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Über den Unter­schied zwi­schen Hol­län­dern und Deut­schen hat Huub Ste­vens mal gesagt: Wenn man einem Nie­der­länder einen Auf­trag erteilt, fragt er: Wieso?‘ Ein Deut­scher führt ihn aus und fragt hin­terher: Warum haben wir das eigent­lich gemacht?‘“ So gesehen ist es ein Trep­pen­witz der Geschichte, dass, Jahr­zehnte bevor Ste­vens sein Urteil sprach, aus­ge­rechnet Berti Vogts, der Inbe­griff des teu­to­ni­schen Voll­zugs­be­amten auf dem Rasen, diese Gesetz­mä­ßig­keit außer Kraft setzte und damit das ohnehin fra­gile Ver­hältnis der Nach­bar­länder nach­haltig ver­än­derte.

Bun­des­trainer Helmut Schön hatte ver­fügt, dass der Ter­rier“ Hol­lands Star Johan Cruyff im WM-Finale 1974 in Raum­de­ckung kon­trol­lieren und ihn erst ab 30 Metern vor dem deut­schen Tor stören solle. Doch Vogts ahnte, dass Cru­yffs enormer Antritt ihm Pro­bleme bereiten würde. Kurz begehrte er auf: Herr Schön, so, wie Sie das vor­haben, geht das nicht.“ Wenn der Nie­der­länder Tempo auf­nahm, gab es keinen auf der Erde, der ihm folgen konnte. Doch der Coach beharrte auf seiner Taktik, um seinen Mus­ter­schüler Franz Becken­bauer nicht in Eins-zu-Eins-Situa­tionen zu ver­wi­ckeln. Vogts fügte sich – und das Finale war kaum ange­pfiffen, als er seine Nach­gie­big­keit schon bereute. Johan Cruyff hatte im Mit­tel­feld den Ball bekommen und sich im Voll­sprint auf die Reise in Rich­tung Sepp Maier begeben. Vogts sah noch den Staub an den Fersen des Hol­län­ders auf­wir­beln, dann wurde dieser bereits von Uli Hoeneß im Straf­raum gefällt.

Johan, halt ein­fach deine Schnauze“

Johan Nees­kens ver­wan­delte den Elf­meter. Das Oranje-Team, dessen Totaal­voetbal“ das Welt­tur­nier bis­lang wie eine Natur­ge­walt beherrscht hatte, ließ sich offenbar auch durch den Gast­geber nicht auf­halten. Bereits in der 3. Spiel­mi­nute war Cruyff Vogts erneut ent­wischt, so dass der Mön­chen­glad­ba­cher ihn nur mit einem Foul bremsen konnte. Als Vogts dafür die Gelbe Karte bekam, sah er keine andere Mög­lich­keit mehr: Wenn die DFB-Elf das Spiel irgendwie in den Griff bekommen wollte, musste er gegen den Befehl auf­be­gehren. Er lief zur Außen­linie und rief Helmut Schön zu: Es geht nicht anders, ich mache das jetzt, wie ich das will!“ Der har­mo­nie­süch­tige Bun­des­trainer winkte resi­gniert ab.

Die Folgen dieses Unge­hor­sams sind bekannt. Berti Vogts folgte seiner Bestim­mung und wich dem Nie­der­länder fortan nicht mehr von der Seite. Er neu­tra­li­sierte den Regis­seur derart kon­se­quent, dass dieser anfing, Schimpf­ka­no­naden auf den Teil­zeit­leib­wächter nie­der­pras­seln zu lassen. Vogts parierte Cru­yffs Ein­las­sungen schroff: Johan, halt ein­fach deine Schnauze.“ Und seine Wider­bors­tig­keit zahlte sich aus. Zur Halb­zeit waren die Hol­länder – die zwi­schen­zeit­lich ver­sucht hatten, das DFB-Team mit Bein­schüssen vor­zu­führen – aus dem Rhythmus geraten. Zumal die west­deut­sche Mann­schaft das Spiel durch einen Elf­meter und ein Gerd-Müller-Tor gedreht hatte.

