Eine Woche vor dem Spiel hatte er es erfahren. Alex Lehné, 24 Jahre alt, Azubi bei einer Ver­si­che­rung, saß vor dem Com­puter, als die Mel­dung über den Bild­schirm flim­merte: Der DFB hat 1860 Mün­chen nach den schweren Aus­schrei­tungen beim Regio­nal­liga-Spiel ihrer zweiten Mann­schaft bei der SpVgg Weiden zu einer Geld­strafe in Höhe von 10 000 Euro ver­ur­teilt.“ Schwere Aus­schrei­tungen? Alex hatte von ein paar Böl­ler­würfen gehört. Er las weiter: Zudem muss das Team das Heim­spiel gegen Darm­stadt 98 unter Aus­schluss der Öffent­lich­keit aus­tragen.“



Gerade diese Partie in Mün­chen, dachte Alex, gehören doch Reisen in Groß­städte in diesen Zeiten, in denen Darm­stadt an einem Wochen­ende in Son­nenhof Gro­ßen­as­pach und am nächsten in Alzenau spielt, zu den wenigen Sai­son­high­lights. Kurze Zeit später wussten seine Jungs vom Fan­klub Alles­fahrer Darm­stadt“ Bescheid. Wir ver­kleiden uns als Mit­ar­beiter vom Roten Kreuz“, schlug einer vor. Viel­leicht geht es mit einer Leiter“, meinte ein anderer, an der Ost­kurve ist die Mauer gerade mal fünf Meter hoch.“

Eine Leiter am Sta­dion? Bei einem bewachten Geis­ter­spiel?

Alex Lehné ist Groundhopper, einer, der sein Ground-Heft­chen pflegt und gute Aus­reden parat hat, wenn er zu Spielen ins liech­ten­stei­ni­sche Rug­gell oder ins slo­we­ni­sche Velenje fährt. Er hat in den letzten Jahren Geschichten für ganze Alma­nache gesam­melt, er lernte in Zagreb Halb­welt­ge­stalten kennen und im bos­ni­schen Bihać einen Wett­paten, der ihm demons­trierte, wie man Spiele schieben kann. Doch eine Leiter am Sta­dion? Bei einem bewachten Geis­ter­spiel? Das klang zwar radikal, mutig allemal, aber das Spiel wollte er gerne länger als drei Minuten sehen. Lasst uns doch die Anwohner fragen!“, warf Alex ein und skiz­zierte sein Vor­haben. Hinter der Ost­kurve ver­läuft die Grün­walder Straße mit fünf­stö­ckigen Wohn­häu­sern, teil­weise mit Flach­dä­chern oder Bal­konen. Wenn wir dort hinein gelangen, haben wir beste Sicht.“ Der Plan schien ein­fach, aber genial, und so recher­chierte Alex über Satel­li­ten­bilder, welche Häuser in dem Abschnitt hinter der Ost­kurve des Sta­dions liegen. Mit zwei wei­teren Klicks fand er die dazu­ge­hö­rigen Namen der Bewohner samt ihrer Tele­fon­num­mern. Danach begann die Kalt­ak­quise. Über 30 Mal wie­der­holte Alex seinen Text am Telefon, doch ent­weder zeigten die Woh­nungen zum Hof oder sie lagen zu tief. Eine sehr alte Dame ant­wor­tete: Bestimmt a Mords­gaudi, aber mei Hom is mei cassel.“

Doch Alex gab nicht auf. Und was war eigent­lich mit diesem Eck­haus, das seinen Ein­gang in der Zasin­ger­straße hat, dessen Fenster aber zum Sta­dion zeigen? Er hatte es über­sehen. Und dieses Mal war ein Voll­treffer dabei: Dr. Ralf Hain* hieß ihr Mann in Mün­chen. Seine Bedin­gungen: 70 Euro und keine Sauf­party. Alex sagte zu und kün­digte den Gast­geber im Fan­klub als sym­pa­thi­schen Geschäfts­mann an, wenn­gleich er hin­zu­fügte, dass dieser wohl eher ein Typ Arena-Fan“ sei als ein wasch­echter Regio­nal­liga-Ultra. Doch das sollte für die Gang nun neben­säch­lich sein, denn der Blick aus der Woh­nung, so ver­sprach Dr. Hain, sei besser als auf manch einem Steh­platz im Sta­dion. 

Don­nerstag, 17. Sep­tember 2009. Regen klatscht gegen den Minibus. Aus den Boxen dröhnen Madsen, Howard Car­pen­dale und die Lilien“-CD We Will Win!“. Melo­dien für Mil­lionen. Die Gruppe ist zu acht und hat vier Stunden Fahrt vor sich, es geht vorbei an Feucht, Eching, Gar­ching. Auf­bruch und Aben­teuer, mehr unter­wegs waren bloß Jack Kerouac und Dennis Hopper. Nur als der Bus die Allianz Arena pas­siert, schlägt die Stim­mung kurz um. Ich mag keinen Kom­merz­fuß­ball“, grum­melt Alex, und der Rest nickt, wäh­rend im Bus noch der Geruch vom letzten Stopp bei Burger King“ in der Luft liegt.

