Dieser Text erschien erst­mals in 11FREUNDE #225. Das Heft ist hier bei uns im Shop erhält­lich.

Der Mann war offen­sicht­lich auf Schaum. Es ist jetzt eh nicht erlaubt“, sprach Jakob Jant­scher, aber ich geb dort keinem Spieler mehr die Hand.“ Dort, das ist für den Angreifer von Sturm Graz das ober­ös­ter­rei­chi­sche Linz, genauer der da ansäs­sige Ath­letik-Sport-Klub, zu jenem Zeit­punkt (Ende Mai) Tabel­len­führer der ersten öster­rei­chi­schen Liga – oder eben gerade nicht mehr, alles eine Frage der juris­ti­schen Ein­schät­zung.

Aller­dings wäre es unred­lich, den Grazer Jant­scher als sin­gu­lären Cho­le­riker dar­zu­stellen, denn die Empö­rung über den LASK, wie der Klub in Öster­reich genannt wird, schwappt damals wie ein Tsu­nami übers ganze Land, mit dem Tenor, der Delin­quent sei ange­sichts seiner schlimmen Mis­setat noch viel zu glimpf­lich davon­ge­kommen. Um es mit den Worten von Michael Liendl zu sagen, Ex-Münchner Löwe und heute Kapitän des Wolfs­berger AC: Der LASK hat Gesetze gebro­chen. Ich bin der Mei­nung, dass so ein Ver­gehen hätte höher bestraft werden müssen.“ Was Liendl da noch nicht wissen kann: Die von ihm kri­ti­sierte Strafe (in Form von sechs Punkten Abzug) fällt später def­tiger aus, als es zuerst den Anschein hat, weil die so sank­tio­nierten und öffent­lich in den Senkel gestellten Linzer in der Folge eine bis dahin zau­ber­hafte Saison – man kann es nicht anders sagen – noch kom­plett an die Wand fahren.

Aber der Reihe nach. Der tra­di­ti­ons­reiche Linzer ASK, Öster­rei­chi­scher Meister von 1965, hat spä­tes­tens nach dem Mill­en­nium harte Jahre erlebt. Blei­erne Spiel­zeiten in der zweiten Liga, Zwangs­ab­stieg aus der­selben, Tin­gel­tan­gel­tour über die Dörfer in der mehr­glei­sigen Regio­nal­liga, alles dabei. Damals waren wir manchmal nur zu dritt bei Aus­wärts­spielen“, sagt Paul Litzlbauer, ein Alles­fahrer aus jener Zeit, der sich beim Fan­portal Seit1908“ enga­giert. Bes­se­rung kommt erst, nachdem eine lokale Inves­to­ren­gruppe namens Freunde des LASK“ 2013 den Kon­kurs des Ver­eins ver­hin­dert. Danach geht es Stück für Stück bergauf, 2014 in die zweite Liga, 2017 zurück in die erste. Auch dort machen die Linzer eine gute Figur und beenden die Saison im Auf­stiegs­jahr als Vierter und 2019 gar als Vize­meister. 

Ismael führt Glas­ners Werk fort

Ver­ant­wort­lich für die Renais­sance ist ein Drei­ge­stirn. Mit Sieg­mund Gruber ein iden­ti­fi­ka­ti­ons­starker Prä­si­dent, der hin und wieder zur emo­tio­nalen Eska­la­tion neigt. Als Sport­chef Jürgen Werner, ein Trüf­fel­schwein, das in der näheren Umge­bung Spieler ent­deckt, deren Poten­tial er zunächst exklusiv erkennt, wie etwa Keeper Alex­ander Schlager oder die Mit­tel­feld­spieler Rein­hold Ranftl und Thomas Goi­ginger, die heute alle­samt wich­tige Stützen des Teams sind. Das viel­leicht wich­tigste Puz­zle­stück aber wird Trainer Oliver Glasner, ein Mann, der ein so extremes Umschalt­spiel instal­liert, dass den oft etwas behä­bigen Geg­nern in der öster­rei­chi­schen Liga Hören und Sehen ver­geht.

Kein Wunder also, dass die LASK-Fans skep­tisch sind, als Glasner im letzten Sommer zum VfL Wolfs­burg abwan­dert. Zumal sein Nach­folger Valé­rien Ismael zwar eine erfolg­reiche Spie­ler­kar­riere beim FC Bayern und Werder Bremen vor­weisen kann, als Trainer jedoch noch keine großen Meriten erworben hat. Skep­tiker, die fürchten, Ismael würde Glas­ners effek­tive Stra­tegie über den Haufen werfen, werden jedoch bald eines Bes­seren belehrt. Der Fran­zose ver­än­dert ledig­lich Klei­nig­keiten und ver­bes­sert den Spiel­aufbau, vor allem aber strahlt er eine welt­läu­fige Sou­ve­rä­nität aus, die dem Team gut tut.

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Rau­schende euro­päi­sche Abende unter Flut­licht. Hier beim 4:1 gegen PSV Eind­hoven

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Die Saison 2019/20 – oder wenigsten das, was bis März pas­siert – kommt den Anhän­gern des LASK im Nach­hinein vor wie ein wilder Fie­ber­traum unge­ahnter Mög­lich­keiten. Die Mann­schaft, die seit dem Wie­der­auf­stieg nur behutsam ver­än­dert wurde und noch immer nicht zu den teu­ersten der Liga zählt, hält von Anfang an mit dem ver­meint­lich unan­tast­baren Dosen­klub aus Salz­burg mit und hängt den Krösus im neuen Jahr sogar ab. Damit nicht genug, fliegen die Linzer durch eine gewiss nicht schwache Europa-League-Gruppe und lie­fern vor allem zu Hause einen Abend für die Ewig­keit nach dem anderen ab. 1:0 gegen Rosen­borg Trond­heim, 4:1 gegen PSV Eind­hoven, 3:0 gegen Spor­ting Lis­sabon, 2:0 gegen AZ Alk­maar. Danach steht der LASK im Ach­tel­fi­nale, etwas, das außer Salz­burg seit 15 Jahren keinem öster­rei­chi­schen Klub gelungen ist. Der Gegner in der Runde der letzten Sech­zehn: Man­chester United.

Spä­tes­tens da arg­wöhnen lang­jäh­rige Linzer Fans, dass etwas nicht in Ord­nung ist. Wir haben gedacht, diese per­ma­nente Anein­an­der­rei­hung von Höhe­punkten, das kann nicht sein“, sagt Paul Litzlbauer. Man neigt hier zum Pes­si­mismus.“ Das Übel kommt aller­dings nicht als sport­li­cher Ein­bruch, son­dern in Gestalt des Corona-Virus. Exakt einen Tag vor dem Anpfiff fällt die Ent­schei­dung, dass die Partie gegen Man­chester vor leeren Rängen statt­finden muss. Das Spiel, von dem du seit Jahr­zehnten geträumt hast“, klagt Litzlbauer. Für viele war das der bit­terste Moment der gesamten Saison.“ Ohne die Unter­stüt­zung der Fans bleibt der LASK gegen den Groß­klub aus der Pre­mier League chan­cenlos und ver­liert 0:5.