Geburts­stunde eines Mythos

Und im Ange­sicht der Wagen­burg, die Schöns Eleven nun um das Tor von Sepp Maier bauten, kam der Elftal nun die Läs­sig­keit beim Kom­bi­nieren abhanden, die sie bis­lang so unwi­der­steh­lich gemacht hatte. Als nach einer zer­mür­benden Abwehr­schlacht das Team der BRD den Welt­pokal in den Nach­mit­tags­himmel von Mün­chen reckte, waren sich alle einig: Der Fuß­ball­gott hatte einen miesen Tag gehabt. Nicht die beste Elf der Welt hatte den Titel geholt, nicht die, die den attrak­tivsten, revo­lu­tio­närsten Fuß­ball gespielt hatte, son­dern die­je­nige, die dem oran­ge­far­benen Furor, den stän­digen Posi­ti­ons­wech­seln und über­fall­ar­tigen Angriffen, mit kühlem Prag­ma­tismus und opfer­be­reiter Kamp­fes­lust ent­ge­gen­ge­treten war.

Der Mythos war geboren: Deut­sche Funk­tio­na­lität tri­um­phiert über nie­der­län­di­sche Aben­teu­er­lust. Obwohl die DFB-Elf nur zwei Jahre zuvor mit hin­rei­ßendem Offen­siv­fuß­ball den EM-Titel geholt hatte, waren die Rollen in der Wahr­neh­mung dieses Duells fortan für lange Zeit zemen­tiert. Deutsch­land gegen Hol­land, das hieß nun nicht mehr Goliath gegen David, son­dern Abwehr gegen Angriff, Ergeb­nis­fuß­ball vs. Spiel­freude, Gehorsam contra Krea­ti­vität.

Die gesell­schaft­li­chen Par­al­lelen, um diese Riva­lität auf­zu­laden, lagen auf der Hand. Der Zweite Welt­krieg lag noch keine dreißig Jahre zurück. Die Repres­sa­lien durch Nazi-Deutsch­land waren den Nie­der­län­dern noch genau­es­tens in Erin­ne­rung. Die Zer­stö­rung von Rot­terdam im Mai 1940. Fünf Jahre Besat­zung durch eine Groß­macht, die mit uner­bitt­li­cher Härte gegen die Bevöl­ke­rung vor­ging. Die Vor­be­halte, die Hol­länder gegen­über Deut­schen hegten, waren zwangs­läufig sehr aus­ge­prägt. Doch die tiefe Abnei­gung war oft nur unter­schwellig zu spüren. Die alten Leute wollten das Grauen der Ver­gan­gen­heit ver­gessen.

Leer­plan Neder­land

Und so gab es im Fuß­ball vor 1974 zahl­reiche Grenz­gänger, die positiv beim Nach­barn auf­ge­nommen wurden. Helmut Rahn, ein Held von Bern, spielte ab 1960 in Enschede und war vor­über­ge­hend sogar Mann­schafts­ka­pitän. Horst Blan­ken­burg gewann an der Seite von Johan Cruyff mit Ajax Ams­terdam dreimal den Lan­des­meis­tercup. In der Ams­ter­damer Woh­nung des Hei­den­hei­mers küm­merte sich ein älteres Ehe­paar um den Haus­halt. Obwohl der Mann im KZ gewesen war, kam man bes­tens mit­ein­ander aus. Für Blan­ken­burgs Kinder waren die Haus­hälter Oma“ und Opa“. Mit Georg Kessler war ein deut­scher Übungs­leiter mit­ver­ant­wort­lich, dass der nie­der­län­di­sche Fuß­ball­ver­band (KNVB) seine Nach­wuchs­ar­beit Ende der sech­ziger Jahre refor­mierte. Die ver­bes­serte Talent­sich­tung („Leer­plan Neder­land“) unter Kess­lers Lei­tung wurde ein wich­tiger Bau­stein für die Erfolge von Feye­noord und Ajax in den Sieb­zi­gern.

