Eigent­lich war alles ange­richtet für eine Ham­burger Ven­detta. Arminia Bie­le­feld führte bereits nach wenigen Minuten gegen den 1. FC Hei­den­heim, am Ende gewannen sie 3:0. Der Ham­burger SV hätte gegen den SV Sand­hausen nur Unent­schieden spielen müssen, um auf den Rele­ga­ti­ons­rang zu springen. Die zwei Rele­ga­ti­ons­spiele gegen Werder Bremen hätten die Chance geboten, ein zehn Jahre altes Trauma zu rächen. Damals, als Erz­feind Werder den HSV aus drei Wett­be­werben kegelte.

Statt­dessen ist die an Tief­punkten nicht arme Geschichte des Ham­burger SV um einen neuen Tief­punkt rei­cher. Der HSV verlor nicht nur gegen Sand­hausen, son­dern ging mit 1:5 unter. Selbst Ex-HSV-Ver­tei­diger Dennis Diek­meier durfte einen Treffer bei­steuern, sein ins­ge­samt zweiter in über 300 Pro­fi­spielen.

Der HSV muss nun ein drittes Jahr in Folge in der Zweiten Bun­des­liga antreten. Wie konnte es soweit kommen? Fünf Gründe, warum der HSV den Auf­stieg ver­spielt hat.

1. Men­taler Zusam­men­bruch

Vom 2. bis zum 32. Spieltag stand der HSV unun­ter­bro­chen auf einem Auf­stiegs­rang. Je näher das Sai­son­ende rückte, desto über­schau­barer wurden die Leis­tungen. In den neun Spielen seit der Wie­der­auf­nahme des Spiel­be­triebs konnte der HSV nur zehn Punkte sam­meln.

Bereits vor der Corona-Zwangs­pause zeigte die Form­kurve stetig nach unten. Wer die ver­gan­genen Spiele des HSV sah, erlebte ein Team, das mental über­for­dert wirkte. Kein Spieler traute sich, ris­kante Aktionen zu wagen oder den Spiel­aufbau in die Hand zu nehmen. In den Schluss­phasen brach das Team regel­recht aus­ein­ander. Sieben Punkte ver­spielten die Ham­burger in der Nach­spiel­zeit. Diese Tat­sache sowie der kom­plette Zer­fall gegen Sand­hausen spre­chen dafür, dass die Mann­schaft dem Druck nicht gewachsen war.

2. Tak­ti­sche Aus­re­chen­bar­keit

Dass die Ham­burger die gesamte Rück­runde schwä­chelten, hat indes nicht nur men­tale Gründe. In der Hin­runde pro­fi­tierte der Ham­burger SV von einem tak­ti­schen System, das die Stärken der Spieler zur Gel­tung brachte. Hecking ließ eine Mischung aus 4−2−3−1 und 4−3−3 spielen. Seine Mann­schaft setzte auf flache Kom­bi­na­tionen, sie domi­nierte den Gegner. Angriffe ver­edelten sie über die starke linke Seite. Hier har­mo­nierten Links­außen Sonny Kittel und Links­ver­tei­diger Tim Lei­bold prächtig. Lei­bold gab mehr Tor­vor­lagen als jeder andere Zweit­liga-Spieler.

Diese tak­ti­sche Marsch­route nutzte sich im Laufe der Saison jedoch ab. Viele Gegner erkannten, wie leicht sich der HSV kalt­stellen lässt. Sechser Adrian Fein bekam in der Rück­runde in fast jedem Spiel einen Mann­de­cker zuge­teilt, auch Sand­hausen nahm ihn so aus dem Spiel. Die Gegner erlaubten den Ham­bur­gern Ball­be­sitz in der eigenen Abwehr, sperrten aber die Pass­wege auf den linken Flügel zu. Dadurch hatte der HSV viel toten Ball­be­sitz und wenig Tor­chancen.

Hecking ver­suchte zwar, das tak­ti­sche Reper­toire seines Teams zu erwei­tern. Doch sowohl Expe­ri­mente mit einer Raute als auch das gegen Sand­hausen prak­ti­zierte 5 – 3‑2-System schei­terten. Der Trainer fand keine Ant­wort auf die Pro­bleme.

3. Schlüs­sel­spieler in Form­krisen

Erschwe­rend kam hinzu, dass die Leis­tungs­träger der Hin­runde in den ver­gan­genen Wochen schwä­chelten. Fein hatte einen schweren Stand, nachdem ihn jeder Gegner eng deckte. Er agierte zuletzt jedoch auch weniger ball­si­cher als im Herbst.

Schlimmer noch war das Form­tief der Außen­stürmer: Kittel ver­sprühte nichts von dem Esprit, der ihn in der Hin­runde aus­ge­zeichnet hatte. Auch bei Bakary Jatta häuften sich zuletzt die tech­ni­schen Fehler – und das bei einem Spieler, der ohnehin Schwä­chen in diesem Bereich hat. Hecking musste per­so­nell viel aus­pro­bieren, fand aber keine Lösung, seine form­schwa­chen Schlüs­sel­spieler zu ersetzen.

4. Defen­siv­patzer

Trotz all der Pro­bleme muss man fest­halten: Grund­sätz­lich hatte der HSV die meisten seiner Par­tien im Griff. Sie ließen Ball und Gegner laufen und ver­hin­derten somit, dass der Gegner sich in der Ham­burger Hälfte fest­setzen konnte. In vielen Spielen stimmte auch der Ein­satz im Spiel gegen den Ball, der HSV über­zeugte mit einem aggres­siven Gegen­pres­sing.

Das hilft jedoch nichts, wenn der Mann­schaft pro Spiel ein bis drei grö­bere Patzer unter­laufen. Mal waren es Mit­tel­feld­spieler, die mit kata­stro­phalen Pässen geg­ne­ri­sche Konter ein­lei­teten. Mal ver­loren Abwehr­spieler wich­tige Zwei­kämpfe, mal pennte gleich die ganze Abwehr­kette. Selten fing der HSV ein Gegentor, weil der Gegner indi­vi­duell oder tak­tisch über­legen war. In den meisten Fällen war man selbst schuld, dass hinten nicht die Null stand.

5. Stan­dard­si­tua­tionen

Acht Tore gelangen dem Ham­burger SV nach ruhenden Bällen; nur halb so viele wie dem VfB Stutt­gart (16) und deut­lich weniger als Arminia Bie­le­feld (14). Gerade in diesem Bereich zeigt sich, wie harmlos der Ham­burger SV in der Rück­runde auf­trat. Sie hatten prak­tisch nur eine ein­zige Ecken­va­ri­ante im Gepäck: ein gelupfter Ball an den ersten Pfosten. Diese Vari­ante funk­tio­nierte prak­tisch nie – und wurde doch drei- bis viermal pro Partie aus­pro­biert. Das belegt die ganze feh­lende Krea­ti­vität, die den HSV in dieser Spiel­zeit geplagt hat.

Mental gebro­chen, tak­tisch aus­re­chenbar, unkreativ: Es gibt kaum einen Teil­be­reich des Fuß­balls, in dem der HSV zuletzt über­zeugt hat. Viel­leicht ist es auch besser, ein Ende mit Schre­cken zu haben – statt eines Schre­ckes ohne Ende. Denn Werder Bremen hätte der HSV in der aktu­ellen Form kei­nes­falls schlagen können. Ihm gelang ja nicht einmal ein Unent­schieden gegen Sand­hausen. Das ist die neue Rea­lität, die der stolze Klub akzep­tieren muss: Er ist ein­fach nur ein Zweit­li­gist.