Sic transit gloria mundi: Die Nürn­berger Taxi­fah­rerin weiß nicht, wer Hans Meyer ist. Pokal­sieg? In wel­cher Sportart? Und wann soll das gewesen sein? Aha.“

Und mit dem Namen des Groß­trai­ners ist ihr auch die Lage des Gäss­chens ent­fallen, in der er wohnt. Wo soll das sein? Hier in Nürn­berg? Nie gehört.“

Zu spät zu einem Inter­view mit Meyer zu kommen – eine Erfah­rung, die man nicht machen möchte. Wir sind den­noch im Begriff. Die Taxi­fah­rerin klappt eine ange­gam­melte Karte (mut­maß­lich von Nürn­berg) auf, findet etwas daran ziem­lich witzig und gibt dann fröh­lich Gas.

Sie, Kol­lege Kir­schneck und ich – wir drei fahren irgendwo hin.

Noch fünf Minuten bis zum ver­ein­barten Termin mit dem Zam­pano. Wird er uns, wenn wir zu spät kommen, über­haupt noch emp­fangen? Im Radio läuft was von Era­sure. Die Taxi­fah­rerin, sie kurvt in der dif­fusen Hoff­nung, Meyer möge uns zufällig vor den Küh­ler­grill laufen, durch die Alt­stadt. Pokal­sieger, sagten Sie? Ist ja doll.“ Stra­ßen­schilder fliegen vor­über, Kol­lege Kir­schneck äugt hinaus. Da!“, schreit er plötz­lich. Da ist es!“ – Was?“, retur­niert die Taxi­fah­rerin gelassen, wäh­rend das eben erst ent­deckte Schild am Hori­zont ver­schwindet. Na, die Straße! Wo er wohnt!“, krei­schen wir. Wer?“, will sie wissen, hinter einer pink­far­benen Phan­ta­sie­son­nen­brille von der Größe eines Hol­land­rades kann man schließ­lich nicht alles mit­be­kommen. Halten Sie an“, befiehlt Kir­schneck grantig. Wir gehen zu Fuß weiter“

In erbar­mungs­loser Selbst­ver­ach­tung dem Unheil ent­gegen

Noch zwei Minuten. Mit einem Mal ist die Mög­lich­keit, dass wir zu spät kommen, von der Wirk­lich­keit nur noch wie durch ein Blatt Papier getrennt. Hans Meyer hat Jour­na­listen schon wegen wesent­lich klei­nerer Ver­gehen gegrillt. Schweiß rinnt von unseren Stirnen hinab aufs Pflaster der Nürn­berger Alt­stadt, Meyer wächst auf 3,50 Meter, hat Pranken und isst gern Leute wie Kir­schneck und mich. Ein­fach zwi­schen­durch, wenn der kleine Hunger kommt. Happs! Kir­schneck tot, ich auch tot.

Ich möchte abreisen, doch der Kol­lege prescht in erbar­mungs­loser Selbst­ver­ach­tung dem Unheil ent­gegen. Naja, wär‘ ja auch schade um die vielen schönen Fragen. Wollte der FC Bayern Sie eigent­lich mal ver­pflichten, Herr Meyer?“ Als ob der Rekord­meister Men­schen­fresser enga­gieren würde.

Jetzt geht es auch noch bergauf. Uns bleibt halt nichts erspart. Kir­schneck erin­nert mich an Franz Werfel auf der Flucht durch die Pyre­näen. Aber hinter dieser Bie­gung, da muss es sein, wenn das mit den Haus­num­mern so wei­ter­geht. Erste Jet-Lag-Sym­ptome stellen sich ein. Wie spät ist es bei dir?“, frage ich Werfel. Schätze, unge­fähr abends“, keucht dieser. Fakt ist: Wir sind jetzt zehn Minuten zu spät dran.

Tod am Gar­tentor

Ich lege mir gerade ein Alibi zurecht und nehme das auch vom Kol­legen an, seine ver­dorrten Lippen jeden­falls bewegen sich lautlos. Dann der Schock: Hinter der Bie­gung steht nicht nur das Haus – dort steht Hans Meyer selbst! 3,50 Meter groß, die Pranken in den Hosen­ta­schen. Sein monu­men­taler Schatten fällt auf uns. Wir müssen also am Gar­tentor sterben. Kein Blut in den eigenen vier Wänden.

Die Taxi“, sagt Kir­schneck todesnah, Taxi, die Fah­rerin, die wusste nicht, wo Sie wohnen!“ Sekunden, Minuten, Tage ver­gehen, dann das: Meyer schmun­zelt, reicht uns die Pranke. Macht doch nix, Kinder!“, sonort er. Wie jetzt? Kein Mas­saker? Nicht mal ne Kabi­nen­pre­digt? Sind wir viel­leicht schon im Himmel? Victor Hugo, der Schrift­steller“, fährt Hans Meyer fort, wir hören es wie wäh­rend einer out-of-body-expe­ri­ence, Victor Hugo hat sich mal auf eine ein­same Insel zurück­ge­zogen. Seine Freunde haben ihm dann an die Adresse geschrieben: Victor Hugo, Ozean. Ist ange­kommen! So macht Ihr es nächstes Mal auch: Hans Meyer, Ozean! Und jetzt kommt end­lich rein, ich koch uns nen Kaffee!“

Da sagen wir nicht Nein. Der Kaffee ist gut, die Kekse auch – und Meyer erst. Mit einer Hand Bun­des­liga-Hie­ro­gly­phen in die Luft zeich­nend, mit der anderen seinen greisen Hund Aldo strei­chelnd, packt er aus: Über den Ein­fluss des Bou­le­vards auf den Fuß­ball („Die Fans werden sys­te­ma­tisch ver­dummt“), die Ein­sam­keit im Miss­erfolg („Plötz­lich biegt der Prä­si­dent ab in einen Raum, in den er gar nicht wollte, damit er dir nicht begegnen muss“), den Job­markt („Der Trend geht zum Ein­tags­trainer“), Magath, Marko Marin und den ganzen Rest.

Super, dass wir das noch erleben und auf­schreiben durften. Die Frage, ob die Bayern mal ange­rufen haben, konnten wir sogar auch noch stellen. Ihr findet die Ant­wort und das kom­plette Inter­view in der neuen 11FREUNDE – ab heute im Handel. Pünkt­lich, ver­steht sich.