Seite 3: Diese Geschichten schreibt nur der Hallenfußball

Wie auch immer: Das Tur­nier ist bei den Spie­lern in West­deutsch­land so beliebt, dass einige extra vor der Win­ter­pause zu einer Dort­munder Mann­schaft wech­seln. So wie Dimi­trios Kal­pa­kidis, der im Herbst zum TuS Böving­hausen ging, wo kurz zuvor Thorsten Legat ent­lassen worden war. Ich gebe zu: Die Stadt­meis­ter­schaft war auch ein Grund für den Wechsel. Ich hatte ein­fach richtig Bock auf das Tur­nier. Mehr Dort­mund geht nicht!“, sagt er. Eines seiner schönsten Erleb­nisse war auch eines der bit­tersten. Vor drei Jahren – Kal­pa­kidis war noch Spieler des BSV Schüren – wurden die Teams aus Lünen und Schwerte erst­mals zu dem Tur­nier zuge­lassen, obwohl es sich um eigene Kreis­städte han­delt. Kal­pa­kidis, ganz Dort­munder Lokal­pa­triot, sagte in einem Inter­view: Wenn die beiden im Finale gegen­ein­ander spielen, dann gehe ich zum Bier­stand.“ Lünen schaffte es dann wirk­lich ins Finale, und der Gegner war: der BSV Schüren. Die Zuschauer waren natür­lich auf Kal­pa­kidis’ Seite. Tau­sende sangen: Wir sind alle Dort­munder Jungs!“ Kal­pa­kidis bekam Gän­se­haut, schoss ein Tor, das aberkannt wurde, und Lünen gewann 1:0. Foot­ball, bloody hell.

Die Tur­niere unterm Dach sind auch eine Bühne für jene, die draußen immer etwas im Schatten der großen Ver­eine stehen. Es ist ihre ganz spe­zi­elle Hall of Fame. Klar, es ist beein­dru­ckend, wenn bei einem C‑Ju­gend-Tur­nier 1000 Mag­de­burger Fans singen, als wären sie wieder auf dem Weg zum Euro­pa­po­kal­fi­nale 1974. Aber ebenso irre sind doch Gruppen aus Reut­lingen, Saar­brü­cken oder Lipp­stadt, die unter Bas­ket­ball­körben und Weich­bo­den­matten ihre über­di­men­sio­nierten Fahnen aus­rollen. Oder die vier Ultras der SG Git­tersee, die 2019 bei einem Tur­nier mit Cho­reos und Wech­sel­ge­sängen ihr Team unter­stützten. Wohl­ge­merkt: Auf dem Feld kickte nicht mal ihre erste Mann­schaft, son­dern die Alten Herren.

Mehr Camp David, weniger Wich­tig­tuer

Dieses Jahr geht die Tifo-Meis­ter­schaft der Herzen an die Anhänger von Türkspor, Ay Yildiz Derne und der SG Gahmen, die sich beim Dort­munder Cup zu einer Gruppe zusam­men­taten. Selbst Fans vom SC Osman­lispor, die gar nicht dabei waren, schlossen sich an. Alle unter einem Dach. So laut, da waren sich danach alle einig, muss es das letzte Mal in Gala­ta­sa­rays altem Sta­dion gewesen sein.

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Patrick Wendt

Also, geht zum Hal­len­fuß­ball, bevor euch irgend­je­mand einen Futsal-Floh ins Ohr setzt. Denn Hal­len­fuß­ball ist die große Frei­heit! Der Geruch von Neun­ziger-Jahre-Axe-Deospray hängt immer noch in den Ritzen und Fugen, die Spieler tragen stolz Spon­so­ren­namen von lokalen Ver­si­che­rern oder Auto­häu­sern auf Hemd­kragen und Trai­nings­ja­cken. Man nickt Thorsten Legat jovial zu oder führt mit Lothar Huber Fach­ge­spräche über das Leben auf der rechten Außen­bahn. Es gibt keine Wich­tig­tuer in Ord­ner­westen und sinn­lose Absper­rungen. Klar, die Camp-David-Jacken-Dichte ist höher als sonst und die Musik ist oft noch schlechter als in den großen Arenen, dafür sind Bier und Wurst güns­tiger. Außerdem kann man sich groß­artig amü­sieren. Womit wir wieder bei Groß­kreutz wären.

Genauer gesagt bei seinem Cousin Marcel Groß­kreutz, der im Januar 2016 Prot­ago­nist der viel­leicht besten Szene der Hal­len­fuß­ball­ge­schichte war. Groß­kreutz, damals Spieler des VfL Kem­ming­hausen, wurde von einem Gegen­spieler gegen eine Not­aus­gangstür in der Außen­wand (bzw. der Bande) gedrückt, die nach außen auf­sprang. Erbost trat dar­aufhin ein Mann (in Win­ter­jacke und Mütze) durch die nun geöff­nete Tür aufs Feld und drohte Groß­kreutz Prügel an. Das Publikum und auch Groß­kreutz selbst dachten an eine Ver­steckte-Kamera-Show, aber der Mann, der offenbar die Tür an den Kopf bekommen hatte, meinte es ernst. Mit ver­einten Kräften musste der Aggressor zurück nach draußen gebracht werden. Der dazu­ge­hö­rige Video­clip ging im Internet viral. Wäre diese Szene 1995 bei ran“ gelaufen, hätte Jörg Dah­l­mann kom­men­tiert: Solche Geschichten schreibt nur der Hal­len­fuß­ball.“ Und er hätte ja Recht gehabt.