Frank de Boer, es ist beinah zwanzig Jahre her, dass Sie als Spieler mit Ajax Ams­terdam die Cham­pions League gewannen. Wo ist bloß die Zeit geblieben?
Ja, es ist wirk­lich beängs­ti­gend, wie schnell sie ver­geht. Ges­tern war ich doch noch jung und hatte alles vor mir! Aber als Fuß­ball­profi und dann als ‑trainer eilt man von Spiel zu Spiel, von Her­aus­for­de­rung zu Her­aus­for­de­rung. Man schaut eigent­lich nur nach vorn, und wenn man doch mal zurück­schaut, liegen plötz­lich so viele Jahre hinter einem. Zwanzig, sagten Sie? Erschüt­ternd!

Denken Sie mit­unter an die Nacht von Wien, als Ihre Mann­schaft den AC Mai­land mit 1:0 besiegte?
Sehr selten. Wenn man wie ich noch immer im Fuß­ball tätig ist, bleibt ein­fach keine Zeit, innezu-halten und in Erin­ne­rungen zu schwelgen. Außerdem ist Nost­algie ein­fach unpro­duktiv. Was soll ich daraus lernen?

Wie man die Cham­pions League gewinnt, zum Bei­spiel.
Aus einem Sieg, der zwanzig Jahre zurück­liegt, lässt sich nichts mehr ableiten.

Er kann Ansporn sein, noch einmal einen großen Titel zu gewinnen.
Ziele liegen in der Zukunft, nicht in der Ver­gan­gen­heit. Zum Glück pflegen unsere Fans die Erin­ne­rung an 1995. Und wenn ich einmal Rentner bin, helfe ich gern mit. Bei einem guten Glas Wein werde ich sicher­lich noch ein paar Anek­doten bei­steuern können.

Lassen Sie uns doch heute schon mal damit anfangen. Erin­nern Sie sich an die Party nach dem Tri­umph?
Da muss ich mich nicht groß anstrengen: Am Tag nach dem Finale fuhren wir auf einem Schiff durch die Grachten von Ams­terdam. Die Leute auf ihren Haus­booten haben so aus­ge­lassen getanzt, dass sie beinah geken­tert wären.

Als Louis van Gaal Trainer beim FC Bayern war, bezeich­nete er sich selbst als Fei­er­biest“. Wie ani­ma­lisch war er bei Ihrem Tri­umphzug drauf?
Keine Indis­kre­tionen! Nur so viel: Er wusste, dass wir einen Rie­sen­re­spekt vor ihm hatten. Er musste sich bei dieser Party nicht noch mehr Respekt dazu ver­dienen.

War er unbe­kleidet?
Ich weiß es nicht mehr, und zum Glück gab es damals noch keine Han­dy­ka­meras.

Van Gaal war alles in allem über ein Jahr­zehnt Ihr Trainer, zunächst bei Ajax, später dann bei Barça. Was hat er Ihnen bei­gebracht?
Dass man den Spie­lern mit Respekt gegen­über­treten und ihnen zuhören muss, wenn man eine Mann­schaft wei­ter­ent­wi­ckeln will.

Uns kam es bis­lang so vor, als würde er am liebsten sich selbst zuhören.
Er hat ja auch einiges zu sagen! Aber ich kann Ihnen ver­si­chern: Er ist ein genauso guter Zuhörer.

Wenn Sie heute vor Ihrer Mann­schaft stehen: Was asso­zi­ieren die Jungs mit dem Jahr 1995?
Bes­ten­falls ihren zweiten oder dritten Geburtstag. Manche waren noch nicht einmal auf der Welt. Wenn Sie wissen wollen, ob sie vor mir als Cham­pions-League-Sieger beson­dere Ehr­furcht haben: Ich denke nicht. Und ich möchte mir ihre Wert­schät­zung auch lieber durch meine gegen­wär­tigen Leis­tungen ver­dienen.

Spüren Sie denn gar keine Aura um sich herum? Rudi Völler sagte einmal: Welt­meister bleibt man sein Leben lang.“ Das muss doch auch für Cham­pions-League-Sieger gelten.
Sicher, ich könnte, wenn mir mal gar nichts mehr ein­fällt, zu meinen Spieler sagen: Guckt mal hier: meine Aura!“ Aber diesen Tag möchte ich lieber nicht erleben.

