1. FC Hansa Ros­tock
Platz 1 / 35:17 Punkte / 44:25 Tore


Da müssen die Herren im Vor­stand lachen. Das Prä­si­dium des FC Hansa Ros­tock fühlt sich gut amü­siert von seinem Trainer-Import aus dem Westen. Fragt dieser Rein­ders doch tat­säch­lich nach einer Meis­ter­prämie. Eine Meis­ter­prämie? In Ros­tock? Große Comedy. 



Letzt­end­lich darf Uwe Rein­ders die Höhe der Prämie selbst bestimmen und eigen­händig in den Ver­trag ein­tragen. Mit seinem Opti­mismus steht der Trainer alleine da, sein Arbeit­geber schielt bescheiden auf Rang sechs, die 2. Liga soll es werden, mehr traut man sich nicht zu. Warum auch? Ein wirk­li­cher Über­flieger waren die Han­seaten in den letzten Jahren nicht, sie sind schon froh, wen­gis­tens das Image des Fahr­stuhl­klubs abge­legt und sich im oberen Mit­tel­feld eta­bliert zu haben. Als Kan­di­daten auf den Titel gehen andere in die Saison, Dresden natür­lich, die Chem­nitzer, viel­leicht die Mag­de­burger, aber Hansa? 

Rein­ders und die große Comedy

Die Manager west­deut­scher Ver­eine meiden den Weg an die Ostsee, glauben, dort sei nichts zu holen, ver­zichten auf Ros­to­cker Spieler. Ein intaktes Team bleibt somit zusammen und lässt sich von Rein­ders‘ glän­zender Rhe­torik um den Finger wickeln. Er macht seine Spieler heiß, erzählt ihnen von den Ver­lo­ckungen des Pro­fi­fuß­balls, fährt die Kum­pel­schiene. Rein­ders pre­digt aber auch Eigen­ver­ant­wor­tung und ver­mit­telt neben den Pri­vi­le­gien eben­falls die Pflichten eines Profis. Rein­ders passt ins Profil des Klubs. Sie wollen einen Coach aus dem Westen, einer, der den bezahlten Fuß­ball kennt, einer, der dem Verein die Träg­heit nimmt. Sie setzen auf Rein­ders und machen damit alles richtig.

Von Anfang domi­niert der FC Hansa die Ober­liga, der eins­tige Punk­te­lie­fe­rant setzt sich ganz oben fest. Sie ent­wi­ckeln end­lich ein Talent für dre­ckige Siege, sind plötz­lich nicht mehr diese Schön­wet­ter­fuß­baller. Galt die Truppe in den Vor­jahren als selbst­ge­fällig und zu schnell zufrieden, tritt sie nun bissig und ent­schlossen auf. Die Mann­schaft wirkt wie eine Sekte, die in Rein­ders ihren Erlöser gefunden hat. Der ver­meint­liche Guru nutzt seinen Höhen­flug an der Küste, um sein eigenes Image zu polieren. Wer Anno 1990 von West nach Ost geht, hat seine Gründe. Rein­ders‘ Grund ist sein Image, er läuft davon, gilt im Westen als Zocker, als Lebe­mann, als unse­riös. Hansa ist sein Neu­start. Rein­ders nimmt diese Chance ernst, ver­zichtet auf die Rolle des Bes­ser­wessis“ und ist sich dar­über im klaren, dass er den Verein genauso braucht wie der Verein ihn. 

Der Neu­start gelingt. Auf beiden Seiten.

Schon drei Spiel­tage vor Schluss macht Hansa alles klar, 3:1 gegen Dynamo Dresden, dar­unter zwei gran­diose Frei­stoß­tore von Juri Schlünz, dem Vor­zeige-Han­seaten. Der Verein, der eigent­lich mit Platz sechs gelieb­äu­gelt hatte, ist damit Meister. Qua­li­fi­ziert für die Bun­des­liga. Oben­drauf gibt es ein paar Wochen später nach einem mauen End­spiel gegen Eisen­hüt­ten­stadt auch noch den Pokal. Gerade noch recht­zeitig vor der Abwick­lung des DDR-Fuß­balls beendet Hansa seine chro­ni­sche Titel­lo­sig­keit, der Run­ning Gag vom ewigen Zweiten“ findet ein jähes Ende. Gerechnet hat damit nie­mand. Außer Rein­ders, der nun um seine selbst bestimmte Meis­ter­prämie rei­cher ist. 

