Eigent­lich hatten die schwe­di­schen Fans wäh­rend dieser EM keine Gegner. Die Ukrainer viel­leicht im ersten Grup­pen­spiel, aber auch die erschraken mit­unter vor der Stimm­ge­walt der Schweden. Im Spiel gegen Eng­land war das Fan-Duell mit­unter richtig drollig, denn ein paar eng­li­sche Fans waren uner­müd­lich. Immer wieder ver­suchten sie ein geballtes Eng­land“ auf den Rasen zu schmet­tern. Die Ant­wort folgte jedes Mal zwi­schen dem a“ und dem n“. 20.000 Schweden peitschten die 5000 Eng­länder ein­fach nieder: Sve­rige! Sve­rige!“. Als würde man von einem Kla­vier­abend direkt in ein Motör­head-Kon­zert stol­pern.

Ges­tern Abend waren die Kräf­te­ver­hält­nisse noch offen­sicht­li­cher. 2000 Fran­zosen standen dort am Fuße des Blo­ckes. Auf der anderen Seite wieder: 20.000 Schweden. Sie hatten Kiew in den ver­gan­genen zwei Wochen in gelb und blau gestri­chen. Sie waren überall. Auf der Insel Trukhanov sollen 15.000 Schweden gecampt haben. Einige von ihnen machten sich vor jedem Spiel zu Fuß auf den Weg in Rich­tung Sta­dion. Manche gingen über eine Brücke zur Metro­sta­tion. Etliche nahmen die andere Rich­tung – einmal quer über die Insel, bei 30 Grad, vorbei an Wiesen, an Bäch­lein, ein Idyll inmitten des Dnjeprs. Eine Tre­cking-Tour war es trotzdem: Um recht­zeitig zu kommen, mussten sie drei oder vier Stunden vor Anpfiff los­gehen.

Am gest­rigen Morgen hatte man erst­mals das Gefühl, dass ein biss­chen Kater­stim­mung auf­kommt. 1:2 gegen die Ukraine, 2:3 gegen Eng­land, so viel Stra­pazen für so magere Fuß­ball­kost, die Tre Kronor waren als erstes Team aus der EM geflogen. Am schwe­di­schen Info­stand lagen die Mit­ar­beiter mehr in den Stühlen, als dass sie saßen. Auf der Trukhanov-Brücke erklangen nur ver­hal­tene Gesänge.

Doch im Sta­dion, 21:45 Uhr Orts­zeit, ist all das ver­gessen. Nun also doch: Kon­ter­stim­mung. Auch auf dem Platz. Denn plötz­lich rennt und spielt dort eine Mann­schaft, als hätte sie noch Chancen auf das Vier­tel­fi­nale. Doch es geht um nichts als die Ehre. Darum, den 20.000 Schweden eine gute Nacht und Heim­fahrt zu bereiten.

In der 54. Minute legt sich zum ersten Mal ein Klang­tep­pich über das Olym­pia­sta­dion in Kiew. Die Zuschauer stehen vor ihren Sitzen und Zlatan Ibra­hi­movic liegt waa­ge­recht in der Luft. Dann schnellen seine Beine aus­ein­ander. Der Stürmer trifft den Ball im idealen Moment, Hugo Lloris taucht nach links, unteres Eck, er hat keine Chance. Wegen sol­chen Tref­fern hat Ibra­hi­movic früher Sätze gesagt wie: Wer mich stoppen will, muss mich umbringen.“ Oder: Es gibt nur einen Stil: Den Zlatan-Stil.“ Das hier ist übri­gens: ein Zlatan-Tor.

Die schwe­di­sche Kurve explo­diert. Eine Urge­walt. Als lie­ferten sich Ele­fanten und Büf­fel­herden unter der Tri­büne ein Lauf­duell. Und als das Tor auf der Video­tafel gezeigt wird, schnauben die Tiere noch einmal nach. Ein Geräusch, das lauter und wuch­tiger ist als alles, was fran­zö­si­sche oder eng­li­sche Fans in diesem Sta­dion zustande gebracht haben.

In der 90. Minute wie­der­holen sich die Ereig­nisse: Sebas­tian Larsson trifft zum 2:0, wieder Büffel, Ele­fanten, ein kom­plette Savanne, Vibrieren auf den Sitzen, und die schwe­di­sche Mann­schaft liegt auf dem Rücken von Larsson. Im Hin­ter­grund ein Meer aus blau und gelb. Eine erha­bene Bild-Ton-Col­lage, Cine­ma­scope-Pathos. Man hätte sie gerne ein wenig länger betrachtet. Länger gehört.

Doch der moderne Fuß­ball hat dafür keine Zeit. Schon dröhnt das Seven-Nation-Army“-Riff der White Stripes durch die Laut­spre­cher­an­lage des Sta­dions. Wenige Sekunden später ist Schluss. Wieder Jubel, wieder Sve­rige! Sve­rige! – doch es ist auch jetzt kein Ankommen. Je lauter die Fans schreien, desto weiter nach rechts bewegt sich der Regler des Sta­dion-DJs. Unter­halb der Pres­se­tri­büne stehen Männer, die sich anschreien. Andere zucken nur noch mit den Schul­tern. Man möchte gerne glauben, dass die Uefa-Offi­zi­ellen oder wenigs­tens der Sta­dion-DJ selbst sich tan­zend aus dem Sta­dion bewegen. Dann hätte das alles einen Sinn. Doch ver­mut­lich werden auch sie schmerz­haft hin­aus­ge­drückt von der Vocoder-Stimme einer Sän­gerin, die ein biss­chen so klingt, als hätte man ein Heidi-Klum-Quieken mit dem Sprengruf eines Dachses gepaart.

Auf der Anzei­ge­tafel erscheint noch kurz das Bild des Man oft the match“. Es ist Zlatan Ibra­hi­movic. Auf dem Foto trägt er die langen Haare offen. Hätte er eine Warze, er sähe aus wie Lemmy Kil­mister.