Seite 4: Wie die Rivalität endete

Auch auf Ver­eins­ebene war das Duell von hol­län­di­schen und deut­schen Spit­zen­fuß­bal­lern Ende der Acht­ziger von beson­derer Bri­sanz. Wäh­rend die Achse Gullit, Van Basten und Frank Rij­kaard die Geschicke des AC Milan prägte, schrieb beim Orts­ri­valen Inter nun das Trio Brehme, Mat­thäus und Klins­mann eine Erfolgs­ge­schichte. Im April 1989 trafen die Län­der­teams in der WM-Quali erneut auf­ein­ander. Um die Emo­tionen her­un­ter­zu­ko­chen, riefen die Ver­bände das Match offi­ziell zum Fan-Freund­schafts­spiel“ aus. Aller­dings ohne sich über ent­spre­chende Maß­nahmen einig zu sein. Die Kon­se­quenz: ver­hee­rende Stra­ßen­schlachten zwi­schen ver­fein­deten Hoo­li­gans in der Rot­ter­damer Innen­stadt und ein Trans­pa­rent im Sta­dion, das Lothar Mat­thäus mit Adolf Hitler ver­glich.

Grenzen ver­schwimmen

Als hätte es noch eines Beweises bedurft, dass der Kon­flikt längst aus dem Ruder gelaufen war, kam es bei der WM 1990 im Ach­tel­fi­nale zum Show­down. Allein Zeit und Ort waren dreh­buch­reif. Nach dem Mau­er­fall fürch­teten viele in Europa, Deutsch­land könne in alte Muster ver­fallen und strebe danach, als Groß­macht wieder den Kon­ti­nent zu beherr­schen. In Sicht­weite zur Wie­der­ver­ei­ni­gung trafen die Wider­sa­cher nun aus­ge­rechnet im Mai­länder Giu­seppe-Meazza-Sta­dion auf­ein­ander, der Heim­stätte von Inter und Milan, und die Feind­schaft eska­lierte. Auf der Tri­büne explo­dierten Feu­er­werks­körper, wäh­rend sich auf dem Rasen die Akteure in der Manier von hyper­ak­tiven Grund­schü­lern pie­sackten. Das Ganze gip­felte in der Attacke von Frank Rij­kaard, der Rudi Völler gleich zweimal den ange­grauten Minipli benetzte. Das Bild des Nie­der­län­ders, der dem DFB-Stürmer von hinten in die Haare spuckt, machte die his­to­ri­sche Feind­schaft end­gültig zu einer Gro­teske, in der ein schnauz­bär­tiger Deut­scher das Opfer einer Intrige wird, hinter der aus­ge­rechnet der intel­lek­tu­elle Takt­geber des Oranje-Teams steckt. Nun war selbst für Ein­ge­weihte nicht mehr erkennbar, wer in diesem Duell eigent­lich auf der rich­tigen Seite stand. Die auf Jahre fest­ge­legten Rollen von Gut und Böse hatten sich in Luft auf­ge­löst.

Der unrühm­liche Schluss­punkt in dieser Ära des Hasses ereig­nete sich bei der EM 1992. Als die Teams ein­ander bereits in der Vor­runde zuge­lost wurden, sagte Ronald Koeman, das könne sich nur der Teufel aus­ge­dacht haben. Aller­dings hatten die Hol­länder kaum Pro­bleme, den amtie­renden Welt­meister in die Schranken zu weisen. Oranje gewann mit 3:1, ansonsten keine beson­deren Vor­komm­nisse. Nach dem Spiel jedoch kam es an der deutsch-nie­der­län­di­schen Grenze zu meh­reren Hand­ge­mengen. Zwei Deut­sche zün­deten in einem Kerk­rader Nacht­club eine Split­ter­bombe, wie durch ein Wunder gab es keine Toten. Die jah­re­langen Sti­che­leien hatten offenbar Spuren in der Gesell­schaft hin­ter­lassen.

