Im Sep­tember 2015 twit­terte Lukas Podolski, damals Ange­stellter bei Gala­ta­saray Istanbul, ein Foto, das ihn salu­tie­rend vor zwei tür­ki­schen Flaggen zeigte. Dar­unter stand auf Tür­kisch fol­gender Text: Ich mar­schiere mit euch, für Flagge, für Vater­land, für die gefal­lenen Sol­daten. Dem tür­ki­schen Volk mein Bei­leid von Herzen… #Vater­land #Volk #Türkei.“ Damals ging es um 16 tür­ki­sche Sol­daten, die bei Anschlägen der PKK ums Leben gekommen waren, im Herbst 2015 ant­wor­tete die tür­ki­sche Armee mit Luft­an­griffen auf kur­di­sche Ziele im Nord­irak und tötete dabei nach eigenen Angaben über 2000 PKK-Kämpfer.

Im Herbst 2015 ließ der tür­ki­sche Par­tei­chef Recip Tayip Erdogan längst Jour­na­listen ein­sperren, die er als unbe­quem erach­tete. Schon damals bas­telte er an der Umstruk­tu­rie­rung des tür­ki­schen Staates, schon damals waren Mei­nungs­äu­ße­rungen für kri­ti­sche Jour­na­listen zur Gefahr geworden. Kurzum: Schon im Herbst 2015 war klar, dass Erdogan und die Türkei, die er im Bilde war zu formen, dem deut­schen Ver­ständnis eines Demo­kraten und einer Demo­kratie nicht ent­spra­chen.

60 000 jubelnde Zuschauer statt Pfiffe

Wes­wegen Podolski für sein Soli­da­ri­täts-Foto, den Text und die Hash­tags in der deut­schen Öffent­lich­keit Kritik ein­ste­cken musste. Ein paar Stunden später änderte Podolski den Text über dem Foto und sagte der Bild“, dass es sich nicht um eine poli­ti­sche Aktion“ gehan­delt habe. Ein paar Tage später war die Sache ver­sandet.

Podol­skis Moral- und Wer­te­vor­stel­lungen waren in der Dis­kus­sion nicht in Frage gestellt worden. Der Vor­wurf, er sei kein über­zeugter“ Deut­scher, stand nicht im Raum. Die For­de­rung, ihn uneh­ren­haft aus der Natio­nal­mann­schaft zu ent­lassen, wurde nicht laut. Statt von Fans der deut­schen Natio­nal­mann­schaft aus­ge­pfiffen zu werden, ver­ab­schie­deten 60 000 Zuschauer im Dort­munder Sta­dion Podolski im März 2017 unter fre­ne­ti­schem Jubel.

Das Pro­blem sind die tür­ki­schen Wur­zeln

Bei Ilkay Gün­dogan wurde gepfiffen. Nachdem er am Freitag im Spiel gegen Saudi-Ara­bien ein­ge­wech­selt worden war, jubelten Zuschauer, wenn Gün­dogan gefoult wurde. Wes­halb sich ein Ver­dacht auf­drängt: Das Pro­blem der pfei­fenden Fans ist nicht die ver­meint­liche poli­ti­sche Unter­stüt­zung von Gün­dogan und Mesut Özil für Erdogan. Das Pro­blem der Men­schen, die am Freitag gepfiffen haben, sind die tür­ki­schen Wur­zeln der beiden Spieler.

Zuge­geben: Es hat eine grö­ßere Wucht, wenn Spieler mit tür­ki­schen Wur­zeln den sich im Wahl­kampf befin­denden tür­ki­schen Prä­si­denten treffen, als wenn Lukas Podolski etwas höl­zern ver­sucht, der tür­ki­schen Bevöl­ke­rung sein Bei­leid kund­zutun. Ande­rer­seits muss man sich gerade durch diese beson­dere Kon­stel­la­tion auch die beson­deren Hin­ter­gründe der Spieler vor Augen führen.