Markus Babbel, gab es in der Som­mer­pause Momente, in denen Sie sich wünschten, nur Trainer zu sein?
(lacht) Nein, meine Som­mer­pause war erholsam. Das wäre aller­dings anders gewesen, wenn ich alle Auf­gaben, die von einem Manager ver­langt werden, alleine beackern müsste. Glück­li­cher­weise stehen hier in Hof­fen­heim Leute an meiner Seite, die mir wahn­sinnig viel abnehmen – wir arbeiten Hand in Hand. Das macht die ganze Sache unpro­ble­ma­tisch.

War das eine Ihrer Bedin­gungen oder hat sich diese Arbeits­tei­lung ergeben?
Sagen wir mal so: Ich kann meine Fähig­keiten selbst ein­schätzen – ich bin nicht grö­ßen­wahn­sinnig. Da der Mana­gerjob für mich Neu­land ist, habe ich von Beginn an darauf gepocht, mit Experten zusam­men­zu­ar­beiten. Meine Bot­schaft lau­tete: Leute, der Trai­nerjob darf nicht unter meiner Arbeit als Manager leiden – sonst wird das hier nichts.“ 

Wie sieht die Arbeits­tei­lung kon­kret aus? Sie wollen Spieler X ver­pflichten, nehmen Kon­takt mit dessen Berater auf – und dann?
Mir ist enorm wichtig, zunächst den Spieler zu treffen. Ich will mich mit ihm in Ruhe unter­halten; erfahren, wie er tickt; wie er mir gegen­über auf­tritt. Ebenso soll der Spieler mich ken­nen­lernen. Erst anschlie­ßend kann ich ein­schätzen, ob ein Wechsel Sinn ergäbe. Es geht schließ­lich nicht nur darum, wie der Junge sich auf dem Fuß­ball­platz bewegt. Bin ich über­zeugt von einem Spieler, ver­han­deln wir mit dessen Berater – selbst­ver­ständ­lich nachdem wir den Verein des Spie­lers infor­miert haben.

Nochmal: Sitzen Sie auch am Ver­hand­lungs­tisch und feil­schen mit der Gegen­seite um die Höhe der Ablö­se­summe?
Ich bin zwar nicht der­je­nige, der den Ver­trag aus­füllt und all die for­malen Dinge regelt, aber ich bin zumin­dest dabei, ja. Seien Sie sicher: Ich äußere meine Vor­stel­lungen klar und deut­lich.

Sie haben mal gesagt Ich stehe auf ver­rückte Spie­ler­typen.“ Wo ziehen Sie die Grenze? Was ist noch ver­rückt – und was ist schäd­lich?
Das ist ziem­lich ein­fach: Ein Spieler muss alles dafür tun, erfolg­reich zu sein, darf dabei aller­dings nicht das sport­liche Fair­play ver­letzen. Gele­gent­lich kommt es vor, dass ein Profi gewisse Grenzen über­schreitet, derlei kenne ich nur allzu gut aus meiner aktiven Kar­riere. Ent­schei­dend ist in sol­chen Momenten die schnelle Ein­sicht des Spie­lers. Er muss aus seinen Feh­lern lernen.

Dulden Sie es, wenn Ihre Spieler öffent­lich Fehler benennen?
Ich bin ein Freund klarer Worte, ver­lange aber von meinen Jungs Team­geist und Respekt. Ich habe kein Pro­blem damit, wenn ab und an intern die Fetzen fliegen, es darf auch rum­ge­schrien werden, kein Thema! Redet ein Spieler aller­dings öffent­lich schlecht über seine Mit­spieler oder das Trai­ner­team, bekommt er Pro­bleme mit mir. Ich erwarte von einem Leis­tungs­sportler pro­fes­sio­nelles Ver­halten – auch abseits des Platzes.

Weiß Ihr neuer Kapitän Tim Wiese Bescheid?
Selbst­ver­ständ­lich. Tim ist ein intel­li­genter und erfah­rener Spieler, der stets hoch­mo­ti­viert an die Auf­gaben her­an­geht. Er darf eine eigene Mei­nung haben, und er soll diese auch äußern. 
 
Wie schätzen Sie Ihren Neu­zu­gang Joselu ein?
Zumin­dest mache ich mir keine Sorgen, dass er auf Deutsch komi­sche Inter­views gibt (lacht).

Er wirkt eher zurück­hal­tend…
…Joselu ist natür­lich ein anderer Typ als Tim Wiese. Glück­li­cher­weise. Hätte ich zehn Tim Wieses im Team, bekäme ich wahr­schein­lich graue Haare. Jede Mann­schaft braucht eine Mischung aus Häupt­lingen und India­nern. Wir haben einige Typen dabei, die die Rich­tung vor­geben – ich nenne nur die Namen: Del­pierre, Compper, Sali­hovic, Weis und eben Wiese.

