Hin­weis: Diese Geschichte stammt aus dem 11FREUNDE-SPE­ZIAL Die Zehn – Magier und Denker des Spiels“. Alles zu den größten Zeh­nern aller Zeiten, zu Ronald­inho, Icke Häßler, Jo Micoud, Wolf­gang Overath, Gheorghe Hagi, Diego Mara­dona und vielen, vielen mehr gibt es im Heft, erhält­lich direkt bei uns im Shop.

Die Geschichte des magi­schen Drei­ecks beginnt mit wütenden bul­ga­ri­schen Demons­tranten. Mit Men­schen, die ihre Autos quer auf die Straßen stellen, um den Ver­kehr lahm­zu­legen. Mit Fabrik­ar­bei­tern, die sich wei­gern, Hebel zu ziehen und Knöpfe zu drü­cken. Und mit Bahn­an­ge­stellten, die sich nicht mehr darum scheren, ob Züge ankommen oder weg­fahren oder ein­fach ste­hen­bleiben. Im Herbst 1990 herrscht für eine knappe Stunde Chaos in Welinko Tar­nowo, der Hei­mat­stadt von Kras­simir Balakow. Das hat nichts mit dem all­ge­meinen Chaos zu tun, wel­ches nach dem poli­ti­schen Umsturz und dem Ende des Sozia­lismus ohnehin längst in jede Nische des Landes gekro­chen ist. Nein, es geht um viel mehr als das. Es geht um Fuß­ball.

Die Men­schen Tar­nowos sind wütend, weil Kras­simir Balakow vom bul­ga­ri­schen Fuß­ball­ver­band gesperrt worden ist. Zwei Jahre lang soll er keinen Fuß­ball mehr spielen dürfen. Weil er, kurz nach der poli­ti­schen Öff­nung Bul­ga­riens, bei zwei Ver­einen par­allel Ver­träge unter­schrieben hat. Bei Etar in Tar­nowo und beim bul­ga­ri­schen Spit­zen­klub ZSKA Sofia. Dass das Ärger geben würde? Nicht so wichtig.

Der Fuß­baller Kras­simir Balakow darf weiter für Etar spielen“

In diesen wirren Zeiten, denkt er, ist ohnehin alles egal. Doch als sich bei Sofia die Stars vom Acker machen, will Balakow lieber in Tar­nowo bleiben. Also lässt der Ver­band die Mus­keln spielen. Bis die Men­schen in der Stadt kreuz und quer parken. Am nächsten Tag heben die Funk­tio­näre die Sperre auf. Balakow erhält ein Schreiben: Der Fuß­baller Kras­simir Balakow darf weiter für Etar spielen. Aller­dings ist es ihm ver­boten, in den kom­menden drei Jahren zu einem anderen bul­ga­ri­schen Verein zu wech­seln.“

Drei Monate nach dem Schreiben wech­selt Balakow trotzdem. Nicht zu einem anderen bul­ga­ri­schen Klub, das ist ihm schließ­lich unter­sagt worden. Aber zu Spor­ting Lis­sabon, von wo aus er eine inter­na­tio­nale Kar­riere startet, die ihn vom Süd­westen Europas über die USA bis nach Baden-Würt­tem­berg führt. Zum VfB Stutt­gart an die Seite von Fredi Bobic und Gio­vane Elber. Als Häupt­ling eines Trios, das als Magi­sches Dreieck“ die gesamte Bun­des­liga ver­zau­bern wird.

Für die vom bul­ga­ri­schen Ver­band war das ja auch alles neu“ 

Fast dreißig Jahre nach dem Chaos in Tar­nowo sitzt Balakow in seiner Stutt­garter Woh­nung an einem großen Tisch aus Holz und schüt­telt den Kopf. Für die vom bul­ga­ri­schen Ver­band“, sagt er, war das ja auch alles neu.“ Die Jalou­sien sind her­un­ter­ge­lassen, es ist ange­nehm kühl im Wohn­zimmer, an den teil­weise unver­putzten Wänden hängen Gemälde, Öl auf Lein­wand. Schon als Spieler sam­melte er bul­ga­ri­sche Kunst, als junger Mann stu­dierte er außerdem Geo­grafie. Auch die erste Kon­takt­auf­nahme für diesen Termin machte schnell klar: Balakow ent­spricht nicht dem Kli­schee eines ehe­ma­ligen Fuß­ball­stars. Auf die Inter­view­an­frage ant­wor­tete er nur Stunden später mit einer höf­li­chen Mail, im Gegen­satz zu vielen seiner Kol­legen geht er ans Handy, wenn es klin­gelt. Er lädt zu sich nach Hause ein und nimmt sich Zeit, auch wenn sie bei ihm noch immer knapp ist.

Mitt­ler­weile ist er 52 Jahre alt, aber er sieht jünger aus, das Gesicht ist fal­ten­frei, die Haut leicht gebräunt. Er steht regel­mäßig auf dem Trai­nings­platz, Balakow ist seit Januar 2018 wieder Trainer bei seinem Hei­mat­verein Etar. Doch für ein paar Tage ist er zu Besuch in seiner anderen Heimat, seiner deut­schen. In der Stadt, in der seine Freundin wohnt, in der seine Kinder leben und in der sein kleiner Enkel geboren wurde. Und wo er noch immer eine Woh­nung besitzt, am Stadt­rand von Stutt­gart, in einer dieser hüge­ligen Straßen, wo es keine rich­tigen Bür­ger­steige gibt, weil sowieso jeder mit dem Auto fährt.