Sie waren damals Teil einer Gol­denen Genera­tion, in der Mann­schaft standen neben Ihnen und Ihrem Bruder Ronald Spieler wie Edgar Davids, Patrick Klui­vert, Cla­rence See­dorf und Marc Over­mars. Gab es vor dem Finale ein Jetzt oder nie“-Gefühl?
Wir waren uns schon bewusst, dass wir nicht lange zusam­men­bleiben und wahr­schein­lich nie wieder in einer Mann­schaft mit einer der­ar­tigen Talent­dichte spielen würden. Aber das Gefühl, dass wir eine ganze Ära prägen könnten wie das Ajax der frühen Sieb­ziger, das drei Mal hin­ter­ein­ander den Euro­pa­pokal der Lan­des­meister gewann, stellte sich erst ein, als wir im November 1995 in Tokio gegen Gremio Porto Alegre den Welt­pokal holten. Und da war es auch schon zu spät – die Mann­schaft war am Zer­bre­chen. See­dorf war zu Sam­pdoria Genua gewech­selt, Klui­vert und Davids waren sich mit dem AC Mai­land einig, Over­mars war auf dem Sprung zu Arsenal. Und so ging es weiter.

Gab es einen Moment, in dem Sie spürten, dass die Luft raus war?
Das weiß ich noch ziem­lich genau: In der Saison 1996/97, gut andert­halb Jahre nach dem Cham­pions-League-Sieg, ver­loren wir auf gespens­ti­sche Weise 0:2 bei NAC Breda. Breda spielte ein­fach seinen Stiefel runter und war trotzdem deut­lich besser als wir. Ich sagte zu meinem Bruder: Sind wir noch das Ajax, das jeden Gegner domi­nieren will?“ Ronald schüt­telte nur den Kopf.

Sie und Ihr Bruder wech­selten erst 1999 zum FC Bar­ce­lona. Hätten Sie Ajax auch ver­lassen, wenn die Gol­dene Genera­tion zusam­men­ge­blieben wäre?
Da waren wir ja schon Ende zwanzig, das ist kein Alter, in dem man ein Angebot von Barça aus­schlägt. Aber wer weiß, was wir in den vier Jahren zuvor hätten errei­chen können, wenn nicht einer nach dem anderen gegangen wäre.

Immerhin kam es so zu einer Art Export der Ajax-Spiel­idee.
Das stimmt. See­dorf gewann die Cham­pions League noch mit Real Madrid und dem AC Mai­land, Davids prägte Juventus Turin, Nwankwo Kanu war Teil der Invin­ci­bles bei Arsenal, und gleich eine ganze Horde von Ajax-Jungs beein­flusste den FC Bar­ce­lona – unter Louis van Gaal, der eben­falls dorthin gegangen war. In gewisser Weise stehen all diese Mann­schaften auf den Schul­tern von Ajax Ams­terdam.

Gäbe es ohne Voet­bal­to­taal über­haupt Tiki-Taka? Wäre die Spiel­weise des FC Bayern unter Pep Guar­diola ohne den Ein­fluss von Ajax Ams­terdam denkbar?
Ajax hatte einen großen Ein­fluss, keine Frage. Aber auch die Mann­schaft von 1995 war ja wie­derum von anderen beein­flusst. Natür­lich vor allem vom Ursprung des Voet­bal­to­taal, der Ära von Rinus Michels und Johan Cruijff Anfang der Sieb­ziger. Und die beiden bezogen sich wie­derum auf Jack Rey­nolds, der von 1915 bis 1949 Ajax-Trainer war und sehr offensiv spielen ließ. Nie­mand hat das allei­nige Patent auf schönen Fuß­ball.

Sie waren bei der WM 2010 Assis­tent von Bondscoach Bert van Mar­wijk. Wie kam es, dass die nie­der­län­di­sche Natio­nal­mann­schaft im Finale gegen Spa­nien derart häss­lich spielte?
Glauben Sie mir, wir haben das nicht als Marsch­route aus­ge­geben! Wir hatten in der Vor­be­rei­tung und zum Teil auch noch wäh­rend des Tur­niers wun­der­baren Fuß­ball gespielt. Aber im Finale muss den Jungs ziem­lich schnell klar geworden sein, dass Spa­nien an diesem Tage so gut wie unschlagbar war. Wenn man es positiv aus­drü­cken will, könnte man sagen: Immerhin waren sie in der Lage, ihre Taktik den Umständen anzu­passen.