Mit anderen Worten: Joselu zählt zu Ihren India­nern.
Alles andere wäre doch seltsam. Der Junge muss sich zunächst einmal ein­fügen und beweisen, er muss etwas leisten, bevor er in der Lage ist, den nächsten Schritt zu machen. Respekt muss man sich stets erar­beiten; das kennt doch jeder Arbeit­nehmer. Es bringt nichts, ledig­lich wilde Parolen zu schwingen.

Wie ist denn Ihr erster Ein­druck von ihm?
Ich freue mich riesig, dass wir ihn ver­pflichten konnten, wir sind absolut über­zeugt von seinen Fähig­keiten. Exakt diesen Spie­ler­typen haben wir lange gesucht. Er gehört zu jenen Spie­lern, die mit dem Rücken zum Tor Bälle sowohl halten als auch exzel­lent auf­legen können. Zudem weiß der Junge, wo das Tor steht. Kurz: Joselu passt bes­tens ins Team.

Auf seiner Posi­tion hatten Sie in der ver­gan­genen Saison große Pro­bleme…
…Ja, leider. Wir wollen nie wieder in eine Situa­tion geraten, in der uns nur noch ein Stürmer zur Ver­fü­gung steht. Es gab in der Rück­runde Momente, in denen ein Offen­siv­wechsel auto­ma­tisch eine Schwä­chung bedeu­tete. Der­ar­tiges darf uns auf diesem Niveau nicht pas­sieren. Mitt­ler­weile haben wir mir Der­diyok, Schipp­lock und Joselu drei Stürmer, die ich jeder­zeit bringen kann, ohne dass ich hin­terher Magen­schmerzen bekomme.

Zurück zu Joselu: Sie haben den Wechsel bekannt­ge­geben mit dem Hin­weis: Über die Ablö­se­mo­da­li­täten ver­ein­barten beide Klubs Still­schweigen.“ Wollen Sie Joselu damit Druck nehmen?
Schlicht gesagt: Die Summe geht nie­manden etwas an. Punkt.

Aber in anderen Fällen werden doch auch Zahlen genannt?
Seit ich hier bin, haben wir keine ein­zige Summe bestä­tigt oder demen­tiert. Ich frage Sie ja auch nicht, was Sie ver­dienen. So etwas geht mich eben­falls nichts an. Außerdem: Wenn der Spieler 25 Buden macht, sagt jeder Der ist das Geld wert“. Steckt aller­dings der­selbe Spieler in einer kleinen Krise, heißt es sofort Der Typ war viel zu teuer – ein Mega-Flop.“

Also doch eine Art Selbst­schutz?
Ich will das nicht weiter kom­men­tieren.

In diesen Tagen fällt im Umfeld häufig der Name Ryan Babel…
…Dazu habe ich bereits alles gesagt!

Wir haben eben über ver­rückte Typen gespro­chen. Herr Babbel, ist Ryan Babel in Hof­fen­heim an seiner zurück­hal­tenden Art geschei­tert?
Es reicht ein­fach nicht aus, was Ryan gezeigt hat. Ich habe ihm das auch immer wieder ehr­lich gesagt. Super­la­tive wie Rie­sen­fuß­baller“ oder Bom­ben­po­ten­zial“ helfen uns nicht, wenn der Spieler all das nicht kon­stant abruft. Habe ich einen 600-PS-Wagen, fahre aber nur in 30-Zonen, bringt mir das gar nichts.

Träumen Sie eigent­lich immer noch davon, als Rock­star wieder geboren zu werden?
(Pause) Wie meinen Sie das?

Sie sagten einmal, Ich könnte als Rock­star sagen und tun, was ich will und müsste keine Rechen­schaft ablegen – je wilder, desto besser.“ Daher die Frage: Wie oft kommt es vor, dass man als Bun­des­li­ga­trainer in der Öffent­lich­keit Dinge ver­schweigt?
Oft. Das ist jedoch in anderen Berufen ähn­lich. Ich muss mir stets die Frage stellen: Was bringt mir diese Aus­sage? Was löse ich damit aus? Wer behauptet, er sage im Bun­des­li­ga­ge­schäft alles, was er gerade denkt, der lügt sich in die eigene Tasche. Der­ar­tiges wäre sowohl für einen selbst als auch für den Klub kon­tra­pro­duktiv. Man muss unheim­lich auf­passen, was man sagt – und wie man es sagt.

Apropos: Beim Blick in die Fan­foren wird eines sofort deut­lich: Die TSG-Fans träumen vom Euro­pa­pokal.
Kein Pro­blem. Das ist ein rea­lis­ti­sches Ziel, obwohl ich natür­lich weiß, dass viele Klubs ähn­liche Aus­sagen treffen. Es kommt nun darauf an, eine Ein­heit zu bilden und gemeinsam an dieses Ziel zu glauben. Ich bin sicher, die Fans werden am Ende Grund zum Jubeln haben.