Seite 3: „Ich habe die Wende verpennt“

Wo haben Sie die Wende erlebt?
Ich habe sie ver­pennt.

Wie bitte?
Ich hos­pi­tierte in jener Woche bei Huub Ste­vens in Eind­hoven. Auf dem Hotel hatte ich keinen Fern­seher, und die Bilder der jubelnden Men­schen an der Mauer sah ich erst am nächsten Morgen. Lustig war die Rück­reise: Weil diverse Flüge wegen Unwet­ters gestri­chen wurden, mussten wir nach West­berlin fliegen. Vom Flug­hafen Tegel sind wir mit der U‑Bahn zur Fried­rich­straße gefahren und schließ­lich zu Fuß durch die Mauer spa­ziert. Mensch, Herr Streich. Sie waren auch schon im Westen?“, sagte der Grenz­be­amte zu mir.

Haben Sie sich gefreut?
Ich bin kein Hurra-Typ, aber am Anfang war da eine kleine Euphorie. Ich tuckerte mit meinem korall­far­benen Lada nach Braun­schweig, wo ich als Trainer anfangen sollte. Und dann war alles anders.

Waren Sie zu naiv?
Viel­leicht. Ich bin auf eine neue Welt gestoßen. Es ging plötz­lich viel mehr ums Geld. Schon nach dem ersten Spiel, einem 3:3 gegen Duis­burg, unter­hielten sich die Spieler über Prä­mien. In der Kabine sagte einer: Die erste Kohle ist drin.“ Nach neun Monaten wurde ich ent­lassen. Ich ver­suchte es noch mal beim FCM und wurde Ver­treter für Nike.

Einen Trai­nerjob über­nahmen Sie aber noch. Sie ret­teten Zwi­ckau vor dem Zweit­li­ga­ab­stieg. Warum haben Sie trotzdem nach einer Saison auf­ge­hört?
Eines Tages saß ich in einem Hotel­zimmer und blickte die Wand an. Ich dachte: Was ist das für ein Leben? Ständig aus dem Koffer leben, wäh­rend die Familie hun­derte Kilo­meter ent­fernt lebt.“ Ich wollte das nicht mehr, also fing ich in Mag­de­burg in einem Sport­ge­schäft an, wo ich bis zu meiner Rente arbei­tete.

Der Gerd Müller des Ostens“ wurde Schuh­ver­käufer. Wie oft mussten Sie Auto­gramme geben?
Regel­mäßig. Aber das war okay für meine Chefs. Sie wussten ja auch, dass durch mich ein paar Kunden mehr in den Laden kamen.

Hätten Sie eigent­lich gerne mit Gerd Müller getauscht?
Gerd habe ich immer sehr bewun­dert. Seine Tore, seinen Willen – er war unglaub­lich. Ich bin aber sehr zufrieden mit meiner Kar­riere. Trotzdem: In der Bun­des­liga hätte ich gerne mal gespielt.

Haben Sie zu Ihrer aktiven Zeit über Flucht nach­ge­dacht?
Einmal. Ich war Ende Sep­tember 1969 mit Hansa Ros­tock zu einem Messe-Pokal-Spiel bei Pan­io­nios Athen. Bei einem Spa­zier­gang traf ich zwei Mit­spieler, die über­legten, die Bot­schaft der Bun­des­re­pu­blik auf­zu­su­chen. Letzt­lich fehlte uns allen aber ein­fach der Mut.