Hätte nicht viel­mehr das Trai­ner­team die Taktik anpassen müssen?
In der Halb­zeit und auch vor der Ver­län­ge­rung haben wir das durchaus ver­sucht. Aber im lau­fenden Spiel ist das ein Ding der Unmög­lich­keit. Wir mussten mehr oder weniger fas­sungslos zusehen, wie unsere Spieler sich von ihren Emo­tionen mit­reißen ließen.

Ein halbes Jahr später, im Dezember 2010, über­nahmen Sie das Trai­neramt bei Ajax und gewannen seither vier Mal die nie­der­län­di­sche Meis­ter­schaft – und das nach sieben Jahren Durst­strecke. Wie haben Sie das geschafft?
Es war mir wichtig, zu der Domi­nanz zurück­zu­finden, die ich aus den Jahren 1993 bis 1996 kannte, zu der typi­schen Ajax-Spiel­weise aus hohem Tempo und per­fekter Orga­ni­sa­tion.

Aber Sie sagten doch ein­gangs, aus der Ver­gan­gen­heit ließe sich nichts für die Gegen­wart ableiten.
Nicht aus einem ein­zelnen Sieg wie im Finale gegen den AC Mai­land. Aber durchaus aus der Men­ta­lität, die wir damals hatten. Das Ajax-Spiel basiert auf einer kom­plexen Archi­tektur – und erfor­dert nicht nur eine jah­re­lange Aus­bil­dung, son­dern auch einen hohen Grad an Iden­ti­fi­ka­tion mit dem Verein und seiner Phi­lo­so­phie. Beides erreicht man nur, wenn man mög­lichst viele Spieler aus der eigenen Jugend ein­setzt. Das habe ich getan, und zu meinem eigenen Erstaunen hatten wir damit sofort Erfolg.

Gleich zwölf Spieler in Ihrem aktu­ellen Kader stammen aus der eigenen Jugend. Wächst da wieder eine Gol­dene Genera­tion heran?
Wenn Sie darauf hinaus wollen, ob Ajax mit­tel­fristig wieder die Cham­pions League gewinnen wird, sage ich ganz klar: Das ist eine Utopie!

Warum?
Mit einer Mann­schaft, die wie unsere ein Durch­schnit­talter von 22 Jahren hat, gewinnt man diesen Wett­be­werb nicht. Dazu braucht man Erfah­rung, man muss wissen, wie man sich an der Stam­ford Bridge, im Camp Nou oder im West­fa­len­sta­dion behauptet. Nicht nur einmal, son­dern prin­zi­piell.

Aber Ihre Mann­schaft kann doch noch reifen.
Darauf ist nicht zu hoffen. Ajax wird ein Aus­bil­dungs­verein bleiben, ein Durch­lauf­er­hitzer für die finanz­starken Klubs. Noch bevor ein Spieler Talent und Erfah­rung in Ein­klang gebracht hat, ver­lässt er Ajax, weil er ein lukra­ti­veres Angebot bekommt, bei dem wir nicht mit­halten können. Das war bei Wesley Sneijder so, bei Rafael van der Vaart und Thomas Ver­maelen, auch bei Zlatan Ibra­hi­movic und Luis Suarez, zuletzt bei Daley Blind, der nach der WM zu Man­chester United wech­selte. Wir säen, die anderen ernten.

War vor diesem Hin­ter­grund das Bosman-Urteil, das eben­falls 1995 erging, die fol­gen­schwerste Ver­än­de­rung für den Fuß­ball in den ver­gan­genen 20 Jahren?
Ganz ein­deutig! Es war auch zuvor schon schwer für einen Klub wie Ajax Ams­terdam, seine Spieler zu halten und eine Mann­schaft über Jahre wei­ter­zu­ent­wi­ckeln. Heut­zu­tage, da die Spieler nach Ende ihres Ver­trages ablö­se­frei wech­seln dürfen, ist das nahezu unmög­lich.

