Günter Netzer wird 70: Gerhard Delling gratuliert

»Wir haben uns nie groß verstellt«

Günter Netzer spielte nicht nur hervorragend Fußball, er sprach auch großartig über ihn. Heute feiert er seinen 70. Geburtstag. Sein Siez-Freund und kongenialer ARD-Partner Gerhard Delling über Schmerzen, Vertrauen und Humor.

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Gerhard Delling, als Günter Netzer sich 1973 im Pokalfinale gegen den 1. FC Köln selbst einwechselte, waren Sie 14 Jahre alt. Welches sind Ihre ersten Erinnerungen an ihn?
Lange Pässe, lange Haare.
 
Waren Sie Fan?
Günter Netzer war zweifelsohne eine schillernde Gestalt, mit der man sich als Fußballanhänger gerne auseinandersetzte. Ich hatte dabei ein ambivalentes Verhältnis zu ihm. Da war einmal der Profi, der alleine mit dem Ferrari zum Spiel fuhr, während die Mannschaft mit dem Bus anreiste. Da war aber auch der junge Rebell mit der wilden Mähne – das fand ich als Jugendlicher aufregend. Und dann spielte er natürlich fantastisch Fußball. Als »Puma« das Netzer-Modell herausbrachte, hatte ich die Hoffnung, dass mir damit vielleicht auch mal so ein langer Ball gelingen würde. Aber es kam viel schlimmer. Wenn es nass war, dann hat sich der ganze Schuh verbogen.
 
Wie deckte sich der Günter Netzer aus den Fohlen-Jahren mit dem Günter Netzer, dem Sie als NDR-Journalist zum ersten Mal begegneten?
Das war Anfang der achtziger Jahre. Damals arbeitete ich als freier Redakteur für die Sendung »Sport3« in Kiel. Für einen Abend hatten wir Netzer, damals HSV-Manager, als einen von drei Talk-Gästen eingeladen. Man muss dazu wissen, dass die Beziehung zwischen den großen Bundesligavereinen und den Rundfunkanstalten nicht gerade harmonisch verlief. Daher waren wir wirklich erstaunt, als Netzer zusagte. Die Freude verflog allerdings am Tag der Sendung, denn es herrschte ein riesiges Blitz-Eis-Chaos auf den Straßen, und wir waren sicher, dass er es nicht nach Kiel schaffen würde. Also konzipierten wir den Abend kurzerhand auf die anderen beiden Gäste um. Doch fünfzehn Minuten vor Ende der Live-Sendung stand Netzer plötzlich in der Tür. Die Zuverlässigkeit in Person. Das hat keiner vergessen..
 
War damals schon eine besondere Chemie zwischen Ihnen zu spüren?
Es wäre übertrieben, von einer Chemie zu sprechen, zumal Netzer direkt im Studio Platz nahm. Trotzdem war ich, der Bäckerbursche aus dem schleswig-holsteinischen Büdelsdorf, ziemlich beeindruckt von seiner ehrlichen und offenen Art. Und er brachte sogar zwei Bälle mit, die er für einen guten Zweck verlosen konnte.
 
Ihre Wege haben sich danach immer wieder gekreuzt. Zum Beispiel in der NDR-Sendung »Profile« – Sie moderierten mit grüner, er parlierte mit roter Hose.
(Lacht) An unsere Outfits erinnere ich mich nicht mehr. Aber die Sendung war prägend, denn »Profile« war ein Low-Low-Budget-Format ohne Quotendruck. Im Studio hing verloren ein Schild, auf dem der Titel der Sendung prangte. Die einzige Vorgabe lautete: Holt euch interessante Gesprächspartner und plaudert mit ihnen. Günter Netzer, mit seiner Spielerkarriere, seiner Funktionärstätigkeit und seiner Fernseherfahrung, war der ideale Gast. Wir haben uns in dieser Sendung 40 Minuten nonstop und sehr intensiv unterhalten, ohne dass ich einmal das Gefühl hatte, das Gespräch könnte ins Stocken geraten. 
 
Sie sagen Gespräch statt Interview. War es später der Schlüssel zum Erfolg, dass Sie häufig das klassische Frage-Antwort-Spiel umgingen?
Vielleicht. Es stimmt jedenfalls, dass wir uns nie groß verstellt haben. Ich erinnere mich an eine Situation in einem Restaurant. Günter Netzer und ich unterhielten uns, als auf einmal ein anderer Gast an den Tisch kam und sagte: »Sie reden ja genauso wie im Fernsehen.«
 
Können Sie das erklären?
Es liegt sicher auch daran, dass es ein ehrliches Interesse an den Gedanken des anderen gab und gibt. Ich hatte nach zwölf oder dreizehn Jahren immer noch den Wunsch, Dinge von Günter Netzer zu erfahren – und das war nicht nur beruflich motiviert oder weil es für die Sendung wichtig war. Das hat die Sache bei den Übertragungen auch über so viele Jahre für uns immer noch interessant gemacht. Zumal Netzer nicht nur ein Fachwissen über den Sport hat wie kaum ein anderer, sondern weil er auch Lust hatte, dieses preiszugeben und darüber zu diskutieren.
 
Sie wurden oft mit den Muppet-Figuren Waldorf und Statler verglichen. Die »Zeit« schrieb sogar mal von einem Fußball-Kammerspiel. Waren Ihre Rollen schon zu Beginn so konzipiert worden?
Sie entwickelten sich. Ein Schlüsselmoment war die WM 1998, also etwa ein Jahr nach unserem ersten gemeinsamen Auftritt. Damals wurden erstmals alle Spiele übertragen, wir mussten dementsprechend zwölf Stunden am Stück senden. Am dritten Tag brach mitten im Programm ein Einspieler weg, dann sollte noch eine Comedy laufen, doch auch die funktionierte nicht. Aus der Regie kam schließlich die Ansage: »Überbrückt mal bitte zehn Minuten.« Davon habe ich sieben geschafft – und dann hatte ich keine Fragen mehr.
 
Sie fingen an zu improvisieren?
Nein, ich fing an, Fragen zu stellen, die gar keine waren: »Hätten Sie nicht...«, »Könnte man nicht auch...« – so was eben. Netzer dachte, ich hätte den Faden verloren, und antwortete auf eine Frage, die ich nie gestellt hatte - um mich und die Situation zu retten. Ich habe das dann natürlich sofort aufgelöst, damit er nicht komisch aussah. Danach entstand ein Ur-Vertrauen, und wir wussten beide, dass wir auch gegenseitig ruhig mit Humor und Ironie arbeiten konnten.