Für Markus Gisdol war die Sache im März dieses Jahres klar. Obwohl er erst im Oktober 2021 Trainer bei Loko­mo­tive Moskau geworden war, schmiss der Trainer nach Beginn des rus­si­schen Angriffs­krieges auf die Ukraine seinen Job hin und ver­ließ das Land. Er könne seiner Arbeit nicht in einem Land nach­gehen, dessen Staats­führer einen Angriffs­krieg mitten in Europa ver­ant­wortet“, erklärte Gisdol im Gespräch mit der BILD. Ich kann nicht in Moskau auf dem Trai­nings­platz stehen, die Spieler trai­nieren, Pro­fes­sio­na­lität ein­for­dern und ein paar Kilo­meter weiter werden Befehle erteilt, die großes Leid über ein gesamtes Volk bringen.“

So kon­se­quent han­delten längst nicht alle in Russ­land aktiven deut­schen Trainer. Der Ex-Hof­fen­heimer Marvin Compper etwa wurde sogar Gis­dols direkter Nach­folger bei Loko­mo­tive und auch der heu­tige Hertha-Coach Sandro Schwarz ver­ließ Dynamo Moskau erst nach Sai­son­ende. Noch einen Schritt weiter ging nun der nor­we­gi­sche Fuß­baller Mathias Nor­mann. Er wech­selte am Dienstag vom FK Rostow zum Liga­kon­kur­renten Dynamo Moskau. Das kam wenig über­ra­schend nicht gut an in der Fuß­ball­welt und hatte für den 26-Jäh­rigen auch direkt Kon­se­quenzen: Er flog aus der nor­we­gi­schen Natio­nal­mann­schaft.

Dass der Ver­band Hal­tung zeigt, ist fol­ge­richtig

Die nor­we­gi­sche Ver­bands­prä­si­dentin Lise Kla­veness und Natio­nal­trainer Stale Sol­bakken reagierten auf Nor­manns Wechsel kom­pro­misslos: Der gesamte nor­we­gi­sche und euro­päi­sche Fuß­ball ist sich einig, gemeinsam Druck auf Russ­land als Kriegs­partei aus­zu­üben, das seine Macht­po­si­tionen im Sport auch sehr aktiv genutzt hat“, wird Kla­veness in der Mit­tei­lung des Ver­bands zitiert. Stale und ich sind uns einig, dass Nor­mann Nor­wegen nicht ver­treten kann, wenn er jetzt für einen neuen rus­si­schen Verein spielt.“ Zuvor war er von Rostow an den eng­li­schen Zweit­li­gisten Nor­wich City aus­ge­liehen gewesen.

Nur, wie kommt ein Natio­nal­spieler im besten Fuß­ball­alter über­haupt auf die Idee, sich mit einem sol­chen Wechsel mög­li­cher­weise die gesamte Kar­riere zu ver­sauen? Über­rascht haben kann ihn die Reak­tion des Ver­bands näm­lich nur dann, wenn er bis­lang mit geschlos­senen Augen und Ohren durch sein Hei­mat­land gelaufen ist. Ver­bands­prä­si­dentin Kla­veness gilt als eine der schärfsten Kri­ti­ke­rinnen der WM in Katar, meh­rere nor­we­gi­sche Erst­li­gisten for­derten einen Boy­kott des Tur­niers durch das Natio­nal­team. Dass der Ver­band auch in Bezug auf den rus­si­schen Angriffs­krieg Hal­tung zeigt, ist inso­fern nur fol­ge­richtig.

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Leih­ge­schäft zu Lecce platzt in letzter Sekunde

Zudem ist Nor­mann in Nor­we­gens Natio­nal­team kein unver­zicht­barer Stamm­spieler der Marke Haa­land. Bei der jüngsten Län­der­spiel­reise der Nor­weger im Juni war er zwar im Kader, kam aber nicht zum Ein­satz. Wahr­schein­lich wäre der Image­ver­lust für den Ver­band bei einem Fest­halten an Nor­mann also deut­lich größer gewesen als sein Fehlen jetzt sport­lich ins Gewicht fällt.

Wie es scheint, hat sich Nor­mann in diesem Trans­fer­sommer ganz ein­fach ver­zockt. Nach der Rück­kehr von seiner Leihe stand eigent­lich ein erneutes Leih­ge­schäft zum ita­lie­ni­schen Erst­liga-Auf­steiger US Lecce bevor. Wie Nor­mann dem nor­we­gi­schen Fern­seh­sender TV 2 erzählte, schei­terte der Wechsel daran, dass Lecce ihn in einer anderen Rolle ein­setzen wolle, als ursprüng­lich vor­ge­sehen. Statt­dessen war­tete der 26-Jäh­rige laut TV 2 auf ein Angebot von einem Bun­des­li­gisten und einem Pre­mier-League-Klub, die beide aber nie kamen. Letzt­lich sei Moskau die beste sport­liche Gele­gen­heit, die ich hatte“, sagt Nord­mann, der sich auch für den abso­luten Klas­siker in Sachen Wie lassen sich mora­lisch nicht ver­tret­bare Trans­fers trotzdem recht­fer­tigen“ nicht zu schade ist: Wenn ich eines in meiner Kar­riere gelernt habe, dann, dass man Politik und Fuß­ball nicht ver­mischt. Ich gehe dorthin, um Fuß­ball zu spielen, und dar­über freue ich mich“, erklärte er gegen­über TV 2.

Wenigs­tens hat sich Nord­mann mit seinem Wechsel nach Moskau nicht die Teil­nahme an der WM in Katar ver­baut. Für die ist das nor­we­gi­sche Natio­nal­team näm­lich ohnehin nicht qua­li­fi­ziert.