Wer nach Mün­chen fährt, ist oft­mals ver­sucht, mög­lichst lange die Null zu halten und auf den einen ent­schei­denden Genie­streich zu hoffen. Der HSV bot pas­send zu diesem Schema eine Mann­schaft auf, die bereits auf dem Papier nach Mau­er­fuß­ball klang: Die beiden Außen­spieler Rincon und Jansen können im Zwei­fels­fall auch Außen­ver­tei­diger spielen, auch die Sechser Jarolim sowie Wes­ter­mann sind eher für ihre Zwei­kampf­stärke als ihr Pass­spiel berühmt. Der HSV stand diesen Spie­ler­typen ent­spre­chend weit hinten und war­tete auf Konter.

Diese Idee ist für ein Team, das nach einem ver­patzten Sai­son­start auf den Meis­ter­schafts­fa­vo­riten Nummer Eins trifft, sicher­lich nicht falsch. Aller­dings ver­letzten die Han­se­städter so ziem­lich jede Regel kon­se­quenten Mau­er­fuß­balls. Dies fing schon bei ihrer For­ma­tion an: Ein 4−4−2 hat gegen das ball­si­chere Bayern-Mit­tel­feld arge Pro­bleme. Dies liegt daran, dass man mit nur vier Spie­lern im Mit­tel­feld eine Unter­zahl in der Zen­trale hat gegen­über Bay­erns 4−2−3−1.

Keine Aggres­si­vität bei den Han­se­städ­tern

Trotz dieses theo­re­ti­schen Nach­teils kann man auch mit zwei Vie­rer­ketten erfolg­reich in Mün­chen spielen – Glad­bach hat es vor zwei Wochen vor­ge­macht. Der HSV machte defensiv aller­dings zu viele tak­ti­sche Fehler: Der Abstand zwi­schen Abwehr- und Mit­tel­feld­reihe war über 90 Minuten hinweg zu groß. Zwi­schen der ersten und der zweiten Vie­rer­kette ent­stand zu viel Raum, so dass für die Münchner ein Pass reichte, um die kom­plette erste Abwehr­linie zu umspielen. Müller machte vor, wie man durch intel­li­gentes Spiel ohne Ball diese freien Räume aus­nutzen kann.

Über­haupt war frag­würdig, wie der HSV mit einer Taktik, die voll­kommen auf Pres­sing ver­zich­tete, erfolg­reich sein wollte. Bal­ler­obe­rungen waren eine Sel­ten­heit, was voll­kommen natür­lich ist, wenn man so selten den Zwei­kampf sucht. Wäh­rend Wolfs­burg letzte Woche im Mit­tel­feld aggressiv die geg­ne­ri­schen Sechser atta­ckierte, konnten Tymosh­chuk und Schwein­s­teiger diesmal in aller Ruhe das Spiel ver­walten.
Auch offensiv war beim HSV kein Kon­zept erkennbar. Nachdem die Bayern nach der schnellen 2:0‑Führung nach rund 20 Minuten ein wenig das Tempo aus dem Spiel nahmen, wurde die Krea­tiv­lo­sig­keit der Gäste offen gelegt. Ihre ein­zige Offen­siv­va­ri­ante waren Pässe auf Außen in der Hoff­nung, dass dort ein Spieler mit einer Ein­zel­ak­tion eine Chance kre­ieren konnte. Nach 90 Minuten hatten sie so gerade einmal vier Tor­schüsse her­aus­ge­spielt.

Ein Muster ohne Wert

Nach dem 3:0 war das Spiel beendet. Für die Bayern war es nicht mehr als eine gute Mög­lich­keit, Selbst­ver­trauen zu tanken gegen einen deso­laten Gegner. An ihrer Leis­tung bleiben neben den zahl­rei­chen ver­ge­benen Chancen nur die Mit­tel­feld­ro­chaden in Erin­ne­rung: Müller tauschte immer wieder mit den Außen die Posi­tion, war manchmal sogar auf der Schwein­s­teiger-Posi­tion zu sehen. Gerade wenn Robben und Ribery über eine Seite kamen, wurde es für den HSV gefähr­lich.
Wenn die Bayern ihre Chancen genutzt hätten, wäre ein zwei­stel­liges Ergebnis mög­lich gewesen. Die nächsten Münchner Gegner, Zürich und Kai­sers­lau­tern, sind defensiv ein anderes Kaliber – allein das ist eine Bank­rott­erklä­rung für den Ham­burger Sport­verein.

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Ball­be­sitz­sta­tis­tiken, Spiel­feld­ma­trixen und tak­ti­sche For­ma­ti­ons­wechsel – für manche Fans ein rotes Tuch, für Tobias Escher eine Lei­den­schaft. Zusammen mit seinen Kol­legen ana­ly­siert er die Taktik der Bun­des­li­gisten auf dem Blog Spiel​ver​la​ge​rung​.de.