Du bist wohl ver­gessen worden vom Adolf“

Als beide Mann­schaften das Halb­fi­nale erreicht hatten, erschien ein erneutes Auf­ein­an­der­treffen im End­spiel unaus­weich­lich. Vor dem Spiel seiner Mann­schaft gegen Däne­mark sagte Rinus Michels: Ich habe immer gesagt, dass wir die Deut­schen in diesem Tur­nier zweimal treffen werden.“ Es sollte die letzte Pres­se­kon­fe­renz des großen Feld­herrn sein, der nach dem Tur­nier seine Lauf­bahn been­dete. Die Elftal unterlag den Par­ty­fuß­bal­lern aus Däne­mark, auf die im End­spiel nun das deut­sche Team war­tete. Hans van Breu­kelen sagte, ihm graue bei der Vor­stel­lung, dass aus­ge­rechnet Deutsch­land die Nie­der­lande als amtie­renden Euro­pa­meister beerben würde. Wie tief ver­wur­zelt die Abnei­gung zwi­schen den Spie­lern in dieser Genera­tion gewesen sein muss, bewies letzt­lich auch Lothar Mat­thäus, der beim Okto­ber­fest 1993 einem Mann, der ihn per Video­ka­mera filmte, wie von Sinnen ent­ge­gen­plärrte: Ach, auch noch Hol­länder, das sind sowieso alles Arsch­lö­cher, du bist wohl ver­gessen worden vom Adolf.“ Diese blei­erne Zeit ist lange vorbei. Am 7. Juli 1995 schlossen KNVB und DFB eine Koope­ra­ti­ons­ver­ein­ba­rung mit dem Ziel, ein posi­tives Klima zwi­schen den beiden Län­dern zu schaffen, in dem unge­achtet der sport­li­chen Riva­lität kein Platz ist für Aggres­sionen oder gar Gewalt“. Erleich­ternd kam hinzu, dass die Leis­tungen spe­ziell der deut­schen Mann­schaft in den Fol­ge­jahren kaum noch Anlass gaben, die Riva­lität anzu­heizen. Zehn Jahre lang konnte der DFB nach 1996 nicht gegen Hol­land gewinnen.

Vogts Worte

Die Glo­ba­li­sie­rung lässt keinen Platz mehr für tumbe Riva­lität zwi­schen Nationen, ins­be­son­dere, wenn es so viele Gemein­sam­keiten gibt. Die Deut­schen ver­ehren Louis van Gaal oder Huub Ste­vens als augen­zwin­kernde Auto­ri­täten und lieben Rafael van der Vaart oder Arjen Robben für ihren Esprit und die Chuzpe des Aben­teu­rers. Die Über­zeu­gung der Hol­länder, die besser aus­ge­bil­deten Fuß­baller her­vor­zu­bringen und den Deut­schen fuß­bal­le­risch über­legen zu sein, hat sich rela­ti­viert, weil auch sie ein­ge­sehen haben, dass es ohne Spie­ler­typen wie Mark van Bommel oder Nigel de Jong nicht geht. Fuß­baller, die längst mehr den preu­ßi­schen Kicker­typus reprä­sen­tieren, als es Thomas Müller und Mario Götze tun.

Und so oblag es dem Bun­des­trainer Berti Vogts, bei der EM 1992 gewis­ser­maßen unfrei­willig die Schluss­pointe in dieser Fehde zu setzen. Nach dem Aus­scheiden der Hol­länder konnte er sich den sar­kas­ti­schen Kom­mentar nicht ver­kneifen: Wir haben unser Ver­spre­chen gehalten und stehen im Finale. Wer nicht kommt, sind die Hol­länder …“ Anschlie­ßend ging seine Elf sang- und klanglos mit 0:2 unter. Gegen ein däni­sches Team, das hol­län­di­sche Läs­sig­keit und deut­schen Prag­ma­tismus auf geniale Weise zu ver­binden ver­mochte.