Seite 2: „Sind wir noch das Ajax, das jeden Gegner dominieren will?“

Sie waren damals Teil einer Gol­denen Genera­tion, in der Mann­schaft standen neben Ihnen und Ihrem Bruder Ronald Spieler wie Edgar Davids, Patrick Klui­vert, Cla­rence See­dorf und Marc Over­mars. Gab es vor dem Finale ein Jetzt oder nie“-Gefühl?
Wir waren uns schon bewusst, dass wir nicht lange zusam­men­bleiben und wahr­schein­lich nie wieder in einer Mann­schaft mit einer der­ar­tigen Talent­dichte spielen würden. Aber das Gefühl, dass wir eine ganze Ära prägen könnten wie das Ajax der frühen Sieb­ziger, das drei Mal hin­ter­ein­ander den Euro­pa­pokal der Lan­des­meister gewann, stellte sich erst ein, als wir im November 1995 in Tokio gegen Gremio Porto Alegre den Welt­pokal holten. Und da war es auch schon zu spät – die Mann­schaft war am Zer­bre­chen. See­dorf war zu Sam­pdoria Genua gewech­selt, Klui­vert und Davids waren sich mit dem AC Mai­land einig, Over­mars war auf dem Sprung zu Arsenal. Und so ging es weiter.

Gab es einen Moment, in dem Sie spürten, dass die Luft raus war?
Das weiß ich noch ziem­lich genau: In der Saison 1996/97, gut andert­halb Jahre nach dem Cham­pions-League-Sieg, ver­loren wir auf gespens­ti­sche Weise 0:2 bei NAC Breda. Breda spielte ein­fach seinen Stiefel runter und war trotzdem deut­lich besser als wir. Ich sagte zu meinem Bruder: Sind wir noch das Ajax, das jeden Gegner domi­nieren will?“ Ronald schüt­telte nur den Kopf.

Sie und Ihr Bruder wech­selten erst 1999 zum FC Bar­ce­lona. Hätten Sie Ajax auch ver­lassen, wenn die Gol­dene Genera­tion zusam­men­ge­blieben wäre?
Da waren wir ja schon Ende zwanzig, das ist kein Alter, in dem man ein Angebot von Barça aus­schlägt. Aber wer weiß, was wir in den vier Jahren zuvor hätten errei­chen können, wenn nicht einer nach dem anderen gegangen wäre.

Immerhin kam es so zu einer Art Export der Ajax-Spiel­idee.
Das stimmt. See­dorf gewann die Cham­pions League noch mit Real Madrid und dem AC Mai­land, Davids prägte Juventus Turin, Nwankwo Kanu war Teil der Invin­ci­bles bei Arsenal, und gleich eine ganze Horde von Ajax-Jungs beein­flusste den FC Bar­ce­lona – unter Louis van Gaal, der eben­falls dorthin gegangen war. In gewisser Weise stehen all diese Mann­schaften auf den Schul­tern von Ajax Ams­terdam.

Gäbe es ohne Voet­bal­totaal über­haupt Tiki-Taka? Wäre die Spiel­weise des FC Bayern unter Pep Guar­diola ohne den Ein­fluss von Ajax Ams­terdam denkbar?
Ajax hatte einen großen Ein­fluss, keine Frage. Aber auch die Mann­schaft von 1995 war ja wie­derum von anderen beein­flusst. Natür­lich vor allem vom Ursprung des Voet­bal­totaal, der Ära von Rinus Michels und Johan Cruijff Anfang der Sieb­ziger. Und die beiden bezogen sich wie­derum auf Jack Rey­nolds, der von 1915 bis 1949 Ajax-Trainer war und sehr offensiv spielen ließ. Nie­mand hat das allei­nige Patent auf schönen Fuß­ball.

Sie waren bei der WM 2010 Assis­tent von Bondscoach Bert van Mar­wijk. Wie kam es, dass die nie­der­län­di­sche Natio­nal­mann­schaft im Finale gegen Spa­nien derart häss­lich spielte?
Glauben Sie mir, wir haben das nicht als Marsch­route aus­ge­geben! Wir hatten in der Vor­be­rei­tung und zum Teil auch noch wäh­rend des Tur­niers wun­der­baren Fuß­ball gespielt. Aber im Finale muss den Jungs ziem­lich schnell klar geworden sein, dass Spa­nien an diesem Tage so gut wie unschlagbar war. Wenn man es positiv aus­drü­cken will, könnte man sagen: Immerhin waren sie in der Lage, ihre Taktik den Umständen anzu­passen.

Hätte nicht viel­mehr das Trai­ner­team die Taktik anpassen müssen?
In der Halb­zeit und auch vor der Ver­län­ge­rung haben wir das durchaus ver­sucht. Aber im lau­fenden Spiel ist das ein Ding der Unmög­lich­keit. Wir mussten mehr oder weniger fas­sungslos zusehen, wie unsere Spieler sich von ihren Emo­tionen mit­reißen ließen.

Ein halbes Jahr später, im Dezember 2010, über­nahmen Sie das Trai­neramt bei Ajax und gewannen seither vier Mal die nie­der­län­di­sche Meis­ter­schaft – und das nach sieben Jahren Durst­strecke. Wie haben Sie das geschafft?
Es war mir wichtig, zu der Domi­nanz zurück­zu­finden, die ich aus den Jahren 1993 bis 1996 kannte, zu der typi­schen Ajax-Spiel­weise aus hohem Tempo und per­fekter Orga­ni­sa­tion.

Aber Sie sagten doch ein­gangs, aus der Ver­gan­gen­heit ließe sich nichts für die Gegen­wart ableiten.
Nicht aus einem ein­zelnen Sieg wie im Finale gegen den AC Mai­land. Aber durchaus aus der Men­ta­lität, die wir damals hatten. Das Ajax-Spiel basiert auf einer kom­plexen Archi­tektur – und erfor­dert nicht nur eine jah­re­lange Aus­bil­dung, son­dern auch einen hohen Grad an Iden­ti­fi­ka­tion mit dem Verein und seiner Phi­lo­so­phie. Beides erreicht man nur, wenn man mög­lichst viele Spieler aus der eigenen Jugend ein­setzt. Das habe ich getan, und zu meinem eigenen Erstaunen hatten wir damit sofort Erfolg.

Gleich zwölf Spieler in Ihrem aktu­ellen Kader stammen aus der eigenen Jugend. Wächst da wieder eine Gol­dene Genera­tion heran?
Wenn Sie darauf hinaus wollen, ob Ajax mit­tel­fristig wieder die Cham­pions League gewinnen wird, sage ich ganz klar: Das ist eine Utopie!

Warum?
Mit einer Mann­schaft, die wie unsere ein Durch­schnit­talter von 22 Jahren hat, gewinnt man diesen Wett­be­werb nicht. Dazu braucht man Erfah­rung, man muss wissen, wie man sich an der Stam­ford Bridge, im Camp Nou oder im West­fa­len­sta­dion behauptet. Nicht nur einmal, son­dern prin­zi­piell.