Dieser Text erschien erst­mals in unserem 11FREUNDE SPE­ZIAL – London Cal­ling. Das Heft ist hier bei uns im Shop erhält­lich.

Gut 15 Jahre lang, meist zwi­schen Früh­jahr und Früh­sommer, begangen die Fans von Arsenal einen eigen­tüm­li­chen Fei­ertag. It’s hap­pe­ning again“, sangen sie freu­de­trunken in den Kurven, stießen in den Pubs rund um das Sta­dion an und schickten fröh­liche Nach­richten und Fotos von Geburts­tags­ku­chen via Twitter in die Welt, gar­niert mit dem Satz: Happy St Tot­te­ring­hams Day!“ End­lich wieder St Tot­te­ring­hams-Tag, alles Gute!

Dieser eigen­wil­lige Fei­ertag wurde einst, so die Legende, vom Arsenal-Fan­blog Arseweb ins Leben gerufen und bezeichnet den Tag, an dem es dem Nord­lon­doner Rivalen Tot­tenham Hot­spur rech­ne­risch nicht mehr mög­lich ist, in der Tabelle an den Gun­ners vor­bei­zu­ziehen. Im Jahr 2015 beging die Fan­ge­meinde Arse­nals ihren zwan­zigsten St Tot­te­ring­hams Day in Folge, zwi­schen 1995, damals noch mit Jürgen Klins­mann im Sturm, und 2017 war es den Spurs nicht mehr gelungen, am Ende der Saison vor Arsenal zu stehen.

2017 riss die Serie

Mit Fort­laufen dieser Serie gewann der Tag natur­gemäß an Bedeu­tung. Auf der Web­site des Daily Tele­graph“ gab es eine Uhr, die die Zeit bis zum nächsten St Tot­te­ring­hams Day run­ter­rech­nete, es exis­tierten eigens ein­ge­rich­tete Home­pages, die sämt­liche Jah­res­tage zurück bis ins Jahr 1887 auf­lis­teten, als die Teams das erste Mal auf­ein­an­der­trafen. Zwi­schen­zeit­lich berich­teten sogar die großen Medien dar­über, wie genau sich die Fans der Gun­ners für ihren großen Tag rüs­teten.

2017 wurde Tot­tenham Pre­mier-League-Zweiter, mit über zehn Punkten Vor­sprung auf den Tabel­len­fünften Arsenal. Der St Tot­te­ring­hams Day fiel aus, die Serie riss. Die Kräf­te­ver­hält­nisse in Nord­london haben sich zugunsten Tot­ten­hams ver­schoben. 

Umso besser für die Fans der Spurs, die natür­lich auch ihrer­seits einen Fei­ertag haben. Den St Hot­spur Day, zu dem jedes Jahr am 14. April an den Halb­fi­nal­sieg Tot­ten­hams über Arsenal im FA Cup 1991 erin­nert wird, der Arsenal das Double kos­tete und den Spurs den Cup­sieg ermög­lichte. Schön, könnte man meinen, so haben beide Fan­grup­pie­rungen rund um die nur vier Meilen von­ein­ander ent­fernten Sta­dien ihren Spaß. Nur ginge es eben auch eine volle Them­sen­breite an der Rea­lität vorbei, redu­zierte man das North London Derby auf freund­schaft­liche Necke­reien unter Nach­barn. 

Denn das Lon­doner Derby zwi­schen Arsenal und Tot­tenham ist es eines der erbit­tertsten im eng­li­schen Fuß­ball. Und das, obwohl es zunächst ein ganz gewöhn­li­ches Spiel zweier zufällig in der glei­chen Stadt behei­ma­teter Teams war. Erst mit dem Umzug Arse­nals nach High­bury – bis 1913 hatten die Gun­ners in Wool­wich im Süd­osten Lon­dons gespielt – und damit in die unmit­tel­bare Nach­bar­schaft der Spurs, begann eine ernst­zu­neh­mende Riva­lität, die als­bald auch derart heftig auf dem Feld aus­ge­tragen wurde, dass die FA sich nach einer wüsten Tre­terei im Sep­tember 1922 dazu genö­tigt sah, den Klubs den viel­leicht ersten Zuschau­er­aus­schluss der Fuß­ball­ge­schichte anzu­drohen. 

Zur Ver­schlech­te­rung der Stim­mung zwi­schen den Nach­barn hatte nicht zuletzt bei­getragen, dass die erste Liga 1919 von 20 auf 22 Ver­eine auf­ge­stockt wurde. Chelsea, als Tabel­len­neun­zehnter eigent­lich abge­stiegen, durfte die Klasse halten. Der letzte noch ver­blei­bende Platz ging jedoch nicht an den Zwan­zigsten der Liga aus Tot­tenham, son­dern wurde in einer Abstim­mung ver­geben: an den Fünften der zweiten Liga, den FC Arsenal. Frei­lich halten sich bis heute Gerüchte um Mau­sche­leien des dama­ligen Arsenal-Vor­sit­zenden Sir Henry Norris zuun­gunsten der Spurs. Natur­gemäß aber auch eher auf der Seite der Spurs.

Den Bei­namen Judas“ wird Camp­bell nicht mehr los­werden

Wie ver­giftet das Ver­hältnis zwi­schen beiden Fan­la­gern ist, sieht man nicht nur daran, dass die Spurs-Fans Arse­nals Anhänger noch immer als Wool­wich Nomads“ ver­un­glimpfen, über ein Jahr­hun­dert nach deren Umzug. Auch nicht nur daran, dass im Gegenzug eine ver­bit­terte Dis­kus­sion dar­über herrscht, ab wann Tot­tenham eigent­lich von London ein­ge­meindet wurde, was den Gun­ners natür­lich Rück­schlüsse auf die Pro­vin­zia­lität des Rivalen erlaubt und darauf, wer ein wasch­echter Lon­doner Klub ist und wer nicht. 

Man erkennt es auch daran, dass es in der über ein Jahr­hun­dert langen Geschichte des North London Derbys erst 15 Spieler gewagt haben, zum unge­liebten Nach­barn zu wech­seln. Der pro­mi­nen­teste Über­läufer dürfte dabei Sol Camp­bell sein, der ehe­ma­lige Abwehr­chef der Spurs, der nach zehn Jahren im Verein den Anhän­gern seinen Ver­bleib ver­sprach, dann aber ansatzlos und in einer andy­m­öl­ler­schen Volte zum Erz­ri­valen ging, um dort Cham­pions League zu spielen. Den Bei­namen Judas“ wird Camp­bell zumin­dest an der White Hart Lane nicht mehr los­werden, was wahr­schein­lich auch daran liegt, dass er die Gun­ners in der Folge zu zwei Meis­ter­schaften und drei FA-Cup-Siegen führte. 

Noch 2009, als der 73-fache eng­li­sche Natio­nal­spieler schon längst nach Ports­mouth wei­ter­ge­zogen war, wurden vier Spurs-Fans mit einem lan­des­weiten Sta­di­on­verbot bedacht, weil sie einen Schmäh­ge­sang auf Camp­bell ange­stimmt hatten, der derart ehr­ab­schnei­dend und derb war, dass er an dieser Stelle nicht wie­der­holt werden kann. 

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