Man­fred Kastl, wie geht’s Ihnen?

Es ging mir schon besser. Sie wissen ja ver­mut­lich, was gerade los ist. 



Zuletzt war zu lesen, Sie hätten Ihr Ver­mögen ver­spielt. 

Das stimmt so nicht. Es ist eine Ver­ket­tung von vielen Geschichten und Schick­sals­schlägen. Ich gebe Ihnen mal einen kurzen Abriss: 1992 habe ich mit dem Fuß­ball auf­ge­hört, zwei Jahre später baute ich dann mein Hotel in ein Pfle­ge­heim um, weil meine Mutter an Krebs erkrankt war. 1998 haben meine Frau und ich uns scheiden lassen, doch es war zunächst kein Geld da, um diese Schei­dung zu bezahlen. Und 2004 hatte ich als Bei­fahrer einen schweren Auto­un­fall. Der Fahrer steu­erte das Auto gegen einen Baum, ich lag meh­rere Wochen im Koma. Von der Ver­si­che­rung kriege ich bis heute aber kein Schmer­zens­geld. Über mein Ver­mögen ist Anfang 2008 ein Insol­venz­ver­fahren eröffnet worden. 

Und nun klagen Sie an?

Ach, wissen Sie: Ich sage nicht, dass ich alles richtig gemacht habe in meinem Leben. Doch gewisse Dinge werden ein­fach falsch dar­ge­stellt. Ich habe das Pfle­ge­heim, mit dem ich Geld ver­diene, habe aber zugleich ein pri­vates Schicksal, das dieses Geld auf­frisst.

Warum wurde die Ins­vol­venz denn aus­ge­löst?
 
Ich musste Sozi­al­ver­si­che­rungs­bei­träge bezahlen. Und konnte es nicht.

Die Banken wollen Ihnen nun kein Geld geben?

Nein. Nicht mal meine Haus­bank, der ich bis zum Tag der Isol­venz keinen ein­zigen Cent schuldig geblieben bin. Dabei habe ich stets alle, wirk­lich alle Raten pünkt­lich bezahlt.

Wel­chen Grund gibt die Bank an?

Haben Sie meinen Namen mal gegoo­gelt?

Natür­lich.

Es gibt unzäh­lige Ein­träge und Berichte über meine Poker-Lei­den­schaft. Und ja, es stimmt, ich habe eine zeit­lang gepo­kert. Am Anfang war das ein reines Hobby von mir, dann lud man mich zu einem Poker-Tur­nier ein. Ich hatte Glück und gewann. Die fol­genden Tur­niere wurden im Fern­sehen über­tragen und plötz­lich war mein Name fest mit dem Poker-Sport ver­bunden. Und plötz­lich hieß es, ich würde mein Geld beim Pokern ver­spielen.

Das stimmt nicht?

Nein. Das sind ja keine ille­galen Glück­spiel­tur­niere. Das sind offi­zi­elle Poker­tur­niere gewesen, da spielt man gegen eine kleine Start­ge­bühr mit und gewinnt, wenn man Glück hat, Sach­preise oder klei­nere Geld­be­träge. Doch sein Haus und Hof kann man da sicher­lich nicht ver­spielen. Im Übrigen spielen da auch Anwälte und Banker mit, also genau die Leute, die mir nun miss­trauen. Sie stufen mich auf­grund dieser Poker-Spie­lerei als kre­dit­un­würdig ein.

Pokern Sie heute noch?

Selten. Viel­leicht mal, wenn ich irgendwo ein­ge­laden werde. Das ist schade, denn Poker war eine Art Hobby. Ich gehe ja auch mal ins Kino, ins Schwimmbad. Das sind Dinge, die zu meiner Lebens­qua­lität bei­tragen.

Um Hilfe bei ehe­ma­ligen Mit­spie­lern oder Mana­gern bitten Sie nicht?

Nein, ich wollte das immer alleine schaffen. Das rührt von früher – schon in meiner Jugend hat mir nie jemand einen roten Tep­pich aus­ge­breitet.

Ihre Eltern haben Sie nicht in Ihrem Wunsch unter­stützt Fuß­ball­profi zu werden?

Finan­ziell fehlten ihnen die Mittel. Zudem hat es meine Eltern anfangs weniger inter­es­siert – zumin­dest bis zu dem Zeit­punkt als ich Profi wurde. Ich kam ja aus recht ein­fa­chen Ver­hält­nissen…

Ihr Vater war Flach­dach­iso­lierer, Ihre Mutter Schwei­ßerin…

Richtig. Ich musste mir anfangs durch Neben­jobs selber meine Fuß­ball­schuhe und Trai­nings­an­züge ver­dienen. Wäh­rend andere Kinder in Adidas-Tri­kots zum Trai­ning gefahren wurden, kam ich – ganz egal ob der Platz 20 oder 30 Kilo­meter ent­fernt war – mit dem Bus oder der Stra­ßen­bahn.

Und ohne Adidas Trikot.