Mit dem Klas­sen­er­halt als Ziel startet Hansa in das Aben­teuer Bun­des­liga. Zum Auf­takt führt der Spiel­plan den 1. FC Nürn­berg ins Ost­see­sta­dion. Ledig­lich 13.000 wollen das Duell gegen die Franken sehen, alle anderen ver­passen eine ziem­liche Über­ra­schung. Der Auf­steiger aus dem Norden über­rennt Nürn­berg – 4:0! Hansa ist damit erster gesamt­deut­scher Tabel­len­führer. Nicht die ein­zige his­to­ri­sche Rand­notiz jener Tage, denn ein paar Wochen zuvor flog Juri Schlünz im Supercup-Spiel gegen den 1. FC Kai­sers­lau­tern mit Gelb-Rot vom Platz und sah damit die erste Ampel­karte im deut­schen Fuß­ball. Das Auf­takt­spiel gegen Nürn­berg ver­passt Schlünz des­wegen, zum Gast­spiel bei den Bayern ist er aber wieder spiel­brech­tigt und erlebt eine Sen­sa­tion – 2:1 gewinnt der FC Hansa. Sieg­tor­schütze Jens Wahl muss dar­aufhin ins Sport­studio und schwitzt sich dort fast zu Tode.

Sieg­tor­schütze Wahl schwitzt sich fast zu Tode

Nach dem anschlie­ßenden 5:1 gegen Borussia Dort­mund wird aus dem medialen Wirbel ein Sturm. Mit drei Siegen startet Hansa in die Bun­des­liga und die ersten Begeis­terten fragen sich, ob die Ober­liga nicht besser die Bun­des­liga gefressen hätte. Nein, besser nicht, denn in den fol­genden Wochen nor­ma­li­siert sich das Niveau der Ros­to­cker. Sie machen an der Tabel­len­spitze Platz für die Teams, die dort hin­ge­hören und müssen sich weiter unten ein­ordnen. Der Aus­flug in den Euro­pa­pokal ist schnell beendet, wie erwartet lässt ihnen der FC Bar­ce­lona keine Chance, schon nach dem Hin­spiel ist alles gegessen.

Zum Rück­spiel in Ros­tock will Prä­si­dent Gerd Kische trotzdem Kasse machen. Mächtig dreht er an den Ein­tritts­preisen, will den Besu­chern bis zu 100 Mark aus der Tasche leiern. Ein Wucher, den sich nur 8.000 Leute antun wollen. Eine öde Kulisse für Hansas letzten Euro­pa­po­kal­auf­tritt. Immerhin gelingt ein Sieg, Spies‘ Treffer ver­söhnt die wenigen Besu­cher. In der Liga muss Hansa nun ordent­lich stram­peln, zudem ver­saut eine Fehde zwi­schen Kische und Rein­ders das Ver­eins­klima. Der Trainer gefällt sich zuneh­mend in der Rolle als Mis­sionar, der dem Osten erfolg­rei­chen Fuß­ball brachte. Immer mehr ist Rein­ders mit seiner Ver­mark­tung als Wer­be­träger beschäf­tigt. Der Verein gestand ihm dies zu, sonst wäre Rein­ders nicht finan­zierbar gewesen. Der all­ge­gen­wär­tige Coach lässt wenig Licht auf andere strahlen.