Die Sym­pa­thien waren bei­der­seitig: Frans Munck, seit 1950 Keeper in Diensten des 1. FC Köln, war so beliebt, dass er eine Rolle in einem deut­schen Hei­mat­film bekam. Fred Röhrig aus Den Haag führte Rot-Weiss Essen 1955 zur letzten Meis­ter­schaft der Klub­ge­schichte. Und doch hatte die jün­gere Geschichte eine tiefe Kluft zwi­schen den Nach­bar­staaten gerissen. Als Georg Kessler vor­über­ge­hend Bondscoach wurde und die Ergeb­nisse schuldig blieb, ver­un­glimpften ihn Zuschauer als Juden­mörder“. Willi Lip­pens, Sohn eines Nie­der­län­ders, war am Nie­der­rhein geboren und hatte die Wahl, ob er für DFB oder KNVB auf­laufen wolle. Sein Vater aber verbot ihm schlichtweg, das Jersey des DFB über­zu­streifen: Wenn du das machst, brauchst du nicht mehr nach Hause zu kommen.“

Die Kriegs­er­klä­rung

Und so lag auch über dem Finale 1974 der unsicht­bare Schatten der Ver­gan­gen­heit. Im Mit­tel­feld spielte Willem van Hanegem aus Bres­kens, der bei einem deut­schen Luft­an­griff im Sep­tember 1944 den Vater, zwei Brüder und eine Schwester ver­loren hatte. Van Hanegem war der ein­zige Akteur, der aus seiner Anti­pa­thie keinen Hehl machte. Vor Anpfiff hatte er gesagt: Ich könnte es bis an mein Lebens­ende nicht ver­winden, wenn wir es nicht ver­hin­dern, dass sie später grölen, sie seien Welt­meister – und wir nicht.“ Doch genau so kam es. Der 7. Juli 1974 ging als Schwarzer Sonntag“ in die hol­län­di­sche Geschichte ein. Das Gefühl der Über­le­gen­heit schlug bei einigen im Oranje-Team schlag­artig in die Gewiss­heit um, der Erfolg der Deut­schen sei mit unfairen Mit­teln errungen worden. Es konnte nicht sein, was nicht sein durfte!

Der schüch­terne Bernd Höl­zen­bein wurde zum Symbol des deut­schen Tricksers, weil das Foul an ihm, das zum Elf­meter führte, als Schwalbe iden­ti­fi­ziert wurde. Bondscoach Rinus Michels, der Urheber des Spruchs Fuß­ball ist Krieg“, wit­terte Sabo­tage, weil vorm letzten Zwi­schen­run­den­spiel gegen Bra­si­lien eine Skan­dal­story in der Bild“ erschienen war. Ein Bou­le­vard­re­porter hatte sich ins hol­län­di­sche Quar­tier in Hil­trup geschli­chen und Johan Cruyff, Rob Ren­sen­brink, Piet Schrij­vers und Pleun Strik Cham­pa­gner schlür­fend im Hotel­pool foto­gra­fiert, der­weil auch einige Damen zugegen waren. Die Geschichte erschien unter dem Titel Cruyff, Sekt, nackte Mäd­chen und ein kühles Bad“ und sorgte für nach­voll­zieh­baren Unmut bei einigen Spie­ler­frauen. Michels ant­wor­tete dar­aufhin bei den WM-Pres­se­kon­fe­renzen nicht mehr auf Deutsch und sti­li­sierte die Schlag­zeile zur medialen Kriegs­er­klä­rung“ an sein Team.

Und je länger das Trauma von Mün­chen zurücklag, desto mehr Legenden wurden um die cha­rak­ter­liche Ver­an­la­gung der Rivalen gestrickt. Als es vier Jahre später bei der WM in Argen­ti­nien eine Neu­auf­lage des Spiels gab, beschwerte sich Karl-Heinz Rum­me­nigge bereits öffent­lich dar­über, wie Medien die Partie über­frach­teten: Es ist eine wirk­liche Schande und traurig“, sagte der Bayern-Stürmer, dass sie den Fuß­ball als Ventil für ihren Hass wegen des Zweiten Welt­kriegs benutzen.“

Mehr als ein Spiel

Doch die Akteure ließen sich von der hit­zigen Atmo­sphäre anste­cken: Zwi­schen Dick Nan­ninga und Bernd Höl­zen­bein kam es zu einem Hand­ge­menge, weil der Veen­damer dem Frank­furter in die Magen­grube geschlagen und dieser sich per Nasen­stuber revan­chiert hatte. Als die Rivalen bei der EM 1980 wieder auf­ein­an­der­trafen, offen­barte selbst der sonst eher kalt­blü­tige DFB-Vor­stopper Karl-Heinz Förster einen Hang zu düs­terem Pathos: Ich wusste, dass es schlimm werden würde“, so Förster. Wir hatten uns geschworen zu siegen, weil dieser Sieg so wichtig für unseren Stolz war. Für sie wäre es das Größte, uns zu schlagen. Die hassen uns so viel mehr, als wir sie hassen.“ Zwei­fels­ohne ging es da bereits für beide Teams um mehr als nur um die sieg­reiche Gestal­tung eines Fuß­ball­spiels.