Am Sta­dion das erwar­tete Bild: Poli­zisten patrouil­lieren an den abge­sperrten Toren, ein ver­spie­gelter Video­wagen fährt die Straße ent­lang und ein Ordner spricht wich­tige Halb­sätze in sein Funk­gerät. Skep­tisch beäugen sie das ach so kon­spi­ra­tive Treiben an der Ecke Zasinger- und Grün­walder Straße. Alex Lehné fährt mit dem Finger über das Klin­gel­schild, Dr. Hain, fünfter Stock, der Rest tip­pelt vor der Haustür wie Kinder bei einer Tom­bola. Kara­wa­nen­artig zieht die Gruppe nach oben, einen Kasten Bier geschul­tert, dazu Ruck­säcke mit ein paar Ban­nern.

Am Ende der Treppe wartet er, der gut­mü­tige Fremde, Dr. Ralf Hain. Blondes, strub­be­liges Haar, schwarzes Bril­len­ge­stell, weißes Hemd, Ende 30. Sieht so der Arena-Fan“ aus, von dem Alex sprach? Und sieht so die dazu­ge­hö­rige Woh­nung aus: Pop-Art und abs­trakte Kunst an der Wand, eine Möbel­me­lange aus Second­hand, Ikea und Desi­gner­stü­cken, neben dem Com­puter über­füllte Aschen­be­cher, daneben eine Minibar auf Rollen.

Wie eine Tou­ris­ten­gruppe an den Nia­ga­ra­fällen

Viel fehlt nicht zum Glück. Eigent­lich fehlen den Darm­städ­tern nur noch drei Meter, denn bereits durch die Tür des Wohn­zim­mers erspähen sie die Flut­licht­masten und die Anzei­gen­tafel mit den Holz­tä­fel­chen. Noch zwei Meter, Fla­schen fallen von einem glä­sernen Ser­vier­wagen. Dr. Hain eilt zu Hilfe. Noch einen Meter, man kann den Rasen fast schon rie­chen und dann ver­harren sie für einige Sekunden am Fenster wie eine Tou­ris­ten­gruppe an den Nia­ga­ra­fällen. Ein Post­kar­ten­idyll für jeden Fuß­ballfan.

Bevor die Alles­fahrer“ Dr. Hain in Fach­ge­spräche ver­wi­ckeln, unter­bricht der: Wisst ihr was, ich habe gar keine Ahnung von Fuß­ball.“ Die Situa­tion wird zuneh­mend gro­tesker, denn Hain erzählt danach, dass er Chef einer großen Internet-Wett­firma sei. Ein Sport­ma­nager, der ein Sta­dion ständig vor Augen hat und der dort arbeitet, wo rund um die Uhr über Fuß­ball dis­ku­tiert wird, ist kein Fuß­ballfan? Ach“, der Doktor zuckt mit den Ach­seln, ich mag das Sub­ver­sive dieser Aktion.“ Dieser gut­bür­ger­li­chen Haus­be­set­zung. Als die Gruppe das Darm­stadt­banner am Sims befes­tigt, hat sich auf der gegen­über­lie­genden Stra­ßen­seite unter einem Baum ein kleiner Pulk von Leuten gebildet. Von oben sehen sie aus wie Groß­väter, die sonn­tags im Ohren­sessel sitzen, sich genüss­lich ihre Pfeifen stopfen und den Enkeln Geschichten von damals erzählen, als der TSV 1860 Mün­chen das letzte und ein­zige Mal Deut­scher Meister wurde. Alte Männer mit selbst­ge­strickten weiß-blauen Löwen“-Schals.

Doch dann hallt es schon: Darm­städter! Arsch­lö­cher!“ Alex hat dafür ein müdes Lächeln übrig: Ich bin gerne Arsch­loch, wenn ich hier oben stehen darf.“

Als den Sech­zi­gern die Puste aus­geht, schlei­chen sie ein paar Meter an der Ost­kur­ven­mauer ent­lang, auf der Suche nach einem Guck­loch, nach dem Geruch von Blut, Schweiß und Tränen, doch sie haben keine Chance, denn jeder noch so kleine Spalt wurde schon vor dem Spiel mit blauer Plane abge­deckt. Auf dem Platz ver­zwei­feln Darm­stadts Stürmer der­weil an den eigenen Beinen und strahlen eine Gefähr­lich­keit aus wie Fechter mit Wat­te­stäb­chen. Nach 60 Minuten steht es 2:0 für Sechzig. Den­noch ist die Welt hier oben, im wohl­tem­pe­rierten Wohn­zimmer von Dr. Hain, irgendwie in Ord­nung. Wäh­rend die Löwen-Fans Schutz vor dem Regen suchen, grüßen die Alles­fahrer“ wie Pop­stars auf Welt­tournee aus ihrem Hotel­zimmer. Nichts, so scheint es, könnte ihnen heute den großen Tri­umph nehmen, nicht einmal die Nie­der­lage der eigenen Mann­schaft.