PR-Junkie Kische schmeißt den Trainer raus

Kische, auch ein ziem­li­cher PR-Junkie, nervt das. Nach ewigem Gezeter muss Rein­ders im März 92 gehen, Erich Rutem­öller kommt. Den Abstieg kann er nicht ver­hin­dern, trotz eines ebenso legen­dären wie dra­ma­ti­schen Sai­son­fi­nals, in dem Hansa Ein­tracht Frank­furt die Meis­ter­schaft ver­dirbt. Es folgen zwei zähe Jahre in der 2. Liga, erst die Ver­pflich­tung von Frank Pagels­dorf kann die Han­seaten wieder erwe­cken. Er hat ein Auge für Talente, holt Rene Schneider, Steffen Baum­gart, Stefan Bein­lich oder Mat­thias Breit­kreutz nach Ros­tock. Mit einer jungen und spiel­starken Mann­schaft gelingt dem FCH 1995 der erneute Auf­stieg. Über­ra­schend kann sie Hansa in der Bun­des­liga fest­beißen, zehn Jahre am Stück gehören sie dazu. Es beginnt eine Phase, in deren Ver­lauf sich Hansa weit von seinen eins­tigen Ober­li­ga­kon­kur­renten ent­fernt und den schmie­rigen Bei­namen Leucht­turm des Ostens“ erhält.

Rund um das Ost­see­sta­dion parken Fahr­zeuge aus Sachsen, aus Thü­ringen, aus Bran­den­burg. Hansa muss als FC Ost­deutsch­land“ her­halten, als Pro­jek­ti­ons­fläche eines ost­deut­schen Selbst­wert­ge­fühls. Auch der DFB ist froh über seinen Quo­ten­verein, kann er doch in Dis­kus­sionen über den Nie­der­gang des Ost­fuß­balls auf ein strah­lendes Gegen­bei­spiel ver­weisen und grund­sätz­liche Fragen hin­sicht­lich einer geschei­terten Inte­gra­tion in den gesamt­deut­schen Spiel­be­trieb immer wieder damit abwehren.

Hansa wird zum Sprung­brett für Rehmer, Bein­lich und Co.

Der FC Hansa macht es sich in der Nische Sprung­brett“ bequem. Rehmer, Bar­barez, Neu­ville, Bein­lich, Akpo­borie – sie alle starten ihre Bun­des­li­gakar­rieren in Ros­tock, um von dort zu grö­ßeren Ver­einen zu wech­seln. Mehr geht für Hansa nicht, die öko­no­mi­schen Mög­lich­keiten in Ros­tock sind limi­tiert, Jahr für Jahr geht es um den Klas­sen­er­halt, zwei jeweils über­ra­schende sechste Plätze, 1996 und 1998, bleiben große Aus­nahmen. Hansa wird zum erfah­renen Abstiegs­kämpfer, irgendwie aber auch zum Lang­weiler, immer wieder bewahren sie die Ruhe und halten die Klasse. Richtig knapp ist es eigent­lich nur 1999, als es letzt­end­lich bloß ein Kopf­balltor von Sla­womir Majak ist, das Hansa vor dem Abstieg rettet. Um die Jahr­tau­send­wende beginnt eine skan­di­na­vi­schen Ära, als der Verein das große Poten­tial vor seiner Haustür erkennt und sich mit Schweden ver­sorgt.

Teil­weise stehen sechs Schweden gleich­zeitig auf dem Rasen. Es folgen Dänen und ein Finne – nicht irgend­einer, son­dern Jari Lit­manen. Nur auf Nor­weger und Isländer wartet man ver­geb­lich. Der Kult um die skan­di­na­vi­schen Spieler geht so weit, dass sich ganze Rei­se­gruppen aus Schweden und Däne­mark per Fähre nach Ros­tock auf­ma­chen, um ihren Lands­leuten bei der Arbeit zuzu­sehen. Der Klub bedankt sich artig für das Inter­esse aus dem Norden und zwingt seinen Sta­di­on­spre­cher für einige Zeit, die Gäste in ihrer Lan­des­sprache zu begrüßen. 

