Jürgen Klopp saß mir mit nackten Beinen gegen­über. Wenn er etwas beson­ders lustig fand, schlug er sich mit der fla­chen Hand auf den Ober­schenkel. Es klang wie ein Peit­schen­schlag und ich zuckte jedes Mal zusammen. Das hier ist die emo­tio­nalste Fuß­ball­re­gion in Deutsch­land“, sagte Klopp und deu­tete eine Geste an, die wohl alles ein­schließen sollte: das Trai­nings­ge­lände der Borussia, wo wir uns getroffen hatten, die Stadt Dort­mund und das ganze Ruhr­ge­biet. Zumin­dest gibt es einen rie­sigen Unter­schied zu allen anderen Gegenden in Deutsch­land.“ Klopp machte eine Pause, grinste mich an und sagte: Der größte, glaube ich, ist zu Schleswig-Hol­stein.“

Dann kam wieder der Peit­schen­knall, doch diesmal zuckte ich nicht zusammen. Ich erstarrte. Was wusste Klopp? Ließ er Infor­ma­tionen über Jour­na­listen ein­holen, die ihn befragten? Oder stand mir auf der Stirn geschrieben: Dieser Mann ist zwar in Dort­mund geboren und hat seit dem 16. Lebens­jahr eine Dau­er­karte für die Süd­tri­büne, doch nach 45 Jahren im Ruhr­ge­biet wird er die emo­tio­nalste Fuß­ball­re­gion Deutsch­lands ver­lassen und aus­ge­rechnet in den gott­ver­las­sensten Zipfel von Schleswig-Hol­stein ziehen“?

Doch wäh­rend ich ihn mit gewei­teten Augen anstarrte, redete Klopp schon weiter, und ich atmete auf. Es war nur eine ganz nor­male Ant­wort auf eine nor­male Frage in einem nor­malen Gespräch gewesen. Den­noch ging mir die Bemer­kung nicht mehr aus dem Sinn, denn Klopp hatte über meine kom­mende Heimat als eine Vor­hölle für Fuß­ball­fans gespro­chen. Wusste ich eigent­lich, worauf ich mich ein­ließ?

Als ich Klopp im März 2011 für ein aus­län­di­sches Magazin inter­viewte, wusste ich, dass Schleswig-Hol­stein das ein­zige der alten Bun­des­länder ist, das noch nie einen Klub in der Bun­des­liga hatte. Ich wusste auch, dass in weiten Teilen des nörd­lichsten Bun­des­landes Hand­ball den Ton angibt. Zudem wusste ich seit der Woh­nungs­suche, auf der ich mich mit vielen Ein­hei­mi­schen unter­halten hatte, was ältere Hol­steiner auf die Frage nach ihrem Lieb­lings­verein meist ant­worten: Früher war ich mal HSV-Fan. Aber das ist schon lange her.“ Und bei den jungen Hol­stei­nern, das hatte ich bei all unseren Haus- und Woh­nungs­be­sich­ti­gungen gesehen, war die Sache auch ein­deutig: So sicher, wie sich hinter der Tür zum Mäd­chen­zimmer Pfer­de­poster ver­bargen, hatten die Jungs einen Kalender von Bayern Mün­chen an der Wand.

Trotzdem: Das ganze Ausmaß des Kul­tur­schocks wurde mir erst klar, als ich ein Jahr nach dem Inter­view zusammen mit 231 anderen Leuten im kalten Regen von Todes­felde stand, den schwer­mü­tigen See­manns-Pop von San­tiano hörte und mich mit einem Mit­glied des wohl selbst­iro­nisch benannten VfB-Lübeck-Fan­klubs Vic­tory“ unter­hielt. Wir sind das ein­zige Land, das in den obersten drei Ligen nicht einen ein­zigen Ver­treter hat“, sagte er kopf­schüt­telnd. Das ist fast unglaub­lich, aber wahr. Fuß­ball hat es eben schwer hier.“ Dann lächelte er mir freund­lich zu. Dafür ist alles sehr fami­liär. Ich zum Bei­spiel mag das eigent­lich gar nicht, wenn die Sta­dien so voll und so laut sind.“

