Fünf Kilo­meter Rich­tung Westen. Weiter muss man nicht gehen, um vom Upton Park zum London Sta­dium zu gelangen. Aber für die Fans von West Ham United muss sich dieser Weg anfühlen wie die Reise in eine andere Welt.

Ein Relikt eng­li­scher Fan­kultur, wie sie früher einmal war

Upton Park, das war 112 Jahre lang die Heimat dieses Ver­eins und seiner Anhänger. Das war tiefes Ost­london – stau­bige Straßen, hupende Autos, mor­sche Fas­saden, Kioske, Imbiss­buden und Pubs, in die sich Fans der Gast­mann­schaften nur als Mut­probe hin­ein­wagten. Und wegen seiner Geschichte und seiner beson­ders unter Flut­licht berüch­tigten Atmo­sphäre war Upton Park vor allem eins: Ein Relikt eng­li­scher Fan­kultur, wie sie früher einmal war. Nun wird das Sta­dion abge­rissen; an seiner Stelle werden Wohn­blöcke gebaut.

West Hams neue Spiel­stätte ist seit dieser Saison das London Sta­dium, das nur so heißt, weil bis­lang noch kein Sponsor die Namens­rechte kaufen mochte. Es wurde für die Olym­pi­schen Spiele 2012 errichtet und später zur Wei­ter­nut­zung aus­ge­schrieben. Es steht im Stadt­teil Strat­ford inmitten des Olym­pia­parks mit seinen weit­läu­figen Wiesen, adäquat arran­gierten Spa­zier­wegen und Kanal­läufen sowie einem großen Kin­der­spiel­platz. Mit dem West­field“ liegt nebenan eins der größten und modernsten Ein­kaufs­zen­tren Europas. Kurz: Alles hier ist anders, als die Ham­mers es in 112 Jahren Upton Park kannten.

Unge­schrie­bene Über­ein­kunft zwi­schen Verein und Fans

Unge­achtet dessen, dass es bei West Ham sport­lich seit dem Umzug ins London Sta­dium mise­rabel läuft, hat der Orts­wechsel auch für die Fans spür­bare Folgen. Denn nicht nur im Umfeld des Sta­dions ist alles anders als im Upton Park: Viele Fans ver­missen ihre alten Stamm­pubs, und der Food Court im West­field“ ist für die meisten nur ein dürf­tiger Ersatz für die Fisch- und Hähn­chen­bra­te­reien im Dunst­kreis der Green Street. Son­dern auch im Innern hat sich für sie man­ches ver­än­dert.

Das Pro­blem lässt sich – wie so oft in eng­li­schen Sta­dien – her­un­ter­bre­chen auf das Bedürfnis von Teilen der Fans, beim Fuß­ball zu stehen. Das Gesetz ver­bietet das in Sta­dien der ersten beiden Ligen; eine Reak­tion der dama­ligen That­cher-Regie­rung auf das Desaster von Hills­bo­rough im Jahr 1989. Im Upton Park hatte es sich über viele Jahre den­noch so ein­ge­schliffen, dass die Fans im Unter­rang des Bobby Moore Stands an ihren Sitz­schalen standen.

Jeder wusste, dass dort die Stim­mung gemacht wurde, dass es dort auch mal ruppig zugehen konnte, dass dort nicht der rich­tige Ort war, um nur in Ruhe ein Fuß­ball­spiel anzu­schauen. West Ham hat einen harten Kern von Fans, die ihre Wur­zeln zum Groß­teil in der Arbei­ter­klasse haben; mit diesem Image schmückt sich der Verein zu Wer­be­zwe­cken allzu gern. Auf dem Bobby Moore Stand wurde ihrer Art, den Fuß­ball zu erleben, Raum gegeben. Klub und Ordner drückten bei der Sitz­vor­schrift ein Auge zu – eine unge­schrie­bene Über­ein­kunft, wie es sie in vielen Sta­dien Eng­lands gibt.