Ros­tocks Sta­di­on­spre­cher begrüßt auf schwe­disch

2001 kann der FCH sein rund­erneu­ertes Sta­dion ein­weihen. Als erster ost­deut­scher Klub ist Hansa in der Lage, einen Sta­di­on­umbau zu finan­zieren, ein neues Jugend­in­ternat gibt’s oben­drauf. Hinter den Kulissen aber ver­passt der Verein die Gele­gen­heit zur per­so­nellen Erneue­rung. Selbst­zu­frie­den­heit stellt sich ein. Für einen Verein wie Hansa Ros­tock, der am Limit agieren muss, um in der Bun­des­liga zu bleiben, bleibt das nicht ohne Kon­se­quenzen. Im Sommer 2004 bemerken Sta­tis­tiker, dass nur sieben Teams länger unun­ter­bro­chen in der Bun­des­liga ver­treten sind als der FC Hansa. Auf einmal wird der noto­ri­sche Abstiegs­kan­didat zum Estab­lish­ment gezählt. Gern greift der Verein dieses Zah­len­spiel auf und for­mu­liert zart neue Ziele. Es solle nicht ewig gegen den Abstieg gehen, auf Dauer strebe man ein­stel­lige Regionen an.

Es folgt eine desas­tröse Saison, die ersten acht Heim­spiele gehen alle­samt ver­loren, am Ende steht der Abstieg. Plötz­lich steht der Verein vor finan­zi­ellen Pro­blemen, erst eine Bürg­schaft des Landes Meck­len­burg-Vor­pom­mern sichert die Lizenz. Umge­hend wird der Abstieg zum Betriebs­un­fall erklärt und das Ziel des sofor­tigen Wie­der­auf­stiegs pos­tu­liert. Selten arro­gant tritt der Verein auf, als erwarte er von den anderen Zweit­li­gisten eine gewisse Demut, dass sie gegen den FC Hansa antreten dürfen. Schon nach zwei Spiel­tagen, Hansa steht am Tabel­len­ende, wird Jörg Berger ent­lassen und der eins­tige Heils­bringer Frank Pagels­dorf zurück­ge­holt. Er kann das Team zwar sta­bil­sieren, aber zu keiner Zeit Tuch­füh­lung zu den Auf­stiegs­plätzen her­stellen. Das Team strandet im Nie­mands­land der Tabelle.

Ein absolut unnö­tiger Abstieg

Pagels­dorf krem­pelt den Kader um und macht Rück­kehrer Stefan Bein­lich zum Kapitän. Hansa ver­lernt schlag­artig das Ver­lieren, unge­schlagen über­steht das Team die Vor­runde. Die Zeifel am Auf­stieg sind gering, in der Rück­runde schwä­chelt das Team jedoch. Mit letzter Kraft schleppt sich Hansa den­noch in die Bun­des­liga. Dort sieht es zwi­schen­zeitig gar nicht so schlecht aus, doch zum Sai­son­ende bricht die Mann­schaft kom­plett ein und muss wieder runter. Ein absolut unnö­tiger Abstieg, der aber die Ver­hält­nisse im Osten klärt. Inzwi­schen ist Energie Cottbus zum ost­deut­schen Vor­zei­ge­klub auf­ge­stiegen.

Hansa erneuert dar­aufhin sein Selbst­ver­ständnis und ver­weist immer häu­figer auf den nord­deut­schen Cha­rakter der Region. Dem Team hilft das nicht, es kommt so schwer in die Gänge, dass Ros­tocks Fuß­ball­hei­liger Pagels­dorf gehen muss. Dieter Eilts über­nimmt und führt die Mann­schaft auf den abso­luten Tief­punkt. Fünf Monate und einen Sieg später ist Hansa Vor­letzter und zieht die Not­bremse. Zwei alte Bekannte, Andreas Zach­huber als Trainer und Rene Ryd­le­wicz als Manager, sollen den Super-Gau, den Abstieg in die 3. Liga, ver­hin­dern. Ihre Mis­sion gelingt und so bleibt Hansa der ein­zige ehe­ma­lige Ober­li­ga­klub, der immer im gesamt­deut­schen Pro­fi­fuß­ball mit­mischte.

Die Stim­mung an der Küste ist trotzdem schlecht, das Umfeld tut sich schwer mit der Erkenntnis, dass die Bun­des­liga der­zeit fern und Hansa nur noch ein durch­schnitt­li­cher Zweit­li­gist ist. Kein pas­sendes Klima, um nach einer Meis­ter­prämie zu fragen.