Das Leben am Meer ist kein Heim­spiel

Doch mit Todes­felde anzu­fangen, das hieße ja, mit dem Ende der Reise zu beginnen. Oder besser: mit dem Ende der Suche. Starten wir also mit dem Anfang, mit der unan­ge­nehmen Dia­gnose eines Dort­munder Lun­gen­arztes, gefolgt von der Ent­schei­dung, das Leben umzu­krem­peln und an einen Ort zu gehen, wo die Luft besser und das Atmen leichter ist. Dorthin, wo andere Urlaub machen“, wie Hol­steiner gerne mit einem iro­ni­schen Unterton sagen und dabei die Augen­brauen hoch­ziehen, um anzu­deuten, dass auch das Leben am Meer kein Heim­spiel ist.

Apropos Heim­spiel. Als Ruhr­pottler gibt man natür­lich seine Jah­res­karte nicht ab und nimmt selbst eine Anreise von 470 Kilo­me­tern (ein­fache Weg­strecke) mehr oder minder gerne in Kauf. Aber man ist es auch gewohnt, an meh­reren Tagen der Woche irgendwo auf dem Fuß­ball­platz zu stehen, und sei es in Wat­ten­scheid oder Wanne-Eickel. Des­halb brachte der Umzug nach Schleswig-Hol­stein ein Pro­blem mit sich, das ich zunächst gar nicht bedacht hatte: Ich brauchte einen Verein! Sozu­sagen einen Leih­klub für die vielen Wochen­enden, an denen ich nicht in die alte Heimat fahren wollte oder konnte.

Gerne möchte ich an dieser Stelle die Gele­gen­heit nutzen, eine Lanze für die Schwa­chen und Aus­ge­grenzten der Fuß­ball­welt zu bre­chen, die soge­nannten Mode­fans“. Es ist näm­lich alles andere als leicht, sich einen Verein aus­zu­su­chen. Im Gegen­teil: Wer quasi in einen Klub hin­ein­ge­boren wird, macht sich die Sache ganz schön ein­fach, wäh­rend alle anderen schuften und schwitzen müssen. Nicht zuletzt aus Angst vor der fal­schen Ent­schei­dung. Das fängt schon damit an, dass man sich erst mal ein Bild vom Angebot machen muss. Was gibt es denn hoch im Norden über­haupt für Ver­eine? Hol­stein Kiel und VfB Lübeck, ja klar. Und sonst? Was ist zum Bei­spiel mit Flens­burg, nur halb so groß wie Herne, aber die dritt­größte Stadt in Schleswig-Hol­stein? Das Lus­tige an Flens­burg ist, dass es da keine Ultras beim Fuß­ball gibt, son­dern beim Hand­ball“, erklärte mir Karsten, ein Hol­stein-Kiel-Fan von Mitte Vierzig, wenige Monate nach meinem end­gül­tigen Umzug an die Küste. Das gibt’s im Hand­ball nor­ma­ler­weise nicht, und der Verein hat Schwie­rig­keiten damit, weil diese Fans sich eben auch wie Ultras ver­halten. Inzwi­schen wurden schon Hal­len­ver­bote aus­ge­spro­chen.“ Er musste selbst lachen. Vor meinem geis­tigen Auge sah ich Banner, auf denen Sek­tion Hal­len­verbot“ steht, und ent­schloss mich dazu, meinen neuen Fuß­ball­verein viel­leicht doch lieber etwas weiter süd­lich zu suchen als an der däni­schen Grenze.

