Seite 2: Pünktlichkeit ist eine Tugend

Auch Mister Leslie Mot­tram hatte es nicht eilig. Der Lehrer aus Wil­son­town in Schott­land quälte die Zuschauer der strunz­lang­wei­ligen Partie zwi­schen Boli­vien und Süd­korea bei der WM 1994 näm­lich mit 8 Minuten und 36 Sekunden Nach­spiel­zeit. Dabei war wäh­rend der Partie nichts geschehen, was das nötig gemacht hätte – es war nicht einmal ein Tor gefallen.

Es gibt natür­lich auch das gegen­sätz­liche Phä­nomen. Das WM-Halb­fi­nale 1982 zwi­schen Frank­reich und Deutsch­land war Mitte der zweiten Hälfte lange unter­bro­chen, weil Toni Schu­ma­cher den ein­ge­wech­selten Patrick Bat­tiston auf seine ganz eigene Art im Spiel begrüßte. Trotzdem ließ der hol­län­di­sche Referee Charles Cover nur 3 Minuten und 30 Sekunden nach­spielen, bevor es in die Ver­län­ge­rung ging. 

Pünkt­lich­keit ist eine Tugend

Neben der schneller und der lang­samer ver­strei­chenden Zeit gibt es im Uni­versum der Unpar­tei­ischen auch noch eine dritte Zeit­achse. Sie läuft par­allel zu jener in der nor­malen Welt, und zwar so penibel und exakt, dass sie durch nichts, aber auch gar nichts beein­flusst werden kann. Am 3. Juni 1978 been­dete der wali­si­sche Referee Clive Thomas das WM-Grup­pen­spiel zwi­schen Bra­si­lien und Schweden auf die Sekunde genau nach 90 Minuten. Dabei war es ihm völlig egal, dass er den Bra­si­lia­nern nur Momente vorher einen Eck­ball zuge­spro­chen hatte und dass das Leder durch den Straf­raum segelte, wäh­rend er seine Pfeife in Gebrauch nahm. Zico köpfte den Ball prompt ins Tor, doch der Treffer galt nicht. Die Begeg­nung endete 1:1, wes­halb Bra­si­lien in der schwe­reren Zwi­schen­gruppe mit Gast­geber Argen­ti­nien lan­dete.

Wer jetzt noch daran zwei­felt, dass Fuß­ball-Schieds­richter Zeit anders emp­finden, dem sei noch der pol­ni­sche Referee Sta­nislaw Eksz­tajn in Erin­ne­rung gerufen. Am 1. November 1972 lei­tete er das WM-Qua­li­fi­ka­ti­ons­spiel zwi­schen Hol­land und Nor­wegen in Rot­terdam. Als der nor­we­gi­sche Tor­wart Per Haftorsen einen Abstoß etwas gemäch­lich aus­führte, blickte Eksz­tajn auf seine Uhr, eilte hin­über zum Keeper und zeigte ihm die Gelbe Karte wegen Spiel­ver­zö­ge­rung. Die Partie war noch keine fünf Minuten alt.