Seite 3: „Wir bleiben nur ein Ausbildungsverein“

Aber Ihre Mann­schaft kann doch noch reifen.
Darauf ist nicht zu hoffen. Ajax wird ein Aus­bil­dungs­verein bleiben, ein Durch­lauf­er­hitzer für die finanz­starken Klubs. Noch bevor ein Spieler Talent und Erfah­rung in Ein­klang gebracht hat, ver­lässt er Ajax, weil er ein lukra­ti­veres Angebot bekommt, bei dem wir nicht mit­halten können. Das war bei Wesley Sneijder so, bei Rafael van der Vaart und Thomas Ver­maelen, auch bei Zlatan Ibra­hi­movic und Luis Suarez, zuletzt bei Daley Blind, der nach der WM zu Man­chester United wech­selte. Wir säen, die anderen ernten.

War vor diesem Hin­ter­grund das Bosman-Urteil, das eben­falls 1995 erging, die fol­gen­schwerste Ver­än­de­rung für den Fuß­ball in den ver­gan­genen 20 Jahren?
Ganz ein­deutig! Es war auch zuvor schon schwer für einen Klub wie Ajax Ams­terdam, seine Spieler zu halten und eine Mann­schaft über Jahre wei­ter­zu­ent­wi­ckeln. Heut­zu­tage, da die Spieler nach Ende ihres Ver­trages ablö­se­frei wech­seln dürfen, ist das nahezu unmög­lich.

Das muss frus­trie­rend für Sie sein.
Ich bin nicht per­sön­lich belei­digt des­wegen. Ich halte es aber für sehr gefähr­lich für den Fuß­ball ins­ge­samt. Die Spieler ver­lassen ihre Aus­bil­dungs­ver­eine immer früher. Und sie wech­seln oft­mals nicht mehr zum nächst­grö­ßeren, son­dern gleich zu einem rie­sen­großen Verein. Jemand wie Martin Øde­gaard etwa ist nicht zu uns gewech­selt, wo er behutsam wei­ter­ent­wi­ckelt worden wäre, son­dern zu Real Madrid. Dort ver­dient er jetzt 100 000 Euro in der Woche – und das mit 16 Jahren. Das dürfte wesent­lich mehr sein, als Álvaro Arbeloa ver­dient, der Welt­meister ist. Und dabei weiß nie­mand, ob dieser Junge sich je durch­setzen wird. Ich finde das per­vers!

Hoffen Sie, dass eines Tages ein Scheich den Weg nach Ams­terdam findet?
Nein, ich hoffe darauf, dass die UEFA das Finan­cial Fair­play kon­se­quent durch­setzt. Wenn sich bei allen Ver­einen Ein­nahmen und Aus­gaben end­lich die Waage halten müssten, würden die Wett­be­werbs­chancen von Ajax Ams­terdam enorm steigen.

Glauben Sie daran?
Ich lasse mich gern positiv über­ra­schen.

Ein Wett­be­werbs­nach­teil würde aller­dings bleiben: Die nie­der­län­di­sche Liga ist keine beson­ders harte Kon­kur­renz. Könnten die jungen Spieler da über­haupt für die großen inter­na­tio­nalen Her­aus­for­de­rungen reifen?
Immerhin haben wir den PSV Eind­hoven und Feye­noord Rot­terdam, unsere Erz­ri­valen, mit denen wir uns bekriegen. Das ist auch nicht viel weniger, als der FC Bayern im Moment hat, denke ich.

Was ist Ihnen lieber: ein Sieg beim SC Cam­buur-Lee­u­warden oder eine Nie­der­lage beim FC Bar­ce­lona?
Die Nie­der­lage. Weil wir aus ihr etwas lernen können. Wenn wir nicht stetig dazu­lernen und uns wei­ter­ent­wi­ckeln, hilft uns auch kein Finan­cial Fair­play.

Sie erwirt­schaften regel­mäßig hohe Trans­fer­über­schüsse. Warum holen Sie sich nicht mal einen erfah­renen Spieler, der weiß, wie man große Schlachten gewinnt?
Wir waren im ver­gan­genen Sommer sehr inter­es­siert an Rafael van der Vaart, aber leider sah er seine Mis­sion beim Ham­burger SV als noch nicht erfüllt an. Ansonsten stehen wir vor dem Pro­blem, dass die Ere­di­visie für Top-Spieler über 30 nicht beson­ders attraktiv ist. Der Trend geht in Rich­tung Major League Soccer, nicht zuletzt wegen der astro­no­mi­schen Gehälter, die dort gezahlt werden. Die können und wollen wir nicht über­bieten.

Wenn Sie einen Spieler aus der Geschichte von Ajax Ams­terdam reak­ti­vieren könnten
…würde ich Johan Cruijff wählen, das ist ja über­haupt keine Frage! Es gab keinen bes­seren Spieler als ihn, nicht bei Ajax, nicht in ganz Europa, nir­gendwo.

Cruijff ist immer noch in bera­tender Funk­tion für Ajax tätig. Wie oft unter­halten Sie sich mit ihm?
Etwa alle zwei Monate.

Wie lautet das Urteil von König Johan: Wie sehr ist Ajax wieder Ajax?
Ich denke, er sieht uns auf einem guten Weg.

Reden Sie dann über das All­tags­ge­schäft, oder treffen Sie sich zum phi­lo­so­phi­schen Kamin­ge­spräch?
Es ist eine Mischung aus beidem. Ajax ist ein tief in seiner Tra­di­tion ver­wur­zelter Verein, wir sehen all unser Han­deln in diesem Kon­text. Es geht darum, sich auch im Wandel treu zu bleiben.

Ein toller Slogan. Wie lange bleiben Sie Ajax Ams­terdam denn noch treu?
Es gab durchaus inter­es­sante Ange­bote, unter anderem von Tot­tenham Hot­spur. Aber wie Sie sehen, bin ich immer noch hier. Ich bin noch nicht fertig.