Karsten und ich saßen an einem erbärm­lich kalten Febru­artag in einer Kieler Stu­den­ten­kneipe. (Die Stadt ist übri­gens erstaun­lich häss­lich – im Grunde wie Gel­sen­kir­chen, nur eben am Meer.) Hol­stein war nach dem Krieg, zu Ober­li­gen­zeiten, immer eine nord­deut­sche Spit­zen­mann­schaft, hat 1963 aber den Sprung in die Bun­des­liga haar­scharf ver­passt“, führte Karsten mich in die lokale Fuß­ball­ge­schichte ein. Drei Mann­schaften aus dem Norden seien damals für die Bun­des­liga vor­ge­sehen gewesen. Hinter dem HSV und Werder Bremen war das Gerangel groß. Am Ende war Hol­stein Kiel minimal hinter Ein­tracht Braun­schweig. Die wurden ein paar Jahre später Meister, wäh­rend Hol­stein in der Regio­nal­liga ver­schwand“, erzählte Karsten seuf­zend. Das hat schon Tra­di­tion: Bei jeder Liga­re­form schneidet Hol­stein schlecht ab.“

So ist der Deut­sche Meister von 1912 heute nur viert­klassig und eigent­lich doch gleich der per­fekte Kan­didat für mich. Hol­stein bringt schließ­lich alles mit, was man braucht: einen guten Namen, einen noch bes­seren Spitz­namen („Störche“), viel Tra­di­tion, ein schnu­cke­liges Sta­dion und die pas­sende Mischung aus Pech und Unver­mögen, damit man sich beim Mit­leiden auch recht­schaffen fühlen kann. Aber es gab ein Pro­blem. Ein sehr großes Pro­blem.

Ich war an jenem Tag in Kiel, weil das Schicksal meine Schritte gelenkt hatte. Kaum war ich aus Dort­mund weg­ge­zogen, wurde der BVB im DFB-Pokal aus­ge­rechnet gegen Hol­stein gelost, für mich nur eine Stunde Fahrt über die Bun­des­straße 202. Doch als die ARD direkt nach der Aus­lo­sung nach Kiel schal­tete, um die Reak­tion der Störche ein­zu­fangen, hörte man, wie die Spieler meinen Verein als Huren­söhne“ besangen.

Wir sind besser als der HSV!“

Karsten lachte, als er daran dachte. Hol­stein Kiel raus auf die große Fuß­ball­bühne und gleich rein ins Fett­näpf­chen – herr­lich!“, sagte er. Ich konnte das aber nur bedingt lustig finden. Obwohl die Stim­mung im Sta­dion später trotz der Eises­kälte gut war und ich grinsen musste, als die Gegen­tri­büne beim Stand von 0:3 sang Wir sind besser als der HSV!“ (der zuvor 1:5 gegen den BVB ver­loren hatte), fand ich ein­fach die rechte Bin­dung zu diesem Klub nicht.

Die Partie war für Hol­stein Kiel die End­sta­tion einer Pokal­reise, die acht Monate zuvor mit einem Skan­dal­spiel begonnen hatte. Im Juni gewann Hol­stein den schleswig-hol­stei­ni­schen Lan­des­pokal aus­ge­rechnet beim ver­hassten Rivalen VfB Lübeck, und damals war es zu schweren Aus­schrei­tungen gekommen. Siebzig Per­sonen wurden ver­haftet, und Hol­stein sperrte einen Groß­teil seiner Ultra­szene aus.

