Einige Men­schen behaupten, Fuß­ball sei the beau­tiful game“, das schöne Spiel. Die Spieler sehen aus wie Top­mo­dels, tragen Fri­suren wie Pop­stars aus MTV-Videos, die Pässe und Tricks glei­chen Male­reien hol­län­di­scher Impres­sio­nisten, die Sta­dien – heute: Arenen – sind die Kathe­dralen des 21. Jahr­hun­derts. Es ist nicht nur alles so schön bunt hier, es ist auch alles so schön schön hier.

Wenn ich an die späten Acht­ziger und frühen Neun­ziger denke, war Fuß­ball vor allem eines: häss­lich. Das Ham­burger Volks­park­sta­dion, diese see­len­lose Beton­schüssel, irgendwo im Nord­westen der Stadt gelegen, erreichte man nur mit einer S‑Bahn, die für gewöhn­lich im 20 Minuten-Takt fuhr und sich an Sta­tionen mit Namen wie Diebs­teich, Lan­gen­felde und Elb­gau­straße vor­bei­quälte. Das Pan­orama links: Plat­ten­bauten, Satel­li­ten­schüs­seln, ewig war­tende Männer mit fil­ter­losen Ziga­retten am Bahn­steig. Das Pan­orama rechts: Güter­bahn­höfe, Indus­trie-Brach­land, ewig war­tende Männer mit fil­ter­losen Ziga­retten vor Lager­hallen.

Wut auf Fuß­ball

Im Sta­dion ein ähn­lich trost­loses Bild: Die Trai­ner­bank war in eine enge Mulde ein­ge­lassen, an der linken Seite klaffte ein großes Loch, der Putz brö­ckelte herab. Einer der vielen Manager in der Zeit nach Happel/​Netzer soll diese Reno­vie­rung ver­an­lasst haben, weil er nichts vom Spiel auf der linken Spiel­feld­hälfte sehen konnte. Andere sagten, er habe den Beton vor Wut ein­ge­treten. Wut auf Fuß­ball. Wut auf dieses Sta­dion.

Ich ver­liebte mich in den HSV in eben dieser wütenden Zeit. Die Trainer hießen Josip Sko­blar, Gerd-Volker Schock, Egon Coordes, Willi Rei­mann und Benno Möhl­mann hießen. An ihnen klebten die Tabel­len­plätze 11, 12, 13 oder 14. Wie die Alt­hauer um mich herum fluchte ich damals auf das Spiel des HSV, das so vor­her­sehbar war wie ein Modern-Tal­king-Akkord und so trist wie die Sta­tionen auf dem Weg zum Volks­park. Ich wünschte mir die gute alte Happel-Zeit zurück, wenn­gleich ich diese zu großen Teilen – das gehörte natür­lich nicht zu meiner Ver­klä­rung – nur aus Erzäh­lungen meines Vaters kannte. Ver­dammte Scheiße!“, rief ich, wenn der HSV mal wieder gegen Wat­ten­scheid 09 ver­loren hatte. Da fehlt doch einer wie Kevin Keegan.“ Die Männer mit den langen Haaren und den nie­ten­be­kappten Kutten um mich herum nickten wis­send.

100-Kilo-Kanten in BP-Tri­kots der Größe L

In jener Zeit wünschte mir nichts sehn­li­cher als ein Trikot mit Cam­pari-Auf­druck oder jenes BP-Jersey, das die Spieler von 1979 bis 1986, also in den gol­denen Zebec- und Happel-Jahren, getragen hatten. Es war unbe­zahlbar. Also malte ich in dicken Let­tern die Buch­staben H, S und V auf ein weißes Shirt. Erst 1995, ich war mitt­ler­weile 17 Jahre alt, bekam ich mein erstes Trikot zum Geburtstag geschenkt. Auf dem Rücken prangte die Nummer 9, es war das Leib­chen von Valdas Iva­n­auskas, diesem Stürmer, der der Kraft und Aus­dauer eines Acker­gauls besaß, der vor dem Tor aller­dings so erfolg­reich war, wie ein durs­tiger Alko­ho­liker beim Ver­such den Eif­fel­turm als Ori­gami zu model­lieren. 

Doch es half alles nichts, also streifte ich mir diesen syn­the­ti­schen Fetzen über. Auf der Brust das lila­far­bene Logo einer Fern­seh­zeit­schrift, auf den Schul­tern ein keckes schwarz-rotes Rau­ten­schach­brett. Wäh­rend sich die harten 100-Kilo-Kanten in Block E wei­terhin in ihr BP-Trikot Größe L quetschten und darin aus­sahen wie ver­dammt gute Typen, flat­terte an mir – damals hüh­ner­brüstig und etwa 80 Kilo leichter – ein XL-Trikot am Leib, das Häss­lich­keit neu defi­nierte. Die Lang­haa­rigen nickten nun auch nicht mehr, wenn ich Scheiße“ schrie oder irgendwas mit Kevin Keegan“ for­derte. Ich war Modefan. Ver­pi­ckelt dazu. Am Ende der Saison wurde der HSV wieder Zwölfter oder Drei­zehnter. Ein neuer Trainer kam, neue Spieler wie Pawel Woj­tala und Andreas Fischer eben­falls. Das Trikot an meinem Ober­körper blieb.

Sag ja zur Häss­lich­keit

Und erst in den kom­menden Spiel­zeiten, als sich der HSV end­gültig im Grau der Liga bequemt hatte, begriff ich, dass jedes andere Trikot eine rie­sen­große Lüge gewesen wäre. Fuß­ball war in jener Zeit so wie mein Trikot. Nicht wie ein Sekt­emp­fang im Rat­haus, nicht wie die Frisur eines MTV-Mode­ra­tors. Valdas Iva­n­auskas wech­selte ein paar Jahre übri­gens später nach Salz­burg. Zuvor hatte er ein Angebot eines nord­deut­schen Klubs aus­ge­schlagen, die Stadt sei seiner Frau nicht schön genug gewesen. Sie hatte nichts ver­standen.