Meine Tri­kots hatten nur zwei Streifen und waren von Quelle“. Ganz klar, Kinder wie ich waren eher Außen­seiter. Doch für mich zählten eh immer andere Dinge. Ich sagte mir stets: Es gibt Wich­ti­geres als den dritten Streifen. Was zählt ist, wie gut du Fuß­ball­spielen kannst.

Diese Außen­sei­ter­rolle hat Sie ange­spornt?


Genau. Und ich bin durch diese Erfah­rungen bis zuletzt boden­ständig geblieben.

Was war das eigent­lich für ein Gefühl, als Mitte der 80er Jahre – Sie waren 20 Jahre alt – der große HSV bei Ihnen anfragte?

Ich hatte vorher schon Pro­be­trai­nings bei Bay­reuth und Waldhof Mann­heim gemacht. Ich war auf dem Weg, das wusste ich. Ich hatte eine Menge Tore für Fürth gemacht und es war zu dem Zeit­punkt für mich nicht so unge­wöhn­lich, dass ein Erst­li­ga­verein bei mir anklopfe. Den­noch: Es war natür­lich ein großer Schritt für mich. 

Sie spielten beim HSV mit Größen wie Dietmar Jakobs, Manni Kaltz oder Uli Stein. Wie emp­fing man Sie?


Ich wech­selte zum HSV, als dort eine Art Umbruch statt­fand. Die junge Garde kam – Thomas von Heesen oder ich. Die alten HSV-Spieler nahmen das zur Kenntnis und zeigten sich wirk­lich offen. Sie nahmen mich gut auf.

Zudem waren es die letzten beiden Jahre von Grantler Ernst Happel.

Das stimmt. Er war im Spie­ler­kreis übri­gens nicht dieser Grantler. Nach außen bewahrte er ein Image – das Image des mies­ge­launten Den­kers. Doch im inneren Kreis hatte Happel durchaus etwas Lus­tiges an sich.

Kaum vor­stellbar.

Sein sub­tiler Witz und Wiener Schmäh passten viel­leicht nicht in das gän­gige Bild des deut­schen Humors. Doch Sie können mir glauben: Happel war wirk­lich witzig! Natür­lich war er auch dieser Dis­zi­plin­fa­na­tiker, den man aus den Medien kannte. Daher kam er mit Spie­lern wie Schatz­schneider oder Wuttke über­haupt nicht zurecht.

Und mit Ihnen?

Wir hatten eigent­lich nie Pro­bleme.

Nach 37 Spielen und 17 Toren ver­ließen Sie den HSV aber. Waren die Erwar­tungen des HSV höher? Suchte man beim HSV immer noch nach dem legi­timen Hru­besch-Nach­folger?

Der HSV hatte damals finan­zi­elle Pro­bleme. Es mussten Spieler ver­kauft werden. Auf der Liste standen Kastl und Bei­ers­dorfer ganz oben. In Lever­kusen bekamen Michael Meier und Reiner Cal­mund davon Wind. Ich wollte eigent­lich gar nicht weg, ich fühlte mich ja pudel­wohl in Ham­burg. Doch Meier und Cal­mund riefen dann an und machten mir die Sache schmack­haft.

Das Image von Bayer Lever­kusen war damals nicht das beste. Was sprach für einen Wechsel?

Dar­über dachte ich gar nicht nach. Klar, der Klub war als der Pillen-Klub“ ver­schrien, doch die Mann­schaft wurde 1988 Uefa-Pokal-Sieger. Dann kam Rinus Michels und zeit­gleich…

…drehte sich in Ham­burg das Trai­ner­ka­russel.

Genau. Nach Happel kamen Willi Rei­mann, Volker Schock und Josip Sko­blar. Dr. Klein war nicht mehr Prä­si­dent. Gewisse Größen, die vorher das Zepter beim HSV schwangen, waren plötz­lich nicht mehr da. Und vor diesem Hin­ter­grund war ein Wechsel im Grunde die rich­tige Ent­schei­dung. Auch wenn mir die Stadt und die Leute sehr ans Herz gewachsen waren.

Wenn Sie auf Ihre aktive Zeit zurück­bli­cken: Gibt es dort Momente, die sich häufig vor Ihrem geis­tigen Auge wie­der­holen?

Das DFB-Pokal-End­spiel 1987 mit dem HSV war schon ganz beson­ders. Auch weil ich 90 Minuten auf dem Platz stand. Wir gewannen 3:1. Zwar hieß der Gegner Stutt­garter Kickers – es war dieses typi­sche Spiel David gegen Goliath“ –, doch gegen diesen David, der zuvor die Bun­des­li­gisten Ein­tracht Frank­furt und For­tuna Düs­sel­dorf aus­ge­schaltet hatte, musste man auch erstmal gewinnen. Schöne Erin­ne­rungen habe ich auch an den letzten Spieltag der Saison 1992. Wir wurden mit dem VfB in letzter Sekunde Deut­scher Meister. Frank­furt hätte nur in Ros­tock gewinnen müssen…

Der Ein­tracht wurde ein Elf­meter ver­wei­gert.

