Heute müssen sie wieder gegen­ein­ander spielen. Zum 130. Mal seit 1925. Um halb vier in der Arena auf Schalke, die gar nicht in Gel­sen­kir­chen- Schalke liegt, son­dern im Stadt­teil Erle. 40 Kilo­meter sind es von Dort­mund nach Gel­sen­kir­chen, 34 Minuten mit der S‑Bahn. Schalke gegen Dort­mund, Königs­blau gegen Schwarz- Gelb. Es geht um drei Punkte, um die Vor­herr­schaft im Revier – und für die Schalker um Rache für die ver­gan­gene Saison, als sie aus­ge­rechnet in Dort­mund den Titel ver­spielten (und die Dort­munder Spieler T‑Shirts ver­kauften mit dem Slogan: Meister der Her­zens­bre­cher“).

In Ruhr­ge­biets­zei­tungen schal­tete Schalke ges­tern Anzeigen: Herne-West grüßt Lüden­scheid-Nord“. Für die Dort­munder ist Schalke Herne-West – die Schalker nennen Dort­mund Lüden­scheid-Nord. Es ist auch mal ein Derby in Lüden­scheid gespielt worden, 2001 im Liga­pokal (2:1 für Schalke). Auch eins in Herne. Das war 1947, im End­spiel um die West­fa­len­meis­ter­schaft, als die erfolgs­ver­wöhnten Schalker 2:3 gegen die Borussia ver­loren. Dort­munds heu­tiger Prä­si­dent Rein­hard Rau­ball sagt: Aus­gangs­punkt der Riva­lität dürfte die totale Schalker Domi­nanz vor dem Krieg sein – und ihr Trauma vom 18. Mai 1947.“

Der Reihe nach. Das erste Derby steigt am 1925 am Stadt­rand von Gel­sen­kir­chen, da ist Schalke 04 gerade 16 Monate alt, jeden­falls unter diesem Namen. Die 1924 voll­zo­gene Abspal­tung vom Turn­verein 1877 beschert den Schal­kern die königs­blaue Ver­eins­farbe (vorher kickten sie in Rot- Gelb, die Dort­munder kurio­ser­weise in Blau- Weiß, aller­dings nur bis 1913). In diesem Ur-Derby von 1925 geht um die Ruhr­gau­meis­ter­schaft in der Kreis­liga. Schalke siegt 4:2. Einer der berühm­testen Inter­preten des Schalker Krei­sels steht schon auf dem Platz: Ernst Kuzorra gelingt eines der vier Schalker Tore. Vier Tage später tritt auch sein Schwager Fritz Szepan dem Verein bei. Gemeinsam führen sie Schalke zu sechs Meis­ter­schaften. Weil die Glückauf- Kampf­bahn aus­ge­baut wird, wei­chen die Schalker in den Drei­ßi­ger­jahren zu zehn End­run­den­spielen ins Dort­munder Sta­dion Rote Erde aus. Eine Riva­lität gibt es noch nicht. Als Kuzorra 1935 eine Sperre absitzen muss, hilft er als Trainer bei den Borussen aus. Fünf Jahre später schießt er vier Tore zum 10:0‑Sieg über Schwarz-Gelb.

Als die Zeit der Har­monie vorbei war

Der Wind dreht sich. 1943 schafft die Borussia den ersten Sieg über Schalke. August Lenz, Dort­munds erster Natio­nal­spieler, schießt das 1:0 (ein paar Jahr­zehnte später tauft die Borussia ihre Geschäfts­stelle August-Lenz-Haus). Schalkes Mann­schaft kommt in die Jahre. Kuzorra ist 42 und immer noch die domi­nie­rende Figur, als es 1947 in Herne um die West­fa­len­meis­ter­schaft geht. Im Regen schießt der spä­tere Schalker Her­bert Sand­mann kurz vor Schluss das Dort­munder Siegtor. Zum ersten Mal seit 1934 wird Schalke nicht mehr West­fa­len­meister, die Spieler boy­kot­tieren die Sie­ger­eh­rung. Die Zeit der Har­monie ist vorbei.