In Lübeck hin­gegen sind die Ultras wei­terhin sehr rege. Wie ich später in Todes­felde erfahren sollte, haben sie sogar eine Art Jugend­ab­tei­lung, in der sie ihren Nach­wuchs aus­bilden. Das führt dazu, dass Lübeck – eine Stadt wie eine mit­tel­al­ter­liche Pup­pen­stube, von der große Teile zum UNESCO-Welt­kul­tur­erbe gehören – flä­chen­de­ckend mit soge­nannten Spu­ckis beklebt ist. Einer gibt mir wegen der Ortho­grafie Rätsel auf: SMASH KIHL“. Als ich über Face­book um eine Erklä­rung der Schreib­weise bitte, meldet sich rasch ein Hol­stein-Fan. Leute aus dem schleswig-hol­stei­ni­schen Zonen­rand­ge­biet nennen ihre Lan­des­haupt­stadt ›kiHL‹, denn HL ist das Auto­kenn­zei­chen dieser Häu­ser­an­samm­lung“, führt er aus. Der Auf­kleber und seine Erklä­rung führen mich zur nächsten Sta­tion meiner Suche: die schleswig-hol­stei­ni­sche Ver­sion der Schlacht um Mit­tel­erde, das 120. Derby zwi­schen Lübeck und Kiel. Das Ganze wird dadurch noch inter­es­santer, dass der VfB eine ent­täu­schende Saison spielt, wäh­rend Kiel auf den Auf­stieg in die dritte Liga hofft. Außerdem wird in Lübeck gespielt, und so kann ich end­lich die mythen­um­rankte Loh­mühle besu­chen!

Schnurr­bär­tige Männer in schlecht­sit­zenden Jeans

Man muss aller­dings sagen, dass ihr Mythos erheb­lich größer ist als ihr Charme. Das Sta­dion liegt zwi­schen Auto­bahn und Bau­markt, am Himmel kreisen die Krähen und unten ver­scheu­chen mich die Ultras, als ich ihnen bei der Vor­be­rei­tung ihrer Cho­reo­grafie zusehen will. So wan­dere ich mit Bier und Fisch­bröt­chen die Straße ent­lang, vorbei an dem größten Poli­zei­auf­gebot der Ost­see­re­gion seit dem G 8‑Gipfel in Hei­li­gen­damm, biege rechts ab – und ent­decke einen Ort, an dem die Zeit ste­hen­ge­blieben ist. Er befindet sich auf der Süd­seite des Sta­dions, rechts vom langsam abblät­ternden Schriftzug Loh­mühle“, unter dem Hin­weis­schild zur Kneipe Alte Holze“. Wer hier ein­tritt, landet in den acht­ziger Jahren und trifft schnurr­bär­tige Männer in schlecht­sit­zenden Jeans, die Kippen ohne Filter rau­chen. Man hört Depeche Mode und sieht echte Kut­ten­fans“, deren Westen mit Auf­nä­hern übersät sind, die man seit min­des­tens fünf­zehn Jahren nicht einmal mehr in der schumm­rigsten Bahn­hofs­pas­sage bekommt. Außerdem kann man eine gut durch­ge­brannte Brat­wurst kaufen, ohne sich anstellen zu müssen.

Doch dann pas­siert es. Die Dame am Brat­wurst­stand hat sich in ein Gespräch ver­wi­ckeln lassen, achtet nicht auf ihr Kern­ge­schäft und plötz­lich steigen dicke Rau­schwaden aus dem Grill auf. Ein Mit­glied des Fan­klubs Lüb­sche Jungs“ reckt einen Arm in die Luft, um den meh­rere grün-weiße Schals gewi­ckelt sind, und ruft: Pyro­technik wird erlaubt!“ Das zer­stört die Illu­sion, denn so was hätte in den Acht­zi­gern nie­mand gerufen. Mein Herz sinkt voll­ends, als uns fünf­zehn Minuten vor Spiel­be­ginn der Sta­di­on­spre­cher nicht in der guten alten Loh­mühle begrüßt, son­dern, im Poker­Stars.de-Stadion an der Lohn­mühle“.

Ande­rer­seits passt der neue Name auch irgendwie, denn was dem Klub buch­stäb­lich an allen Ecken und Enden fehlt, ist Geld. In Lübeck gibt es keine Wirt­schafts­kraft im Hin­ter­grund“, hatte Karsten mir schon in Kiel erklärt. Die Stadt leide nach wie vor an der alten inner­deut­schen Grenze, denn sie habe Lübeck von seinem tra­di­tio­nellen Hin­ter­land Meck­len­burg abge­schnitten, was für die Stadt als Wirt­schafts­standort töd­lich gewesen sei.