Das stimmt. Und wenn man sich die Fern­seh­bilder anguckt, muss man zugeben: Das war einer.

Ihre kurze Kar­riere war aber nicht nur von sol­chen erfolg­rei­chen Momenten geprägt. Sie klopften zum Bei­spiel immer wieder an die Tür der Natio­nal­mann­schaft, durften aber nie ein­treten. Warum?


Ich machte unter Berti Vogts meh­rere Län­der­spiele für die U21. 1988 hätte ich mein Debüt in der A‑Nationalmannschaft in einem Spiel gegen Däne­mark geben sollen, doch ich ver­letzte mich am Knie.

War die Ver­let­zung auch der Grund für Ihr frühes Kar­rie­re­ende?

Nein. Ich erholte mich bald wieder. Und spielte dann ja noch beim VfB Stutt­gart. Und nachdem mein Ver­trag in Stutt­gart aus­ge­laufen war, hatte ich Anfragen von Chelsea London und Hertha BSC vor­liegen, doch Dieter Hoeneß, der dama­lige VfB-Manager, hatte die Ablöse für mich auf 1,5 Mil­lionen Mark fest­ge­legt. Viel zu hoch! Die Gespräche mit den inter­es­sierten Ver­einen kamen jedes Mal, wenn diese Summe genannt wurde, zu einem raschen Ende. 

Sie reden heute ver­bit­tert über Dieter Hoeneß.

Das Ver­hältnis ist auch nicht mehr zu kitten. Der Mann tut ein­fach Dinge, die er bei anderen ver­ur­teilt. Doch was soll ich jetzt andere Fässer auf­ma­chen oder wild her­um­brüllen? Ich habe selber genug Pro­bleme und will nicht für alles, andere ver­ant­wort­lich machen. De facto war aber auch auf­grund dieser Ablöse meine Kar­riere zu Ende. 

Schwer zu glauben.

Nun, ich sage nicht, dass dies der ein­zige Grund war. Ich habe bestimmt auch viele fal­sche Ent­schei­dungen getroffen. Das lag viel­leicht auch an meiner juve­nilen Nai­vität, an Unwis­sen­heit. Doch wie heißt es: Unwis­sen­heit schützt vor Strafe nicht. Wie schon gesagt: Ich eröff­nete ein Pfle­ge­heim und küm­merte mich vor­nehm­lich um meine Mutter. Zugleich hörte ich auf, pro­fes­sio­nell Fuß­ball zu spielen. Heute würde ich sagen, ich hätte beides machen können: Fuß­ball spielen und ein Pfle­ge­heim eröffnen.

Hatten Sie keine Berater?

Nein, damals war das nicht üblich. Viele Spieler waren ihre eigenen Berater. Die Spiel­er­ge­nera­tion der 70er und 80er Jahre war oft­mals auf sich allein gestellt. Namen wie Gerd Müller oder Eike Immel dienen ja als die idealen Bei­spiele.

Den­noch: Sie ver­dienten damals auch über­durch­schnitt­lich. Braucht man wirk­lich einen Berater, der einem sagt: Aber nicht sofort alles ver­ju­beln!“?

Das Gehalts­ge­füge war nicht ver­gleichbar mit heute, aber es stimmt, das Gehalt war schon hoch. Doch der Umgang mit diesem Geld wurde nie­mandem bei­gebracht. Erin­nern Sie sich nur an diese so genannten Bau­her­ren­mo­delle. Was da für Geld hinein gesteckt wurde – ohne dass die Spieler den blas­sesten Schimmer vom Geschäft gehabt hätten. 

Sind Sie nei­disch auf die heu­tige Spiel­er­ge­nera­tion?


Nein. Ich gönne es den Spie­lern, der Markt gibt die Gehälter ja her. Es ist okay so. Und fast jeder Bun­des­li­ga­spieler, der heute mit einem durch­schnitt­lich dotierten Fünf­jah­res­ver­trag aus­ge­stattet ist, wird ver­mut­lich aus­ge­sorgt haben. Früher sagte Manni Kaltz immer: Wenn du vom Geld, das du als Fuß­ball­profi ver­dienst, später noch leben willst, dann musst du min­des­tens zwölf Jahre gespielt haben.“ Sich auf seinem Geld aus­ruhen, das konnten damals viel­leicht eine Hand­voll Spieler.

Wann können Sie sich end­lich wieder aus­ruhen?

Ich hoffe bald. Ich habe jetzt einige Ter­mine. Ich habe die Hoff­nung nicht auf­ge­geben, dass eine Bank mir ver­traut. Viel­leicht findet sich ja auch eine Art Sponsor. Und ich hoffe, dass ich eines Tages viel­leicht wieder in das Fuß­ball­ge­schäft zurück­kehre. Als Trainer, als Scout, ganz klein wieder anfangen. Das wäre ein Traum.