Jetzt regiert Schwarz-Gelb. Dort­mund wird zweimal Meister, Schalkes Titel­ge­winn 1958 ist nur eine Epi­sode, auf die Borussen noch heute gern hin­weisen – es ist die letzte Meis­ter­schaft. In der Bun­des­liga erlebt Schalke 1964 ein Debakel. Nach einer halben Stunde führt die Borussia 6:0. Schalkes spä­terer Manager Rudi Assauer ist auf Dort­munder Seite dabei, später wird er erzählen, er hätte mit seinen Kol­legen mit reich­lich Sekt gefeiert – in der Halb­zeit­pause. BVB-Trainer Eppen­hoff ist alter Schalker, angeb­lich mahnt er seine Spieler zur Zurück­hal­tung, auf dass Königs­blau nicht zwei­stellig ver­liere. Am Ende gewinnt die Borussia 6:2, ein­ein­halb Jahre später heißt es gar 7:0.

Schmerz­haft wird es 1969 für den Schalker Friedel Rausch. Sein Kol­lege Hans Pir­kner hat gerade zum 1:0 in Dort­mund getroffen, selige Schalker stürmen das Spiel­feld, ver­folgt von Schä­fer­hunden, die der Dort­munder Ord­nungs­dienst los­ge­lassen hat. Die Hunde aber ver­folgten nicht die Fans, son­dern die Schalker Spieler Neuser und Rausch. Eine sechs Zen­ti­meter lange Narbe auf der Pobacke erin­nert Rausch bis heute an dieses Ren­contre. Er hält durch, Dort­mund schafft ein 1:1. Zum Rück­spiel lässt Schalkes Prä­si­dent Günter Sie­bert vor der Sei­ten­wahl zahme Löwen aus einem nahe gele­genem Tier­park auf­mar­schieren. Was heute kaum noch einer weiß: Sie­bert, der skan­dal­um­wit­terte Ur-Schalker, ver­dingt sich 1973 für ein paar Monate als Manager in Dort­mund, als die Borussia in der Regio­nal­liga vor sich hin düm­pelt. Zwi­schen 67 und 77 gibt es keinen Dort­munder Der­by­sieg.

Schalker Cha­os­jahre

Die Schalker Cha­os­jahre bre­chen später an. 1981, 83 und 88 steigt der Verein in die Zweite Liga ab. Die großen Derbys finden nicht auf dem Rasen statt, son­dern auf der Straße. Auf Schalke ver­breitet die Gel­sen­szene“ Angst und Schre­cken, in Dort­mund die Borus­sen­front“ um Sieg­fried Bor­chardt, genannt SS-Siggi“.

Mitte der Neun­zi­ger­jahre kommt es zu einer kurzen Renais­sance der fried­li­chen Koexis­tenz aus den Drei­ßi­gern. 1997 gewinnt Schalke den Uefa-Cup und kurz darauf Dort­mund die Cham­pions League. Die Fans sind selig und rufen Ruhr­pott! Ruhr­pott!“ Ein paar Monate später ist alles vorbei, und viel­leicht liegt das auch an Jens Leh­mann. Im Dezember 1997 ver­dirbt er als Schalker den BVB-Fans das Weih­nachts­fest, als er in der dritten Minute der Nach­spiel­zeit als erster und ein­ziger Bun­des­li­ga­tor­wart ein Tor aus dem Spiel heraus erzielt, mit dem Kopf zum 2:2. 1999 wech­selt Leh­mann nach Dort­mund. Die beschimpfen ihn als Schalker“, für Schalker ist er ein Ver­räter“.

Von 1998 bis 2005 ist Schalke unge­schlagen. Beim 1:0 am 30. Januar 2004 in Dort­mund hält Frank Rost zwei Elf­meter, Ebbe Sand erzielt in der vor­letzten Minute den Sieg­treffer. Ver­dammte Scheiße!“, brüllt Sta­di­on­spre­cher Nor­bert Dickel im Fan-Radio, und der WDR-Reporter Manni Breuck­mann sagt: In diesem Jahr werden in Dort­mund die ersten Kinder ein­ge­schult, die noch nie einen Sieg gegen Schalke erlebt haben.“

Erst im Mai 2005 gelingt der Borussia nach zwölf erfolg­losen Derbys wieder ein Sieg. Nach dem 2:1 hängen die Fans ein rie­siges Plakat mit dem Spruch Gelbe Wand Süd­tri­büne Dort­mund“ unter ihr Sta­di­on­dach. Das Banner ver­schwindet im November 2006 spurlos. Bis heute hält sich das Gerücht, Schalker Fans wären auf Die­bes­tour gegangen. Die Rache wird fürch­ter­lich. Mit einem 2:0 am 12. Mai 2007 ent­reißen sie den Schal­kern am vor­letzten Spieltag die sicher geglaubte Meis­ter­schaft. Über dem West­fa­len­sta­dion kreist ein Flug­zeug mit dem Trans­pa­rent: Ein Leben lang: Keine Schale in der Hand“.