Rainer Zobel, kann es sein, dass das Bayern-Gen, das die Spieler angeb­lich bis heute in sich tragen, am 15. Mai 1974 beim ersten Final­spiel gegen Atlé­tico seine Geburts­stunde fei­erte?
Ich habe das später mal gesagt. Viel­leicht war dieses Spiel wirk­lich der Ursprung des Bayern-Gens: Dass man bis zur letzten Minute alles ver­sucht. Mir ist das in den Sinn gekommen bei Oliver Kahns Immer weiter machen, immer weiter“. Er sagte den Satz, als Schalke eigent­lich schon Meister war und Bayern durch einen Treffer in der Nach­spiel­zeit doch noch den Titel gewann, als das Unglaub­liche pas­sierte. Ob aber so ein Sieger-Gen tat­säch­lich von Spiel­er­ge­nera­tion zu Spiel­er­ge­nera­tion über­tragen wird? Ich weiß nicht. Es gab in der Geschichte des FC Bayern Mün­chen ja auch schon Situa­tionen, wo es genau anders herum lief – denken wir an das Cham­pions-League-Finale 1999.
 
Beim Final­sieg 1974 gegen Atlé­tico Madrid lief von Anfang an nicht alles glatt. Es begann damit, dass der Flieger zum End­spielort nach Brüssel wegen einer Bom­ben­dro­hung zunächst nicht abheben konnte.
Dass es eine Bom­ben­dro­hung gegeben hatte, habe ich auch mal gelesen. Ent­weder ich hatte das ver­gessen oder wir waren gar nicht dar­über unter­richtet worden, weil man uns in der Kon­zen­tra­tion nicht stören wollte. Aber abge­sehen davon, war ja auch der Weg ins Finale holprig. Wir wären bei­nahe schon in der ersten Runde raus­ge­flogen, gegen den schwe­di­schen Meister.
 
Ein Klub mit dem klang­vollen Namen Atvida­bergs FF, gegen den sich der FC Bayern erst im Elf­me­ter­schießen durch­setzte. Haben Sie eine Erklä­rung für die Zit­ter­partie?
(Lacht) Wahr­schein­lich war es zu kalt.
 
In Brüssel waren die Tem­pe­ra­turen ange­nehm – die äußeren Bedin­gungen gehen daher nicht als Ent­schul­di­gung für die schwache Partie am 15. Mai durch.
Das stimmt. Das erste Spiel ent­sprach in keiner Weise dem Niveau, das man von einem Finale erwarten konnte. Es lebte einzig und allein von der Span­nung. Atlé­tico Madrid hätte den Sieg eher ver­dient gehabt. Wir spielten nicht gut, ich selbst auch nicht.
 
Atlé­tico ging in der 114. Minute durch einen Frei­stoß von Luis Ara­gonés in Füh­rung. Das Spiel war scheinbar ent­schieden. Später hieß es, Atlé­ticos Schluss­mann Miguel Reina hatte sich vor Schwar­zen­becks Schuss bereits die Hand­schuhe aus­ge­zogen, um für einen Foto­grafen zu posieren. Stimmt das?
Das weiß ich nicht. Auf jeden Fall hatte man das Gefühl, dass abseits des Spiel­felds schon gefeiert wurde. Die Reser­ve­spieler standen an der Sei­ten­linie und war­teten nur noch auf den Schluss­pfiff. Ihre Team­kol­legen auf dem Platz ver­hielten sich ja auch wirk­lich geschickt und ließen uns fast keine Chance, an den Ball zu kommen.
 
Aber dann kam Schwar­zen­beck.
Es hat mich für Kat­sche riesig gefreut, dass er das 1:1 geschossen hat. Er hatte es so was von ver­dient, dass aus­nahms­weise mal er im Mit­tel­punkt stand. Kat­sche war und ist so ein feiner Mensch, ganz, ganz zurück­hal­tend, sen­sibel. Der hatte früh schon seine Mitte gefunden.
 
Hand aufs Herz: Wurde nach dem Spiel der späte Aus­gleich gefeiert – zumin­dest ein biss­chen?
Nein, keine Spur von Feier. Die Stim­mung in der Kabine war sehr ruhig, sehr kon­zen­triert. Man wusste ja: Am über­nächsten Tag geht es weiter.


 
Wie sah der Tag vor dem zweiten Finale aus?
Rege­ne­ra­tion, Gym­nastik. Ein biss­chen Fuß­ball gespielt haben wir auch. Und es gab Bespre­chungen.
 
Zweimal Hoeneß, zweimal Müller – die zweite Partie war eine klare Ange­le­gen­heit. 
Wir waren nach dem späten Aus­gleich in der ersten Partie der mora­li­sche Sieger. Wir wussten: Die sind jetzt kaputt. Fuß­ball­spiele werden nun mal zum größten Teil im Kopf ent­schieden. Bei mir selbst lief es diesmal richtig gut. Ich denke, das war das beste Spiel, das ich im Bayern-Dress gemacht habe.
 
Man kann davon aus­gehen, dass diesmal nach dem Spiel ordent­lich gefeiert wurde.
Die ganze Nacht, bis zum Früh­stück. Das Wit­zige war ja, dass wir am Nach­mittag noch zum letzten Bun­des­li­ga­spiel in Glad­bach antreten mussten. Gegen 10 Uhr sind wir in den Bus gestiegen und waren gegen Mittag in Glad­bach. Dort haben wir uns nach dem Essen auf den Rasen vor unserem Hotel gesetzt und Weiß­bier getrunken. Die Borussia-Fans, die Rich­tung Sta­dion zogen, fanden das lustig und haben mit uns auf den Sieg gegen Atlé­tico ange­stoßen. Dabei war ja Riva­lität zwi­schen Glad­bach und Bayern damals groß. Aber die Borussia-Fans hono­rierten es, dass wir als erste deut­sche Mann­schaft den Euro­pa­pokal der Lan­des­meister gewonnen hatten. Da ist uns erst so richtig klar geworden, was wir erreicht hatten.
 
Sie selbst durften die erste Halb­zeit der Partie gegen Glad­bach, die übri­gens 0:5 ver­loren ging, von der Reser­ve­bank aus ver­folgen. Angeb­lich sind Sie dabei ein­ge­schlafen.
Ich glaube nicht, dass ich da der ein­zige war, der auf der Bank ein Nicker­chen gemacht hat.