für Debatten über Wil­len­borgs Ent­schei­dung auf­ge­wendet – ohne dass die Dis­ku­tanten bisher zu einem rechts­gül­tigen Ergebnis gekommen wären.

Eine ver­läss­liche Größe

Die einen sagen, dass der Schieds­richter dank der Inter­ven­tion des Video­as­sis­tenten (VAR) am Ende richtig gelegen habe, weil die Berüh­rung Chris­ten­sens nie und nimmer einen Straf­stoß zur Folge hätte haben dürfen.

Die andere Frak­tion wie­derum beharrt darauf, dass der VAR erst gar nicht hätte ein­greifen dürfen, weil Wil­len­borgs ursprüng­liche Ent­schei­dung eben nicht klar und deut­lich falsch gewesen sei. Dass Chris­tensen Borrés Fuß berührt hatte, war schließ­lich durch die TV-Bilder zwei­fels­frei zu belegen.

Der Video­be­weis feiert in diesen Tagen sein erstes kleines Jubi­läum im deut­schen Fuß­ball. Vor genau fünf Jahren wurde er ein­ge­führt. Und ist es nicht eine schöne Sache, dass in einer Zeit, in der es sonst kaum noch Gewiss­heiten gibt, zumin­dest der VAR eine ver­läss­liche Größe geblieben ist? Er nervt wie am ersten Tag!

Nein, das ist natür­lich keine schöne Sache – vor allem nicht, weil uns der Video­be­weis auf immer und ewig erhalten bleiben wird. Es gibt kein Zurück mehr, auch wenn die orga­ni­sierten Fans wieder und wieder gegen ihn auf­be­gehren und, voll­kommen zurecht, den Ver­lust an Emo­tionen beklagen. Tor? Oder doch nicht? Jubeln? Oder doch nicht?

Der Video­be­weis wird bleiben. Umso wich­tiger ist es, seinen Ein­satz (weiter) zu opti­mieren. Die jüngsten Ent­wick­lungen deuten eher auf das Gegen­teil hin. Vor allem im deut­schen Schieds­rich­ter­wesen mit seinem tra­di­tio­nellen Hang zur Über­kor­rekt­heit.

Es lohnt sich ein Blick zurück auf die Anfänge und dabei auf eine Szene, die ver­mut­lich für die Akzep­tanz des Video­be­weises eine ent­schei­dende Rolle gespielt hat. Es geht um das irr­tüm­lich gege­bene Tor von Leon Andre­asen für Han­nover 96 gegen den 1. FC Köln. Irr­tüm­lich, weil der Däne den Ball mit der Hand über die Linie gefaustet hatte – was so ziem­lich jeder gesehen hatte, nur der Schieds­richter auf dem Feld leider nicht.

Jeder Pups wird kon­trol­liert

Nur um solche wirk­lich dra­ma­ti­schen Fehl­ent­schei­dungen gehe es, hat man uns erzählt. Der Schieds­richter bleibe der Boss, seine Auto­rität unan­ge­tastet, weil der Assis­tent im Keller nur ein stiller Zuar­beiter sei. Die Rea­lität sieht leider anders aus. Lutz Michael Fröh­lich, Chef des deut­schen Schieds­rich­ter­we­sens, hat schon im Früh­jahr gesagt: Es gibt eher die Ten­denz, über feh­lende Inter­ven­tion nach­zu­denken als über über­trie­bene Inter­ven­tion.“

Und so wird der ver­meint­liche Assis­tent mehr und mehr zum Ober­schieds­richter, weil inzwi­schen jeder Pups kon­trol­liert und noch mal gegen­ge­checkt wird, und das mit der irrigen Ansicht im Hin­ter­kopf, dass Fern­seh­bilder im Unter­schied zur mensch­li­chen Wahr­neh­mung unbe­stech­lich sind.

Lauter Kauf­haus-Detek­tive

Peter Knäbel, der Sport­vor­stand des FC Schalke 04, hat nach dem uner­klär­li­chen Ein­griff des VAR im Spiel seiner Mann­schaft in Köln ein schönes Bild für diese unheil­volle Ten­denz gefunden. Lauter Kauf­haus-Detek­tive säßen da im Keller, immer auf der Suche nach einem bisher unent­deckten Ver­gehen.

Ja, das ist mensch­lich, weil kein Mensch gerne für einen Fehler belangt werden will, den er womög­lich über­sehen hat. Aber ging es beim Video­be­weis nicht gerade darum: den Ein­fluss des Fak­tors Mensch mit all seinen Schwä­chen deut­lich zu redu­zieren?

Dieser Text erscheint im Rahmen unserer Koope­ra­tion mit dem Ber­liner Tages­spiegel.