Herr Rost, Sie sind seit 17 Jahren im Geschäft. Hat sich Ihr Gefühl für Druck­si­tua­tionen im Laufe der Zeit ver­än­dert?

Heute ist mir nur noch eines wichtig: Dass ich mor­gens in den Spiegel gucken kann. Was berichtet wird, inter­es­siert mich wenig. Für einen jün­geren Men­schen ist es sicher­lich nicht leicht, die Erfah­rungen, die er im Fuß­ball­ge­schäft sam­melt, richtig ein­zu­ordnen – vor allem die Schul­ter­klopfer, die dich, wenn es mal schlecht läuft, als Aller­erste fallen lassen. Ich hatte das Glück, bei einem relativ unauf­ge­regten Verein wie Werder Bremen meine Kar­riere zu beginnen, an der Seite des erfah­renen Trai­ners Otto Reh­hagel. Und anders als heute ging es damals noch nicht um der­maßen viel Geld. Auch die Medi­en­auf­merk­sam­keit war noch nicht so hoch.



Die Medien neigen zu Dra­ma­ti­sie­rung. Ent­spricht das Bild, das ein Fan von Druck­si­tua­tionen hat, der Rea­lität?

Die Jour­na­listen müssen keine Spiele gewinnen, sie müssen Zei­tungen ver­kaufen. Inso­fern spielt jeder sein eigenes Spiel. 

Wie schirmen Sie sich heute vom Rummel ab?


Ich trenne mein Privat- strikt von meinem Berufs­leben. Das ist mein Hei­ligtum, meine Trutz­burg. My home is my castle, wie es so schön heißt. Ich habe da viel von Michael Schu­ma­cher gelernt. Home­storys, Gala-Auf­tritte oder der­glei­chen sind mit mir nicht zu machen. Zu Hause bin ich nur Frank Rost, der Pri­vat­mensch, egal ob es im Beruf gerade gut oder schlecht läuft. 

Wie holt Ihre Familie Sie zurück auf den Tep­pich, wenn Sie gerade den ent­schei­denden Elf­meter gehalten haben?


Es hilft schon, wenn meine Frau sagt: Bring mal den Müll raus, Frank!“ Das bringt mir eine Besin­nung auf die Nor­ma­lität, jen­seits der Schein­welt des Fuß­balls. 

Heut­zu­tage werden Jugend­spieler früh aus ihrem Umfeld gerissen.


Eine fatale Ent­wick­lung! Das geschieht oft, wenn die Eltern durch­drehen, weil die Klubs mit den Scheinen wedeln. Man sollte ein Kind nie­mals als Ware sehen. Aber so funk­tio­niert der Markt. Ich werde das nicht ändern können, genauso wenig die Gut­men­schen, die das kri­ti­sieren. Die Ver­eine sind gefor­dert: Sie können nicht ein­fach nur einen Haufen Geld hin­blät­tern – sie müssen sich auch um die nach­hal­tige Sozia­li­sa­tion der Jugend­spieler küm­mern. 

Sind solche ent­wur­zelten Jungs beson­ders anfällig für Druck?


Sie haben oft nur noch den Fuß­ball, der sie glauben macht, sie seien die Aller­größten. Dabei sind sie noch mitten in der Mensch­wer­dung. Wichtig ist, dass sie wenigs­tens über Jahre hinweg die­selbe Bezugs­person haben, eine Art Ersatz­vater. 

Was kann sie außerdem vor dem Fall ins Boden­lose bewahren?


Eine anstän­dige Schul­bil­dung. Nichts ist schlimmer, als wenn man außer­halb des Fuß­balls nichts hat. Das macht den Ein­zelnen auch resis­tenter gegen den Druck, der im Geschäft herrscht. Auch wenn es mal nicht so gut läuft, weiß er immer noch: Ich bin jemand. Dafür müssen die Jungs aber auch begreifen, dass sie nicht immer nur nehmen können. Sie müssen auch ver­zichten.