Das Drama beginnt 20 Minuten vor Ende der Partie – es beginnt mit Tränen auf zarten Mäd­chen­wangen. Dr. Hain, der sich bis dahin wie ein Vater auf der Geburts­tags­party seines Sohnes im Hin­ter­grund gehalten hat, schleicht mit fra­gender Miene umher. Was ist pas­siert?“

Eine kleine Fahne ist her­un­ter­ge­fallen, über die Regen­rinne, an den Fens­tern vorbei und dann auf dem Fußweg gelandet. Und die Löwen gierten unter ihrem Baum wie bei der Füt­te­rung. Nun eilen sie auf die andere Stra­ßen­seite und schnappen sich den Fetzen. Dr. Hain mus­tert die Baum­steher: Was sind das eigent­lich für Typen?“, fragt er neu­gierig. Kut­ten­typen“, erklärt Alex. Kutten?“ Diese Jeans­westen mit Auf­nä­hern.“ Dr. Hain hakt nach: Sind das Schlä­ger­typen?“ Eher Alko­hol­typen.“ Der Manager nickt, doch als der Vor­schlag die Runde macht, sich die Fahne wieder zu holen, rückt er seine Brille zurecht und stellt sich mah­nend in den Raum: Mit denen ist nicht zu spaßen, hier gab es schon mal Aus­schrei­tungen.“ Damit hab ich Erfah­rung“, kon­tert der kräftig gebaute Dominik prompt. Dr. Hains hei­tere Gesichts­züge ver­schwinden im Nu: Aber bitte nicht heute. Nachher kommt ihr blut­über­strömt zurück.“

Im Hin­ter­grund fällt das 4:0 für Sechzig. Es inter­es­siert nicht mehr. Aus einer Ecke raunt es ein letztes Mal: Lasst uns nach der Fahne fragen.“

Doch die Idee wird mit dem Abpfiff kur­zer­hand ver­worfen, inner­halb weniger Minuten ist Hains Woh­nung leer. Die Gruppe eilt hinab, vorbei an einem Poli­zei­auto, zum Sta­dion. Dort warten sie auf die Mann­schaft – es besteht Rede­be­darf. Auf der anderen Seite halten sich die Löwen-Fans gegen­seitig fest, weil sie nach etli­chen Bieren nun etwas wackelig auf den Beinen sind. Einige Männer sind alt, das schon, aber keiner von ihnen hat einen selbst­ge­strickten Schal um den Hals gebunden, keiner würde groß­vä­ter­lich Geschichten von früher erzählen. Der, der sich umdreht, trägt eine Army-Jacke, seine Haut sieht aus, als sei sie aus Leder, die Ober­lippe ziert ein Schnauzer, den Schwarzer-Krauser-Nikotin gelb­lich gefärbt hat. Schleicht’s euch!“, blafft er. Sein Kol­lege mit der Jeans-Kutte greift nach einem Bier, und ehe jemand Prost“ sagen kann, öffnet er es mit seinen Backen­zähnen und spuckt den Kron­korken auf den nassen Asphalt. Warum durfte heute nie­mand ins Sta­dion?“ Weil wir die sind, die Ärger machen!“

Stille. Unend­liche Stille.

Sie ist in diesem Moment lauter als ein volles Sta­dion.

Dann zeigt der Leder­häu­tige auf das Eck­haus, wo eben noch ein breiter Darm­stadt-Banner am Fens­ter­sims klebte, und flüs­tert: Ihr g’hörts doch zu den Darm­städ­tern?“ Auch wenn er sich bär­beißig gibt, zit­tert die Stimme. Die Fahne, auf die jemand vor Zeiten mal die Buch­staben S, V und D mit Filz­stift geschrieben hat, ist nicht mehr hier. Die jün­geren Sechzig-Fans sind mit dem durch­nässten Lappen längst von dannen gezogen. Er ist ihre Tro­phäe, der die Schmach getilgt hat, dass sie 90 Minuten hinter Mauern standen, wäh­rend die Darm­städter beste Sicht aufs Spiel­feld genossen. In diesem Moment wirkt es, als spie­gele sich in diesem Raum, von Hains Woh­nung bis zum Bord­stein, die gesamte Fan­kultur im Kleinen: Ultras, Kutten, Jung­spunde, Alt­vor­dere, Arena-Fans, Inter­es­sierte. Ter­ri­to­ri­al­kämpfe auf ver­las­senen Plätzen.

Dann löst sich auch dieser Mob auf. Zurück bleibt Dr. Hain am Fenster. Inter­es­sant“, mur­melt er noch, als die Alles­fahrer“ in ihren Bus klet­tern. Rein sozio­lo­gisch betrachtet sehr inter­es­sant.“