Jan Wou­ters hatte als 14-Jäh­riger das Finale von Mün­chen im Fern­sehen ver­folgt. Wie so viele Profis seines Alters wuchs er in dem Glauben auf, zwi­schen deut­schen und hol­län­di­schen Teams sei noch eine Rech­nung offen. Auf beiden Seiten der Grenze arbei­teten die Nach­kommen der Kriegs­ge­nera­tion inzwi­schen auf, was die Deut­schen in den Jahren nach 1933 in Europa ange­richtet hatten. In den Nie­der­landen bekam man ein anti­deut­sches Gefühl mit auf den Weg“, sagt Jan Wou­ters im ver­dienst­vollen Buch Kicken beim Feind?“ von Ingo Schi­weck. In der Schule lernte man alles Mög­liche über den Krieg, und da kam dann noch 1974 hinzu.“ Im Gegenzug dazu ging es deut­schen Spie­lern auf die Nerven, in dem Duell ständig zu Stahl­helm tra­genden Beton­ki­ckern sti­li­siert zu werden. Es ging längst nicht mehr um die Frage, wer den attrak­ti­veren Fuß­ball spielte. Deutsch­land gegen Hol­land hieß jetzt auch: Wehr­macht gegen Wider­stand. Böse gegen Gut!

Die Revanche von 88

1988 schloss sich der Kreis. Die Par­al­lelen zu 1974 waren unver­kennbar. EM in Deutsch­land. Franz Becken­bauer, Kapitän der Welt­meis­terelf, war nun Team­chef beim DFB. Rinus Michels, der zeit­weise auch beim 1. FC Köln ein eisernes Regi­ment geführt hatte, war wieder Bondscoach. Ange­führt von Kapitän Ruud Gullit und Tor­jäger Marco van Basten, prä­sen­tierte sich die Elftal erneut als Gol­dene Genera­tion, die Fuß­ball zele­brierte. Mit dem AC Mai­land hatten die beiden soeben die Meis­ter­schaft in der Serie A gewonnen – und Ita­lien bewiesen, wie erfolg­reich Angriffs­fuß­ball sein kann.

Diese Ästheten trafen im Halb­fi­nale auf ein DFB-Team, dessen Kopf Lothar Mat­thäus war. Kein Fein­geist wie Franz Becken­bauer, son­dern ein Kopf-durch-die-Wand-Spieler. Wie gemalt, um das Kli­schee vom deut­schen Rasen­mäher zu unter­füt­tern. Die Gegen­sätze konnten krasser kaum sein. Zumal statt des Ter­riers“ in der deut­schen Defen­sive nun Zer­störer wie Jürgen Kohler und Uli Borowka war­teten. Den Nie­der­län­dern bot sich im Volks­park­sta­dion die his­to­ri­sche Chance, sich end­lich für den Fauxpas der 74er-Genera­tion zu revan­chieren. Und, wie es Ruud Gullit später aus­drückte, für Gerech­tig­keit“ zu sorgen. Coach Michels hatte vor Anpfiff zu Pro­to­koll gegeben: Das Finale lebt immer noch. Ich habe nicht ver­gessen, dass wir damals ver­loren haben.“

Schwarz gegen Weiß

In der 89. Minute erzielte Marco van Basten den 2:1‑Siegtreffer. Deutsch­land schied auf hei­mi­schem Grund aus dem Tur­nier aus. Neun Mil­lionen Nie­der­länder, mehr als 60 Pro­zent der Bevöl­ke­rung, fei­erten in dieser Diens­tag­nacht auf den Straßen des Landes. Einige sangen 1940 kamen sie / 1988 kamen wir / Hola­di­holadio!“ Jan Wou­ters fragte Rinus Michels, ob der Sieg ihn für das Trauma ent­schä­digt habe. Ja“, ent­geg­nete der Trainer mit Tränen in den Augen, das macht es wieder gut.“ Keeper Hans van Breu­kelen wid­mete den Sieg der Genera­tion, die den Krieg über­lebt hatte. Ronald Koeman voll­endete das über­frach­tete Schau­spiel, indem er in die Rolle des befreiten Bür­gers schlüpfte, der nach ent­beh­rungs­rei­chen Jahren die abrü­ckenden Besatzer mit sar­kas­ti­scher Scha­den­freude über­zieht: Der Libero zog sich nach dem Tri­kot­tausch mit Olaf Thon das DFB-Jersey demons­trativ durch den Schritt.