Der Kampf der Besitz­losen aus der Han­se­stadt gegen die Glück­losen aus der Haupt­stadt ist zwar nicht gut, aber span­nend. Die Lübe­cker Ultras machen einen Radau, der durchaus zweit­li­ga­reif ist, und als der Außen­seiter in der 65. Minute das ein­zige Tor des Tages erzielt, steht die Loh­mühle so Kopf, wie sie es eben tun kann, wenn nur 3888 Zuschauer das größte und tra­di­ti­ons­reichste Spiel eines ganzen Bun­des­landes sehen wollen.

In Lübeck fehlt die Iden­ti­fi­ka­tion mit dem Verein“, sagt mir drei Wochen danach der VfB-Fan in Todes­felde. Die Leute kommen nur, wenn Erfolg da ist.“ Das ist zwar nicht nur in Lübeck der Fall, aber es belegt eine gewisse Trost­lo­sig­keit. Es gibt Leute, die, wie Holger Sta­nis­lawski es bei St. Pauli mal for­mu­lierte, auf die Atmo­sphäre des Ver­falls stehen“, aber ich gehöre nicht dazu. Jeden­falls nicht, wenn ich die Wahl habe. Und schon gar nicht in einer so ange­nehmen Gegend. Da hätte ich ja gleich im Ruhr­ge­biet bleiben können.

Und so fahre ich vier­zehn Tage später am Hans­a­park in Sierks­dorf vorbei, der in den letzten dreißig Jahren von Mil­lionen Ruhr­pott­kin­dern besucht worden sein muss. Im Radio höre ich, dass tief im Westen 22 Grad gemessen werden. Hier an der Ostsee kommen wir mit Wohl­wollen auf 10, trotzdem stellt sich kein Neid­ge­fühl ein. Ers­tens scheint die Sonne und zwei­tens sagt der nächste Verein, den ich testen werde, von sich selbst, dass er Fuß­ball am schönsten Urlaubsort Deutsch­lands“ spielt. Gemeint ist damit Tim­men­dorfer Strand, die Heimat des NTSV Strand 08, der in der Schleswig-Hol­stein-Liga kickt.

Ich bin dorthin unter­wegs, weil Tim­men­dorfer Strand nur 40 Kilo­meter von uns weg ist. Das wäre auch unge­fähr die Ent­fer­nung, die mich vom eben­falls fünft­klas­sigen Preetzer TSV trennt. Aber ange­sichts der Ereig­nisse um Hertha BSC erscheint es mir gerade nicht attraktiv, zum Fuß­ball­gu­cken in eine Ort­schaft zu fahren, die Preetz heißt. Zum anderen spielt Strand 08, wie der Name ver­muten lässt, wirk­lich nur wenige Minuten vom Meer ent­fernt. Ich kann es nicht sehen, aber rie­chen, als ich den Platz des Ver­eins erreiche. Dort warten etwa 150 Zuschauer auf den Beginn des Spiels gegen den Tabel­len­vor­letzten Brei­ten­felder SV. Anders gesagt: Fremde fallen hier auf. Und ich bin ganz ein­deutig fremd, schon allein wegen der schwarz-gelben Strick­mütze, die meine Ohren vor dem Wind schützt. Das ist Lothar, der ist auch aus dem Ruhr­ge­biet“, sagt jemand und stellt mir den Platz­wart vor.

Wie sich rasch her­aus­stellt, ist Lothar eigent­lich aus dem Osten, hat sich aber schon 1959, mit gerade 15 Jahren und nach drei Schü­ler­län­der­spielen für die DDR, über die damals noch offene Grenze gemacht, nach Essen. Ich habe bei Rot-Weiss in der A‑Jugend gespielt, Otto Reh­hagel war in der ersten Mann­schaft. Wir tele­fo­nieren heute noch regel­mäßig“, sagt Lothar. Wie sich in den nächsten Minuten her­aus­stellt, kennt er auch Rudi Assauer, Charly Körbel („Dem habe ich hier um die Ecke eine Woh­nung besorgt“) und mehr oder weniger die kom­plette Mann­schaft und Füh­rungs­riege von Werder Bremen aus der Reh­hagel-Ära.