Nach dem Tod von Robert Enke wurde dar­über dis­ku­tiert, wie man den Druck, der auf den Spie­lern lastet, ver­rin­gern könnte.


Wenn das so ein­fach wäre! Wir sind doch Leis­tungs­sportler. Boris Becker hat mal gesagt: Wenn alle dem Druck stand­halten würde, gäbe es 1000 Wim­bledon-Sieger.“ Das kann ich nur bestä­tigen: Nicht alle haben die Nerven, im Spiel auch das zu zeigen, was sie im Trai­ning leisten. Dazu braucht man Nerven. Des­halb setzen sich viele Spieler durch, die viel­leicht weniger Talent haben, dafür aber die nötige men­tale Sta­bi­lität.

Haben Sie es erlebt, dass sich ein Trai­nings­welt­meister in den Kata­komben in die Hose machte, als draußen 80.000 Fans brüllten?

Ja, klar. Aber das ist auch allzu mensch­lich. Wenn du merkst, dass du was ver­lieren kannst – sei es deinen Status, deinen Stamm­platz, deinen Ver­trag –, ist es schwer locker zu bleiben. 

Kann man lernen, mit dem Druck umzu­gehen?


Die Basis ist ein sta­biles Umfeld, das dich als Mensch schätzt und nicht, weil dein Name in der Zei­tung steht. Der Rest kommt mit der Erfah­rung und der Rou­tine. Heute fällt es mir leichter, mit einer Serie von zwei, drei schlechten Spielen umzu­gehen, weil ich weiß, dass es irgend­wann wieder bergauf geht. Ganz sicher. 

Wie schafft man es, eine Abwärts­spi­rale zu bremsen?


Das hat viel mit dem Verein zu tun. In Bremen etwa hat man nie Ent­schei­dungen aus dem Bauch heraus getroffen, son­dern sich auch in Druck­si­tua­tionen in Ruhe zusam­men­ge­setzt. Und du selbst musst dir vor Augen führen: Auch wenn du auf der Bank lan­dest – es ist schluss­end­lich nur ein Sport. 

Uwe Harttgen, früher Profi und heute Direktor der Nach­wuchs­ab­tei­lung von Werder Bremen, sagt, Deutsch­land müsse lernen, Leis­tungs­schwan­kungen zu akzep­tieren.


Schön gesagt, ein hohes Ziel. Aber der Umgang damit ist doch ganz ein­fach: Wenn deine Leis­tung schwankt, bist du draußen. Es ist ja ein Leis­tungs­sport! 

Hor­chen Spieler umso mehr in sich hinein, wenn sie mit Psy­cho­logie kon­fron­tiert werden – und werden schließ­lich über­sen­si­bi­li­siert?


Eins vorweg: Über sich zu reden, ist immer intim – zumal gegen­über einem Ange­stellten des Ver­eins, bei dem man unter Ver­trag steht. Wie er damit umgeht, sollte jeder Spieler selbst ent­scheiden dürfen. Grup­pen­sit­zungen sind Mist. Zu Ihrer Frage: Bur­nout und Depres­sion gab es schon vor 100 Jahren, aber es wurde nicht dar­über gespro­chen – und dann war’s auch schon wieder weg. Jetzt scheinen solche Dinge plötz­lich in“ zu sein, und viele hor­chen in sich hinein und finden dann auch irgendwo ein Körn­chen Zweifel. Das ist ein Phä­nomen des Medi­en­zeit­al­ters, das alles aus­schlachtet. 

Sind Sie anfällig dafür?


Für mich gilt immer noch: Nur die Harten kommen in den Garten. 

Ist die jün­gere Genera­tion ver­weich­licht?


Ein Stück weit. Aber wir können nicht jeden retten, nicht jeden nach oben pam­pern. Du stehst vor Mil­lionen von Zuschauer und musst funk­tio­nieren.