Julian Nagels­mann, war es eine große Über­ra­schung, als Sie im Dezember 2012 gefragt wurden, ob Sie als Co-Trainer der ersten Mann­schaft arbeiten wollen?
Es war eine Rie­sen­über­ra­schung! Als Jugend­trainer hatte ich zwar schon ganz gute Arbeit geleistet, aber als Frank Kramer (Trainer von Hof­fen­heims zweiter Mann­schaft, d Red.) wäh­rend seines Trainer-Inte­rims fragte, ob ich Co-Trainer bei den Profis werden wollte, konnte ich es erst kaum glauben. Die zweite Über­ra­schung war, dass es unter Marco Kurz wei­ter­gehen sollte. Ich habe mich enorm gefreut.

Wie wird man mit 25 Jahren Co-Trainer bei einem Bun­des­li­ga­verein?
Ich musste meine Spie­ler­kar­riere schon mit 20 Jahren beenden, weil ich seit der U17 bei 1860 Mün­chen immer wieder mit Ver­let­zungen zu kämpfen hatte. Auf der anderen Seite war ich schon immer sehr inter­es­siert am Trai­ner­beruf. Auf dem Platz war ich stets Füh­rungs­spieler, Ver­let­zungs­pausen habe ich dazu genutzt, mich in die Trai­ner­rolle hinein zu denken.

Wann war end­gültig klar, dass Sie Ihre Kar­riere beenden mussten?
Das Kar­rie­re­ende war letzt­lich meine Ent­schei­dung. Als ich in Augs­burgs zweiter Mann­schaft spielte, sagte der Arzt nach meiner zweiten Meniskus-OP zu mir, dass mein Knorpel in Mit­lei­den­schaft gezogen sei. Er stellte es mir frei, weiter zu spielen, warnte mich aber vor Arthrose und einem steifen Knie. Mir war das Risiko zu groß und ich ent­schloss mich für meine Gesund­heit. Der Weg in den bezahlten Fuß­ball schien uner­reichbar.

Rück­bli­ckend war es eine weit­sich­tige Ent­schei­dung. Aber hatten Sie nach Ihrem ver­let­zungs­be­dingten Kar­riere-Aus nicht erst einmal die Nase voll von Fuß­ball?
Tat­säch­lich wollte ich mit dem Fuß­ball erst einmal nichts mehr zu tun haben. Es war sehr traurig für mich, dass ich meine Kar­riere so jung beenden musste. Schließ­lich habe ich dem Fuß­ball meine ganze Jugend geop­fert und über Nacht war alles vorbei. Dass ich heute Co-Trainer bin, liegt letzt­lich an Thomas Tuchel. Er war damals mein Trainer bei Augs­burgs zweiter Mann­schaft, ich hatte einen sehr guten Draht zu ihm.

Was hat Tuchel unter­nommen, dass Sie Trainer wurden?
Nach meiner Ver­let­zung hat er mich bei der Gegner-Ana­lyse ein­ge­spannt. Es war eine Win-Win-Situa­tion: Mein Ver­trag bei Augs­burg lief noch und ich konnte Tuchel unter­stützen. In dem Jahr unter ihm habe ich enorm viel gelernt. Tuchel hat viel zu meiner Berufs­wahl bei­getragen.

Wie ging es danach weiter?
Mein ehe­ma­liger Trainer von 1860 Mün­chen, Alex­ander Schmidt, sorgte dafür, dass ich Co-Trainer der U17 in Mün­chen werden konnte. Ich kam sofort in den Leis­tungs­be­reich, was großes Glück war.