Anfang der Sieb­ziger trug es Lothar näm­lich im Urlaub auf einer berüch­tigten Bun­des­straße an der Ostsee bei 170 Stun­den­ki­lo­me­tern aus der Kurve. Danach musste er – obwohl sich der Zusam­men­hang auch auf Nach­fragen nicht erschließt – von Flei­scher auf Gärtner umschulen. Das tat er in Bremen. Und da habe ich dann später allen von Werder den Garten gemacht“, sagt er und begrüßt seine Freundin. Die muss seit einiger Zeit bei den Heim­spielen von Strand 08 aus­helfen, weil die Ver­bands­richt­li­nien vor­schreiben, dass min­des­tens eine Frau unter den Ord­nungs­kräften ist. Wegen Abtasten und so“, erklärt Lothar.

Wie alle anderen, so sind auch Lothar und seine Freundin an diesem son­nigen Samstag vor allem neu­gierig auf den neuen Trainer von Strand 08, einen Lübe­cker Poli­zisten mit Namen Jan Voigt. Der bis­he­rige Coach war in Per­so­nal­union auch Manager des Klubs, also eine Art ost­hol­stei­ni­scher Felix Magath, fühlte sich aber mit der Dop­pel­funk­tion über­for­dert. Der neue Mann hat jedoch keinen guten Ein­stand. Kurz vor dem Anpfiff ertönt die House-Ver­sion der Musik aus Fluch der Karibik“, kurz nach dem Anpfiff steht es 0:1 durch einen direkt ver­wan­delten Frei­stoß. Die Strand­pi­raten“, wie der Sta­di­on­spre­cher die Jungs von Strand 08
nennt, spielen einen ganz ordent­li­chen Ball, laufen sich aber vorne fest und hinten in Konter. Zur Pause steht es 0:3 und selbst Lothar ist fast sprachlos. Aber nur fast.

Mitt­ler­weile trägt er eine gelbe Weste und kon­trol­liert den Ein­gang. Heute ist nicht viel los, aber im letzten Jahr hat St. Pauli hier abends ein Test­spiel bestritten und da musste Lothar den Siche­rungs­kasten der Flut­licht­an­lage bewa­chen. Da kann näm­lich jeder dran und das Licht aus­ma­chen, und dann hätte das Spiel abge­bro­chen werden müssen, weil es eine Stunde dauert, bis die Lampen wieder brennen.“ Als die zweite Hälfte beginnt, will ich wieder zu meinem Platz, aber Lothar hat noch die eine oder andere Geschichte im Köcher. Der Ball, den der Uwe Rein­ders damals Jean-Marie Pfaff ins Tor geworfen hat“, sagt er, der liegt bei mir unter der fran­zö­si­schen Liege. Die Jungs hier dürfen sich den manchmal angu­cken, aber ich gebe ihn nie raus.“

Nach der Pause greifen die Strand­pi­raten mit Mann und Maus an, treffen zweimal das Tor und einmal den Pfosten, ver­lieren aber mit 2:3. Beim Abpfiff werfe ich einen Blick auf das Sta­di­on­heft Pira­ten­post“. Das Titel­blatt der aktu­ellen Aus­gabe ver­spricht Fuß­ball & Meer“ – und hat sein Wort durchaus gehalten.