In Hol­land erschien bald darauf ein Lyrik­band, der Verse von Profis und Poeten über die Riva­lität zwi­schen Deutsch­land und Hol­land ent­hielt. Kein Vier­zeiler kam ohne Ver­weis zur Geschichte aus. Gut und Böse / Schau, mein Schatz, schau im Fern­sehen / Orange, Gullit, Weiß / Weiß, Mat­thäus, Schwarz.

Auch auf Ver­eins­ebene war das Duell von hol­län­di­schen und deut­schen Spit­zen­fuß­bal­lern Ende der Acht­ziger von beson­derer Bri­sanz. Wäh­rend die Achse Gullit, Van Basten und Frank Rij­kaard die Geschicke des AC Milan prägte, schrieb beim Orts­ri­valen Inter nun das Trio Brehme, Mat­thäus und Klins­mann eine Erfolgs­ge­schichte. Im April 1989 trafen die Län­der­teams in der WM-Quali erneut auf­ein­ander. Um die Emo­tionen her­un­ter­zu­ko­chen, riefen die Ver­bände das Match offi­ziell zum Fan-Freund­schafts­spiel“ aus. Aller­dings ohne sich über ent­spre­chende Maß­nahmen einig zu sein. Die Kon­se­quenz: ver­hee­rende Stra­ßen­schlachten zwi­schen ver­fein­deten Hoo­li­gans in der Rot­ter­damer Innen­stadt und ein Trans­pa­rent im Sta­dion, das Lothar Mat­thäus mit Adolf Hitler ver­glich.

Grenzen ver­schwimmen

Als hätte es noch eines Beweises bedurft, dass der Kon­flikt längst aus dem Ruder gelaufen war, kam es bei der WM 1990 im Ach­tel­fi­nale zum Show­down. Allein Zeit und Ort waren dreh­buch­reif. Nach dem Mau­er­fall fürch­teten viele in Europa, Deutsch­land könne in alte Muster ver­fallen und strebe danach, als Groß­macht wieder den Kon­ti­nent zu beherr­schen. In Sicht­weite zur Wie­der­ver­ei­ni­gung trafen die Wider­sa­cher nun aus­ge­rechnet im Mai­länder Giu­seppe-Meazza-Sta­dion auf­ein­ander, der Heim­stätte von Inter und Milan, und die Feind­schaft eska­lierte. Auf der Tri­büne explo­dierten Feu­er­werks­körper, wäh­rend sich auf dem Rasen die Akteure in der Manier von hyper­ak­tiven Grund­schü­lern pie­sackten. Das Ganze gip­felte in der Attacke von Frank Rij­kaard, der Rudi Völler gleich zweimal den ange­grauten Minipli benetzte. Das Bild des Nie­der­län­ders, der dem DFB-Stürmer von hinten in die Haare spuckt, machte die his­to­ri­sche Feind­schaft end­gültig zu einer Gro­teske, in der ein schnauz­bär­tiger Deut­scher das Opfer einer Intrige wird, hinter der aus­ge­rechnet der intel­lek­tu­elle Takt­geber des Oranje-Teams steckt. Nun war selbst für Ein­ge­weihte nicht mehr erkennbar, wer in diesem Duell eigent­lich auf der rich­tigen Seite stand. Die auf Jahre fest­ge­legten Rollen von Gut und Böse hatten sich in Luft auf­ge­löst.

Der unrühm­liche Schluss­punkt in dieser Ära des Hasses ereig­nete sich bei der EM 1992. Als die Teams ein­ander bereits in der Vor­runde zuge­lost wurden, sagte Ronald Koeman, das könne sich nur der Teufel aus­ge­dacht haben. Aller­dings hatten die Hol­länder kaum Pro­bleme, den amtie­renden Welt­meister in die Schranken zu weisen. Oranje gewann mit 3:1, ansonsten keine beson­deren Vor­komm­nisse. Nach dem Spiel jedoch kam es an der deutsch-nie­der­län­di­schen Grenze zu meh­reren Hand­ge­mengen. Zwei Deut­sche zün­deten in einem Kerk­rader Nacht­club eine Split­ter­bombe, wie durch ein Wunder gab es keine Toten. Die jah­re­langen Sti­che­leien hatten offenbar Spuren in der Gesell­schaft hin­ter­lassen.

