Mesut Özil wagte sich dann doch aus der Deckung: Wir wollen unbe­dingt Welt­meister werden“, sprach der Mit­tel­feld­spieler vor dem Spiel gegen die USA, was inso­fern mutig war, als seine Mit­spieler und der Trai­ner­stab bei der Frage nach dem Titel gerne mal in kom­pli­zierte Kon­junk­tiv­kon­struk­tionen flüchten. Also freuten wir uns über soviel Opti­mismus, der aller­dings den Titel­ge­winn nicht viel wahr­schein­li­cher macht.

Wer näm­lich in die Geschichte der Welt­meis­ter­schaften blickt, wird rasch fest­stellen, dass ein erfolg­rei­ches Tur­nier von vielen Unwäg­bar­keiten und Zufällen abhängt, die nur sehr wenig damit zu tun haben, ob die Kicker im Kader eini­ger­maßen akkurat gegen den Ball treten können. Um nicht miss­ver­standen zu werden, natür­lich ist die zen­trale Vor­aus­set­zung die indi­vi­du­elle Qua­lität der Spieler. Mit fuß­lahmen Kreis­meis­tern holt nie­mand den Titel. Dazu reicht ein Blick auf all die Mann­schaften, die die Vor­runde domi­niert haben: exzel­lente Kicker en masse.

Dass vor­züg­liche Ball­be­hand­lung und Lauf­be­reit­schaft allein nicht rei­chen, ist aber ebenso gewiss. Zu den spie­le­ri­schen Qua­li­täten muss eine Hier­ar­chie kommen, die sich teuf­li­scher­weise nicht in Freund­schafts­spielen simu­lieren lässt und oft erst wäh­rend des Tur­niers her­aus­bildet. Mag im modernen Fuß­ball auch jeder Spieler seine klare Auf­gabe, seinen exakt defi­nierten Wir­kungs­be­reich haben, in den ent­schei­denden Phasen des Tur­niers können sich erfolg­reiche Mann­schaften auf Spieler ver­lassen, die Ver­ant­wor­tung über­nehmen.

Ben­zema ist eine solche Füh­rungs­kraft bei den Fran­zosen, und an Neymar richten sich die Bra­si­lianer auf. Andrea Pirlo war bei der Euro 2012 solch eine Füh­rungs­kraft bei den Ita­lie­nern, 2014 war er es nicht mehr. Dazu muss ein Welt­meister auch Glück haben. Jede Mann­schaft, die in den letzten Jahr­zehnten den Gold­pokal in die Höhe gereckt hat, hatte im Laufe des Tur­niers eine Nah­tod­erfah­rung, die ebenso gut die vor­zei­tige Abreise hätte bedeuten können. Die deut­sche Mann­schaft gewann 1974 in der Zwi­schen­runde glück­lich gegen klar bes­sere Polen.

Frank­reich mühte sich 1998 im Ach­tel­fi­nale gegen Para­guay zu einem 1:0 durch ein Golden Goal von Lau­rent Blanc und 2006 standen die Ita­liener im Halb­fi­nale gegen Deutsch­land kurz vor dem … ach, lassen wir das. Jeden­falls ver­stärkte das Erlebnis, dem Sen­sen­mann so gerade noch einmal von der Schippe gesprungen zu sein, das Gefühl, nun aber wirk­lich mal dran zu sein.

Wenn all das zusammen kommt, wenn sich eine Mann­schaft findet, wenn sie Glück hat, wenn sie geeig­nete Anführer findet, wenn sie Krisen wäh­rend des Tur­niers über­windet, dann kann sie Welt­meister werden. Auch und gerade die deut­sche Elf 2014.