Warum bekamen Sie jedes Mal einen derart großen Ver­trau­ens­vor­schuss?
Unab­hängig von der Liga und der Zuschau­er­zahl war ich immer mit Leib und Seele dabei. Der Trai­nerjob erfüllt mich total. Dass ich so schnell in der Bun­des­liga gelandet bin, ist natür­lich ein Traum. Letzt­lich hat die Kon­stel­la­tion in Hof­fen­heim das erst ermög­licht – für das Ver­trauen bin ich sehr dankbar. Trotzdem: Ich möchte nicht in Dank­bar­keit sterben, son­dern Erfolge erzielen. Unser Ziel ist es, die Klasse zu halten und den Profis etwas mit auf den Weg geben.

Was können Sie den Profis mit Ihren 25 Jahren über­haupt bei­bringen?
Meine Stärken liegen im tak­ti­schen und tech­ni­schen Bereich. Zudem kann ich auf­grund meiner per­sön­li­chen Erfah­rungen den Spie­lern dabei helfen, mit Rück­schlägen umzu­gehen. Davon hat es in der Hin­runde für die Mann­schaft bekannt­lich viele gegeben. Man muss lernen, trotzdem wieder auf­zu­stehen, positiv in die Zukunft zu bli­cken und sein Leben anzu­pa­cken.

Wie ist der Umgang mit Spie­lern, die älter als Sie selber sind? Respek­tieren diese vor­be­haltslos Ihre Auto­rität?
Anfangs gab es ein gegen­sei­tiges Abtasten. Die älteren Spieler hatten in Ihrer Lauf­bahn schon den ein- oder anderen Trainer und wollten aus­testen, ob ich über­haupt Ahnung von Fuß­ball habe. Ich denke, ich konnte Sie durch meine indi­vi­du­ellen Rat­schläge und fach­li­chen Sach­ver­stand über­zeugen.

Wie treten Sie den Spie­lern gegen­über auf?
Respekt­voll, aber bestim­mend. Wichtig ist, dass ich mir nichts darauf ein­bilde, so jung Bun­des­liga-Trainer zu sein und meine Auf­gabe ohne Arro­ganz erfülle. Ich habe die Weis­heit nicht mit Löf­feln gefressen, aber ein biss­chen Fuß­ball­kom­pe­tenz habe ich schon. Das akzep­tieren auch die älteren Spieler.

Es scheint, dass junge Trainer ohne große Fuß­ball­kar­riere der­zeit schwer im Trend liegen. Um nur einige zu nennen: Jürgen Klopp, Chris­tian Streich und Thomas Tuchel. Haben Sie eine Erklä­rung dafür?
Es gibt ver­schie­dene Gründe, die für junge Trainer spre­chen: Die Jugend von heute spricht eine andere Sprache und wächst mit sozialen Netz­werken auf – die Gesell­schaft ins­ge­samt hat sich sehr ver­än­dert. Viel­leicht fällt es jün­geren Trai­nern leichter, mit jungen Spie­lern umzu­gehen.

Inwie­fern stehen Sie den Spie­lern näher als ein älterer Kol­lege. Spielen Sie viel­leicht sogar mal eine Runde Fuß­ball auf der Kon­sole mit den Jungs?
(lacht) Unab­hängig vom Alter gehört es zu den Auf­gaben eines Co-Trai­ners, nah an der Mann­schaft zu sein, aber abends mit den Spie­lern Kon­sole zu zocken, würde zu weit gehen. Ich muss auf­passen, dass es nicht zu eng wird. Die Bezie­hung muss pro­fes­sio­nell bleiben.

Haben Sie ein per­sön­li­ches Trai­ner­vor­bild?
Pep Guar­diola ist auf­grund seiner Per­sön­lich­keit und der Spiel­weise des FC Bar­ce­lona in jeder Hin­sicht ein Vor­bild. Aber auch die Trai­nings­ar­beit von Thomas Tuchel war für mich sehr prä­gend. Den­noch sind es natür­lich noch Welten, die mich von meinen Vor­bil­dern und anderen Bun­des­li­ga­trai­nern trennen.

Dafür haben Sie ja auch noch ein biss­chen Zeit.
(lacht) Das hoffe ich.