Es läuft die 71. Minute, als Hertha-Trainer Jos Luhukay seinen Stürmer Pierre-Michel Lasogga zu sich ruft. Ein bul­liger, zwan­zig­jäh­riger Stürmer soll ein ganzes Sta­dion erlösen, das seit der ersten Minute auf den Tor­jubel wartet. Dabei hat der dau­er­ver­letzte Lasogga bis zu diesem Zeit­punkt noch kein ein­ziges Sai­sontor erzielt.
 
Die Fans haben ihn den­noch gefor­dert. Sie spürten, dass irgendwas pas­sieren musste, etwas Außer­ge­wöhn­li­ches, schließ­lich war alles ange­richtet für einen freu­den­trun­kenen Auf­stiegs­nach­mittag, zu dem zahl­reiche Fan­gruppen aus allen Teilen der Stadt ange­reist waren: 50.000 Zuschauer wollten im Olym­pia­sta­dion die zweite Auf­stiegs­party binnen zwei Jahren feiern.

Der ver­meint­liche Spar­rings­partner
 
Sand­hausen haben wir aus­wärts 6:1 geschlagen. Die machen uns die Party heute nicht kaputt“, tönte etwa ein Fan, gekleidet im typi­schen Ost­kur­ven­schal, schon an der S‑Bahnstation am Ost­kreuz über den Gast und ver­meint­li­chen Spar­rings­partner. Doch genau dieser spielte bis zur 71. Minute nicht mit.
 
Mit einer Fünf-Mann-Abwehr und einem gut­auf­ge­legten Tor­wart Michael Langer ver­schanzte sich das Team in der eigenen Hälfte und pro­fi­tierte zugleich vom Unver­mögen der Her­thaner. Luhukay bewies gegen die Mau­er­taktik kei­nerlei Geduld. Er brachte bereits nach 24 Minuten Stürmer Sandro Wagner und löste zeit­gleich seine Vie­rer­kette auf.
 
Trotz dieser Maß­nahme pas­sierte erst einmal nichts. Die Blau-Weißen spielten sich lethar­gisch in die Pause. Die erste Halb­zeit war schlichtweg ent­täu­schend“, fasste der unge­prüfte Keeper Thomas Kraft nach dem Schluss­pfiff zusammen. Die Zuschauer beglei­teten ihre ange­henden Auf­stiegs­helden mit ver­ein­zelten Pfiffen in die Kabine. Fast schon Län­der­spiel­ver­hält­nisse.

Lasogga steht da, wo er zu stehen hat
 
In jener 71. Minute will Luhukay also kor­ri­gieren, der staksig wir­kende Ein­wech­sel­spieler Sandro Wagner muss Pierre-Michel Lasogga wei­chen. Jener Lasogga, der bereits vor zwei Jahren in Duis­burg mit Hertha auf­ge­stiegen ist, und dessen Saison eher mit­tel­mäßig bis grau­en­haft ver­läuft. Doch er erfüllt seine Auf­gabe. Zehn Minuten später flankt Nico Schulz in den Straf­raum, Adrian Ramos köpft ans Alu­mi­nium und Lasogga steht da, wo er zu stehen hat.
 
Ohne Umschweife läuft der Stürmer mit­samt Anhang in die Ost­kurve. Zu den Fans, die erneut eine Saison lang die zweite Liga aus­ge­halten haben. Doch in einer Art und Weise, als sei der Tor­jubel bereits in der Kabine abge­spro­chen gewesen. Nach zwanzig Sekunden tru­delt die Elf wieder brav in die eigene Hälfte. Schieds­richter Chris­tian Lei­cher muss nicht einmal höf­lich zum Wie­der­an­pfiff bitten.

Auch nach dem Schluss­pfiff hält sich die erste Begeis­te­rung in Grenzen. Recht still trifft sich die Mann­schaft vor der Aus­wech­sel­bank und streift die vor­be­rei­teten Erstliga-“Shirts über. Ähn­lich wie in Duis­burg 2011, wo die Jubel­bilder einem Marsch­be­fehl nach Wochen des Abwie­gelns gleich­kamen. Diese Auf­stiegs­feier sollte unbe­dingt im eigenen Haus gefeiert werden, nicht wieder in irgend­einer Rast­stätte bei Ober­hausen. Dafür ist die Fan­ge­meinde der Mann­schaft dankbar. Wir haben immer mal wieder auf die Uhr geschaut. Irgend­wann wurden wir unge­duldig“, sagt Lus­ten­berger auf die Frage, ob er zeit­weise auch an ein Unent­schieden und die Ver­ta­gung des Auf­stiegs gedacht habe. Und auch auf das Bier muss sich die Mann­schaft gedulden, als sei der Sta­dion-Caterer ganz über­rascht vom plötz­li­chen Auf­stieg.

Haken hinter!“
 
Dann folgt die obli­ga­to­ri­sche Dusche aus den Bier­krügen vor der Ost­kurve, auch der ruhige Luhukay spricht einige Dan­kes­worte. Geju­belt haben wir schon“, scheint sich Thomas Kraft in der Mixed-Zone schon fast zu ent­schul­digen. Haken hinter!“ Das ist seine letzte Aus­sage vor der Was­ser­du­sche.
 
Doch die Jubel-Ekstase ist mit sons­tigen Auf­stiegen ins Fuß­ball-Ober­haus nicht zu ver­glei­chen. Selbst in Braun­schweig dürfte in den kom­menden Wochen die Freude über den Auf­stieg lauter aus­fallen. Das ist nicht einmal despek­tier­lich gemeint. Ähn­lich wie bei der Meis­ter­feier des FC Bayern Mün­chen freuen sich Ber­liner über einen Status, der seit Monaten anvi­siert und nun umge­setzt wurde.

Ein stummer Gruß an die Fan­ge­meinde
 
Per Face­book schickt die Mann­schaft einen stummen Gruß an die Fan­ge­meinde raus. Posie­rend vor einigen Cham­pa­gner­fla­schen und Bier­kisten in der Kabine. Zum Abschluss soll gemüt­lich in einem Restau­rant in Zehlen­dorf gefeiert werden.
 
Die Ersten schauen bereits nach vorne. Lus­ten­berger, der vor dem Spiel seine Ver­trags­ver­län­ge­rung unter­zeich­nete, meint nach der ersten Jubelei: Die Bun­des­liga wird eine schwere Auf­gabe.“ Nimmt sein Bier, schüttet es Tor­schütze Las­soga über den Kopf und schlurft mit hän­genden Armen in die Kabine. Haken hinter.