Herr Freund, wir gra­tu­lieren zum neuen Job als Assis­tenz-Trainer der U‑20-Natio­nal­mann­schaft. Wie kam es dazu?

Nach Ende meiner Kar­riere habe ich viele Sachen gemacht. Unter anderem grün­dete ich eine Sport­ma­nage­ment-Agentur. Aber ich bin auch seit drei Jahren beim ESV Lok Elstal, einem kleinen Verein in Bran­den­burg, in der Nach­wuchs­ar­beit aktiv. Wie ich finde, habe ich einen guten Draht zu jungen Leuten. Mat­thias Sammer ist ein guter Freund von mir. Als er mir anbot, beim DFB zu arbeiten, sagte ich sofort ja. Ich will von U‑20-Chef­trainer Frank Engel lernen, wie man ein sol­ches Team führt.



Was können Sie im Gegenzug den jungen Spie­lern mit auf den Weg geben?

Als Profi, der sowohl in der Bun­des­liga als auch in der eng­li­schen Pre­mier-League gespielt hat, kann ich wich­tige Erfah­rungen wei­ter­geben. Zwi­schen 18 und 21 Jahren – das ist die ent­schei­dende Zeit für einen Pro­fi­fuß­baller.

Inwie­fern?

Viel­leicht hat man schon den ersten Pro­fi­ver­trag unter­schrieben, ver­dient gutes Geld und kann sich ein schi­ckes Auto leisten. Viele denken: Jetzt habe ich es geschafft. Das ist ein Trug­schluss. Es ist ver­dammt schwer, sich als junger Spieler einen Stamm­platz zu erkämpfen, egal ob in der 1. oder 2. Liga. Die erfah­renen Spieler wissen, wie sie ihren Platz gegen jün­gere Leute ver­tei­digen müssen. Ich will den Jungs klar machen, was sie tun müssen, um sich durch­zu­setzen. Das hat viel mit Wil­lens­bil­dung und Wer­te­ver­mitt­lung zu tun.

Die Trainer und Manager der Bun­des­liga-Klubs machen es dem Nach­wuchs auch nicht immer ein­fach…

… weil sie lieber einen fer­tigen Spieler aus dem Aus­land holen, als auf junge Leute aus dem eigenen Jugend­be­reich zu bauen. Das stimmt. Mich stört, dass häufig der Mut dazu fehlt. Dabei gibt es posi­tive Bei­spiele wie den VfB Stutt­gart und Borussia Dort­mund, die vor ein paar Jahren auf den eigenen Nach­wuchs gesetzt haben und damit erfolg­reich waren.

Gezwun­ge­ner­maßen, weil sich diese Ver­eine ange­sichts finan­zi­eller Schwie­rig­keiten keine Trans­fers leisten konnten.

Das ist kor­rekt. Im deut­schen Ver­eins­fuß­ball hat man tat­säch­lich etwas ver­passt. Da sind uns bei­spiels­weise die fran­zö­si­schen Klubs deut­lich voraus. Die haben rigoros auf den Nach­wuchs gesetzt und sind an uns vor­bei­ge­zogen. Ich wün­sche mir von den Ver­ant­wort­li­chen der Bun­des­li­ga­klubs mehr Geduld im Umgang mit jungen Spie­lern. Häufig ist es doch so, dass man sie ein, zwei Jahre mit­trai­nieren lässt und dann an einen klei­neren Verein abschiebt.

Ande­rer­seits wird schon Jagd auf 13- oder 14-Jäh­rige gemacht…

Da fehlen mir die Worte. Aber das ist inzwi­schen Teil des Fuß­ball­ge­schäfts.

Wo sehen Sie den deut­schen Nach­wuchs­fuß­ball im inter­na­tio­nalen Ver­gleich?

Es sieht ganz gut aus. Mein neues Team ist kürz­lich bei der EM sehr unglück­lich im Halb­fi­nale gegen Grie­chen­land aus­ge­schieden. Und die U‑17-Natio­nal­mann­schaft hat gerade den Einzug ins WM-Vier­tel­fi­nale geschafft. Was fehlt, ist ein Sieg bei einem großen Tur­nier. Darauf wartet der DFB seit mehr als zehn Jahren.

Jürgen Klins­mann hat einen radi­kalen Schnitt gemacht. Hat das nicht Signal­funk­tion für den gesamten deut­schen Fuß­ball?

Was Jürgen und sein Team gezeigt haben, war ein enormer Kraftakt. Jürgen war eigent­lich aber gar nichts anderes übrig geblieben, als junge Leute ein­zu­bauen. Wenn man sich die Alters­struktur anschaut, dann fällt auf, dass es im Alter zwi­schen 22 und 28 Jahren wenig erst­klas­sige deut­sche Spieler gibt. Da hat sich eine Lücke auf­getan. Wir müssen auf­passen, dass uns so etwas nicht noch einmal pas­siert.