Die erste Mann­schaft von Death­field“

Auf der Rück­fahrt von Strand 08 komme ich an Luschen­dorf vorbei. Das ist bei­leibe nicht der ein­zige Name hier, der beim Rei­senden Inter­esse weckt. So gibt es zum Bei­spiel auch Bun­tekuh und Alten­teil. Und wer nach Todes­felde will, der kommt an Quaal vorbei. Todes­felde ist ein Dorf von kaum mehr als tau­send Seelen, nicht weit weg von Bad Sege­berg, wo sie seit 60 Jahren Karl May ver­fäl­schen. Die erste Mann­schaft von Death­field“, wie die Fuß­ball­ab­tei­lung sich auf der Ver­eins­home­page tat­säch­lich nennt, spielt eben­falls in der fünften Liga. An dem düs­teren Sonntag, an dem ich viel­leicht Fan von Todes­felde werde, trifft sie auf die zweite Mann­schaft des VfB Lübeck.

Die Gäste haben ein paar Fans mit­ge­bracht, von denen einer sogar eine große Trommel trägt. Aber sie sind natür­lich weit in der Unter­zahl, denn hier nimmt man den Spruch Hurra, das ganze Dorf ist da“ fast wört­lich. Obwohl man durch Todes­felde fahren kann, ohne es zu merken, lockt kaum ein Verein in dieser Liga so viele Leute an. Beim Lokal­derby gegen Schacken­dorf kann man durchaus mit 350 Fana­ti­kern rechnen.

Und es sind wirk­lich Fana­tiker. In der Nähe der Eck­fahne steht eine kleine, über­dachte Holz­tri­büne. Eine Bande infor­miert den Besu­cher, dass dies die SVT-Fan­ecke„ ist, doch diese Erklä­rung wäre nicht nötig, so laut­stark und wenig neu­tral kom­men­tieren die Zuschauer dort jeden Pass. Oder besser: jeden Fehl­pass. Denn auf dem hol­pe­rigen Rasen finden die jungen und tech­nisch guten, dafür aber kör­per­lich unter­le­genen Lübe­cker nicht zu ihrem Spiel, wäh­rend Todes­felde nicht lange fackelt. In der 24. Minute schießt ein Mann mit dem erst­li­ga­taug­li­chen Namen Vin­cenzo Testa das 1:0, und Todes­felde lässt ihn hoch­leben.

Fuß­ball beim SV Todes­felde ist sooooo geil!!!“

Ich gebe es zu: Mich hatte an Death­field nur der Name gereizt. Aber vor Ort stellt sich heraus, dass man an dem Verein noch andere Sachen mögen kann. Zum Bei­spiel war ich erst ver­är­gert, als man mir für die Brat­wurst 2,60 Euro abnahm – dann aber erfreut, dass ich dafür gleich zwei Thü­ringer bekam. Auch die große blau-gelbe Tafel, die auf einem Hügel an der Längs­seite steht, hat was. Fuß­ball beim SV Todes­felde ist sooooo geil!!!“, behauptet sie.

Aber der Lübe­cker Fan mit der Trommel gibt mir zu denken. Nachdem ich ihm erzählt habe, woher ich komme und was ich so mache, sagt er etwas mit­leidig: Sie sind siebzig Minuten über die Bun­des­straße gegurkt, um den SV Todes­felde zu sehen? Auf die Idee muss man erst mal kommen.“ Sein Unver­ständnis ist ange­bracht. Da bin ich nun ohnehin schon viele hun­dert Kilo­meter ent­fernt von meinem eigent­li­chen Verein – und will mir dann auch noch einen wei­teren aus­su­chen, der mich eben­falls Stunden im Auto kostet? Nur wegen des Namens? Ein Name ist keine Heimat, nicht einmal eine zweite. Um eine Heimat zu finden, muss man ent­weder eine Bezie­hung zum Ort auf­bauen oder zu den Men­schen dort. Mit Fuß­ball­ver­einen ist es nicht viel anders, das wird mir auf der Rück­fahrt von Todes­felde klar. Denn als ich durch­ge­froren und nass­ge­regnet wieder im Auto sitze, ist mein erster Gedanke: Wo und wie hat eigent­lich Strand 08 gespielt? Die müssten am kom­menden Wochen­ende ja wieder ein Heim­spiel haben. Und das wäre doch eine gute Gele­gen­heit, um noch ein paar von Lothars Geschichten zu hören.