Das muss frus­trie­rend für Sie sein.
Ich bin nicht per­sön­lich belei­digt des­wegen. Ich halte es aber für sehr gefähr­lich für den Fuß­ball ins­ge­samt. Die Spieler ver­lassen ihre Aus­bil­dungs­ver­eine immer früher. Und sie wech­seln oft­mals nicht mehr zum nächst­grö­ßeren, son­dern gleich zu einem rie­sen­großen Verein. Jemand wie Martin Øde­gaard etwa ist nicht zu uns gewech­selt, wo er behutsam wei­ter­ent­wi­ckelt worden wäre, son­dern zu Real Madrid. Dort ver­dient er jetzt 100 000 Euro in der Woche – und das mit 16 Jahren. Das dürfte wesent­lich mehr sein, als Álvaro Arbeloa ver­dient, der Welt­meister ist. Und dabei weiß nie­mand, ob dieser Junge sich je durch­setzen wird. Ich finde das per­vers!

Hoffen Sie, dass eines Tages ein Scheich den Weg nach Ams­terdam findet?
Nein, ich hoffe darauf, dass die UEFA das Finan­cial Fair­play kon­se­quent durch­setzt. Wenn sich bei allen Ver­einen Ein­nahmen und Aus­gaben end­lich die Waage halten müssten, würden die Wett­be­werbs­chancen von Ajax Ams­terdam enorm steigen.

Glauben Sie daran?
Ich lasse mich gern positiv über­ra­schen.

Ein Wett­be­werbs­nach­teil würde aller­dings bleiben: Die nie­der­län­di­sche Liga ist keine beson­ders harte Kon­kur­renz. Könnten die jungen Spieler da über­haupt für die großen inter­na­tio­nalen Her­aus­for­de­rungen reifen?
Immerhin haben wir den PSV Eind­hoven und Feye­noord Rot­terdam, unsere Erz­ri­valen, mit denen wir uns bekriegen. Das ist auch nicht viel weniger, als der FC Bayern im Moment hat, denke ich.

Was ist Ihnen lieber: ein Sieg beim SC Cam­buur-Lee­u­warden oder eine Nie­der­lage beim FC Bar­ce­lona?
Die Nie­der­lage. Weil wir aus ihr etwas lernen können. Wenn wir nicht stetig dazu­lernen und uns wei­ter­ent­wi­ckeln, hilft uns auch kein Finan­cial Fair­play.

Sie erwirt­schaften regel­mäßig hohe Trans­fer­über­schüsse. Warum holen Sie sich nicht mal einen erfah­renen Spieler, der weiß, wie man große Schlachten gewinnt?
Wir waren im ver­gan­genen Sommer sehr inter­es­siert an Rafael van der Vaart, aber leider sah er seine Mis­sion beim Ham­burger SV als noch nicht erfüllt an. Ansonsten stehen wir vor dem Pro­blem, dass die Ere­di­visie für Top-Spieler über 30 nicht beson­ders attraktiv ist. Der Trend geht in Rich­tung Major League Soccer, nicht zuletzt wegen der astro­no­mi­schen Gehälter, die dort gezahlt werden. Die können und wollen wir nicht über­bieten.

Wenn Sie einen Spieler aus der Geschichte von Ajax Ams­terdam reak­ti­vieren könnten
…würde ich Johan Cruijff wählen, das ist ja über­haupt keine Frage! Es gab keinen bes­seren Spieler als ihn, nicht bei Ajax, nicht in ganz Europa, nir­gendwo.

Cruijff ist immer noch in bera­tender Funk­tion für Ajax tätig. Wie oft unter­halten Sie sich mit ihm?
Etwa alle zwei Monate.

Wie lautet das Urteil von König Johan: Wie sehr ist Ajax wieder Ajax?
Ich denke, er sieht uns auf einem guten Weg.

Reden Sie dann über das All­tags­ge­schäft, oder treffen Sie sich zum phi­lo­so­phi­schen Kamin­ge­spräch?
Es ist eine Mischung aus beidem. Ajax ist ein tief in seiner Tra­di­tion ver­wur­zelter Verein, wir sehen all unser Han­deln in diesem Kon­text. Es geht darum, sich auch im Wandel treu zu bleiben.

Ein toller Slogan. Wie lange bleiben Sie Ajax Ams­terdam denn noch treu?
Es gab durchaus inter­es­sante Ange­bote, unter anderem von Tot­tenham Hot­spur. Aber wie Sie sehen, bin ich immer noch hier. Ich bin noch nicht fertig.