Wir wissen nicht, wie lange Roberto Rive­lino, der talen­tier­teste Schnauz­bart­träger aller Zeiten, an diesem Frei­stoß-Trick gewer­kelt hatte. Auf jeden Fall staunte man in der ehe­ma­ligen DDR noch Jahre über diesen ver­fluchten Ein­fall des genialen Links­fußes vom Zuckerhut. In der zweiten Final­runde der Welt­meis­ter­schaft 1974 traf die ambi­tio­nierte DDR-Aus­wahl aus­ge­rechnet auf Welt­meister Bra­si­lien, Jürgen Spar­wasser sei Dank. Dessen Sieg­treffer gegen die BRD (wir erin­nern uns)e hatte die Deut­sche Demo­kra­ti­sche Repu­blik erst auf Grup­pen­platz eins geführt und damit den Bra­si­lia­nern zuge­lost, die ihrer­seits nur mit Ach und Krach Platz zwei vor den Schotten geschafft hatten.



Doch Bra­si­lien 74 war weit ent­fernt von jener Zau­ber­truppe, die vier Jahre zuvor in Mexiko begeis­tert hatte. König Pelé hatte abge­dankt, seine Nach­folger taten sich schwer. Nur zwei aktu­elle Welt­meister standen am 26. Juni 1974 gegen die DDR auf dem Platz: der ele­gante Jair­z­inho (mit Afro-Look und Breitner-Optik) und Rive­lino, der fan­tas­ti­sche Spiel­ma­cher von Flu­mi­nense, Urvater gran­dioser Finten, wie dem elastico“, jener Täu­schung, bei der der Spieler den Ball mit dem Fuß erst zur Seite schiebt, um ihn dann blitz­schnell wieder in die ent­ge­gen­ge­setzte Rich­tung zu hebeln. Ronald­inho und Chris­tiano Ronaldo lassen heute grüßen.




Die Mauer durch­bro­chen

Nach einer Stunde Spiel­zeit ist den Bra­si­lia­nern gegen zähe DDR-Fuß­baller noch nicht viel ein­ge­fallen. Das Spiel ist schwach, die knapp 60000 Zuschauer im Han­no­ve­raner Nie­der­sachsen-Sta­dion rufen schon Auf­hören! Auf­hören!“ Dann holt Jair­z­inho einen Frei­stoß knapp 20 Meter vor dem Tor von Jürgen Croy heraus. Der Schnauz­bart im gelben Trikot legt sich den Ball halb­links von Croy zurecht. Sein brett­harter Schuss ist auch dem Keeper der BSG Zwi­ckau wohl bekannt. Aller­dings: weiche Frei­stoß­lupfer hat der Linksfuß eben­falls im Reper­toire, seine Technik erlaubt ihm auch einen Ver­such mit dem Außen­rist. Croy kann nicht lange über­legen, das hier ist chließ­lich die WM und der Gegner heißt Bra­si­lien. Er stellt die Spieler so, wie jeder ver­nünf­tige Keeper der Welt sie stellen würde, der direkte Weg zum Tor ist Rive­lino durch eine tap­fere Mauer aus blau-weißen Fuß­bal­lern ver­sperrt, die krampf­haft die Fami­li­en­pla­nung fest­halten. Mit­ten­drin: ein gelber Farb­fleck. Val­do­miro, auch er mit einer statt­li­chen Afro-Mähne aus­ge­stattet, hat sich zwi­schen Siegmar Wätz­lich, Rein­hard Lauck und all die anderen gestellt. Ver­wir­rung unter den DDR-Kickern. Trainer Georg Buschner scheint den Braten gero­chen zu haben, doch seine Rufe ver­hallen, Schieds­richter Clive Thomas aus Wales hat den Ball bereits frei­ge­geben.

Rive­lino nimmt einige Meter Anlauf, dann don­nert er den Ball direkt auf die Mauer zu. Die hat plötz­liche eine hüft­breite Lücke, Val­do­miro hat sich blitz­schnell fallen gelassen, Rive­linos Schuss findet den Frei­raum, der Ball saust an den ver­dat­terten Geg­nern aus Ost­deutsch­land vorbei, und auch Jürgen Croy kommt zu spät. Das Leder schlägt im Tor ein. 1:0 für Bra­si­lien in der 61. Minute. Es soll das ein­zige Tor des Spiels bleiben.

Die DDR erholt sich von diesem Schock nicht mehr, ein Hüt­chen-Trick der ansonsten ide­en­losen Süd­ame­ri­kaner hat sie besiegt. Bra­si­lien gewinnt auch das zweite Spiel gegen Argen­ti­nien (2:1 durch Treffer von Rive­lino und Jair­z­inho), bekommt gegen die Nie­der­lande aber klar die Grenzen auf­ge­zeigt (0:2) und ver­passt das Finale gegen Deutsch­land. Der DDR ist der Punkt­ge­winn gegen Argen­ti­nien beim 1:1 letzt­lich zu wenig, auch sie hatten beim 0:2 gegen Cru­yffs furiose Hol­länder keine Chance gehabt.

Rive­lino nimmt 1978, mit 32 Jahren, noch­mals an einer Welt­meis­ter­schaft teil und beendet seine Kar­riere 1981. Dass aus­ge­rechnet sein linker Fuß die Mauer der DDR durch­bre­chen konnte, wird ihm keiner mehr nehmen können.

11FREUNDE-Spe­zial Das waren die Sieb­ziger“ – jetzt im Handel!