Du bist wohl ver­gessen worden vom Adolf“

Als beide Mann­schaften das Halb­fi­nale erreicht hatten, erschien ein erneutes Auf­ein­an­der­treffen im End­spiel unaus­weich­lich. Vor dem Spiel seiner Mann­schaft gegen Däne­mark sagte Rinus Michels: Ich habe immer gesagt, dass wir die Deut­schen in diesem Tur­nier zweimal treffen werden.“ Es sollte die letzte Pres­se­kon­fe­renz des großen Feld­herrn sein, der nach dem Tur­nier seine Lauf­bahn been­dete. Die Elftal unterlag den Par­ty­fuß­bal­lern aus Däne­mark, auf die im End­spiel nun das deut­sche Team war­tete. Hans van Breu­kelen sagte, ihm graue bei der Vor­stel­lung, dass aus­ge­rechnet Deutsch­land die Nie­der­lande als amtie­renden Euro­pa­meister beerben würde. Wie tief ver­wur­zelt die Abnei­gung zwi­schen den Spie­lern in dieser Genera­tion gewesen sein muss, bewies letzt­lich auch Lothar Mat­thäus, der beim Okto­ber­fest 1993 einem Mann, der ihn per Video­ka­mera filmte, wie von Sinnen ent­ge­gen­plärrte: Ach, auch noch Hol­länder, das sind sowieso alles Arsch­lö­cher, du bist wohl ver­gessen worden vom Adolf.“ Diese blei­erne Zeit ist lange vorbei. Am 7. Juli 1995 schlossen KNVB und DFB eine Koope­ra­ti­ons­ver­ein­ba­rung mit dem Ziel, ein posi­tives Klima zwi­schen den beiden Län­dern zu schaffen, in dem unge­achtet der sport­li­chen Riva­lität kein Platz ist für Aggres­sionen oder gar Gewalt“. Erleich­ternd kam hinzu, dass die Leis­tungen spe­ziell der deut­schen Mann­schaft in den Fol­ge­jahren kaum noch Anlass gaben, die Riva­lität anzu­heizen. Zehn Jahre lang konnte der DFB nach 1996 nicht gegen Hol­land gewinnen.

Vogts Worte

Die Glo­ba­li­sie­rung lässt keinen Platz mehr für tumbe Riva­lität zwi­schen Nationen, ins­be­son­dere, wenn es so viele Gemein­sam­keiten gibt. Die Deut­schen ver­ehren Louis van Gaal oder Huub Ste­vens als augen­zwin­kernde Auto­ri­täten und lieben Rafael van der Vaart oder Arjen Robben für ihren Esprit und die Chuzpe des Aben­teu­rers. Die Über­zeu­gung der Hol­länder, die besser aus­ge­bil­deten Fuß­baller her­vor­zu­bringen und den Deut­schen fuß­bal­le­risch über­legen zu sein, hat sich rela­ti­viert, weil auch sie ein­ge­sehen haben, dass es ohne Spie­ler­typen wie Mark van Bommel oder Nigel de Jong nicht geht. Fuß­baller, die längst mehr den preu­ßi­schen Kicker­typus reprä­sen­tieren, als es Thomas Müller und Mario Götze tun.

Und so oblag es dem Bun­des­trainer Berti Vogts, bei der EM 1992 gewis­ser­maßen unfrei­willig die Schluss­pointe in dieser Fehde zu setzen. Nach dem Aus­scheiden der Hol­länder konnte er sich den sar­kas­ti­schen Kom­mentar nicht ver­kneifen: Wir haben unser Ver­spre­chen gehalten und stehen im Finale. Wer nicht kommt, sind die Hol­länder …“ Anschlie­ßend ging seine Elf sang- und klanglos mit 0:2 unter. Gegen ein däni­sches Team, das hol­län­di­sche Läs­sig­keit und deut­schen Prag­ma­tismus auf geniale Weise zu ver­binden ver­mochte.